:f '^^-i^''^"" . ^ 0""^^^ 2^ .^ ' ^ m^gbef% * l ...:^-^ f^^^^^I ^4r ;m^ ^k^ r^iTj ^f* :'iK ^> l> '^"hj >^ '^t^i. d^ . ^/k '-^^^^ ~ ^1 ^ MARINE BIOLOGICAL LABORATORY. Received Accession No. Given by Place, *** flo book op Pamphlet is to be pemoved fpom the Iiab- opatory taithout the pepmission of the Tpustees. <*, r'i t^I 0Mm' 4:; ?S <-v^/ ^ ^ >.<: ^-/"^ >. t^ L'S: :^te^^1 t-^ ; CD> m Ik^^ >r<9a^ 1 1 *^^^ 1 2 >r\ '*-\^ N ' yW ?ir VI ^L^ PI ^ ^ pi Jt* V A y j ^ii'^ ^^ ij^ ^^ ^ ^ M ffi '^"'^ ^ iW u vj/ >v DIE ZELLE UND DIE GEWEBE. GRUNDZGE DER ALLGEMEINEN ANATOMIE UND PHYSIOLOGIE. VON PROFESSOR DR. OSCAR HERTWIG, DIREKTOE DES II. ANATOMISCHEN INSTITUTS DER UNIVERSITT BERLIN. MIT 168 ABBILDUNGEN IM TEXT. JENA. VERLAG VON GUSTAV FISCHER. 1893. is ^ SEINEM FREUNDE UND COLLEGEN W. WALDEYER Vorwort. Jedes lebende Wesen muss als ein Mikrokosmus betrachtet werden, als ein kleines Universum, das aus einer Menge sich selbst fortpflanzender Organismen gebildet wird, welche unbegreiflich klein nnd so zahl- reich sind, als die Sterne am Himmel/ Darwin. Pas Variiren der Thiere und Pflanzen. Wer die zahlreichen Lehrbcher der Histoloie berblickt, wird finden, dass in ihnen viele Fragen, die in der wissenschaftlichen Forschung sich eines lebhaften Interesses erfreuen, kaum berhrt werden, und dass manche Wissensgebiete, die mit der Histologie auf das engste zusammen- hngen, von der lehrbuchmssigen Darstellung mehr oder minder ausge- schlossen sind. Der Leser erfhrt, wie die Zelle und die aus ihr her- vorgehenden Gewebe unter dem Mikroskop je nach den verschiedenen Prparationsmethoden aussehen, aber er erfhrt sehr wenig von den Lebenseigenschaften der Zelle, von den wunderbaren Krften, welche in dem kleinen Zellorganismus schlummern und sich dem Forscher in so mannichfacher Weise bald an diesem, bald an jenem Untersuchungsobject in den Phnomenen der Protoplasmabewegung, der Reizbarkeit, des Stoff- wechsels und der Zeugung offenbaren. Wer sich in dieser Richtung augenblicklich eine dem Stand der Wissenschaft entsprechende Vor- stellung von dem Wesen des Zellorganismus verschaffen will, muss die Fachliteratur studiren. Die Ursache hierfr ist leicht zu entdecken; sie ist hauptschlich in der Trennung eines frher einheitlichen Lehrfaches in die Fcher der menschlichen Anatomie und Physiologie zu suchen. Die Scheidung der Lehrgebiete hat sich bis auf die Zelle ausgedehnt, nur ist sie hier, wie mir scheint, weniger angebracht. Denn die Trennung, welche fr das Studium des menschlichen Krpers in vieler Hinsicht ein Frderniss und eine Nothwendigkeit ist trotz mancher Nachtheile, die sie naturgemss auch mit sich bringt, ist fr das Studium der Zelle nicht durchfhrbar VI Vorwort. und hat in Wirklichkeit nur dazu gefhrt, dass nel)on der Anatomie die Physiologie der Zelle, zwar nicht als Wissenschaft, aber doch als Lehr- gegenstand, stiefmtterlich behandelt worden ist, und dass Vieles von dem Besten, was Forscherfleiss zu Tage gefrdert hat, nicht in ent- sprechender Weise durch die Lehre weiter fruchtbar gemacht wird. Mit dem vorliegenden Buch habe ich das gewohnte Geleise verlassen, und um dies usserlich auch anzuzeigen, zu dem Haupttitel, die Zelle und die Gewebe," noch den zweiten Titel Grundzge der allgemeinen Anatomie und Physiologie" hinzugefgt. Wie von meinem Lehrbuch der Entwicklungsgeschichte, kann ich auch von dieser Arbeit sagen, dass sie in enger Fhlung mit meiner akademischen Lehrthtigkeit entstanden ist. Der Inhalt des jetzt er- scheinenden ersten Buches, in welchem ich ein zusammenfassendes Bild von dem Bau und dem Leben der Zelle zu entwerfen versuche, hat zum grossen Theil auch den Gegenstand fr zwei ffentliche Vorlesungen ab- gegeben, welche ich seit vier Jahren an der Berliner Universitt unter dem Titel: die Zelle und ihr Leben" und Theorie der Zeugung und Vererbung" gehalten habe. Zu dem Antrieb, die oft mndlich von mir vorgetragenen An- schauungen auch im Druck einem weiteren Leserkreis mitzutheilen, ge- sellte sich als zweiter Antrieb noch der Wunsch, zugleich eine zusammen- fassende Darstellung fr eigene Untersuchungen zu finden, die theils in verschiedenen Zeitschriften zerstreut, theils in den mit meinem Bruder gemeinsam herausgegebenen sechs Heften, zur Morphologie und Physio- logie der Zelle", erschienen sind. Endlich habe ich noch ein drittes Moment hervorzuheben, welches mich bei der Abfassung geleitet hat. Die Grundzge der allgemeinen Anatomie und Physiologie" bilden eine Ergnzung und ein Seitenstck zu meinem Lehrbuch der Entwicklungsgeschichte des Menschen und der Wirbelthiere". In demselben habe ich die Gesetze darzustellen versucht, welche die thierische Formbildung beherrschen, die Gesetze, nach denen sich das Zellmaterial, welches durch fortgesetzte Theilung aus der be- fruchteten Eizelle entsteht, durch ungleichmssiges Wachsthum, durch complicirte Faltenbildung und Einstlpung in Keimbltter und schliesslich in die einzelnen Organe sondert. Neben der Massenvertheilung und Anordnung des Zellmateriales oder neben der morphologischen Differenzirung spielt sich nun aber im Entwicklungsleben noch eine zweite Reihe von Processen ab, welche man als die histologische Differenzirung zusammenfassen kann. Durch letztere wird das schon morphologisch gesonderte Zellmaterial ber- haupt erst in den Stand gesetzt, die verschiedenen Arbeitsleistungen zu verrichten, in welche sich der Lebensprocess des fertig entwickelten Ge- sammtorganismus zerlegen lsst. Vorwort. VII Im Lehrbuch der Entwicklungsgeschichte" konnte auf die zweite, mehr lAysiologisehe Seite des Entwicklungsprocesses aus Zweckmssig- keitsgrnden nicht nher eingegangen werden. Insofern bildet die Anatomie und Physiologie der Zelle und der Gewebe, wie ich oben sagte, eine nothwendige Ergnzung und ein Seitenstck zu ihm. Dies wird dem Leser schon in dem ersten hier vorliegenden Theil des Lehrbuchs, welcher allein die Zelle zum Gegenstand hat, bemerkbar werden. Denn nicht nur findet sich im siebenten Capitel eine ausfhrliche Darstellung der Anatomie und Physiologie der Zeugung, welche in letzter Instanz, wie des Nheren ausgefhrt ist, ein reines Zellenphnomen" ist; sondern es handelt auch noch am Schluss das neunte Capitel, betitelt die Zelle als Anlage eines Organismus", ausfhrlich von den lteren und neueren Vererbungstheorieen. Noch mehr aber wird der zweite Theil des Buches, welcher die Lehre von den Geweben umfasst und etwa den gleichen Umfang wie der erste Theil erreichen wird , eine Ergnzung zur Entwicklungs- geschichte" bilden. Denn es wird in ihm neben der Beschreibung der Gewebe ein besonderes Gewicht auf ihre Entstehung oder Histogenese und auf die physiologischen Ursachen der Gewebebildung gelegt werden ; damit wird auch die zweite Seite des Entwicklungsprocesses, die histo- logische Differenzirung, ihre Darstellung finden. Wissenschaftliche Gesichtspunkte sind es in erster Linie gewesen, welche mich bei der Darstellung, die ich, so weit es mglich ist, zu einer gemeinverstndlichen zu machen bemht war, berall geleitet haben. Das wenigstens nach besten Krften angestrebte Ziel war mir, den wissenschaftlichen Standpunkt zu fixiren, welchen die Lehre von der Zelle und den Geweben augenblicklich einnimmt. Fr wichtigere Theorieen habe ich ein Bild von ihrem historischen Entwicklungsgang zu entwerfen versucht; in schwebenden Streitfragen habe ich oft die verschiedenen Meinungen einander gegenbergestellt. Wenn in der Darstellung, wiewohl naturgemss, meine Auffassung von der Zelle in den Vordergrund tritt, und wenn ich dabei hier und dort von den Ansichten und Deutungen hervorragender und von mir hoch- geschtzter Forscher abweiche, so glaube ich ihnen das Gestndniss zu schulden, dass ich darum weder die von mir bevorzugte Auffassung fr die unbedingt richtige halte, noch viel weniger aber von entgegen- gesetzten Auffassungen gering denke. Denn der Gegensatz der Mei- nungen ist zum Leben und zur Entwicklung der Wissenschaft noth- wendig ; und wie ich in verschiedenen historischen Excursen habe durch- blicken lassen, schreitet gerade im Widerspruch der Meinungen und Beobachtungen die Wissenschaft am raschesten und erfolgreichsten vorwrts. Wie in unserer Natur begrndet ist, sind fast alle Beobach- tungen und die aus ihnen gezogenen Schlsse einseitig und sind daher vni Vorwort. fortwhrend einer Correctur bedrftiii. Wie sehr aber niuss dies der Fall sein bei dem Gegenstand vorliegender Untersuchung, bei der Zelle, welche selbst ein wunderbar coiiiplicirter Organismus ist, ein kleines Universum", in dessen Zusannnensetzung wir mit unseren Vergrsserungs- glsern, mit chemisch -physikalischen Untersuchungsniethoden und Ex- perimenten nur mhsam einzudringen vermgen. Berlin, October 1892. Oscar Hertwig. Inhalt. ERSTES BUCH. Allgemeine Anatomie und Physiologie der Zelle. Seite Erstes Capitel 3 Die Geschichte der Zellentheorie 4 Die Geschichte der Protoplasmatheorie 7 Literatur I 9 Zweites Capitel. Die chemisch- physikalischen und morphologischen Eigen- schaften der Zelle 11 I. Die chemisch-physikalischen und morphologischen Eigenschaften des Protoplasmakrpers 12 a) Begriff des Protoplasmas und Berechtigung desselben 12 b) Allgemeine Charakteristik des Protoplasmas 13 c) Chemische Zusammensetzung des Protoplasmas 15 d) Feinere Protoplasmastructur 17 e) Gleichartigkeit des Protoplasma als Substanz, Verschiedenheit der Zellkrper 23 f) Verschiedene Beispiele fr den Bau des Zellkrpers 24 1) Zellen, deren Krper fast ausschliesslich aus Protoplasma besteht 24 2) Zellkrper, die in ihrem Protoplasma zahlreiche und verschiedene Einschlsse enthalten 27 II. Die chemisch-physikalischen und morphologischen Eigenschaften des Zellenkerns. (Nucleus.) 31 a) Fomi, Grsse und Zahl der Kerne 32 b) Die Kernsubstanzen 34 c) Die Kernstructur. Beispiele fr die verschiedene Beschaffenheit derselben 38 III. Giebt es kernlose Elementarorganismen? 46 IV. Die Central- oder Polkrperchen der Zelle 47 V. Ueber die Molecularstructur organisirter Krper 49 Literatur II 51 Drittes Capitel. Die Lebenseigenschaften der Zelle. I. Die Bewegungserscheinungn 54 I. Die Protoplasmabewegung 55 a) Bewegungen nackter Protoplasmakrper 55 b) Bewegung von Protoplasmakrpern im Innern von Zellmembranen . 59 c) Erklrungsversuche der Protoplasmabewegung 61 II. Die Geissei- und Flimmerbewegung 64 a) Zellen mit Geissein 65 b) Zellen mit vielen Flimmern 68 III. Die contractilen Vacuolen oder Behlter einzelliger Organismen ... 69 IV. Vernderung des Zellkrpers durch passive Bewegung 72 Literatur III 73 X Inhalt. Seite Viertes Capitel. Die Lebenseigenscbiiften der Zelle. II. Die Reizerscheinungen 75 I. Thermische Reize 78 11. Lichtreize 81 III. Elektrische Reize 86 Erscheinungen des Galvanotropismus 88 IV. Mechanische Reize 90 V. Chemische Reize 91 a) Erste Gruppe von Versuchen. Chemische Einwirkungen, die von allen Seiten den Zellkrper treffen 91 b) Zweite Gruppe von Versuchen. Chemische Einwirkungen, die in einer bestimmten Richtung den Zellkrper treffen 94 1) Gase 94 2) Flssigkeiten 95 Literatur IV 101 Fnftes Capitel. Die Lebenseigenschaften der Zelle. III. Stoffwechsel und formative Thtigkeit. Allgemeine Charakteristik 103 I. Die Stoffaufnahme und Stoftabgabe der Zelle 105 1) Die Aufnahme und Abgabe gasfrmiger Stoffe 105 2) Die Aufnahme und Abgabe flssiger Stoffe 109 3) Die Aufnahme fester Krper 115 II. Die Stoffiimsetzung luid die fonnative Thtigkeit der Zelle .... 118 1) Zur Chemie des Stoffumsatzes 119 2) Zur Morphologie des Stofiumsatzes. Die formative Thtigkeit der Zelle 125 a) Die inneren Plasmaproducte 125 b) Die usseren Plasmaproducte 134 Literatur V 141 Sechstes Capitel. Die Lebenseigenschaften der Zelle. IV. Die Fortpflanzung der Zelle auf dem Wege der Theiluug 143 I. Geschichte der Zellenentstehung 143 n. Der Process der Kerntheilung und die verschiedenen Arten desselben . 145 1) Die Kernsegmentirmig. Mitose (Flemming). Karyokinese (Schleicher) 145 a) Zelltheilung bei Salamandra maculata unter Zugi'undelegung der Theilung der Samenmutterzellen. Erste Phase. Vorbereitung des Kerns zur Theilung 147 Zweite Phase der Theilung 149 Dritte Phase der Theilung 150 Vierte Phase der Theilung 151 b) Theilung der Eizellen von Ascaris | megalocephala und Toxo- pneustes lividus 152 c) Theilung pflanzlicher Zellen 158 d) Historische Bemerkungen und strittige Fragen der Kernsegmentirung 160 2) Die Kernzerschnrung (directe Kernvermehrung, Fragmentirung, Ami- tose, amitotische Theilung) 166 3) Endogene Kernvermehrung oder Vielkernbildung 170 in. Verschiedene Arten der Zellvermehrung. 1) Allgemeine Regeln 172 2) Uebersicht der Arten der Zelltheilung 180 la. Die quale Theilung 180 Ib. Die inquale Theilung 182 Ic. Knospung 183 IL Partielle Theilung 185 III. Die Vielzellbildung 187 IV. Die Reductionstheilung 189 IV. Beeinflussung der Zelltheilung durch ussere Factoren. Abnorme Kern- theilungsfiguren. Kerndegenerationen 192 Literatur VI 199 Siebentes Capitel. Die Lebenseigenschaften der Zelle. V. Die Erscheinungen und das Wesen der Befruchtimg 202 I. Die Morphologie des Befruchtungsprocesses 205 Inhalt. XI Seite 1) Die Befruchtung des thierischen Eies 205 a) Echinodermen-Eier 206 b) Ascaris megalocephala 209 2) Die Befruchtung der Phanerogamen 210 3) Die Befruchtung der Infusorien 212 4) Die verschiedene Form der Geschlechtszellen, die Aequivalenz der beim Zeugimgsakt betheiligten Stoffe und die Begi-ilfe mnnliche und weibliche Geschlechtszellen" 218 5) Die Ur- und Grundformen der geschlechtlichen Zeugung und das erste Hervortreten von Geschlechtsdifferenzen 223 n. Die Physiologie des Befruchtungsprocesses 233 1) Die Befruchtungsbedrftigkeit der Zellen 233 a) Die Parthenogenese 236 b) Die Apogamie 240 2) Die sexuelle Affinitt 240 a) Die sexuelle Affinitt im Allgemeinen 241 b) Die sexuelle Affinitt im Einzelnen und die verschiedenen Ab- stufungen dersellien 244 ) Die Selbstbefruchtung 245 ) Die Bastardbefruchtung 248 y) Beeinflussung der geschlechtlichen Affinitt durch ussere Eingrifte 250 cT) Rckblick und Erklrungsversuche 253 Literatur VII 256 Achtes Gapitel. Wechselwirkungen zwischen Protoplasma, Kern u. Zellproduct 258 I. Beobachtungen ber Stellungen des Kerns, welche auf eine Betheiligung bei formativen und nutritiven Processen hinweisen 259 II. Experimente, aus denen sich auf eine Wechselwirkung zwischen Kern und Protoplasma schliessen lsst 264 Literatur VIII 266 Neuntes Capitel. Die Zelle als Anlage eines Organismus (Vererbungstheorieen) 267 I. Geschichte der lteren Entwicklungstheorieen 268 n. Neuere Zeugungs- und Entwicklungstheorieen 271 m. Der Kern als Trger der erblichen Anlagen 275 1) Die Aequivalenz der mnnlichen und weiblichen Erbmasse . . . 276 2) Die gleichwerthige Vertheilung der sich vermehrenden Erbmassen auf die aus dem befruchteten Ei hervorgehenden Zellen . . . 277 3) Die Verhtung der Summirung der Erbmassen 280 4) Die Isotropie des Protoplasma 284 rV. Die Entfaltung der Anlagen 286 Literatur IX 289 Register 291 ERSTES BUCH. ALLGEMEINE ANATOMIE UND PHYSIOLOGIE DER ZELLE. Hertwig, Die Zelle und die Gewete. ERSTES CAPITEL. Thiere und Pflanzen, so verschiedenartig in ihrer usseren Erscheinung, stimmen in den Grundlagen ihres anatomischen Aufbaues berein; denn beide sind aus gleichartigen, meist nur mikroskopisch wahrnehmliaren Elementareinheiten zusammengesetzt. iMan bezeichnet die letzteren iner jetzt verlassenen, lteren Theorie zu Liebe als Zellen , sowie die Lehre, dass Thiere und Pflanzen in bereinstimmender Weise aus solchen kleinsten Theilchen bestehen, als die Zellentheorie. In der Zellentheorie erblickt man mit Piecht eines der wichtigsten Fundamente der ganzen modernen Biologie. Zum Studium der Zelle wird der Pflanzen- und Thieranatom, der Physiologe und pathologische Ana- tom auf Schritt und Tritt hingeleitet, wenn er tiefer in das Wesen der normalen und der krankhaften Lebensprocesse eindringen will. Denn die Zellen, in welche der Anatora die pflanzlichen und thierischen Organismen zerlegt, sind die Trger der Lebensfunctionen ; sie sind, wie Virchow (L 33) sich ausgedrckt hat, die Lebenseinheiten. Von diesem Gesichtspunkt aus betrachtet, erscheint der Gesammt- lebensprocess eines zusammengesetzten Organismus nichts Anderes zu sein als das hchst verwickelte Resultat der einzelnen Lebensprocesse seiner zahlreichen, verschieden functionirenden Zellen. Das Studium des Ver- dauungsprocesses, der Muskel- und Nerventhtigkeit fhrt bei tieferem Ein- dringen zur Untersuchung der Functionen der Drsenzellen, der Muskel-, Ganglien- und Sinneszellen. Und wie die Physiologie ihre Fundamente in der Zellentheorie gefunden hat, so hat sich auch die Lehre von den Krankheiten in eine Cellularpathologie umgewandelt. In vieler Beziehung steht somit die Lehre von der Zelle im Mittelpunkt der biologischen Forschung der Gegenwart. Sie bildet in jeder Beziehung den vornehmsten Gegen- stand der allgemeinen Anatomie, wie man frher, oder der Histologie, wie man jetzt gewhnlich die Lehre von den Mischungs- und Form- bestandtheilen der Organismen zu benennen pflegt. Die Vorstellung und der Begriff, den man in der Wissenschaft mit dem Wort Zelle" verbindet, hat sich im Laufe von 50 Jahren sehr wesentlich gendert. Die Gescliichte dieser vernderten Auffassungen oder die Geschichte der Zellentheorie ist von hohem Interesse. Nichts ist geeigneter als ein kurzer Abriss derselben, um den Anfnger 1* 4 Erstes Capitel. in den Vorstellungskreis, den man jetzt mit dem Worte Zelle verbindet, einzufhren. Auch mchte der Hinweis auf die Geschichte der Zellen- theorie noch in anderer Richtung ntzen. Indem wir die augenblick- lich herrschende Vorstellung von der Zelle aus lteren, minder voll- kommenen Vorstellungsweisen sich allmhlich hervorbilden sehen, wird es uns nahe gelegt, die erstere auch nicht als etwas in sich Fertiges zu betrachten; es erscheint vielmehr die Hoffnung berechtigt, dass bessere und verfeinerte Untersuchungsmittel, wol)ei man indessen nicht nur von einer Verbesserung der optischen Instrumente alles Heil zu erwarten braucht, unsere derzeitig gewonnene Erkenntniss noch wesentlich vertiefen und vielleicht mit ganz neuen Vorstellungsreihen bereichern werden. Die Geschichte der Zellentheorie. Zu der Erkenntniss, dass die Organismen aus Zellen zusammen- gesetzt sind, wurde der erste Anstoss durch das Studium der Pflanzen- Anatomie gegeben. Am Ende des 17. Jahrhunderts gewannen der Italiener Marcellus Malpighi (I. 15) und der Englnder Grew (I. 9) den ersten Einblick in den feineren Bau der Pflanzen ; sie entdeckten an ihnen mit schw^achen Vergrsserungsglsern einmal kleine, kammerartige, mit festen Wandungen versehene und mit Flssigkeit erfllte Rume, die Zellen, und zweitens noch lange Rhren, die in den meisten Pflanzen- theilen in mannigfacher Gestalt durch das Grundgewebe ziehen, und die jetzt je nach ihrer Form als Spiralrhren und Gefsse bezeichnet werden. Eine tiefere Bedeutung gewannen diese Thatsachen aber erst, als am Ende des 18. Jahrhunderts sich eine mehr philosophische Betrachtungs- weise der Natur Bahn brach. Caspar Friedrich Wolff (I. 34, 13), Oken (I. 21) u. A. warfen die Frage nach der Entstehung der Pflanzen auf und suchten ihre Gefsse und Rhren von der Zelle als Grundform abzuleiten. Namentlich aber hat sich Treviranus (I. 32) ein hervorragendes Verdienst erworben, indem er in seiner 1808 erschienenen Schrift Vom inwendigen Bau der Gewchse" an jungen Pflanzentheilen den Nachweis fhrte, dass die Gefsse ^aus Zellen hervorgehen; er fand, dass junge Zellen sich in Reihen anordnen und durch Auflsung der Querscheidewnde zu einer langgestreckten Rhre verschmelzen, eine Entdeckung, welche spter durch die Nachuntersuchungen von Mo hl (1830) zum gesicherten Besitz der Wissenschaft erhoben wurde. Nicht minder wichtig fr die Werthschtzung der Zelle wurde das Studium der niedersten Pflanzen. Man lernte kleine Algen kennen , die zeitlebens entweder nur eine einzige Zelle darstellen oder einfache Reihen von Zellen sind, welche sich leicht von einander loslsen knnen. Endlich fhrte das Nachdenken ber den Stoffwechsel der Pflanzen zu der Einsicht, dass die Zelle es sei, welche in der vegetabilischen Haus- haltung die Nahrungsstoffe aufnimmt, verarbeitet und in vernderter Form wieder abgiebt. (Turpin, Raspail.) So war schon am Anfang unseres Jahrhunderts die Zelle als der morphologische und physiologische Elementartheil der Pflanze von ver- schiedenen Forschern erkannt worden. Besonders klar findet sich diese Die Geschichte der Zellentheorie. 5 Anschauung in dem 1830 herausgegebenen Lehrbuch der Botanik von Meyen (I. 16) in folgendem Satze ausgesprochen: Die Pflanzenzellen treten entweder einzeln auf, so dass eine jede ein eigenes Individuum bildet, wie dieses bei Algen und Pilzen der Fall ist, oder sie sind in mehr oder weniger grossen Massen zu einer hher organisirten Pflanze vereinigt. Auch hier bildet jede Zelle ein fr sich bestehendes, ab- geschlossenes Ganze; sie ernhrt sich selbst, sie bildet sich selbst und verarbeitet den aufgenommenen, rohen Nahrungsstoff zu sehr verschiedenartigen Stoffen und Gebilden." Meyen bezeichnet daher geradezu die einzelnen Zellen als die kleinen Pflnzchen in den grsseren". Zu allgemeinerer Geltung gelangten indessen derartige Ansichten erst vom Jahre 1838 an, in welchem M. Schlei den (I. 28.), den man so hufig als den Begrnder der Zellentheorie hingestellt findet, in Mllers Archiv seinen berhmten Aufsatz Beitrge zur Phytogenesis" ver- ffentlichte. In demselben suchte M. Schieiden die Frage zu lsen, wie die Zelle entsteht. Den Schlssel hierzu glaubte er in einer Ent- deckung des englischen Botanikers R. B r o w n (I. 5) gefunden zu haben, welcher im Jahre 1833 bei seiner Untersuchung der Orchideen den Zellenkern entdeckt hatte. S c h 1 e i d e n verfolgte B r o w n 's Entdeckung weiter ; er berzeugte sich bei vielen Pflanzen von dem Vorkommen des Kerns, und da er ihn namentlich in jugendlichen Zellen bestndig auf- treten sah, entsprang in ihm der Gedanke, dass der Kern eine nhere Beziehung zu der so rthselhaften Entstehung der Zelle und demnach eine grosse Bedeutung im Zellenleben haben msse. Die Art und Weise, wie Schieiden diesen Gedanken auf Grund irr- thmlicher Beobachtungen zu einer Theorie der Phytogenesis verwerthete, muss jetzt zwar als eine verfehlte bezeichnet werden (I. 27), auf der an- dern Seite muss aber auch betont werden, dass seine allgemeine Auffassung von der Bedeutung des Kerns in gewisser Beziehung richtig ist, und dass gerade dieser eine Gedanke weit ber das engere Gebiet der Botanik hinaus fruchtbringend geworden ist ; denn durch ihn ist die Uebertragung der Zellentheorie auf die thierischen Gewebe ermglicht worden. In diesen treten gerade die Kerne unter den verschiedenen Zellenbestand- theilen am deutlichsten hervor und weisen auf die Uebereinstimmung der histologischen Elemente bei Thieren und Pflanzen am offenkundigsten hin. Insofern bezeichnet die kleine Schrift Schleidens aus dem Jahre 1838 geschichtlich den wichtigen Wendepunkt, von welchem ab der Thierkrper der Herrschaft der Zellentheorie unterworfen wurde. An Versuchen, den Thierkrper als eine Vielheit kleinster Elementar- theile darzustellen, hat es auch vor Schi ei den nicht gefehlt, wie die Hypothesen von Oken (I. 21), Heusinger, Raspail und manchen Andern lehren. Dieselben erwiesen sich aber nicht entwickelungsfhig, weil falsche Beobachtungen und verkehrte Deutungen in ihnen das Gute berwogen. Erst in den dreissiger Jahren, in denen die optischen Hlfs- mittel eine Verbesserung erfuhren, wurden einzelne brauchbare Funda- mente auch fr eine thierische Zellentheorie gelegt. Schon verglichen Purkinje (I. 22) und Valentin, Joh, Mller (I. 20) und Henle (I. 11) einzelne Thiergewebe den pflanzlichen; sie erkannten schon den zelligen, einem Pflanzengewebe hnlichen Bau der Chorda dorsalis, des Knorpels, der Epithelien und des Drsengewebes. Den Versuch einer wirklich zusammenfassenden Zellentheorie aber, welche alle thierischen Gewebstheile bercksichtigt, hat zuerst Schwann (I. 31), Q Erstes Capitel. angeregt durch Schlei dens Phytogenesis, unternommen und in genialer Weise durchgefhrt. Im Jahre 1838 erfuhr Schwann in einer Unterredung mit Schi ei den von der neuen Theorie der Zellenbildung und von der Bedeutung, welche den Kernen bei den Pflanzen zukommen sollte. Er erkannte hierin sofort, wie er uns selbst erzhlt, charakteristische Momente genug, welche zu einem Vergleich mit thierischen Zellen auf- forderten. Mit bewundernswerthem Eifer stellte er eine umfassende Reihe von Untersuchungen an, die er schon im Jahre 1839 unter dem Titel Mikroskopische Untersuchungen ber die Uebereinstimmung in der Structur und dem Wachsthum der Thiere und Pflanzen" verffentlichte. Dieses Buch Schwann's ist ein grundlegendes Werk ersten Ranges, durch welches die mikroskopische Anatomie der Thiere trotz der viel schwierigeren Aufgabe auf gleiche Stufe mit der Pflanzenanatomie gehoben wurde. Zu dem raschen und glnzenden Erfolg der Seh wann 'sehen Untersuchungen haben wesentlich zwei Momente beigetragen. Erstens hat Schwann zur Erkennung der thierischen Zellen vorzugsweise die Anwesenheit des Kerns benutzt, von dem er hervorhebt, dass er der am meisten charakteristische und am wenigsten vernderliche Zellen- bestandtheil sei. Wie schon angedeutet, liegt hierin das Frderniss, w^elches Schwann durch Seh leiden empfangen hat. Das zweite nicht minder bedeutsame Moment ist die richtige Methode, welche Schwann bei der Ausfhrung und Darstellung seiner Beobachtungen befolgt hat. Wie die Botaniker durch das Studium unentwickelter Pflanzentheile z. B. die Rhren aus der Grundform der Zelle abgeleitet hatten, so untersuchte auch er hauptschlich die Entwicklungsgeschichte der Gewebe und fand, dass der Keim auf frhesten Stadien aus einer Summe ganz gleichartiger Zellen besteht; er verfolgte dann weiter die Metamorphosen oder die Umbildungen, welche die Zellen erleiden, bis sie in die fertigen Gewebe des erwachseneu Thieres bergehen. Er zeigte, wie ein Bruch- theil der Zellen die ursprngliche, kuglige Grundform beibehlt, andere eine cylindrische Gestalt annehmen, andere in lange Fasern auswachsen oder zu sternfrmigen Gebilden werden, indem sie an verschiedenen Stellen ihrer Oberflche zahlreiche Auslufer ausschicken. Er zeigte an den Knochen, Knorpeln und Zhnen, wie wieder andere Zellen stark verdickte Wandungen bekommen ; endlich erklrte er noch eine Reihe der am meisten abgenderten Gewebe aus einer Verschmelzung von Zellen- gruppen, wobei er auch wieder einen analogen Vorgang bei den Pflanzen, die Entwickelung der Gefsse im Auge hatte. Auf diese Weise war durch Schwann ein allgemeines, wenn auch mit vielen Fehlern behaftetes, dafr aber leicht fassliches und auch im Ganzen glckliches Schema geschaffen, nach welchem ein jeder thierische Theil aus Elementartheilen , welche den Pflanzenzellen ent- sprechen, entweder zusammengesetzt oder durch Metamorphose von solchen entstanden ist. Es war ein gutes Fundament gelegt, auf dem sich weiter bauen Hess. Im Einzelnen litt aber die Vorstellung, welche Schieiden und Schwann sich vom Wesen des pflanzlichen und thierischen Elementartheils gebildet hatten, an vielen Irrthmern, wie bald erkannt wurde. Beide Forscher definirten die Zelle als ein kleines Blschen, das in einer festen Membran einen flssigen Inhalt umschliesst, als ein Kmmerchen, eine cellula im eigentlichen Sinne Die Geschichte der Protoplasmatheorie. ( des Wortes. Als wichtigsten und als den wesentlichen Theil an dem Blschen bezeichneten sie die Membran, von der sie annahmen, dass sie durch ihre chemisch-physikalischen Eigenschaften den Stoffwechsel regeln sollte. Schwann erblickte in der Zelle einen organischen Krystall, den er sich durch eine Art von Krystallisations- process aus einer organischen Mutterlauge (Cytoblastem) bilden Hess. Die Vorstellungsreihe, welche wir jetzt mit dem Worte Zelle" verbinden, ist Dank den grossen Fortschritten der letzten fnf Jahrzehnte eine wesentlich andere geworden. Die Schleiden-Schwann'sche Zellen- theorie hat eine durchgreifende Reform erfahren, indem an ihre Stelle die (besonders an den Namen von Max Schnitze geknpfte) Proto- plasmatheorie getreten ist. Die Geschichte der Protoplasmatheorie ist gleichfalls von hervorragendem Interesse. Schon Schieiden beobachtete in der Pfianzenzelle ausser dem Zellensaft noch eine weiche, durch- scheinende , mit kleinen Krnchen versehene Substanz , welche er Pflanzenschleim nannte. Mohl (I. 18) gab ihr im Jahre 1846 den spter so bedeutungsvoll gewordenen Namen Protoplasma, einen Namen, den Purkinje (I. 24) schon frher fr die Bildungssubstanz jngster thierischer Embryonen gebraucht hatte. Auch entwarf er ein genaues Bild von den Lebenserscheinungen des pflanzlichen Protoplasma : er fand, dass es den Innenraum von jungen Pflanzenzellen vollstndig ausfllt, und dass es dann bei lteren und grsseren Zellen in sein Inneres Flssigkeit aufnimmt, die sich in Blasen oder Vacuolen ansammelt. Endlich stellte Mohl fest, dass das Protoplasma, wie Schieiden auch schon fr den Pflanzenschleim angegeben hatte , hchst eigenthmliche Bewegungsphnomene zeigt; die zuerst von Bonaventura Corti im Jahre 1772 und von C. L. Treviranus (1807) entdeckt und als kreisende Bewegung des Zellsaftes" beschrieben worden waren. Hierzu gesellten sich noch andere Beobachtungen, welche den pro- toplasmatischen Inhalt der Zellen an Bedeutung gewinnen Hessen. Bei niedersten Algen zieht sich, wie Cohn (I, 7) und andere fanden, das Protoplasma zur Zeit der Fortpflanzung von der Zellmembran zurck und bildet einen frei im Zellraum liegenden, ovalen, nakten Krper, die Schwrm spore , welche bald die Membran an einer Stelle sprengt und durch die Oeffnung hindurchschlpft, um sich im Wasser mit Wimpern wie ein selbstndiger Organismus, aber ohne Membran, fortzubewegen. Desgleichen wurden beim Studium der thierischen Zellen Thatsachen ermittelt, die mit dem alten Zellenbegriff nicht zu vereinigen waren. Schon wenige Jahre nach dem Auftreten von Schwann machten ver- schiedene Forscher (Klliker (I. 14), Bischoff (I. 4) auf viele thierische Zellen aufmerksam, an welchen eine b e s o n d e r e M e m b r a n nicht nachzuweisen war, und es erhob sich in Folge dessen ein langer Streit, ob wirklich diese Gebilde membranlos und daher keine Zellen, oder ob es echte Zellen seien. Auch beobachtete man an der 3 Erstes Capitel. schleimigen, mit Krnchen versehenen Grundsubstanz einzelner tliierischer Zellen, wie z. B. der Lymphkrperchen, hnliche Bewegungserscheinungeu, wie am pflanzlichen Protoplasma. (Siebold, KUiker, Remak, Lieber- khn etc.) Remak (I. 25. 26) bertrug daher den von Mohl fr den Pflanzenschleim eingefhrten Namen Protoplasma auch auf die Grund- substanz der thierischen Zellen. Wichtige Einblicke in die Natur des Protoplasma erffnete endlich das Studium der niedersten Organismen, der Rhizopoden , Amben, Myxomyceten etc. Die schleimige, von Krnchen durchsetzte, mit Con- tractilitt begabte Substanz derselben hatte Dujardin Sarcode genannt. Indem Max Schnitze (I. 29) und de Bary (I. 2) ihre Lebenserscheinungen auf das genaueste studirten, wiesen sie nach, dass das Protoplasma der Pflanzen und Thiere und die Sarcode der niedersten Organismen identische Stoffe sind. Im Hinblick auf diese Thatsachen legten Forscher, wie Ngeli, Alexander Braun, Leydig, KUiker, Cohn, de Bary etc. der Zellmembran im Verhltniss zu ihrem Inhalt eine nur untergeordnete Bedeutung bei; vor Allem aber hat Max Schnitze sich das Verdienst erworben, die neueren Erfahrungen zu einer scharfen Kritik der Schleiden-Schwannschen Zellen- theorie und zur Begrndung einer Protoplasmatheorie benutzt zu haben. In 4 kleinen, ausgezeichneten Schriften, welche vom Jahre 1860 an ver- ffentlicht wurden, zog er gegen die alten Glaubensstze, deren man sich zu entledigen habe, zu Felde. Aus der Thatsache, dass bei allen Organismen ein bestimmter Stoff" vorkommt, welcher sich durch die merkwrdigen Bewegungsphnomene auszeichnet (Protoplasma der Thiere und Pflanzen, Sarcode der einfachsten Organismen), aus der Thatsache ferner, dass das Protoplasma der Pflanzen zwar gewhnlich von einer besonderen festen Membran umschlossen ist, in einigen Fllen aber die letztere abstreifen und als nackte Schwrmspore sich im Wasser selb- stndig fortbewegen kann, aus der Thatsache endlich, dass die thierischen Zellen und die einfachsten einzelligen Organismen sehr hufig keine Membran besitzen und dann als nacktes Protoplasma und als nackte Sarcode erscheinen, zieht Max Schnitze den Schluss, dass die Membran fr den pflanzlichen und thierischen Elementartheil etwas Unwesentliches sei. Zwar behlt er den durch Schieiden und Schwann in die Anatomie eingebrgerten Namen Zelle bei, definirt dieselbe aber, (I. 30) als ein mit den Eigenschaften des Lebens begabtes Klmpchen von Protoplasma. Mit dieser Definition knpfte Max Schnitze wie der historischen Gerechtigkeit wegen hervorgehoben sei wieder au die lteren Be- strebungen von Purkinje (I. 22 24) und Arnold (I. 1) an, welche eine Krnchen- und Klmpchentheorie auszubilden versuchten, aber gegenber der besser durchgearbeiteten und ihrer Zeit mehr angepassten Zellentheorie von Schwann wenig Erfolg hatten. Unter einem Klmpchen von Protoplasma stellten sich indessen schon damals Max Schnitze und andere Forscher keineswegs etwas so Einfaches vor, wie das Wort auszudrcken scheint. Namentlich der Physiologe Brcke (I. 6) schloss aus der Complicirtheit der Lebenseigeuschaften, deren Trger das Protoplasma ist, mit Fug und Recht, dass das Protoplasmaklmpchen eine complicirte Structur, einen hchst kunstvollen Bau" besitzen msse, in welchen nur die Unzulnglichkeit unserer Beobachtungsmittel noch keinen befriedigenden Einblick gestattet habe. Daher bezeichnete denn Die Geschichte der Protoplasmatheorie. 9 schon Brcke sehr treffend den Elementartheil der Thiere und Pflanzen, das Protoplasmaklmpchen, als einen Elementar Organismus. Bei dieser Sachlage ist eigentlich der Name Zelle ein verkehrter. Dass er trotzdem beibehalten worden ist, erklrt sich tlieils aus gerechter Piett gegen die rstigen Streiter, welche, wie Brcke sich ausdrckt, unter dem Banner der Zellentheorie das gesammte Feld der Histologie erobert haben, theils aus dem Umstand, dass die Anschauungen, welche die neue Reform herbeigefhrt haben, erst nach und nach ausgebildet wurden und zu allgemeiner Geltung zu einer Zeit gelangten, als das Wort Zelle sich schon durch Jahrzehnte langen Gebrauch in der Literatur eingebrgert hatte. Seit Brcke und Max Schnitze hat sich unsere Kenntniss vom Wesen der Zelle noch ausserordentlich vertieft. Es sind viele neue Einblicke in die Structur und die Lebenseigenschaften des Protoplasma gewonnen worden, besonders aber hat das Studium des Zellenkernes und der Rolle, welche er bei der Vermehrung der Zelle und bei der geschlechtlichen Zeugung spielt , neue grosse Fortschritte herbeigefhrt. Die ltere Definition die Zelle ist ein Klmpchen von Protoplasma" musste daher erweitert werden in die Definition : Die Zelle ist ein Klmpchen von Protoplasma, das in seinem Innern einen besonders geformten Best and th eil, den Kern (Nucleus), einschliesst." Auf die Geschichte dieser neueren Errungenschaften wird hie und da bei der folgenden Darstellung unserer gegenwrtigen Kenntnisse von dem Wesen des Elementarorganismus eingegangen werden. Das reiche Wissensmaterial, welches eine hundertjhrige Forschung ber die Zelle angesammelt hat, wird sich am besten in folgender Weise systematisch grappiren lassen: In einem ersten Abschnitt sollen die chemisch-physikalischen und morphologischen Eigenschaften der Zelle dargestellt werden. Ein zweiterAbschnitt wird dann von den Lebenseigenschaften der Zelle zu handeln haben. Dieselben sind 1) die Eigenschaft der Contractilitt, 2) die Eigenschaft der Reizbarkeit, 3) die Eigenschaft des Stoffwechsels, 4) die Eigenschaft der Fortpflanzung. Daran werden sich, um unseren Vorstellungskreis ber das Wesen der Zelle noch mehr abzurunden und zu erweitern, 2 Abschnitte mehr speculativen Inhalts anschliessen, ein Abschnitt ber die Wechselbeziehungen zwischen Protoplasma, Kern und Zellproduct" und ein Abschnitt ber die Zelle als Anlage eines Organismus''. Literatur, I. 1) Fr. Arnold. Lehrbuch der Physiologie des Menschen. 2. Theil. Zrich 1842. Hand- buch dir Anatomie des Menschen. 1845. 2) de Bary. Mi/xomyceten. Zeitschrift f. wissenschaftl. Zool. 1859- 3) Lionel S. Beale. Die Structur der einfachen Gewebe des menschlichen Krpers. Ueber- setzt von Carus. 1862. 4) Bisehoff, Entivicklungscjcschiehte des Kanincheneies. 1842. 5) B.. Brown. Observations on the organs and mode of fecundation in Orchideae and Asclepiadeae. Transactions of the Linnean society. London 1833. lO Erstes Capitel. Die Geschichte der Protoplasmatheorie. 6) Brcke. Die Elementarorganismen. Wiener Sitzunrjsber. Jahrg. 1861. XLIV. 2. Abth. 7) Cohn. Kachtrge z. Naturgeschichte des Frotococcus pluviatilis. Nova acta. Vol. XXII. pag. 607764. 8) Bonaventura Corti. Observazioni microsc. sulla Tremella e sulla circolazione del uido in una pianta acquaiola. 1774. 9) Grew. The anatomy of plantes. 10) Haeckel. Die Madiularien. 1862. Derselbe. Die Moneren. 11) Henle. Sytnbolae ad anatomiani villorum intcslinalium. 1837. 12) Oscar Hertw^ig. Die Geschichte der Zellentheorie. Deutsche Mundschau. 13) Huxley. On the cell theory. Munthly Journal. 1S53. li) Klliker. Die Zehre von der thierischen Zelle. Schleiden u. Ngeli. Wissenschal. Botanik. Heft 2. 1845. Derselbe. Handbuch der Gewebelehre des Menschen. 15) Malpighi. Anatome plantarum. 16) Mayen. Phytotomie. Berlin 1830. 17) H. V. Mohl. lieber die Vermehrung der Panzenzellen durch Theilung. Dissert. T- bingen 1835. Flora 1837. 18) Derselbe, lieber die Saftbewegung im Innern der Zellen. Botanische Zeitimg. 1846. 19) Derselbe. Grundzge der Anatomie und Ihysiologie der vegetabilischen Zelle. Wagners Handwrterbuch der Physiologie. 1851. 20) J. Mller. Vergleichende Anatomie der Myxinoiden. 21) Oken. Lehrbuch der Naturphilosophie. 1809. 22) Purkinje. Bericht ber die Versammlung deutscher Naturforscher und Aerzte in Prag im September 1837. Prag 1838. pag. 174175. 23) Derselbe. Uebersicht der Arbeiten und Vernderungen der schlenschen Gesellschaf t fr vaterlndische Cultur im Jahre 1839. Breslau 1840. 24^) Derselbe. Jahrbcher fr wissenschaftliche Kritik. 1840. Nr. o. pag. 33 38. 25) Remak. Ueber extracellulre Entstehung thierischer Zellen und ber Vermehrung der- selben durch Theilung. Mllers Archiv. 1852. 26) Derselbe. Untersuchungen ber die Entwicklung der Wirbelthiere. 1855. 27) Sachs. Geschichte der Botanik. 1875. 28) Matthias Schleiden. Beitrge zur Phytogenesis. Mllers Archiv. 1838. Derselbe. Grundzge der wissenschaftlichen Botanik. 2. Aufl. 1845. 29) Max Sehultze. Das Protoplasma der Phizopoden und der Fanzenzelle. 30) Derselbe. Heber Muskelkrpcrchcn und was man eine Zelle zu nennen habe. Archiv fr Anatomie und Physiologie. 1861. 31) Th. Schwann. Mikroskopische Untersuchungen ber die Ueber ein Stimmung in der Structur und dem Wachsthum der Thiere und Pflanzen. 1839. 82) li. C. Trevianus. T^om inwendigen Bau der Gewchse. 1806. 33) R. Virchow. Die Cdlularpathologie in ihrer Begrndmig auf physiologische und pathologische Gewebelehre. 34) Casp. Friedr. Wclfif. Theorie von der Generation. 1764. ZWEITES CAPITEL. Die chemisch-physikalischen und morphologischen Eigen- schaften der Zelle. Die Zelle ist ein Organismus und als solcher kein ein- faches, sondern ein aus vielen, verschiedenartigen Theilen zusammenge- setztes Gebilde. Die wahre Natur aller dieser Theile, welche sich augen- blicklich noch grsstentheils unserer Kenntniss entziehen, genauer fest- zustellen, wird noch fr lange Zeit eine Aufgabe biologischer Forschungen bleiben. Wir stehen jetzt, in unserem Verstndniss dem Zeil-Organismus in hnlicher Weise gegenber, wie vor hundert Jahren die Naturforscher dem thierischen und pflanzlichen Gesammtorganismus vor der Entdeckung der Zellentheorie. Um in das Geheimniss des Zellorganismus noch tiefer einzudringen , mssen die optischen Hlfsmittel , noch mehr aber und vor allen Dingen die chemischen Untersuchungs- methoden auf eine hhere Stufe der Vollendung, als sie zur Zeit besitzen, gebracht werden. Es scheint mir zweck- mssig, diese Gedanken gleich hier hervorzuheben, damit sie der Leser bei der folgenden Darstellung immer vor Augen hat. In jeder Zelle ist ausnahmslos ein besonders geformter Theil nach- zuweisen, welcher im ganzen Organismenreich mit einer grossen Gleich- frmigkeit auftritt, der Zellenkern. Ihm und dem brigen Theil der Zelle, dem Protoplasma, kommen offenbar eigenartige Aufgaben im Lebensprocess des Elementarorganismus zu. Daher lsst sich die Untersuchung der che- misch-physikalischen und morphologischen Eigenschaften der Zelle am besten in zwei Theile zerlegen: in die Untersuchung des Protoplasma- krpers und in die Untersuchung des Zellkerns. Daran schliessen sich als Anhang noch 3 kleinere Abschnitte an. Von diesen handelt der erste ber die Frage : Giebt es kernlose Elementar- organismen ? Der zweite beschftigt sich mit den Pol- oder Central- krperchen, welche als besondere Zellorgane neben dem Kern zuweilen im Protoplasma aufgefunden werden ; in dem dritten wird ein kurzer Ab- riss von der Ngeli'schen Theorie der Molecularstructur organisirter Krper gegeben werden. 12 Zweites Capitel. I. Die chemisch-physikalischen und morphologischen Eigen- schaften des Protoplasmakrpers. Bei Pflanzen und Thieren sehen die Zellen zuweilen nach Form und Inhalt so ausserordentlich verschieden aus, dass sie auf den ersten Blick berhaupt nichts Gemeinsames und Vergleichbares darzubieten scheinen. Man vergleiche die Substanz einer Pflanzenzelle am Vege- tationskegel mit einer von Strkekrnern erfllten Zelle der Kartoff"el- knolle, oder den Inhalt einer Embryonalzelle einer Keimscheibe mit dem Inhalt einer Fettzelle oder eines mit Dotterplttchen angefllten Amphibieneies. Der unbefangene Beobachter wird nur Gegenstze erblicken. Trotzdem stimmen alle diese so ungemein verschiedenen Zellen bei tieferer Untersuchung in einem Punkte berein: in dem Besitz eines sehr wichtigen, eigenthmlichen Stoffgemenges, das dort in grsserer Masse, hier nur in Spuren vorhanden ist, in keinem Elementar- organismus aber vollstndig verraisst wird. Dieses Stoff'gemenge lsst in vielen Fllen die wunderbaren Lebensphnomene erkennen , von denen spter gehandelt wird, die Eigenschaft der Contractilitt, der P.eizbarkeit etc., und da dasselbe ausserdem bei jugendlichen Zellen, bei niederen Organismen, bei den Zellen des Vegetationskegels und der Keimscheibe, allein den Zellkrper vom Kern natrlich abgesehen ausmacht, hat man in ihm den hauptschlichen Trger der Lebensfunctionen erblickt. Es ist das Protoplasma oder die bildende Substanz (forming matter) des enghschen Histologen Beale (I. 3). a) Begriff des Protoplasmas und Berechtigung desselben. Um zu wissen, was Protoplasma ist, wird man am besten dasselbe an solchen Zellen untersuchen, in denen es mglichst frei von anderen Beimischungen und in grsserer Menge auftritt, und am besten an den Objecten, an denen sich die Begrnder der Protoplasma- theorie ihre Vorstellung von der Natur desselben gebildet haben. Solche Objecte sind junge Pflanzenzellen, Amben, Rhizopoden, die Lymph- krperchen von Wirbelthieren. Wer hier die charakteristischen Eigen- schaften des Protoplasma erkannt hat , wird dasselbe auch in solchen Zellkrpern auffinden, in denen es nur in geringer Menge vorhanden und durch andere Substanzen mehr oder minder verdeckt ist. Es ist der Vorschlag gemacht worden (II. 10), den Begriff Pro- toplasma, mit dem ein unberechtigter Cultus getrieben werde, ber- haupt ganz fallen zu lassen; denn die Verwendung dieses Wortes sei heutzutage eine so unbestimmte und schrankenlose geworden, dass man sich mit Recht fragen knne, ob durch seinen jetzigen Gebrauch wirklich Nutzen und nicht viel mehr Verwirrung gestiftet werde. Dieser Vorschlag kann weder als ein zweckdienlicher, noch als ein in der Sache berechtigter bezeichnet werden. Denn wenn auch zuge- geben werden mag, dass von mancher Seite das Wort in verkehrter Weise gebraucht wird, dass es auch nicht mglich ist, in einem kurzen Satze eine erschpfende Definition des Wortes Protoplasma zu geben, und dass man in manchen Fllen in Verlegenheit kommt, zu sagen, welcher Theil in einer Zelle Protoplasma ist und welcher nicht, so geht aus alle dem die Entbehrlichkeit des Protoplasmabegriffes noch in keiner Weise hervor. Aehnliche Bedenken knnen auch gegen manche andere Worte erhoben werden, durch welche wir uns ber bestimmte Stofi"- Die chemisch-physikalischen u. morphologischen Eigenschaften der Zelle. 13 gemenge der Organismen zu verstndigen suchen. Mit dem Wort Nu- clein oder Chromatin bezeichnen wir z. B. einen gewissen Bestandtheil des Kerns, der fr Manchen leidlich gut bestimmbar erscheinen wird. Und doch wird der ?likroskopiker zugeben mssen, dass es im ruhenden Kerngerst nicht mglich ist, genau zu bestimmen, was Linin und was Nuclein ist, oder zu entscheiden, ob man im einen Fall nicht zu viel, im anderen Fall zu wenig m i t gefrbt hat. Ebenso wenig wie das Wort Nuclein, ist das Wort Protoplasma ent- behrlich, um sich ber die Zellbestandtheile zu verstndigen. Nur soll man nicht den Anspruch erheben, dass mit dem Wort Protoplasma ein chemisch scharf definirbarer Krper bezeichnet sei. Protoplasma ist ein morphologischer Begriff (und das- selbe gilt mehr oder minder auch fr das Wort Nuclein und so viele andere) ; es ist eine Bezeichnung fr ein Stoffgemenge, das einer Anzahl physikalischer, chemischer und biologischer Eigenschaften zeigt. Solche Begriffe sind bei dem gegenwrtigen Stand unserer Wissenschaft unent- behrlich. Wer mit der Geschichte der Zelle bekannt ist, weifs, welche Summe von Beobachtung und wie viel logische Denkarbeit vieler Forscher nothwendig gewesen ist, um den Begriff Protoplasma zu entwickeln, der weiss, dass mit der Schaffung dieses Begriffes die ganze Zellen- und Ge- webelehre einen viel tieferen Inhalt gewonnen hat. Wie viele Kmpfe hat es gefordert, bis festgestellt wurde, dass an der Zelle nicht die Mem- bran, sondern der Inhalt das Wesentliche ist, und dass in dem Inhalte wieder eine besondere, berall wiederkehrende Substanz ist, die in ganz anderer Weise als der Zellsaft, die Strkekrner und Fetttropfen am Lebensprozess betheiligt ist. Das Wort Protoplasma hat daher nicht nur seine historische, sondern auch seine wissenschaftliche Berechtigung, und so wollen wir denn nher zu bestimmen suchen, was darunter zu verstehen ist. b) Allgemeine Charakteristik des Protoplasmas. Das Protoplasma einzelliger Organismen, pflanzlicher und thieri- scher Zellen (Fig. 1 und 2) erscheint als eine zhflssige, fast immer farblose, mit Wasser nicht mischbare Substanz, die in Folge einer ge- wissen Aehnlichkeit mit schleimigen Stoffen von Schieiden als Schleim der Zelle bezeichnet wurde. Sie bricht das Licht strker als Wasser, so dass selbst feinste Protoplasmafdchen sich trotz ihrer Farblosigkeit in diesem Medium erkennen lassen. In keinem Protoplasma fehlen kleinste, nur wie Punkte erscheinende Krnchen, die Mikrosomen, die bald sprlicher, bald reichlicher vorhanden und in eine bei schwcherer Vergrsserung homogen aussehende Grundsubstanz eingebettet sind. Je nach der Menge der Mikrosomen sieht daher das Protoplasma bald mehr durchscheinend, hyalin, bald etwas dunkler und krnig aus. Die Vertheilung der Krnchen im Zellenleib ist selten eine gleich- massige. Gewhnlich bleibt eine mehr oder minder feine, oberflchliche Schicht krnchenfrei. Da dieselbe ausserdem noch einen etwas festeren Aggregatzustand als die von ihr eingeschlossene, wasserreichere und krnige Protoplasmamasse darbietet, hat man beide als zwei verschiedene Plasmaarten unterschieden und die eine als Hautplasma oder Hyalo- plasma und die andere als Krnerplasma bezeichnet (Fig. 2 eh. en.). Manche Forscher, wie namentlich Pfeffer, de Vries etc. sind geneigt, in der Hautschicht ein besonders differenzirtes und mit 14 Zweites Capitel. C B Fig. 1. Parenchyrnzellen aus der mittleren Schicht der "Wurzelrinde von Fritillaria imperialis ; Lngsschnitte, nach SOmaliger Vergrsserung. Nach Sachs (II 33) Fig. 75. A dicht ber der Wurzelspitze liegende, sehr juuge Zellen, noch ohne Zellsaft; die gleichnamigen Zellen etwa 2 Millimeter ber der Wurzelspitze, der Zellsaft s bildet im Protoplasma p einzelne Tropfen, zwischen denen Protoplasmawnde liegen; C die gleichnamigen Zellen etwa 7 8 Millimeter ber der Wurzelspitze; die beiden Zellen rechts unten sind von der Vorderflche gesehen, die grosse Zelle links unten im optischen Durchschnitt gesehen; die Zelle rechts oben durch den Schnitt geffnet; der Zellkern lsst unter dem Einfluss des eindringenden Wassers eine eigenthmliche Quellungserscheinung wahrnehmen {x y). k Kern, kk Kern- krper, h Membran. besonderen Functionen betrautes Organ des Zellkrpers zu erblicken. Zu Gunsten einer derartigen Auffassung liess sich wohl das folgende von mir angestellte Experiment verwerthen: Reife, in den Eileiter eingetretene und mit einer Gallerthlle um- gebene Eier von Rana temporaria wurden mit der usserst feinen Spitze einer Glasnadel vorsichtig angestochen. Die so hervorgerufene Verletzung war nach der Operation usserlich nicht wahrnehmbar. Ein Austritt von Dottersubstanz war an der Stichstelle nicht zu bemerken. Als aber darauf die Eier befruchtet wurden, so begann nach einiger Zeit an allen verletzten Eiern Dottersubstanz in ziemlich betrcchtlicher Menge an der Oberflche hervorzuquellen und zwischen Ei- und Dotterhaut einen mehr oder minder grossen Hcker (Extraovat. Roux) zu bilden. Durch den Akt der Befruchtung wurde der Substanzaustritt erst hervorgerufen, weil durch das Eindringen des Samenfadens die Eirinde gereizt und, wie an Die chemisch-physikalischen u. morphologischen Eigenschaften der Zelle. 15 geeigneten Objecten leicht zu beobachten ist, zu einer energischen Con- traction angeregt wird. Durch den Stich muss mithin in der Hautschicht der Zelle eine Wunde entstanden sein, welche bis zur Befruchtung noch nicht hatte ausheilen knnen und erst in Folge der durch die Befruchtung bedingten Contraction Dotter ausfliessen liess. Da nun zwischen der Verletzung und dem Eindringen des befruchtenden Samenfadens bei den Froscheiern immer ein lngeres, von mir nicht genauer bestimmtes Zeit- intervall liegt, so drfte dies wohl dafr sprechen, dass der Hautschicht in der That eine besondere, von dem darunter gelegenen Zellinhalt etwas verschiedene Structur und besondere Eigenschaften zukommen. c) Chemische Zusammensetzung des Protoplasmas. Ausserordentlich unbefriedigend sind unsere Kenntnisse von der chemischen Natur des Protoplasma. Man hat zuweilen das- selbe als einen Eiweisskrper oder geradezu als lebendes Eiweiss" be- zeichnet. Durch solche Ausdrucksweisen kann leicht eine grundfalsche Vorstellung vom Wesen des Protoplasma herangerufen werden. Darum wiederhole ich: Protoplasma ist kein chemischer, sondern ein morphologischer Begriff, Proto- plasma ist keine chemische Substanz noch so zusammengesetzter Art, sondern ein Gemenge zahlreicher, chemischer Stoffe, die wir uns als kleinste Theilchen zu einem wunderbar complicirten Bau mit einander vereinigt vorzustellen haben. Chemische Substanzen zeigen in ver- schiedenen Aggregatzustnden (das Hae- moglobin zum Beispiel als Bestandtheil der Blutkrperchen, im Wasser gelst oder in Krystallform) bereinstimmende Eigenschaften; Protoplasma dagegen lsst sich nicht in andere Aggregatzustnde berfhren, ohne sofort aufzuhren, Proto- plasma zu sein. Denn seine wesentlichen Eigenschaften, in denen sich sein Leben ussert, beruhen eben auf einer bestimm- ten Organisation. Ebenso wie die haupt- schlichen Eigenschaften einer Marmor- statue in der Form bestehen, die Knstlerhand dem Marmor gegeben hat, und wie eine Statue aufgehrt hat, eine solche zu sein , wenn sie in kleine Marmorsteinchen zerschlagen ist (Ngeli 11 28), so ist auch ein Protoplasmakrper nach Zerstrung der Organisation, auf welcher sein Leben beruht, kein Protoplasma mehr; wir untersuchen in den ab- getdteten, mit Reagentien behandelten Zellen streng genommen nur die stark vernderten Trmmer desselben. Die Chemie wird vielleicht in absehbarer Zeit so weit fortgeschritten sein, dass sie Eiweisskrper durch Synthese knstlich darzustellen ver- mag. Einen Protoplasmaki-per zu bilden, wre dagegen ein hnliches Beginnen, wie der Versuch Wagners, einen Homunculus in der Phiole auszukrystallisiren. Denn nach allen unseren Erfahrungen entstehen Protoplasmakrper auf keinem andern Wege als durch Fig. 2. Amoeba Proteus. Nach Leidv. Aus Eich. Hektwig. n. Kern. cv. Contractile Vacuole. N. Nahrungsballen. en. Krner- plasma, ek. Hautplasma. 16 Zweites Capitel. Fortpflanzung aus vorhandenem Protoplasma; ihre heutige Organisation ist daher das Product einer ausserordent- lich langen historischen Entwicklung. Was fr Substanzen jedem lebenden Protoplasma eigenthmlich sind, ist sehr schwer chemisch zu bestimmen. Denn abgesehen davon, dass schon jeder Eingriff den leicht zersetzbaren Krper wesentlich ver- ndert, wird auch noch dadurch die Untersuchung erheblich erschwert, dass ausser dem Protoplasma in jeder Zelle Stoffwechselproducte der ver- schiedensten Art mit eingeschlossen sind, die sich nicht leicht absondern lassen. In dem complicirten Stoflfgemenge ' legt man als eigentlichen Trgern der Lebensprocesse einen besonderen Werth den Protein Sub- stanzen bei, den complicirtesten organischen Krpern, die es gibt, und ber deren chemische Constitution die Analyse noch wenig sichere Auf- schlsse gegeben hat. Ihre complicirte Structur beruht in erster Linie auf den ganz aussergewhnlichen, chemischen Eigenschaften des Kohlen- stoffs (Haeckel II 15). In den Proteinsubstanzen haben sich dem Kohlen- stoff 4 andere Elemente, Wasserstoff, Sauerstoff, Stickstoff und Schwefel beigesellt, in einem Verhltniss, welches man durch die Formel Q72jjio6jsTi8gQ22 (Z u s a m m 6 n s e t z u u g eines Eiweissmolecls) auszudrcken versucht hat (Xgeli II 28). Unter den verschiedenen Arten der Proteinkrper (Albumine, Glo- buline, Fibrine, Plastine, Nucleine etc.) scheint fr das Protoplasma be- sonders nur das Pia st in charakteristisch zu sein, (Reinke II 32, Schwarz II 37, Zacharias II 44) ; dasselbe ist im Wasser und 10*^/o Koch- salz und lO^i'o schwefelsaurer Magnesia unlslich; in verdnnter Essig- sure wird es gefllt, in concentrirter zur Aufquellung gebracht ; in con- centrirter Salzsure wird es gefllt; es widersteht sowohl der Pepsin- ais der Trypsinverdauung. Es frbt sich wenig oder gar nicht in basi- schen, dagegen in sauren Anilinfarben (Eosin und S-Fuchsin). Daneben finden sich in geringerer Menge Globuline und Albumine, die auch in gelstem Zustand im Zellsaft der Pflanzen vorkommen. Das Protoplasma ist sehr reich an Wasser, welches, wie Sachs (II 33) bemerkt, zu seiner Molekularstructur in demselben Sinne gehrt, wie z. B. das Krystallwasser zur Structur sehr vieler Krystalle nthig ist , die ihre krystallinische Form durch Entziehung des Krystall- wassers verlieren. An frischen Fruchtkrpern von Aethalium septicum fand Reinke (II 32) 71,6 o Wasser und 28,4 /o bei 100 Grad getrock- nete Substanz. 66 ^!o Flssigkeit Hess sich durch Auspressen erhalten. Im Protoplasma kommen ferner stets eine Anzahl verschiedener Salze vor und bleiben bei der Verbrennung desselben als Asche zurck. Bei Aethalium septicum enthlt die letztere an Grundstoffen Chlor, Schwefel, Phosphor, Kalium, Natrium, Magnesium, Calcium, Eisen. Lebendes Protoplasma gibt eine deutlich alcalische Reaction; rothes Lackmuspapier, sowie ein im Braunkohl vorkommender, von Schwarz verwandter, rother Farbstoff wird blau. Es ist dies bei Pflanzen auch dann der Fall, wenn der Zellsaft wie gewhnlich sauer reagirt. Die alkalische Reaction rhrt nach den Untersuchungen von Schwarz (II 37) bei den Pflanzen von Aleali her, welches in dem lebenden Protoplasma an die Proteinkrper gebunden ist. Aethalium septicum entwickelt nach Reinke (II 32) in getrocknetem Zustande Ammoniak. Ausserdem lassen sich im Protoplasma stets die verschiedensten Stoffwechselproducte nachweisen, welche theils der progressiven, theils der regressiven Metamorphose angehren. Sie zeigen im thierischen Die chemisch-physikalischen u. morphologischen Eigenschaften der Zelle. 17 und pflanzlichen Zellenkrper eine grosse Uebereinstinnnung'. Hier wie dort sind Pepsin, Diastase, Myosin, Sarkin, Glycogen, Zucker, Inosit, Dextrin, Cholestearin und Lecithin, Fette, Milchsure, Ameisensure, Essig- sure, Buttersure etc. gefunden worden. Als Beispiel fr die quantitative Zusammensetzung einer Zelle einschliesslich ihres Kernes theilt Kossei (IL 35) in seinem Lehr- buch eine von Hoppe -Seyler ausgefhrte Analyse der Eiterkrperchen mit. Nach derselben enthalten 100 Gewichtstheile organischer Substanz: verschiedene Eiweissstoffe . 13,762, Nuclein 34,257, unlsliche Stoffe 20,566", Lecithin 1 i ^ qqq Fette j ^^'^^^' Cholestearin 7,400, Cerebrin 5,199, Extractivstoffe 4,433. In der Asche fand sich Kalium, Natrium, Eisen, Magnesium, Calcium, Phosphorsure und Chlor. In physikalischer Hinsicht Hess sich zuweilen an Protoplasmafden, in denen die Bewegung vorwiegend in einer Richtung vor sich ging, Doppelbrechung beobachten und zwar so, dass die optische Axe mit der Bewegungsrichtung zusammenfiel (Engelmann). d) Feinere Protoplasmastructur. Es wurde oben das Protoplasma als ein Stoffgemenge bezeichnet, in welchem wir uns die kleinsten Theilchen zu einem complicirten I3au mit einander verbunden vorzustellen haben. In diesen Wunderbau hat die Forschung noch tiefer einzudringen versucht, theils auf speculativem Wege, theils mit Hlfe mikroskopischer Beobachtung. In der ersten Pachtung hat Ngeli hchst bedeutsame Gedanken entwickelt, die in einem besonderen Abschnitt ber die Molecular- structur organisirter Krper" ausfhrlicher dargestellt werden sollen. In der zweiten Richtung sind in der Neuzeit zahlreiche Forscher, unter ihnen vor allen Dingen Frommaun, Flemming, Btschli und Alt- mann thtig gewesen. Zum Untersuchungsobject diente sowohl lebendes als auch durch geeignete Reagentien abgetdtetes Protoplasma, letzteres namentlich, nachdem durch verschiedene Frbemethoden kleinste Theil- chen in ihm wahrnehmbar gemacht worden waren. So ist schon eine besondere, kleine Literatur ber das Kapitel Protoplasmastructur" entstanden. Ausgehend davon, dass das Protoplasma ein Gemisch von einer kleinen ]\lenge fester Substanzen mit reichlicher Flssigkeit ist, welchem Umstand es seinen eigenthmlichen, weichflssigen Aggregatzustand ver- dankt, knnte man die Frage aufwerfen, ob bei Anwendung der strksten Vergrsserungen es mglich ist, die festen Substanztheilchen von der zwischen ihnen enthaltenen Flssigkeit optisch zu unterscheiden und in ihrer Anordnungsweise besondere Structuren zu erkennen. A priori braucht eine solche Unterscheidbarkeit nicht nothwendig zu sein, sofern die festen Substanztheilchen sehr klein sind oder in ihrem Lichtbrechungs- vermgen von der Flssigkeit nicht gengend verschieden sind. So nimmt in der spter genauer auseinandergesetzten Micellartheorie Hertwig, Die Zelle und die Gewebe. 2 18 Zweites ('apitel. Ngeli (II. 28) eine gerstfrmige Anordnung der festen Sul3stanztheilchen an, welche sich aber wegen der geringen Grsse der h y j) o t h o t i s e h e n M i c e 1 1 e n unserer Walirnohniung entzieht. Mit einem Wort, es kann das Troto- l)lasnia eine sehr verwickelte Structur haben, trotzdem es uns optisch als ein homogener Krper erscheint. Mit der Bezeichnung homogenes Protoplasma ist also nicht nothwendiger Weise das Urtheil verknpft, dass das Trotoplasma einer besonderen Structur oder Organisation entbehre. In der Neuzeit, wo die starken Oel-Immersionssysteme bei den Untersuchungen ausgiebiger benutzt werden, hufen sich inuner mehr die Angaben, dass dem Protoplasma eine optisch wahrnehmbare Structur allgemein zukme; doch weichen die einzelnen Mikroskopiker in ihren Urtheilen so wesentlich auseinander, dass eine Vermittelung zwischen ihnen nicht mglich ist, Auf der Tagesordnung der wissenschaftlichen Discussion stehen augenblicklich wenigstens vier sich befehdende Lehren, welche als Gerst- theorie, als Schaum- oder Wabentheorie, als Filartheorie und als Granulatheorie charakterisirt werden knnen. Die Gersttheorie ist von Frommann (II. 14), Heitzmann (II. 17), Klein (II. 21), Leydig (II. 26), Schmitz (II. 36) u. A. aufgestellt worden. Nach ihr besteht das Protoplasma aus einem sehr feinen Netzwerk von Fibrillen oder Fserchen, in dessen Lcken die Flssigkeit enthalten ist. Es gleicht daher im Allgemeinen einem Schwamm, oder seine Structur ist, wie man sich kurz ausdrckt, eine spongise. Die im Krnerplasma sichtbaren Mikrosomen sind nichts Anderes als die Knotenpunkte des Netzes. Bei einem Ueberblick ber diese Literatur wird man finden, dass unter der Bezeichnung spongiser Bau des Protoplasma" zuweilen ganz heterogene Dinge zusammengeworfen worden sind. Theils beziehen sich die Beschreibungen auf grbere Gerstwerke, welche durch Einlagerung verschiedenartiger Stoffe in das Protoplasma, wie spter noch ausfhr- licher l)esprochen werden wird, bedingt sind und daher nicht als eine dem Protoplasma als solchem anhaftende Structur bezeichnet und mit ihr zusannnengeworfen werden drfen. Dies gilt zum Beispiel fr die Beschreibung der Becherzellen von List (11.48, s. S.31 Fig. 17). Theils sind netzfrmige Structuren beschrieben und abgebildet worden, die, offenbar durch Gerinnung (durch einen Entmischungsvorgang) hervorgerufen, als Kunstproducte gedeutet werden mssen. Knstliche Gerststructuren kann man sich z. B. leicht erzeugen, wenn man Eiweisslsungen oder Leimgallerte durch Zusatz von Chromsure, Pikrinsure oder Alkohol zur (Gerinnung bringt. So zeichnet Heitzmann (II. 17) in sehr schema- tischer Weise in die verschiedensten Zellen des thierischen Krpers Netzwerke ein, welche dem wirklichen Zustand in keiner Weise ent- sprechen. Auch Btschli bemerkt in seiner Literaturbersicht (II. 7 b pag. 113), es sei berhaupt hufig recht schwierig zu entscheiden, ob die von frheren Beobachtern beschriebenen Netzstructuren eigentliche feinste Plasmastructuren seien oder ob sie auf grberen Vacuolisationen beruhen. Da sieh beide sehr hnlich sehen, knne man hierber nur auf Grund der Grssenverhltnisse ein einigermaassen gesichertes Urtheil gewinnen." Btschli fand durchgngig, dass die Maschenweite der eigentlichen Plasmastructuren kaum 1 f.i iiberschreitet. Wenn somit gegen viele Angaben gerechte Zweifel erhoben werden Die chemisch-physikalisclien u. inorphologisclieu Eigenschaften der Zelle. 19 knnen, liegen anderen Beschreibungen (Froniniann, Schmitz, Leydig etc.) wohl wirklich feinere Structuren des Zellkrpers zu Grunde. In der Deutung der als Netzwerk beschriebenen Bilder ninmit Btschli einen eigenen, von den genannten Forschern abweichenden Standpunkt ein, welcher ihn zur Aufstellung einer Schaum- oder Waben theorie des Protoplasma (II. 7a, 7b) veranlasst hat. Durch Vermischung von eingedicktem Olivenl mit K^ C 0^ oder mit Kochsalz oder Ptohrzucker gelang es ihm, feinste Schume herzustellen, deren Grundmasse Oel ist, das von zahllosen, allseitig abgeschlossenen und von wsseriger Flssigkeit erfllten Rumchen durchsetzt ist (Fig. 3). Der Durchmesser der letzteren bleibt bei sehr feinen mikroskopischen Schau- . men in der Kegel unter 0,001 mm. Die 'r*---'-^"::"",:^-'tK*v-','7T^ "^^' kleinen Rumchen, die sich Bienen- ^^^^o^t^^iivXl^^^ waben vergleichen lassen und die ver- --^a^^-ja^i..,^ schiedenartigsten Polyeder darstellen ^ Optischer Durch- knnen, werden durch feinste, das schnitt der Randpartie eines Licht etwas strker brechende Oel- aus Olivenl und Kochsalz her- lamellen von einander aetrennt. In der gestellten Oeischaumtropfens Anordnung der Waben' muss nach phv- ^^l sehr deutlicher und relativ ., ,. , ' T-, , , , ,. r, ^ hoher Alveolarsehieht [alv). sikahschen Regeln stets die Bedingung vergr. 1250. Nach btschli erfllt sein, dass immer nur 3 Lamellen xaf. iii, Fig. 4. ' in einer Kante zusammenstossen. Auf dem optischen Durchschnitt treffen daher in einem Knotenpunkte immer nur 3 Linien zusammen. Waren im Oel vor der Schaumbildung feine Russpartikelchen vertheilt, so sammeln sich dieselben in den Knotenpunkten des Wabenwerks an. An feinen Schumen lsst sicli endlich noch eine obei"flchliche Schicht nachweisen, in welcher die kleinen Waben in besonders eigenthmlicher Weise ange- ordnet sind in der Weise, dass ihre an die Oberflche stossenden Scheide- wnde aus Oel s^krecht zu dieser gerichtet und daher auf dem optischen Durchschnitt parallel zu einander gelagert sind. Btschli unterscheidet dieselbe als eine Alveolarsehieht (Fig. 3 Zv ). Genau denselben Bau glaubt nun Btschli fr das Protoplasma aller pflanzlichen und thierischen Zellen (Fig. 4 u. 5) auf Grund seiner Unter- suchung lebender und mit Reagentien behandelter Objecte annehmen zu mssen. Den Oellainellen, welche im knstlichen Schaum die Flssigkeitstrpfchen trennen, entspricht ein plasmatisches Gerst. Auch hier sind in den Knotenpunkten desselben die Krnchen (Mikrosomen) zusammengedrngt. Auch hier ist der Protoplasmakrper nach aussen hufig zu einer Alveolarsehieht differenzirt. Das Bild, welches andere Forscher als Faden- und Netzwerk mit communicirenden, die Flssigkeit bergenden Maschenrumen beschreiben, deutet Btschli als Waben- und Schaumwerk mit allseitig abgeschlossenen Rumen; er bemerkt aber selbst zu dieser Deutung, dass bei der Kleinheit der in Frage stehenden Structuren nach dem mikroskopischen Bilde allein eine feste Entschei- dung darber, ob Netz- oder Wal)enstruetur vorliege, sich nicht Irefi'eu lasse (II. 7 b, pag. 140), denn in beiden Fllen msse das mikroskopische Bild dasselbe sein." Soll nun bei der Deutung die Aehnlichkeit mit knstlich her- gestellten Schumen, durch welche sich schliesslich Btschli in seinem rtheil bestimmen lsst, den Ausschlag geben? Hier mchte ich doch zwei Bedenken geltend machen: erstens das 9 * 20 Zweites Capitel. Bedenken, dass fr den Bau der Kernsubstanz, die ohne Zweifel dem Protoplasma in ihrer Organisation verwandt ist, die Wabentheorie nicht zutrifft. Denn whrend des Kerntheilungsprocesses treten mit grsster Deutlichkeit fdige Anordnungen in Form der Spindelfasern und Nuclein- fden hervor, deren Existenz wohl von Niemand in Zweifel gezogen werden kann. Das zweite Bedenken ist mehr theoretischer Natur: 1 : Fl ^ o I i.: V Fig. 4. Fig. 5. Fig. 4. Zwei lebende Plasmastrnge aus den Haarzellen einer Malve. Etwa oOOOfach vergr. Nach Btschli Taf. II, Fig. U. Fig. 5. Schwimmliautartige Ausbreitung mit sehr deutlicher Structur aus dem Pseudopodiennetz einer Miliolide. Lebend etwa SOOOfach vergr. Nach Btschli Taf. II, Fig. 5. Oellamellen bestehen aus einer Flssigkeit, die mit Wasser nicht mischbar ist. Soll der Vergleich zwischen Schaumstructur und Proto- plasmastructur auf etwas mehr als einer oberflchlichen Aehnlichkeit beruhen, so mssten die den Oellamellen verglichenen Plasmalamellen aus einer Eiweisslsung oder flssigem Eiweiss zusammengesetzt sein. Diese Annahme triflft nicht zu, weil Eiweisslsung mit Wasser mischbar ist, also auch mit dem Wabeninhalt sich mischen msste; Eiweiss- schume mssten mit Luft hergestellt werden. Um diese Schwierigkeit zu umgehen, nimmt Btschli als chemische Grundlage der Gerst- substanz des Protoplasma eine Flssigkeit an, die aus einer Combination von eiweissartigen und von Fettsuremoleclen hervorgegangen sei. (II. 7 b, pag. 199.) Diese Hlfsannahme drfte, wie berhaupt die Annahme einer flssigen Beschaffenheit der Gerstsubstanz, wenig Bei- fall finden. Denn nach vielen Piichtungen hin erscheint doch die theo- retische Forderung eine wohlberechtigte, dass die Structurelemente des Protoplasma, mgen sie nun Fdchen eines Netzes oder Lamellen eines Die chemisch-physikalischen u. morphologischen Eigenschaften der Zelle. 21 Wabenwerks oder Krnchen oder sonst was sein, einen festen Aggregat- zustand haben. Das Protoplasma ist kein Gemengsei zweier nicht misch- l)arer Flssigkeiten, wie Wasser und Oel, sondern besteht aus einer Verbindung fester, organischer Substanztheilchen mit reichlichem Wasser. Damit sind aber auch ganz andere physikalische Bedingungen gegeben (vergleiche den Abschnitt ber Molecularstructur. S. 49). Die dritte von den oben aufgefhrten Lehren oder die F i 1 a r - theorie ist an den Namen von Flemming (II. 10) geknpft. Bei der Untersuchung vieler Zellen im lebenden Zustand (Knorpel-, Leber-, Bindegewebs-, Ganglienzellen etc.) beobachtete Flemming im Proto- plasma (Fig. 6) feinste Fdchen, die etwas strker lichtbrechend sind, als die sie trennende Zwischensubstanz. In manchen Zellen sind die Fdchen krzer, in anderen lnger; bald sind sie sprlicher, bald f^-f reichlicher vorhanden. Ob sie von einander (; vr| h'-^' j^^% getrennt sind und durchweg an einander vor - ^ ...a -< beilaufen, oder ob sie sich zu einem Netz verbinden, konnte nicht bestimmt entschieden werden; wollte man sie sich aber auch zu einem Netz verbunden denken, so wrden die Maschenrume sehr ungleich weit ausfallen. Fig. e. Lebende Knor- Flemming nimmt daher im Protoplasma zwei peizeiie der Salamander- verschiedene Substanzen an, ber deren che- ^^'f'7^' stark vergrossert, . , T.T j^ 1 I i i. i. 1 mit deutlicher Filarsub- mische Natur und deren Aggregatzustand er g^anz (nach Flemming). sich nicht nher ussert: eine Fdchensub- Aus Hatschek Fig. 2. stanz und eine Zwischensubstanz, oder eine Filar- und Interfilarmasse. (Mitom und Paramitom.) Welche Be- deutung dieser Structur zukommt, worber sich zur Zeit noch gar nichts aussagen lsst, muss der Zukunft anheimgegeben werden. In dem Abschnitt Protoplasmastructur" knnte auch auf die strahlige Anordnung des Protoplasma, wie sie auf gewissen Stadien der Kerntheilung vorbergehend beobachtet wird, oder auf das streifige Aussehen, welches das Protoplasma secretorischer Zellen so hufig zeigt, nher eingegangen werden. Da es sich aber hier um Structuren bandelt, die durch besondere Verhlt- nisse verursacht werden, wollen wir erst an spterer Stelle auf sie zurck- kommen. In einer vierten Pachtung endlich bewegen sich wieder die Bestre- bungen Altmanns (IL 1), eine feinere Zusammensetzung des Protoplasma nachzuweisen (Granula theorie). Dieser Forscher hat durch Aus- bildung besonderer Methoden im Zellenleib kleinste Theilchen sichtbar gemacht, die er als Granula bezeichnet. Er conservirt die Organe in einem Gemisch von 5 " o Lsung von Kaliumbichromat und von 2 ^ oiger Ueberosmiumsure und frbt die von ihnen angefertigten feinen Schnitte mit Surefuchsin, wobei die Frbung durch alkoholische Pikrinsurelsung schrfer dilferenzirt wird. In einer farblosen Grandsubstanz werden bei diesem Verfahren zahlreiche, kleinste, dunkelroth gefrbte Krnchen sicht- bar gemacht, die entweder isolirt bald dichter, bald lockerer neben einander liegen oder in Reihen zu Fden verbunden sind. Altmann knpft an diesen Nachweis eine weittragende Hypothese. Er erblickt in den Granula noch kleinere Elementarorganismen, aus denen die Zelle selbst wieder zusammengesetzt ist; er nennt sie die 22 Zweites Capitel. 13 i u b 1 u s t e 11 , schreibt ihnen den Bau eines organisirten Krystalls zu und betrachtet sie fr ^leich^velthig den Mikroorganismen, die sich auch als Einzeleleinente in Hauten zu einer Zoogloea oder der Reihe nach in Fden anordnen. Wie in der Zoogloea die einzelnen Individuen durch eine gallertartige Ausscheidungssubstanz ihres Krpers mit einander verbunden und zugleich von einander getrennt sind, so drfte dies auch bei den Granulis der Zelle der Fall sein ; auch hier werden wir in der Umgebung- derselben nicht nur Wasser oder Salzlsung als vorhanden annehmen drfen, sondern ebenfalls eine mehr gallertartige Sulistanz (Intergranularsubstauz), deren Consistenz in manchen Fllen bis an den flssigen Zustand heran- reichen, in andern aber ziemlich derb sein wird. Fr den ersten Fall spricht die grosse Beweglichkeit, die manchem Protoplasma eigen ist. Huft sich die Intergranularsubstanz irgendwo in der Zelle ohne Granula an, so vermag sie hier ein echtes Hyaloplasma zu bilden, welches frei von lebenden Elementen ist, darum auch den Namen eines Protoplasma nicht verdient." Altmaiin definirt daher das Protoplasma als eine Colonie von Bio- blasten, deren einzelne Elemente, sei es nach Art der Zoogloea, sei es nach Art der Gliederfden, gruppirt und durch eine indifferente Substanz verbunden sind". Der Bioblast ist daher die gesuchte morphologische Einheit aller organisirten Materie , von welcher alle biologischen Er- wgungen in letzter Instanz auszugehen haben." Doch ist der Bioblast der Zelle keines isolirten Lebens fhig, er stirbt mit der Zelle ab. In. ihr aber, so nimmt Altmann an, vermehrt er sich nur durch Theilung. (Omne granuluni e granulo.) Gegen die Altmann'sche Hypothese, soweit sie sich auf Deutung beobachteter Verhltnisse bezieht, lassen sich manche Einwnde erheben. 1. Die kleinsten Mikroorganismen einer Zoogloea sind durch vielfache Uebergnge in der Grsse mit grsseren Spross- und Hefepilzen verbunden, die ihrem Bau nach von Zellen nicht zu unterscheiden sind und daher nach Altmann auch Colonien von Bioblasten sein mssten. Auch hat Btschli bei grsseren Mikroorganismen eine Sonderung in Kern und Protoplasma und damit die Uebereinstimmung im Bau mit anderen Zellen wahrscheinlich gemacht. Die Geissein, die bei vielen Mikro- organismen nachgewiesen sind, mssen auch als Zellorgane gedeutet werden. 2. Ueber die Beschaffenheit und Aufgabe der Granula in der Zelle sind wir noch viel zu wenig aufgeklrt, als dass sich nur irgend- wie die Schlussfolgerung rechtfertigen Hesse, durch welche sie zu den eigentlichen Lebenselementen der Zelle erhoben werden. Durch die Altmann'sche Hypothese wird der Werth, welchen man den Zellsub- stanzen bisher zuertheilt hat, vollstndig umgekehrt. Altmanii's Inter- granularsubstanz, welche ihrem physiologischen Werth nach der Gallerte der Zoogloea gleich geschtzt wird, ist im Wesentlichen das Protoplasma der herrschenden Zellentheorie, also die Substanz, welche als die wich- tigste Grundlage der Lebensprocesse betrachtet wird; die Granula da- gegen gehren zum Theil wohl in die Kategorie der Protoplasmaeinschlsse, denen man bisher eine minder bedeutungsvolle Rolle zuertheilt hat. So bezeichnet Altmann in der Pigmentzelle die Melaninkrnchen als die Bio- blasten, das sie verbindende Protoplasma als Intergranularsubstanz. Ebenso kehrt Altmann beim Kern, wie bei der Beschreibung desselben hervorgehoben werden wird, den physiologischen Werth der Substanzen vollstndig um, indem seine Granula im" Kernsaft enthalten sind, die Intergranularsubstanz aber dem chromatiuhaltigen Kernnetz entspricht. Die chemisch-physikalischen u. morphologischen Eigenschaften der Zelle. 23 Mit (leii) Worte Granula hat nach unserer Auffassung Altniann Gebilde von sehr verschiedenem morphologischen Werth, die zum Theil in die Kategorie der Protoplasmaprodukte gehren, zusammengefasst. Ihre Untersuchung durch neue Methoden zugnglicher gemacJit zu haben, wird das Hauptverdienst der auf sie bezglichen Arbeiten von Altmann bleiben, whrend die auf sie gegrndete Bioblastentheorie sich wenig Anhnger erworben haben drfte. (Man vergleiche auch den Schluss des neunten Capitels.) e) Gleichartigkeit des Protoplasma als Substanz, Verschiedenheit der Zellkrper. Im ganzen Organismenreich tritt uns das Protoplasma als eine im Wesentlichen gleichartig aussehende Substanz entgegen. Mit unseren jetzigen Untersuchungsmitteln sind wir nicht in der Lage, zwischen dem Protoplasma einer thierischen Zelle oder einer Pflanzenzelle oder eines einzelligen Organismus irgend welche durchgreifende Unterschiede aus- findig zu machen. Diese Gleichartigkeit ist naturgemss nur eine schein- bare , nur eine auf der Unzulnglichkeit der Untersuchung beruhende. Denn da in jedem Organismus der Lebensprocess sich in einer ihm eigenthmlichen Weise abspielt, das Protoplasma aber, abgesehen vom Kern, der hauptschliche Sitz der einzelnen Lebensprocesse ist, so mssen Verschiedenheiten derselben auch in Verschiedenheiten der stofflichen Grundlage, also des Protoplasmas, begrndet sein. Wir mssen also zwi- schen dem Protoplasma der verschiedenen Organismen Unterschiede in der stofflichen Zusammensetzung und in der Structur in der Theorie voraus- setzen. Wahrscheinlich liegen aber diese wichtigen Unterschiede schon auf molecularem Gebiete. Trotz gleichartigen Aussehens des Protoplasma knnen dagegen die einzelnen Zellkrper, von denen das Protoplasma ja nur einen grsseren oder geringeren Bestandtheil ausmacht, als Ganzes genommen sehr ver- schiedenartige Anblicke darbieten. Theils rhrt dies von der usseren Form, hauptschlich aber davon her, dass in das Protoplasma bald diese, bald jene Stoffe in einer von ihm unterscheidbaren Weise abgelagert sind. Zuweilen kann dies in solcher Masse geschehen, dass der ganze Zellkrper fast allein aus solchen, dem Protoplasma in anderen Fllen fehlenden Stoffen zu bestehen scheint. Denken wir uns die letzteren entfernt, so entstehen naturgemss in dem Zellkrper zahlreiche grssere und kleinere Lcken, zwischen denen die protoplasmatische Grundlage der Zelle als ein zuweilen ausserordentlich feines Fach- und Gerstwerk zu Tage tritt. Dieses darf nicht, wie schon hervorgehoben wurde (S. 18), mit der netzfrmigen Anordnung verwechselt werden, welche nach der Annahme mancher Forscher der protoplasmatischen Substanz als solcher zukommen soll und im Capitel Protoplasmastructur" besi)rochen wurde. Man hat fr die im Protoplasma eingeschlossenen Substanzen die Namen Deutoplasma (van Beneden) oder Paraplasma (Kupffer IL 24) vorgeschlagen. Da man al)er mit dem Wort Plasma doch immer die Vorstellung einer Eiweisssubstanz verbindet, die Einschlsse alier auch aus Fett, Kohlenhydraten, Saft und manchem Anderen bestehen knnen, drfte sich der Gebrauch jener beiden Bezeichnungen nicht empfehlen, und es ist besser, anstatt dessen entweder allgemein von inneren Plasmapr od ucten und Zelleinschlssen oder, je nach ihrer Bedeutung, von Reserve- und Secret Stoffen oder speciell von 24 Zweites Capitcl. Dotterplilttclien , Fetttropfen, Strkekrnern , rignientkrnchen etc. zu reden. Zwischen dem Protoplasma und den Substanzen, die als Zellein- schlsse zusaninien.uefasst werden knnen, besteht ein hnlicher Unter- seliied, wie zwischen den Stoffen, die die Organe unseres Krpers aus- machen, und den Stoffen, die erstens als Nahrung in unseren Krper aufgenommen werden und zweitens in flssigem Zustande als Ernhrungs- saft durch alle Organe circuliren. Die ersteren, welche vom jeweiligen p]rnhrungszustand des Krpers weniger abhngig und geringerem Wechsel unterworfen sind, nennt man in der Physiologie D a u e r s t o f f e , die letzteren Verbrauchsstoffe. Dieselbe Unterscheidung ist auch fr die den Zell- krper zusammensetzenden Substanzen anwendbar. D a s P r o t o p 1 a s m a ist ein Dauerstoff, dagegen die in ihm eingeschlossenen Substanzen seine Verbrauchsstoffe. f) Verschiedene Beispiele fr den Bau des Zellkrpers. Nach der vorausgegangenen Orientirung ber die chemisch-physi- kalischen und morphologischen Eigenschaften des Zellkrpers sollen einige besonders prgnante Beispiele dazu dienen , das im Allgemeinen Ausgefhrte noch anschaulicher zu machen. Zu dem Zwecke vergleichen wir niedere einzellige Organismen, pflanzliche und thierische Zellen und whlen zunchst solche Beispiele, bei denen der Krper fast ausschliesslich aus Protoplasma besteht, und zweitens Beispiele, in denen der Zell- krper mit diesen oder jenen Einschlssen beladen und dadurch in seinem Aussehen erheblicher verndert ist. Wichtige Objecte fr das Studium des Zellkrpers bilden im Wasser und in feuchter Erde lebende, einzellige Organismen, wie Amben, Schleimpilze und Khizopoden, ferner Lymphkrperchen und weisse Blut- krperchen der Wirbelthiere, junge Pflanzenzellen. 1) Zellen, deren Krper fast ausschliesslich aus Protoplasma besteht. Eine Ambe (Fig. 7) ist ein kleines Klmpchen von Protoplasma, das gewhnlich an seiner Oberflche einige kurze, lappige Fortstze (Pseudopodien oder S c h e i n f s s c h e n) nach aussen hervorstreckt . Der Krper ist vollstndig nackt, das heisst, er ist gegen die umgebenden Medien nicht durch eine besondere dnne Hlle oder Membran abge- grenzt; nur ist die oberflchlichste Schicht des Protoplasma (Haut- s Chi cht) (eh) frei von Krnchen und daher glasartig durchsichtig, in grsserer Ausdehnung namentlich an den lappigen Scheinfsschen; unter dem Hautplasma folgt das dunklere und flssigere Krnerplasma (en), in welchem auch der blschenfrmige Zellenkern (n) eingeschlossen ist. Grosse Aehnlichkeit mit einer Ambe zeigen die weissen Blut- krperehen und die Lymphkrperchen der Wirbelthiere, nur dass sie sehr viel kleiner sind. (Fig. 8.) Frisch dem lebenden Thiere entnommen, stellen sie mehr oder minder runde Protoplasmaklmpchen dar mit einer kaum wahrnehmbaren hyalinen Hautschicht und einer krnigen Innenmasse, in deren Mitte der Kern im frischen Zustand nur undeutlich, oft gar nicht wahrzunehmen ist. Nach einiger Zeit streckt das Krperchen den Scheinfsschen der Amben vergleichbare Fortstze an seiner Oberflche hervor. Die chemisch-physikalischen u. morphologischen Eigenschaften der Zelle. 25 Fig. 7. Fig. 8. Fig. 7. Ainba proteus. Nach Leidy. Aus R. Hertwig Fig. 16. n. Kern. cv. Coutractile Yacuole. N. Nahrungsballen, en. Krnerplasma, eh. Hautplasma. Fig. 8. Ein Leukocyt des Frosches, in dem ein Bakterium einge- schlossen ist und verdaut wird. Das Bakterium durch Vesuvin gefrbt. Die beiden Figuren reprsentiren 2 Stadien der Bewegung ein- und derselben Zelle. Nach Metschnikoff Fig. 54. Unter sehr abweichender Form erscheint dagegen der gleichfalls nackte Protoplasma- krper derMyxomyceten oderRhizo- p d e n. Der bei uns bekannteste Schleimpilz, welcher die Lohblthe bildet, das Aethalium septiciira, berzieht whrend seines vegetativen Zustandes als zusammenhngende dnne Protoplasmaschicht ( P 1 a s m o d i u m) die Ober- flche der Gerberlohe in grosser Ausdehnung. Ein ilnii verwandter Schleimpilz ist das Chondrioderma, von welchem ein kleines Stck des Piandes in Fig. 9 abgebildet ist. Nach dem Rande zu lst sich das Plas- modium in zahlreiche Protoplasmafden auf, die theils dicker, theils ungemein fein sind und sicli unter einander zu einem zierlichen Netzwerk verbinden. Auch hier lassen dickere Fden eine dnne Schicht von homogenem Hautplasma und darin eingesclilossenem Krner- plasma erkennen, whrend an den feineren F- den eine solche Unterscheidung nicht mglich ist. In der zuweilen sehr umfangreichen Proto- plasmamasse finden sich sehr zahlreiche, kleinste Zellkerne berall vertheilt. Unter den Rhizopoden , welche in sehr verschiedenen Arten im sssen und salzigen Fig. 9. Chondrioderma difforme. Nach Stras- BRGEK. / Theil eines lteren Plas- modiums, a trockene Spore. b Dieselbe imWasser quellend. c Spore mit austretendem In- halt, d Zoospore, e aus Um- wandlung der Zoospore her- vorgegangene Ambe)i , die sich zum Plasmodium zu ver- einen anfangen. (Bei d und e Kern u. contractile Vacuolen zu sehen.) 26 Zweites Capitel. i \ 11 Wasser vorkoininen, ist ein durch Max Scliultze's Untersuchungen (I. 29) besonders berhmt gewordenes Object, die Gromia oviforniis ^ (Fig. 10). Der krnige, mit \\ i \ \ einigen kleinen Zellkernen versehene Protoplasniakrper fllt theils ein ovales Gehuse aus, das an einem Pol eine weite Oeffnung trgt, theils dringt es an letzterer nach aussen hervor und berzieht die Oberflche des Gehuses in dnner Schicht. War der Organismus nicht gestrt wor- den, so strahlen vom herausge- tretenen Protoplasma feinste Fdchen (Pseudopodien) oft von erstaunlicher Lnge nach allen Richtungen in"s Wasser aus ; manche gabeln sich, an- dere lsen sich in zahlreichere Fdchen auf oder sendeu Seitenzweige ab, durch welche sie sich mit lienachbarten Pseudopodien verbinden. / k n\n mS^. \\\ \\>^v--v-- nf I \! m\\\ / // Fig. 10. SCHDLTZE. Gromia oviformis. Nach M. Die so eigenthmliche Kr- persubstanz der eben beschrie- benen niedersten Organismen wurde von D u j a r d 1 n als Sar- code bezeichnet, da sie wie die Muskelsubstanz hherer Thiere Bewegungen ausfhren kann. Unter dem Eindruck der S ch lei- den- Seh wann' sehen Zellen- theorie suchte man an der Sar- code eine Zusammensetzung aus kleinstenZellen nachzuweisen und in dieser Weise die Sarcode- organismen dem Zellenscbema zu unterwerfen, bis in ganz anderer Richtung die Lsung gefunden wurde. Forscher wie Cohn (1.7), Unger verglichen zuerst die Sarcode wegen der Gleichartigkeit ihrer Lebens- erscheinungen dem protoplas- matischen Inhalt einer Pflanzen- zelle. Durch Max Schnitze (L 29), de Bary (L 2) und Haeckel (L 10) wurde die Identitt von Sarcode und Protoplasma der thierischen und pflanzlichen Zellen ber allen Zweifel festgestellt und namentlich von dem erstgenannten Forscher zu der oben schon beschriebenen Reform der Zellentheorie und zur Begrndung seiner Protoplasmatheorie (siehe S. 7) benutzt. Die chemisch-physikalischen u. morphologischen Eigenschaften der Zelle. 27 In den Amben, Lymphzellen, Schleimpilzen und Rhizopoden lernten wir nackte Zellkrper kennen; bei Pflanzen und Thieren dagegen sind die Zellkrper, bei ersteren fast stets, bei letzteren sehr hufig in eine deutlich unterscheidbare, zuweilen sehr dicke und feste Substanz (Mem- bran, Intercellitlarsubstanz) eingehllt und stellen dann mit ihr zusammen ein Kmmerchen oder eine Zelle in des Wortes eigentlichster Bedeutung dar. Als Beispiele dienen junge Zellen aus der Nhe des Vegetations- punktes einer Pflanze und Knorpelzelleu einer Salamanderlarve. An den Vegetationspunkten der Pflanzen (Fig. 12 A) sind die Zellen, die sich hier lebhaft vermehren, sehr klein und thierischen Zellen sehr hnlich. Sie werden von einander nur durch sehr dnne Cellulosewnde abgegrenzt. Die kleinen Hohlrume werden vollstndig vom Zellkrper ausgefllt, der, vom Kern und von Chlorophyllbildern abgesehen, /-- \ nur aus feinkrnigem Protoplasma besteht. Die K n r p e 1 z e 1 1 e n junger Salamander- larven empfiehlt Flemming als das sicherste und beste Object, an welchem sich Protoplasma- structuren im lebenden Zustand studiren lassen. Der Zellkrper, welcher whrend des Lebens wie bei den jungen Pflanzenzellen die Fig. ii. Lebende Knor- Hhle im Innern der Knorpelgrundsubstanz pelzelle der Salamander- 03117 ausfllt ist von ziemlich stark licht- larve, stark vergrossert, ganz ausiuiii, isi von ziemuLn sicirK ncui mit deutlicher Farsub- brechenden Faden von weniger als 1 ^i Durch- g^anz (nach Flemming). messer und gewundenem Verlauf durchzogen; Aus Hatschek Fig. 2. sie sind meist um den Kern dichter angeordnet und zugleich mehr wellig verschlungen; die Peripherie der Zellen wird bald von Fden ganz oder fast freigelassen, bald auch nicht, zuweilen sind sie hier selbst recht dicht." 2) Zellkrper, die in ihrem Protoplasma zahlreiche und verschiedene Einschlsse enthalten. Bei Pflanzen und einzelligen Organismen schliesst das Protoplasma sehr hufig Flssigkeitstropfen ein, in denen Salze, Zucker und Albumi- nate in gelstem Zustand (circulirendes Eiweiss) enthalten sind. Je mehr wir uns von den Vegetationspunkten einer Pflanze, wo die oben beschriebenen kleinsten, rein protoplasmatischen Elementartheile angehuft sind, weiter entfernen (Fig. 12 ^), um so mehr vergrssern sich unter betrchtlicher Verdickung der Cellulosemembran die einzelnen Zell- kammern (C) und erreichen oft mehr als das lOOfache ihrer ursprnglichen Grsse. Dieses Wachsthum beruht indessen zum kleinsten Theile auf einer erheblichen Vermehrung des Protoplasmakrpers. Nie wird man den Raum einer so grossen Pflanzenzelle ausschliesslich von krnig- schleimiger Substanz ausgefllt sehen. Die Vergrsserung der Zelle wird vielmehr hauptschlich dadurch herbeigefhrt, dass der ursprnglich kleine Protoplasmakrper an der Vegetationsspitze Flssigkeit aufnimmt und als Zellsaft in seinem Innern in kleinen Hohlrumen, den Va c u o 1 e n , abscheidet. Er gewinnt dadurch ein schaumiges Aussehen (Fig. 12 B, s). Von einer Protoplasmaanhufung, in welcher der Kern liegt, gehen dickere und feinere Protoplasmahutchen aus, welche als Scheidewnde die einzelnen Saftrume von einander trennen und sich an der Oberflche zu einer zusammenhngenden Wandschicht (Primordial schlauch) 28 Zweites Capitel. verbinden , welclie sich der Innenflche der vergrsserten und durch Wadisthuni verdickten Cellulosenicnibran (h) anschmiegt. Hiervon lassen sich zwei verschiedene Zustnde ableiten, welche die ausgewachsene Pflanzenzelle darl)ietet. Durch weitere Verinehmng des Zellsaftes werden die Vacuolen vergrssert und die Scheidewnde ver- diuint. Letztere reissen endlich theilweise ein, so dass die einzelneu Saft- runie sich durch Oefthungen in Verbindung setzen und einen einzigen zu- sannnenhngenden Saftrauni bilden. Der Protoplasmakrper hat sich mit- hin jetzt umgewandelt in eine ziemlich dnne, der Cellulosemembran anliegende Schicht und mehr oder minder zahlreiche Protoplasmabalken und Fden, welche den einheitlichen grossen Flssigkeitsraum durchsetzen. (Fig. 12 C rechts u. Fig. 13.) In anderen Fllen endlich sind auch diese Protoplasmabalken im Innern der Zelle geschwunden. Der Proto- plasmakrper besteht dann einzig und allein noch aus einem dnnen C B kk- j^ p Fig. 12. Parenehymzellen aus der mittleren Schicht der "Wurzelrinde von Fritillaria imperialis ; Lngsschnitte, nach SOmaliger Vergrsserung. Nach Sachs (II 33) Fig. 75. A dicht ber der Wiirzelspitze liegende, sehr junge Zellen, noch ohne Zellsaft; B die gleichnamigen Zellen etwa 2 Millimeter ber der Wurzelspitze, der Zellsaft s bildet im Protoplasma p einzelne Tropfen, zwischen denen Protoplasmawnde liegen; C die gleichnamigen Zellen etwa 7 8 Millimeter ber der Wurzelspitze; die beiden Zellen rechts unten sind von der Vordei-flche gesehen, die grosse Zelle links unten im optischen Durchschnitt gesehen; die Zelle rechts oben durch den Schnitt geffnet; der Zellkern lsst unter dem Einfluss des eindringenden Wassers eine eigenthmliche Quellungserscheinung wahrnehmen {x y). k Kern. kJc Kern- krper, h Membran. Die chemisch-physikalischen u. morphologischen Eigenschaften der Zelle. 29 Schlauch, welcher die Innenflche des Kmmerchens, um einen Ausdruck von Sachs (IL 33) zu gebrauchen, wie eine Tapete die Zinimerwand bedeckt und einen einzigen grossen Saftraum einschliesst. (Fig. 12 C links untere Zelle u. Fig. 59.) In. sehr grossen Zellen ist dieser Schlauch zuweilen so dnn, dass man ihrr, vom Zellkern abgesehen , selbst bei starker Vergrsserung kaum wahrnimmt und dass man, um ihn klar zur Anschauung zu bringen, besondere ntersuchungsmethoden anwenden muss. Das sind die Elementartheile , an deren Studium sich die lteren Forscher wie Treviranus, Schieiden und Schwann ihre Vorstellung vom Wesen der Zelle gebildet hatten. Kein Wunder daher, wenn sie in der Zellenmembran und dem Kern die wesentlichen Zellentheile erblickten, die Bedeutung des Protoplasma aber ganz bersahen. Dass letzteres auch in der Pflanzenzelle der eigentliche lebende Krper ist und ohne Zu- sammenhang mit der Membran zu leben vermag, ist durch folgende Beobachtung, die in der Geschichte der Zellentheorie eine grosse Rolle gespielt hat (I. 7) , ber jeden Zweifel sicher zu stellen. Bei vielen Algen (Oedogonium, Fig. 14) lst sich der gesammte Protoplasma- krper zur Zeit der Fortpflanzung von der Cellulosewand ab, zieht sich unter Auspressung von Flssigkeit zu einem geringeren Volumen zusammen. 1 ; m Fig. 13. Fig. 14. Fig. 13. Eine Zelle aus einem Staubfadenhaar von Tradescantia virginica. Vergr. 240. Nach Strasbrgee, Botanisches Praktikum Fig. 23. Fig. 14. Oedogonium in Zoosporenbildung. Nach Sachs. Aus K. Hertwig, Zoologie Fig. 110. A ein Stck des Algenfadens mit ausschlpfendem Zellinhalt. C aus dem Inhalt hervorgegangene Zoospore. D Zoospore festsitzend in Keimung. so dass er den Kammerraum nicht mehr ganz ausfllt, und bildet eine bald kugelig, bald oval gestaltete nackte Schwmispore (A). Diese sprengt nach einiger Zeit ihre alte Hlle, schlpft durch die entstandene Oeffnung ins Freie und bewegt sich im Wasser mit Wimpern (XJ), die sie auf ihrer Oberflche hervorgetrieben hat, ziemlich geschwind fort, um nach einiger Zeit zur Ruhe zu kommen (D) und auf ihrer Oberflche eine neue zarte Membran auszuscheiden. So hat die Natur selbst uns den besten Beweis geliefert, dass der Protoplasmakrper an sich der eigent- liche lebendige Elementarorganismus ist. 30 Zweites Capitel. Eine ebenso reiche Vaeuolenbilduno; und Saftabseheidun.; , wie sie sich in PHanzenzellen findet, zeipt uns zuweilen auch das hllenlose Protoplasma niederer, einzelliger Organismen, namentlich einzelner Rhizo- ])oden und Radiolarien. So bietet ua^ der in Figur 15 dargestellte Krper eines Actinosphrium ein vllig^schaumiges Aussehen dar, hnlich einem durch Schlagen hergestellten feinen Eiweiss- oder Seifenschaum. Zahllose kleinere und grssere, mit Flssigkeit erfllte Vacuolen durch- setzen den ganzen Krper und sind nur durch feine, zuweilen kaum messbar dicke Scheidewnde von Protoplasma getrennt, das aus einer homogenen Grundsubstanz mit eingebetteten Krnchen besteht. Ka cv R Na :ti^w^^ri..> M Fig. 15. Actinosphrium Eichhorni. Nach R. Hertwig, Zoologie Fig. 117. M Marksubstanz mit Kernen {n). U Rindensubstanz mit contractilen Vacuolen {cv\ Na Nahrungskrper. Durch die Yacuolenbildung wird der Protoplasmakrper aufgelockert und werden Flchen in ihm geschaffen, an denen die Protoplasma- theilchen in unmittelbare Wechselwirkung zu der in den Vacuolen enthaltenen Nhrlsung treten knnen. Durch die ganze Einrichtung wird offenbar die Stoffaufnahme und Abgabe ungemein erleichtert. Sie kann als innere Oberflchenvergrsserung der usseren Oberflchenver- grsserung gegenbergestellt werden, welche sich uns in der Bildung reichverzweigter Pseudopodien (Fig. 10) darbietet und wohl dem gleichen Zwecke dient. Im Gegensatz zu den pflanzlichen Zellen findet in den thierischen Elementartheilen Yacuolenbildung und Saftausscheidung ausserordentlich selten, wie z. B. in den Chordazellen, statt ; dagegen werden hier hufiger Einschlsse gebildet, die einen gequollenen oder festen Aggregatzustand darbieten, Glycogen- und Schleimtropfen, Fettkugeln, Eiweissschollen etc. Wenn dieselben sehr reichlich und zahlreich entwickelt sind, so kann Die chemisch-physikalischen u. morphologischen Eigenschaften der Zelle. 31 im Zellkrper das Protoplasma auch zu einem Schaumwerk, wie bei einem Aetinosphrium (Fig. 15) oder einem Netzwerk, wie in der Tra- descantiazelle (Fig. 13) umgewandelt sein, nur dass die Zwischenrume anstatt mit Saft mit dichteren Sub^nzen erfllt sind. Die schnsten Beispiele bieten uns manche Arten thieriscber Eizellen. Die ganz ausserordentliche Grsse, welche dieselben in manchen Fllen erreichen, beruht weniger auf einer Zunahme von Protoplasma, als viel- mehr auf einer Ablagerung chemisch sehr verschiedenartiger, bald ge- formter, bald ungeformter Reservestoffe, die fr sptere Yerwerthung im Stoffwechsel der Zelle bestimmt sind. Oft scheint die Eizelle fast ganz aus ihnen zu bestehen. Das Protoplasma fllt nur die kleinen Lcken zwischen ihnen aus, wie der Mrtel zwischen den Steinen eines Mauer- werks (Fig. 16); auf dem Durchschnitt durch ein Ei erscheint es als ein zartes Netzwerk, in dessen kleineren und grsseren Maschen die Reserve- stoffe liegen. Nur an der Oberflche des Eies und in der Umgebung des Keimblschens findet sich Protoplasma als eine dickere, zusammen- hngende Schicht. kb Fig. 16. Fig. 17. Fig. 16. Eben befruchtetes EL von Aacaris megalocephala. Nach VAN Ben'eden. Aus 0. Hertwig Fig. 22. sk Eingedrungener Samenkrper mit dem Samenkern. / Fettglnzende Substanz des Samenkrpers, kb Keimblschen. Fig. 17. Becherzelle aus dem Blasenepithel von Squatina vulgaris, in Mller'seher Flssigkeit erhrtet. Nach List Taf. I, Fig. 9. Ein zweites Beispiel eines schnen, durch Stoffeinlagerung hervor- gerufenen, protoplasmatischen Gerstwerks bieten uns die Schleimzellen der Wirbeltbiere (Fig. 17) und wirbellosen Thiere dar. Sie lassen einen der Epitheloberflche zugewandten, ausgeweiteten und einen engeren, basalen Abschnitt unterscheiden. Der erstere besteht hauptschlich aus homogener, glnzender Secretmasse, der mucigenen Substanz, die aus dem Becher durch eine kleine Oeffnung am freien Ende desselben zeitweise entleert und in Schleim umgewandelt wird. Das Protoplasma durch- setzt in feinen Fden, die sich zu einem weitmaschigen Netzwerk ver- binden, die Secretmasse und bildet nur im Fusstheil der Zelle einen corapacteren Krper, in welchem dann auch der Kern eingeschlossen ist. II. Die chemisch-pliysikalischen und morpliologischen Eigen- schaften des Zellenkerns. (Nucleus.) Ebenso wichtig wie das Protoplasma ist fr das Wesen der Zelle der Zellenkern; derselbe wurde 1833 von Robert Brown (I. 5) in Pflanzen- 32 Zweites Capitel. Zellen zuerst entdeckt; bald daiauf machten ihn Schieiden (I. 28) und Sdnvann (I. 31) zum Mittelpunkt ihrer Theorie der Zellenbildung. Dann trat das Studium des Zellenkerns eine Zeit lang in den Hintei-grund, als man mit den interessanten Lebenserscheinungen des Protoplasma nher liekaunt wurde. Erst im Laufe der letzten 20 Jahre ist eine Entdeckung der andern auf dem Gebiet der Kernlehre gefolgt und hat das vernach- lssigte Gebilde dem Protoplasmakrper des Elementarorganismus als gleich werthig erscheinen lassen. Li der Geschichte des Zellenkerns lsst sich eine gewisse Analogie mit der Geschichte der Zellentheorie nicht verkennen. Auch den Zellen- kern fasste man zuerst als ein Blschen, ja geradezu als eine kleinere Zelle in der grsseren Zelle auf. Wie man dann in der Zelle das Protoplasma als die lebensthtige Substanz beurtheilen lernte, so sah man spter auch beim Kern ein, dass die Form des Blschens etwas Neben- schliches sei, dass die Lebensthtigkeit des Kerns vielmehr an gewisse Substanzen gebunden ist, die im Kernraum enthalten sind und uns in sehr verschiedener Anordnung im ruhenden und thtigen Zustand ent- gegentreten knnen. Richard Hertwig (IL 18) hat diesen Gesichtspunkt in einer kleinen A])handlung Beitrge zu einer einheitlichen Auffassung der verschiedenen Kernformen" zuerst klar ausgesprochen in den Worten: Als den wich- tigsten Punkt fr eine einheitliche Beurtheilung der verschiedenen Kern- formen muss ich gleich am Anfang meiner Betrachtungen hervorheben, dass sich bei allen Kernen eine gewisse stofli'liche Uebereinstimmung er- kennen lsst. Ob wir nun Zellkerne von Thieren, Pflanzen oder Pro- tisten untersuchen mgen, stets finden wir, dass sie mehr oder minder von einer Substanz gebildet werden, welche ich im Anschluss an frhere Autoren als Kernsubstanz" (Nuclein) bezeichnen werde. Von der Cha- rakteristik dieser Substanz mssen wir ausgehen, ebenso wie derjenige, welcher das Wesentliche der Zelle schildern will, zunchst mit der Zell- substanz oder dem Protoplasma beginnen muss." Wir definiren daher jetzt den Kern nicht mehr im Sinne von Schieiden und Schwann als ein kleines Blschen in der Zelle, sondern als ein vom Protoplasma unterschiedenes und in ge- wissem Grade abgesondertes Quantum eigenthmlicher Kernsubstanzen, welche in sehr verschiedenartigen Form- zustnden sowohl im ruhenden, als auch im activen Zu- stand bei der Theilung auftreten knnen. Wir betrachten nach einander die Form, die Grsse und die Zahl der Kerne in einer Zelle, alsdann die im Kern enthaltenen Substanzen und ihre verschiedenartige Anordnungsweise (die Kernstructur). a) Form, Grsse und Zahl der Kerne. Gewhnlich erscheint uns der Kern in pflanzlichen und thierischen Zellen als ein mitten in der Zelle gelegener, kugeliger oder ovaler Krper (Fig. 1, 2, 6, 16). Da derselbe hufig reicher an Flssigkeit ist, als das Protoplasma, lsst er sich von letzterem auch in dem lebenden Oliject als ein heller, matt contourirter Fleck, als ein Blschen oder als Vacuole unterscheiden. Das ist aber nicht immer der Fall. An vielen Objecten, Lymphkrperchen , Zellen der Hornhaut, Epithelzellen der Kiemenblttchen von Salamanderlarven ist der Kern im lebenden Zustand nicht zu beobachten, wird aber sofort beim Absterben der Zelle oder Die chemisch-physikalischen u. morphologischen Eigenschaften der Zelle. 33 bei Zusatz von destillirtem Wasser oder von verdnnten Suren in Folge eintretender Gerinnung deutlich. Bei manchen Zellarten und niederen Organismen bietet uns der Kern sehr abweichende Formen dar. Bald bildet er ein Hufeisen (manche In- fusorien), bald einen langen, mehr oder minder gewundenen Strang (Vorti- cellen), bald ist er ein reich verstelter Krper, der die Zelle nach den verschiedensten Richtungen durchsetzt (Fig. 18 B u. C). Letztere Kern- form kommt namentlich in den grossen Drsenzellen vieler Insecten vor (in den Malpighi'schen Rhren, Spinn- und Speicheldrsen etc.), ebenso in Drsenzellen von Phronima, einer Crustacee. Fig. 18. Nach Paul Mavek. Aus Korschelt Fig. 12. A Ein Stck vom siebenten Bein einer jungen Phronima von 5 mm Lnge. Vergr. 90. B Ein Stck des sechsten Beines einer halb erwachsenen Phronimella. Vergr. 90. C Eine Zellgruppe der Drse im sechsten Bein von Phronimella. Nur in zwei Zellen ist der Kern eingezeichnet. Vergr. 90. Die Grsse, welche ein Kern erreicht, steht in der Regel in einer gewissen Proportion zu der Grsse des ihn umhllenden Protoplasma- krpers. Je grsser dieser ist, um so grsser ist der Kern. So finden sich in den grossen Ganglienzellen der Spinalknoten auffallend grosse, blschen- frmige Kerne. Ganz riesige Dimensionen aber erreichen dieselben in un- reifen Eizellen und zwar in einem ihrer Grsse entsprechenden Maassstabe. Aus unreifen Eiern von Fischen, Amphibien und Reptilien lassen sich in Folge dessen die Kerne mit Nadeln leicht herausprpariren und voll- stndig isoliren, wobei sie mit unbewaffnetem Auge als kleine Punkte erkennbar sind. Doch sind Ausnahmen von der Regel hervorzuheben. Denn dieselben Eier, welche im unreifen Zustand so ansehnliche Kerne beherbergen, enthalten im reifen und im befruchteten Zustand einen so winzigen Kern, dass sein Nachweis mit den allergrssten Schwierigkeiten verbunden ist. Niederste Organismen besitzen, wenn sie von betrchtlicher Grsse sind, hufig einen einzigen grossen Kern; derselbe erreicht ganz riesige Dimensionen im Binnenblschen vieler Radiolarien. Was die Z a h 1 e n v e r h 1 1 n i s s e endlich betrifft, so ist bei Pflanzen und Thieren das gewhnliche , dass in jeder Zelle nur e i n Kern vor- handen ist. Einzelne Elementartheile machen davon eine Ausnahme. o Hertwig, Die Zelle und die Gewebe. ^ 34 Zweites Capitel. Leherzelleii zeigen liufi-' 2 Kerne; bis 100 Kerne und mehr sind in den Iliesonzollen des Knochenmarks, in den Osteoklasten, in Zellen mancher krankhafter Geschwlste eingeschlossen. Durch Vielkernigkeit zeichnen sich, wie Schmitz entdeckt hat, die Zellen vieler Pilze und mancher niederer Pflanzen aus, der Cladophoren (Fig. 19) und Siphoneen (Botrvdium, Vaucheria, Cauleri)a etc.). Vielkernig sind zahlreiche niederste Organismen, wie die Myxo- myceten , viele Mono- und Polythalamien , Radiolarien und Infusorien (Opalina ranarum). Die Kerne sind hier hufig so klein und in so grosser Anzahl im Protoplasma vertheilt, dass ihr Nachweis erst in jngster Zeit bei Anwendung der vervollkommneten Frbemethoden ge- glckt ist. (Myxomyeeten). p n Fig. 19. Cladophora glomerata. Eine Zelle des Fadens nach einem Chromsure - Carmin- Prparat. Nach Stkas- BRGER , Bot. Prakticum Fig. 121. n Zellkerne, cli Chro- matopliorcn , p Amylum- heerdc, a Strkekrnclien. Vergr. 540. b) Die Kernsubstanzen. In stofflicher Hinsicht ist der Zellenkern ein ziemlich zusammengesetztes Gebilde. Stets lassen sich in ihm 2, sehr hufig alier 3 bis 4 chemisch definirbare und mikroskopisch unterscheidbare Proteinsubstanzen nachweisen. Die beiden stets wiederkehrenden Substanzen sind : Nuclein oder Chromatin, und Paranuclein oder Pyrenin; zu ihnen sind meist noch hinzugesellt: Linin, Kern saft und Amphi pyrenin. Das Nuclein oder Chromatin ist die fr den Kern am meisten charakteristische und gewhnlich an Masse berwiegende Proteinsub- stanz. In frischem Zustand hnlich wie krnchen- freies Protoplasma aussehend, unterscheidet es sich von demselben in sehr prgnanter Weise namentlich durch sein Verhalten bestimmten Farb- stoffen gegenber. Nachdem es durch Reagen- tien zur Gerinnung gebracht ist, speichert es, wie zuerst durch Gerlach entdeckt worden ist, Farbstoffe aus zweckmssig hergestellten Lsungen (Lsungen von Carmin, Haematoxylin, Anilinfarben) in sich auf. Mehr noch als im ruhenden Zustand des Kerns ist dies in den Vor- stadien zu seiner Theilung und whrend der Theilung selbst der Fall. Ob es sich hierbei um chemische oder um physikalische Vorgnge han- delt, ist zur Zeit noch nicht festgestellt. Die Kunst des Frbens oder Tingirens ist jetzt schon so weit ausgebildet w^orden, dass es leicht gelingt das Nuclein des Kerns allein durch irgend eine Frbung scharf hervorzuheben, whrend der iibrige Inhalt des Kerns und der Protoplasma- krper entweder vollstndig farblos bleiben oder nur sehr wenig mitgefrbt sind. Auf diese Weise gelingt es, selbst Nucleintheilchen, die nur die Grsse eines Bacteriums etwa besitzen, in relativ grossen Protoplasmakrpern kenntlich zu machen, wie zum Beispiel die winzigen Kpfe von Samen- Die chemisch-physikalischen u. morphologischen Eigenschaften der Zelle. 35 faden oder die Chromosomen der Richtungsspindel mitten im Krper grosser Eizellen. Von grosser theoretischer Tragweite drfte vielleicht einmal die von Fol (IL 13) betonte Thatsache werden, dass die Kernfrbung aus neu- tralen Farbstoffauflsungen stets diejenige Nuance aufweist, welche die betreffende Farbe beim Zusatz geringer Mengen eines basisch reagirenden Stoffes annimmt. So geht z. B. der rothe Alauncarmin in die Lilafarbe ber , wenn die Lsung schwach alkalisch gemacht wird , das violette Bhmer'sche Haematoxylin wird blau, das rothe Ribesin blaugrnlich, der rothe Farbstoff des Rothkohles verwandelt sich in grn. Dement- sprechend sehen wir denn auch, dass in neutralen Auflsungen dieser Stoffe gefrbte Gewebskerne eine mit der letzteren bereinstimmende Tinction aufweisen, also lila in Alauncarmin, blau in Haematoxylin, hellblau in Ribesin , grn im Rothkohlfarbstoff. Der frbbare Theil des Zellenkerns (das Nuclein) verhlt sich im allgemeinen dem an ihn gebundenen Farbstoffe gegenber wie ein schwach alkalischer Krper." (Fol.) Auch sonst zeigt das Nuclein in chemischer Hinsicht charakteristische Reactionen, die bei der Conservirung der Kernstructuren im Auge zu behalten sind. (Schwarz H 37 , Zacharias H 43 45.) Es quillt in destillirtem Wasser, desgleichen auch in sehr verdnnten alkalisehen Lsungen sowie in zwei- und mehrprocentigen Lsungen von Kochsalz, schwefelsaurer Magnesia , Monokaliumphosphat und Kalkwasser. Bei Anwendung von 10 bis 20 ^io Lsungen der genannten Salze geht es unter Quellung allmhlich ganz in Lsung ber. Desgleichen wird es in einem Gemisch von Ferrocyankalium -f- Essigsure oder in concentrirter Salzsure, oder wenn es der Trypsinverdauung unterworfen wird, voll- stndig aufgelst. In Essigsure in Concentrationen von 1 50^o wird es ziemlich unverndert zur Fllung gebracht, wobei es sich durch strkere Lichtbrechung und eigenartigen Glanz vom Protoplasma mit- unter sehr scharf abhebt. Im Kernraum tritt es uns (Fig. 20) bald in Form isolirter Krnchen (A) , oder als feines Netzwerk (B C) oder in Fden {D) entgegen. D Fig. 20. A Ruhender Kern einer Ursamenzelle von Ascaris megalocephala bivalens. B Kern einer Samennuitterzelle aus dem Anfang der Wachsthiimszone von Ascaris megalocephala bivalens. C Ruhender Kern einer Samenmutterzelle aus der Wachsthumszone von Ascaris megalocephala bivalens. Blschenfrmiger Kern einer Samenmutterzelle von Ascaris megalocephala bivalens am Anfang der Theilzone in Vorbereitung zur Theilung. Das Nuclein hat Miescher (II. 49) aus Eiterkrperchen und aus thierischen Samenfden, in deren Kpfen es enthalten ist, rein darzu- stellen versucht. In seiner Zusammensetzung spielt Phosphorsure, die wenigstens zu 3 *'/o vertreten ist , eine wichtige Rollet Manches spricht dafr, dass das Nuclein des Kerns eine Vereinigung eines eiweissartigen Krpers mit einem organischen, Phosphorsure enthaltenden Atomcomplex Qg Zweites Capitel. darstellt". (Kossei II. 35.) Letztei-eii hat man als Nucleinsure bezeichnet und Miescher hat fr dieselbe die Formel C29H49N9r3022 berechnet. Bei lngerer Einwirkung von verdnnten Suren oder Alkalien, selbst schon beim Aufbewahren im feuchten Zustand werden die Nucleine zerlegt unter Bildung von Eiweiss und stickstoffreichen Basen, daneben spaltet sich Phosphorsure ab. Die beiden letzteren Spaltungsproducte bilden sich auch aus den Nucleinsuren. Die Basen sind : Adenin, Hypo- xanthin, Guanin, Xanthin". Das Paranuclein oderPy renin ist eine Proteinsubstanz, welche wohl in keinem Kern fehlt, doch ist seine Rolle fr die Lebensprocesse des Kerns noch unklar und viel weniger gut als die des Nucleins er- kannt. Es kommt im Kern in der Form kleiner Kgelchen vor, die als echte Nucleolen oder Kernkrperchen beschrieben werden (Fig. 20). Allen Mitteln, in welchen die Nucleinsubstanzen quellen, destillirtem Wasser, sehr dnnen alkalischen Lsungen, Lsungen aus Kochsalz, schwefelsaurer Magnesia, Monokaliumphosphat , Kalkwasser, leisten die Krperchen aus Paranuclein Widerstand. Whrend die aus Nuclein be- stehenden Structuren schwinden, sind in dem Kernraum, der ein homo- genes Aussehen gewonnen hat, die aus Paranuclein bestehenden Ge- bilde oft mit grosser Deutlichkeit, stets besser als im lebenden Kern, zu erkennen. Hieraus erklrt es sich, dass bereits den lteren Histologen, Schieiden und Schwann, die gewhnlich die Gewebe nach Zusatz von Wasser untersuchten, die Kernkrperchen wohl bekannt waren. Ein sehr brauchbares Mittel, um sie sichtbar zu machen, ist die Osmiumsure, durch welche sie besonders stark lichtbrechend werden, whrend die Nucleinstructuren verblassen. Bei Einwirkung von 1 bis 50 "/o Essigsure verhalten sich Para- nuclein und Nuclein gerade entgegengesetzt. Whrend letzteres zur Gerinnung gebracht wird und einen starken Glanz erhlt, quellen die Kernkrper mehr oder minder bedeutend auf und knnen ganz durch- sichtig werden, ohne indessen in Lsung berzugehen; denn beim Aus- waschen der Essigsure werden sie wieder unter Schrumpfungserschei- nungen besser sichtbar. Hervorzuhel)en ist ferner im Gegensatz zum Nuclein die Unlslich- keit des Paranuclein in 20/o Kochsalz, in gesttigten Lsungen von schwefelsaurer Magnesia, 1 ^/o und 5 "/o Monokaliumphosphat, Ferrocyan- kalium plus Essigsure, schwefelsaurem Kupfer; endlich ist es in Trypsin sehr schwer verdaubar. Auch bei Behandlung mit Farbstoffen zeigt sich zwischen Nuclein und Paranuclein ein gewisses gegenstzliches Verhalten. Wie Zacharias bemerkt und ich aus eigener Erfahrung im Allgemeinen besttigen kann, frben sich Nucleinkrper besonders scharf und intensiv in saueren Farb- stofflsungeu (Essigearmin, Methylessigsure), whrend die Paranuclein- krper fast farblos bleiben. Umgekehrt tingiren sich letztere besser in ammoniakalischen Farbstofflsungen, wie in Ammoniakcarmin etc. Manche Farbstoffe haben zum Paranuclein eine grssere Verwandtschaft, wie Eosin, Surefuchsin etc. Mit Bercksichtigung dieses Umstandes ist es mglich, bei gleichzeitiger Anwendung zweier Farbstoffe Doppelfrbung zu erzielen der Art, dass die Nucleinkrper in einer anderen Farbe er- scheinen, wie die Paranucleinkrper (Fuchsin und Solidgrn, Haema- toxylin und Eosin etc., Biondi'sches Gemisch); da indessen das Wesen des Frbungsprocesses selbst uns noch wenig verstndlich ist, ist es auf Die chemisch-physikalischen u. morphologischen Eigenschaften der Zelle. 37 diesem Gebiet zur Zeit nicht mglich, durchgreifende Regeln ber die Tingirbarkeit der beiden Kernsubstanzen aufzustellen. Nuclein und Paranuclein betrachte ich als die wesent- lichen Substanzen des Kerns, auf deren Vorhandensein seine physiologischen Leistungen in erster Linie beruhen. Beide scheinen mir in irgendwelchen Beziehungen zu einander zu stehen. Flemming (IL 10) spricht die Vermuthung aus, dass die Kernkrperchen besondere Repro- ductions- und Ansamndungsstellen des Nucleins sind und vielleicht eine chemische Vorstufe desselben darstellen. Zu einer Entscheidung dieser Fragen reicht das vorhandene Beobachtungsmaterial nicht aus. Von mehr nebenschlicher Bedeutung scheinen mir 3 andere im Kern noch unterscheidbare Substanzen zu sein, welche vielleicht ber- haupt nicht stets vorhanden sind, das Linin, der Kernsaft, und das Amphipyrenin. Als Linin bezeichnet Schwarz (IL 37) den Stoff von Fden, welche in vielen Fllen in dem Kernraum ein Netz- oder Gerstwerk bilden, sich nicht in den gewhnlichen Kernfrbungsmitteln tingiren lassen und sich hierdurch sowie auch in ihren chemischen Reactionen wesentlich vom Nuclein unterscheiden, das ihnen meist in Form von Krnchen und Brocken aufgelagert ist. (Fig. 20 und C.) In mancher Hinsicht hnelt es dem Plastin des Zellkrpers, welchen Namen ihm denn auch geradezu Zacharias gegeben hat. Der Kernsaft ist bald nur sprlich, bald reichlicher vorhanden; er fllt die Lcken zwischen den aus Nuclein, Linin und Paranuclein bestehenden Structuren aus. Er lsst sich dem in einem vacuoligen Protoplasma enthaltenen Zellsaft vergleichen und spielt wohl dieselbe Rolle fr die Ernhrung der Kernsubstanzen, wie dieser fr die Er- nhrung des Protoplasma. Bei Einwirkung von manchen Reagentien, wie absolutem Alkohol, Chromsure etc., treten im Kernsaft feinkrnige Nieder- schlge auf, welche als Kunstproducte nicht mit normalen Structuren zu verwechseln sind. Es mssen daher in ihm verschiedenartige Stoffe, darunter vielleicht auch Albuminate, gelst sein, welche Zacharias mit einem wohl entbehrlichen Wort als Paralinin zusammenfasst. Unter Amphipyrenin endlich versteht Zacharias die Substanz der Mendiran, durch welche der Kernraum gegen das Protoplasma, wie dieses durch die Zellhaut nach Aussen abgegrenzt ist. Das Vorhanden- sein einer Kernmembran ist in vielen Fllen ebenso schwer festzustellen, wie der Streit zu entscheiden ist, ob manche Zellen von einer Membran umhllt sind oder nicht. Am leichtesten ist sie an den grossen Keim- blschen vieler Eier , wie z. B. von Amphibien nachzuweisen , wo sie zugleich eine nicht unbetrchtliche Festigkeit besitzt. In Folge dessen gelingt es leicht, aus unreifen Eiern das Keimblschen vollstndig unversehrt mit der Nadel zu isoliren. Man kann dann mit der Nadel auch die Kernmembran zerreissen und den von ihr eingeschlossenen Inhalt zum Ausfliessen und zur Vertheilung in der Untersuchungsflssigkeit bringen. Ebenso sicher scheint mir aber in anderen Fllen eine eigene Kernmembran zu fehlen, so dass Kernsubstanz und Protoplasma un- mittelbar an einander grenzen. So wurde sie z. B. von Flemming (IL 10) in den Blutzellen von Amphibien und ebenso von mir in den Kernen von Samenmutterzellen der Nematoden auf einem bestimmten Stadium (Fig. 20 B) vermisst. 38 Zweites Capitel. Wie fr den Protoplasmakrpor, bat A 1 1 m a n n auch fr den Kern eine Zusammensetzung aus Granula mittelst einer eigenartigen Frbung durch Cyanin nachzuweisen versucht. Es ist ihm hierdurch gelungen, den Saft, welcher die Lcken im Kernnetz ausfllt, intensiv zu frben und so Krner darzustellen, whrend das Kernnetz ungefrbt bleibt und als Intergranularsubstanz bezeichnet wird. Altniann hat auf diese Weise den negativen Abdruck von der Kern- structur erhalten, wie sie sich bei Anwendung der gebruchlichen Kernfarb- stoffe durch Frbung des Kernnetzes ausprgt. Indem er die Granula als Hauptbestandtheil des Kerns betrachtet, kommt er zu einer entgegengesetzten Auffassung von der jetzt herrschenden Meinung von der Bedeutung der Kern- substanzen, nach welcher der Kernsaft als minderwerthig im Vergleich zu dem Nuclein und Paranuclein erscheint. c) Die Kernstructur. sp Fig. 21. Samenfaden von Salamandra ma- culata. k Kopf. m. Mittelstflck. ef Endfaden. sp. Spitze. u undulirende Membran. Beispiele fr die verscMedene Beschaffenheit derselben. Die oben aufgefhrten Substanzen, von denen wenigstens das Nuclein und Paranuclein niemals fehlen, erscheinen in den Kernen der verschiedensten pflanzlichen und thierischen Zellen unter sehr mannigfachen Formzustnden ; namentlich gilt dies von dem Nuclein, das man bald in feinen Krnehen, bald in Fden, bald in Form grsserer Krper, bald als ein Gerst, bald als Wabenwerk im Kernraum verbreitet sieht. Dabei kann in verschiedenen Lebens- phasen einer Zelle die eine Structur in die andere bergehen. Bei einer Definition des Kerns ist daher von der wechselnden Form ganz abzusehen und es ist der Schwerpunkt, wie bei der Definition der Zelle in das Protoplasma, so bei dem Kern in die in ihm enthaltene wirksame Substanz zu legen. Der Kern ist ein vom Protoplasma unterschiedenes und in gewissem Grade abge- sondertes Quantum eigenthmlicher Kernsubstan- zen." Deswegen sollte bei allen Beschreibungen des Kerns auf die substanzielle Beschaffenheit seiner Structurtheile mehr, als es hufig geschieht, geachtet werden. Um eine Vorstellung von der Mannigfaltig- keit, welche die innere Structur des ruhenden Kerns darbietet, zu geben, soll wieder eine Aus- wahl einiger prgnanter Beispiele dienen. Unstreitig die einfachste Structur wenn wir von den spter zu errternden mole- kularen Verhltnissen absehen zeigen uns die Kerne der reifen Samenze 1 len. Wenn die Samenzellen, wie gewhnlich, eine faden- frmige Gestalt, welche zum Einbohren in die Eizelle am geeignetsten ist, angenommen haben, bilden die Kerne das vorderste Ende des Fadens oder seinen Kopf. Bei Salamandra Die chemisch-physikalischen u. morphologischen Eigenschaften dei- Zelle. 39 maculata hat der Kopf Schwertes die Form eines in eine scharfe Spitze aus- laufenden Schwertes (Fig. 21 Jc)\ er besteht aus dichtem Nuclein, das auch bei strkster Vergrsserung einen homogenen Eindruck macht. An den Kopf grenzt ein kurzer cylindrischer, gleichfalls homogen aus- sehender Krper, das sogenannte Mittelstck (m), welches die Reaction des Paranucleins darbietet. Es ist daher wahrscheinlich mit zum Kern- theil des Samenfadens hinzuzurechnen, was indessen durch Verfolgung seiner Entwicklung erst noch festgestellt werden muss. Auch in Samenelementen, welche die Form einer Zelle beibehalten haben , erscheint der Kern als ein compacter, kugeliger Nucleinkrper; so bei Ascaris megalocephala (Fig. 22), dessen Samenelemente im unreifen Zustande die Form einer ziemlich grossen, runden Zelle haben und spter bei vollstndiger Reife die Form eines Fingerhutes annehmen. Der einfache Zustand, in welchem uns die Kerne der Samenzellen, gewissermaassen nur aus activen Kernsubstanzen zusammengesetzt und frei von anderen Beimischungen, entgegentreten, muss den naturgemssen Ausgangspunkt fr eine richtige Samen- Asearis Beurtheilung der brigen Kernformen abgeben. E s Fig. 22. krper von megalocephala. Nach VAN Beneden. Aus O. Heutwig, Entwgesch. Fig. 21. /c Kern. l> Basis des Kegels, mit welchem die Anheftimg am Ei erfolgt. / Fettglnzende Sub- stanz. lassen sich dann nmlich die verschie- denen Structuren, die man bei pflanzlichen und thieri- schen Kernen wahrnimmt, hauptschlich auf das eine Mo- mentzurckfhren, dass die activen Kernsubstanzen eine grosse Neigung haben, Flssigkeit und in dieser g e 1 s te Stoffe in sich aufzunehmen und in Lcken abzuscheiden meist in solchem Maasse, dass der ganze Kern das Aussehen eines in Protoplasma eingeschlossenen Blschens gewinnt. Es tritt also bei ihnen im wesentlichen ein hnlicher Vorgang ein, wie beim Protoplasma, in welchem sich Zellsaft in Vacuolen oder grossen Saftrumen ansammelt. In beiden Fllen werden wohl die Vorgnge die gleiche Bedeutung haben. Sie werden in Beziehung zum Stoff- wechsel der Zelle und des Kernes stehen, indem in der Flssigkeit Stoffe in Lsung enthalten sind, welche mit den activen Substanzen in Folge der grsseren Oberflchenentwicklung derselben in leichteren Aus- tausch treten. Der Vorgang der Saft aufnhme lsst sich direct beobachten, wenn nach der Befruchtung der Samenkern in der Eizelle in Function tritt. In manchen Fllen beginnt er dann allmhlich auf das 10 20 fache seiner ursprnglichen Grsse anzuschwellen, und zwar nicht durch Ver- mehrung seiner activen Substanz, deren Quantum genau das gleiche bleibt, sondern einzig und allein durch Aufnahme von flssigen, gelsten Stoffen aus dem Dotter. In dem zu einem Blschen umgebildeten Samenkern ist das Nuclein in feinen Fden zu einem Netz ausgebreitet; ferner sind auch ein bis zwei Kgelchen aus Paranuclein (Nucleolen) anzutreffen. Ein hnlicher Vorgang wiederholt sich bei jeder Kern- theilung whrend der Reconstruction der Tochterkerne. Je nachdem nun der Kern eine geringere oder grssere Menge von Kernsaft aufgenommen, haben sich seine festen Substanzen, die oben als Linin und Nuclein chemisch nher charakterisirt wurden, bald zu einem 40 Zweites Capitel. feineren, bald grberem Gerstwerk angeordnet. Einen Ein- blick in verschiedene Modificationen desselben geben uns die Fig. 2326. Figur 23 zeigt uns den Kern einer Ciliofl agell ate. Er besteht in hnlicher Weise wie der Haui)tkern der Infusorien aus einem sehr engmaschigen Nucleingerst. B t s c li 1 i (II. 5) nennt seine Structur eine feinwabige; er lsst den Kern zusammengesetzt sein aus lang- gestreckten, drei- bis mehrseitigen Waben, die durch sehr feine Scheide- wnde von Nuclein getrennt sind und den wenig frbbaren Kernsaft umschliessen. Nach der OberHche zu sind die Waben gegen das Proto- plasma ebenfalls durch eine feine Nucleinschicht abgeschlossen, whrend eine besondere Kernmembran fehlt. Die Kanten, in denen die Waben- wnde zusammenstossen, sind sulenartig verdickt. Je nach der Seite, von der man den Kern erblickt, fllt in Folge der gestreckten Form der parallel gestellten Waben das Bild verschieden aus, wie durch Betrachtung der Figuren 23 u. B leicht zu verstehen ist. Ein bis zwei Nucleolen sind in der Lcke nachzuweisen. A B Fi?. 23. Fiff. 24. Fig. 23. Ein sehr deutlich feinwabiger Kern von Ceratium Tripo. Nach BTscHLi Taf. 26, 'Fig. 14. A In der Ventralan.siclit des Ceratiums. B In seitlicher Ansicht. Beide Ab- bildungen geben nur optische Durchschnitte. Fig. 24. Kern einer Bindegewebszelle des Peritoneums einer Salaman- derlarve mit in der Nhe gelegenen Centralkrperchen. Nach Flemming Fig. 4. Figur 24 stellt das Kerngerst von einer Bindegewebs- zelle einer Salamanderlarve dar. Dasselbe wird von einem ziemlich engen Netzwerk feinster Fden gebildet. In ihm treten hie und da einige dickere Anschwellungen auf, welche den Farbstoff besonders zh festhalten; sie pflegen namentlich an solchen Stellen vorzukommen, wo mehrere Balken zusammenstossen. Es sind dichtere Ansamnungen von Nuclein; sie knnen den aus Paranuclein gebildeten, wahren Nucle- olen in ihrem Aeusseren sehr hnlich sehen und sind daher, um sie von diesen zu unterscheiden, von Flemming als Netzknoten bezeichnet worden. Die Kerne der verschiedenen thierischen Gewebe haben bald ein feineres, bald ein grberes Gerst. In letzterem Fall kann es zuweilen nur aus wenigen Strngen bestehen, so dass es den Namen Gerst oder Netz kaum verdient". Im Allgemeinen haben, wie Flemming bemerkt, die Kerne junger, embryonaler und wachsender Gewebe dichtere Netze, als solche im gleichen erwachsenen Gewebe. Meistentheils ist das Kerngerst aus 2 verschiedenen Die chemisch-physikalischen u. morphologischen Eigenschaften der Zelle. 41 Substanzen, aus Linin und aus Nuclein, aufgebaut, von denen bei den gewhnlichen Kerntinctionen nur das letztere den Farb- stoff aufnimmt und festhlt. Beide Substanzen sind gewhnlich so an- geordnet, dass das Nuclein in grberen und feineren Krnchen dem sich nicht frbenden Liningerst gleichmssig auf- und eingelagert ist. In sehr feinmaschigen Gersten, wie Figur 24 ein solches darstellt, kann die Unterscheidung beider Substanzen sehr schwierig, jo sogar unmglich werden. Leichter gelingt dieselbe bei dem grberen Netzwerk der Figur 25, welche einen ruhenden Zellkern aus dem proto- plasmatischen Wandbelag des Embryosackes von Fri- tillaria imperialis wiedergibt. Nach der Beschreibung von Strasburger sind die feinen Gerstfden im Allgemeinen nicht frbbar; sie bestehen also aus Linin. Ihnen sind kleinere und grssere sich frbende Nucleinkrner aufgelagert. Im Gerst sieht man ausserdem eine Anzahl grsserer und kleinerer Nucleolen. Sollte Jemand an der Existenz eines besonderen Liningerstes zweifeln, so wird er sich von derselben am besten durch das Studium der Kerne von Samenmutterzellen des Pferdespulwurmes (Fig. 26) berzeugen knnen. In dem Vorstadium zur Theilung ist hier alles Nuclein in 8 hakenfrmig gekrmmten Stbchen enthalten, die in 2 Bndeln zusammenliegen. Sie werden im [Kernraum gewissermaassen in der Schwebe erhalten, indem sich farblose Li ninfden sowohl zwischen ihnen ausspannen, als auch von ihnen sich zur Kernmembran begeben. Dass die Fden keine durch Reagentien im Kernsaft hervorgerufene Gerinnsel sind, lsst sich aus ihrer beraus regelmssigen Anordnung erschliessen. Ebenso lehrt ihre chemische Reaction und ihr Verhalten beim Theilungs- process, dass sie vom Nuclein und Paranuclein etwas wesentlich Ver- schiedenes sind. O^ :rt< Oq Fis. 25. ^^i'?: OO ^CQ" Fig. 26. Fig. 27. Fig. 25. Fritillaria imperialis. Ein ruhender Zellkern. Nach Stras- burger Fig. 191 A. Fig. 26. In Vorbereitung zur Theilung befindlicher Kern von Ascaris megaloc. bivalens mit 8 in 2 Gruppen angeordneten Kernsegmenten und den 2 Polkrperchen. Hertwig II. 19 b, Tat'. II, Fig. 18. Fig. 27. Structur des Kerns einer Zelle aus der Speicheldrse von Chironomus. Nach Balbiani, Zoolog. Anzeiger 1881, Fig. 2. Nicht immer ist brigens das Nuclein in einem Gerst ausgebreitet. So ist zum Beispiel Indien grossen, blas chenfrmigen Kernen von Chi ro nomuslarven (Fig. 27), wie Balbiani (IL 3) gefunden hat, ein einziger dicker Kernfaden eingeschlossen; derselbe ist in verschiedenen Windungen zusammengelegt und lsst im gefrbten Prparate eine regel- 42 Zweites Capitel. massige Aufeinanderfolge tingirter und nicht tingirter Scheiben erkennen, was Strashurger (II. 41) auch von einigen ijflanzlichen Objecten berichtet. Die beiden Enden des Fadens grenzen an 2 Nucleolen an. In anderen Fllen wieder ist die Hauptmasse des Nucleins zu einem grsseren , kugligen Krper concentrirt , der wie ein Nucleolus aussieht, sich al)er substantiell von den oben beschriebenen echten Nucleolen, die Paranuclein enthalten (siehe Seite 36), unterscheidet. Um Ver- wechslungen vorzubeugen, empfiehlt es sich, solche Gebilde als N u c 1 e i n- krper zu bezeichnen. Als Beispiel hierfr sei der Kern vonSpiro- gyra aufgefhrt, mit welchem die Kerne vieler niedriger Organismen im Bau bereinstimmen. Derselbe stellt ein Blschen dar, das sich vom Protoplasma durch eine feine ]\fembran abgrenzt und ein feines Kern- gerst enthlt. Da dieses den Farbstoff bei Tinctionen nicht festhlt, besteht es wohl vorwiegend aus Linin, dem nur wenige Nuclein- krnchen aufgelagert sind. Im Gerst liegt ein grosser Nucleinkrper, der zuweilen auch in zwei kleinere zerlegt ist. Dass er hauptschlich aus Xuclein besteht, geht aus der Art seiner Frbung, vor allen Dingen aber daraus hervor, dass seine Substanz bei der Kerntheilung in Krnchen zerfllt und die Kernsegmente liefert. Aehnliche Nucleinkrper, die in der Literatur gew^hnlich auch unter dem Namen der Nucleolen gehen, spielen in der Structur der Keim- blschen thierischerEier eine grosse Rolle. Ueberhaupt weichen die Keimblschen in ihrem Bau von gewhnlichen Gewebskernen nach mancher Richtung ab, wie die Figuren 2830 lehren. !-'""; fe.iC,J -.;--< i-- ;--:.r.te^'Sv;M /'T^.Jf---^-^, -~kf -- kn Fig. 28. Fig. 28. Unreifes Ei aus dem Eierstock eines Eohinoderms. Das grosse Keimblsehen zeigt in einem Netzwerk von Fden, dem Kernnetz, einen Keimfleck. O. Hertwig, Entwicklungsgesch. Fig. 1. Fig. 29. Keimblschen eines noch unreifen, kleinen Froscheies. Das- selbe zeigt in einem dichten Kernnetz (kn) sehr zahh-eiche, meist wandstndige Keim- flecke (/); m Kernmembran. O. Heetwig, Entwicklungsgesch. Fig. 2. Figur 28, das unreife Ei eines Seeigels, lsst schon, wenn es im lebenden Zustand untersucht wird, ein sehr grobes Netzwerk einzelner, ziemlich dicker Fden unterscheiden. Diese bestehen, ihrem mikrochemischen Verhalten nach, hauptschlich aus Linin. Die frb- bare Substanz ist fast ausschliesslich in einem einzigen, grossen, kugeligen Krper, dem Keimfleck", aufgespeichert, der in einem Knotenpunkt des Gerstes liegt, in welchem die meisten Lininfden zusammentreffen. In den Riesen-Keimblschen, durch welche sich die grossen, dotter- Die chemisch-physikalischen ii. morphologisclien Eigenschaften der Zelle. 43 reichen Eier der Fische, Amphibien und Reptilien auszeichnen, nimmt die Zahl der Keimflecke whrend des Wachsthums der Zelle ausser- ordentlich zu ob durch Theilung oder in einer anderen Weise, ist noch nicht genau ermittelt und kann sich schliesslich auf einige Hunderte belaufen. Die Lage der Keimflecke ist zu verschiedenen Zeiten einem Wechsel unterworfen, meist liegen sie aber an der Ober- flche des Keimblschens und sind an der Membran desselben in gleich- massigen Abstnden vertheilt, wie die nebenstehende Abbildung (Fig. 29) eines Kerns aus einem noch unreifen und ziemlich kleinen Froschei zur Anschauung bringt. Die Form der Keimflecke ist eine wechselnde; bald sind sie kugelig, namentlich wenn sie isolirt auftreten, bald oval, bald etwas in die Lnge gezogen, bald in ihrer Mitte etwas eingeschnrt, bald un- regelmssig contourirt. Wo sie zahlreich vorkommen, zeigen sie auch in ihrer Grsse erhebliche Verschiedenheiten. Hufig finden sich in ihrer eigenthiimlich glnzenden, stark lichtbrechenden Substanz einzelne kleine Vacuolen, die mit Flssigkeit erfllt sind. Dass diese Vacu- olen keine Kunstproducte sind, lehrt die Untersuchung lebender Eizellen. Doch knnen auch Vacuolen noch nachtrglich beim Absterben der Eier sich bilden, und die vorhandenen Vacuolen sich vergrssern, wie Flemming hervorhebt. (H. 10 Seite 151.) In ihren chem i sehen Eig enschaften sind die Keim - flecke von den echten Nucleolen, die sich in den gewhnlichen Kern- farbstoffen nicht tingiren und aus Paranuclein bestehen, verschieden. Auf der andern Seite ist aber auch nicht ausgemacht, ob ihre Substanz mit dem Nuclein des Kerngerstes vollkommen identisch ist. Zur Zeit ist dieser Punkt trotz der zahlreichen, ber den Kern erschienenen Unter- suchungen noch nicht in befriedigender Weise aufgeklrt. Nur das Eine knnen wir als feststehend betrachten, dass die in den verschiedenen pflanzlichen und thierisclien Kernen vorkommenden, mehr oder minder kugligen Krper, die in der Literatur meist schlechtweg als Nucleolen zusammengefasst werden, stoffliclie Verschiedenheiten darbieten. Es ist dies durch die Untersuchungen von Flemming (H. 10), Carnoy (H. 8), von mir (IL 19a), von Zacharias (IL 45) und Anderen ber allen Zweifel sichergestellt. Man sollte daher auch so verschiedene Dinge nicht mit demselben Namen benennen oder, wenn man blos wegen der Aehnlichkeit in der Form fr alle kugligen Inhaltskrper des Kerns die allgemeine Bezeichnung Nucleolus oder Kernkrper beibehalten will, sollte man wenigstens im einzelnen Fall in einem Zusatz noch eine genaue Angabe ber die chemische Natur des betreffenden Nucleolus hinzufgen. Ueber- haupt sollte man bei allen Untersuchungen des Kernes, wie schon frher bemerkt wurde, mehr Gewicht auf die chemische Beschaffenheit der ein- zelnen Inhaltsbestandtheile, als auf ihre formale Anordnung legen, welche jedenfalls der ersteren gegenber das Nebenschlichere ist. Denn ein Gerst, welches aus Lininfden besteht, spielt im Kern eine ganz andere Rolle, als ein Gerst, welches aus Nuclein oder gleichzeitig aus beiden Substanzen zusammengesetzt ist, und ebenso wird die Aufgabe der Nucleolen, je nachdem sie diesen oder jenen Stoff enthalten, eine verschiedene sein. Ich schliesse diesen Excurs ber die Nucleolen mit dem Hinweis, dass es sogar Keimflecke gibt, die sehr deutlich aus zwei ver- schiedenen Substanzen aufgebaut sind. Es ist dies Verhltniss zuerst durch Leydig bei lamelliliranchiaten Mollusken beobachtet, dann 44 Zweites Capitel. p^^ durch Flemming (II. 10) au demselben Object uud von mir (IL 19) noch in anderen Fllen genauer festgestellt worden. Ich lasse hier die Beschreibung des Thatbestandes, wie sie Flemming gibt, folgen. Bei Cyclas Cornea und bei Najaden findet sich im Keimblschen ein Hauptnucleus ausser einigen wenigen Nebennucleolen. Der erstere besteht aus 2 different beschaffenen Theilen: Fig. 30, einem kleineren, der bedeutend strker lichtbrechend und strker tingirbar ist, und einem grsseren, l)lasseren und schwcher chromatischen, der in Sure strker quillt. Bei Anodonta hngen die beiden Theile zusammen, bei Unio sind sie vielfach nur mit einander in Berhrung oder liegen selbst ge- trennt. Die kleineren Nebennucleo- len, die hier in den Balken des Kerngerstes lagern, zeigen dieselbe Lichtbrechung, Quellbarkeit und Tin- girbarkeit, wie der grosse Theil des Hauptnucleolus. Bei Wasserzusatz verschwindet dieser Haupttheil und die Nebennucleolen nebst den Gerst- strngen; es bleibt der kleine, stark chromatische Theil des Haupt- nucleolus, indem er dabei noch ver- schrft wird und etwas schmmpft und einen scharf abgesetzten Con- tour bekommt. Zusatz von starker Essigsure (5 "/o oder mehr) lsst den grsseren, blasseren Theil des Hauptnucleolus rasch aufquellen und verschwinden, whrend der kleine, glnzende zwar auch etwas quillt , aber erhalten bleilit." Bei Anwendung von Kerntinctionen frbt sich zwar der starkbrechende Theil der Nucleolen besonders intensiv, aber in erheblichem Grade auch der andere Theil und die Nebennucle- Fig. 30. Nach Flemming Fig. E ^ S. 104. a Kern eines Eierstockseies von Unio frisch aus der Zelle getreten in Ovarial- flssigkeit. Zweibuckliger Nucleolus. Ge- ringe Theile der Kerngerste sichtbar. Ein solcher Kern nach Zufliessen von Essigsure 5 "/o. Gerststrnge sind auf- getreten, der grssere blassere Theil des Hauptnucleolus und die Nebennucleolen sind in gleichem Grade gequollen und erblasst; der kleinere Haupttheil des grossen Nucleolus ist ebenfalls, aber schwpitel. III. (xiebt es kernlose Elementarorgauismen ^ An die Beschreibung der chemisclien und morphologischen Eigen- schaften des Kerns lsst sich noch die wichtige Frage knpfen, ob der Kern ein unentbehrlicher Bestandtheil jeder Zeile ist. Gibt es kernlose Elenientarorganisnien ? Noch vor einer Reihe von Jahren war man mit einer Antwort auf diese Frage nicht verlegen. Da man in Folge der Mangelhaftigkeit der lteren Untersuchungsmethoden bei vielen niederen Organismen keine Kerne gefunden hatte, nahm man die Existenz von zwei verschiedenen Arten von Elementartheilen an, von einfacheren, die nur aus einem Klmpchen von Protoplasma bestehen, und von zusammengesetzten, welche in ihrem Innern noch als besonderes Organ den Kern entwickelt haben. Die ersteren bezeichnete Haeckel (I. 10. IL 15) als Cytoden und ihre einfachsten, einzellebenden Formen als Moneren, die letzteren als Cellulae oder Cyten. Seitdem aber hat sich der Stand der Frage wesentlich verndert. Dank den verbesserten optischen Hlfsmitteln und den vervollkomm- neten Frbungsmethoden ist die Existenz von Organismen ohne Kern sehr in Frage gezogen. Bei sehr vielen niederen Pflanzen (Algen, Pilzen) und bei Protozoen, Vampyrellen, Polythalamien, Myxomyceten, die frher als Beweisobjecte fr das Fehlen des Kerns gegolten hatten, gelingt es mit leichter Mhe, Kerne nachzuweisen. Nachdem auch bei der reifen Eizelle der Kern ge- funden worden ist (Hertwig II. 19 a), knnen wir sagen, dass im gesamm- ten Thierreich kein sicher bewiesener Fall von kernlosen Zellen existirt. Man wird mir vielleiclit die rothen Blutkrperchen der Sugethiere ent- gegenhalten. Freilich fehlt bei ihnen ein Kern, es fehlt ihnen aber ebensogut auch das Protoplasma, und es lsst sich mit guten Grnden, ^ ^ die spter zusammengestellt werden sollen, die Ansicht verfechten, dass die Blut- 1 \ ^ \ Vj-i />^\ Scheiben der Sugethiere nicht den Werth n^*yLi!JJ lS'-'* ^^^ Elementarorganismen besitzen, son- -x^f^^ ] ^^< ^^*'^i 1^"^' fli Umwandlungs- oder Bil- 85. 12b) Derselbe. Attractionssphren und Centralkrper in Getvebszellen und Wanderzellen. Anatomischer Anzeiger. Bd. VI. 13) Fol. Lehrbuch der vergleich, mikroskop. Anatomie. Leipzig 18S4. 14a) Prommann. Zur Lehre von der Structur der Zellen. Jenaische Zeitschrift f. Med. und Naturw. Bd. 9. 1875. 14b) Derselbe. Zelle. Eealencyklopndie der gesummten Heilkunde. 2. Aufl. 1890, 15) Haeekel. Generelle Morphologie. 16) Martin Heidenhain. Ueber Kern u. Protoplasma. Festschrift fr Klliker. 1892. 17) C. Heitzmann. Untersuch, ber Protoplasma. Wiener Sitzungsber. math. naturw. Classe. Bd. LXVIL 1873. 18) Riehard Hertwig. Beitrge zu einer einheitlichen Auffassung der verschiedenen Kernformen. Morphol. Jahrbuch. Bd. 2. 1876. 19a) Oscar Hertwig. Beitrge zur Kenntniss der Bildung, Befruchtung und Theilung des thierischen Kies. Morphol. Jahrbuch. Bd. I, II, IF. 19b) D er selbe. Vergleich der Ei- u. Samenbildung bei Nematoden. Archiv f. mikroskop. Anatomie. Bd. 36. 1890. 20) Hofmeister. Die Lehre von der Pflanzenzelle. Leipzig 1867. 21) E. Klein. Observations on the structure of cells and Nuclei. Quarterly Journal of microscopical science. Vol. XVIII. 1878. pag. 315. 22) Klliker. Sandbuch der Geivebelehre. 1889. 23) Koesel. Zur Chemie des Zellkerns. Zeitschrift fr physiolog. Chemie von Hoppe Seyler. 1882. Bd. 7. Derselbe. Untersuchungen ber die Nucleine und ihre Spaltungsprodukte. Strassburg 1881. 24) C. Kupffer. Ueber Differemirung des Protoplasma an den Zellen thierischer Gewebe. Schriften des naturwissenschaftl. Vereins fr Schlestvig-Holstein. Bd. I. pag. 229. Heft 3. 1875. 25) Leydig. Untersuchungen zur Anatomie u. Histologie der Thiere. Bonn 1883. 26) Derselbe. Zelle und Gewebe. Bonn 1885. 27) Ngeli u. Schwendener. Das Mikroskop. Theorie u. Anwendung desselben. 1877. 28) C. Ngeli. Mechanisch-physiologische Theorie der Abstammungslehre. Mnchen und Leipzig. 1884. 29) Pfitzner. Beitrge zur Lehre vom Bau des Zellkerns u. seinen Theilung serscheinungen. Archiv f. mikrosk. Anatomie. Bd. 22. 1883. 30) V. Rath. Ueber eine eigenartige polycentrische Anordnung des Chromatins. Zoolog. Anzeiger. 1890. 31) Rauber. Neue Grundlegungen zur Kenntniss der Zelle. Morphol. Jahrb. VIII. 1882. 32) Reinke u. H. Rodewald. Studien ber das Protoplasma. Untersuchungen aus dem botanischen Institut der Universitt Gttingen. Heft 2. 1881. 33) Sachs. Vorlesungen ber Pflanzenphysiologie. 1882. 34) Schfer u. E. R. Lankester. Discussion on the p^-esent aspect of tJie cell question. Nature. Vol. 36. 1887. 35) Schieferdecker ?. Kossel. Gewebelehre mit besonderer Bercksichtigung des menschl. Krpers. 36) Schmitz. Untersuchungen ber die Structur des Protoplasmas und der Zellkerne der Pflanzenzellen. Sitz.-Ber. der Niederrh. Gesellsch. f. Natur u. Heilk. Bonn 1880. 37) Erank. Sehw^arz. Die morphologische und chemische Zusammensetzung des Proto- plasmas. Beitrge zur Biologie der Pflanzen. Bd. V. Breslau 1887. 38) Solger. Zur Kenntniss der Pigmentzellen. Anatomischer Anzeiger. Jahrg. VI. S. 162. 39) Strasburger. Zellbildung und Zelltheilung. 2. Aufl. Jena 1876. 40) Derselbe. Studien ber das Protoplasma. Jenaische Zeitschr. 1876. Bd. X. 41) Derselbe. Das botanische Practicum. Die chemiscli-physikalisclieii u. uiorphologischeu Eigenschaften der Zelle. 53 42) Wiesner. Elementarstructur und Wachsthum der lebenden Substanz. 43) Zacharias. Ueber den Zellkern. Botanische Zeitung. 1882. p. 639. 44) Derselbe. Ueber Uiweiss, Nuclein und Plastin. Botanische Zeitunc/. 1883. ^45) Derselbe. Ueber den Nucleolus. Botanische Zeitung. 1885. 46) Derselbe. Beitrge zur Kenntniss des Zellkerns u. der Sexualzellen. Botan. Zeitung. 1887. Bd. 45. 47) Derselbe. Ueber die Zellen der Cyanophyceen. Botanische Zeitung. 1890. 48) Xiist. Untersuch, ber das Cloakenepithel der Plagiostomen. Sitzungsber. der kaiserl. Aead. der Wissensch. zu Wien. Bd. XCII. III. Abth. 1885. 49) Mieseher. Verhandl. der naturforschenden Gesellschaft in Basel. 1874. 50) Auerbaell. Organologische Studien. Heft I. 1874. DRITTES CAPITEL. Die Lebenseigenscbaften der Zelle. I. Die Bewegungserscheinungen. Alle Rthsel des Lebens, welche Pflanzen und Thiere darbieten, sind schon im Keim in der einfachen Zelle eingeschlossen. Wie der zusammengesetzte ganze Organismus, hat auch jede einzelne Zelle ihr eigenes Leben. Wollen wir daher noch tiefer in das Wesen von Proto- plasma und Kern eindringen, so mssen wir uns vor allen Dingen noch mit dem Wichtigsten von Allem, mit ihren Lebenseigenschaften be- kannt machen. Das Leben aber, auch das Leben des allereinfachsten Elementarorganismus, ist ein ausserordentlich zusammengesetztes und schwer definirbares Phnomen ; es ussert sich, im Allgemeinen ausgedrckt, darin, dass die Zelle kraft ihrer eigenen Organisation und unter den Einflssen der Aussenwelt bestndig Vernderungen erfhrt und Krfte entfaltet, wobei ihre organische Substanz auf der einen Seite unter bestimmten Kraftusserungen bestndig zerstrt, auf der andern Seite wieder neu erzeugt wird. Auf dem bestndigen Ineinandergreifen orga- nischer Zerstrung und organischer Neubildung beruht, wie Claude Bernard (IV. 1 a) sich ausdrckt, der ganze Lebensprocess. Am zweckmssigsten lsst sich dieses complicirteste aller Phnomene in vier verschiedene Gruppen von Erscheinungen zerlegen. Jeder lebende Elementarorganismus zeigt uns nmlich vier verschiedene Grundfunctionen oder Grundeigenschaften, in denen sich sein Lehen zu erkennen giebt: er kann seine Form verndern und Bewegungen ausfhren; er reagirt auf bestimmte Reize der Aussenwelt in verschiedener Weise, ist mithin reizbar; er kann sich ernhren, Stoffe aufnehmen, umwandeln und wieder abgeben, dabei formt er Substanzen, welche zum Wachsthum, zur Ge- webebildung und fr specifische Leistungen des Lebens dienen; endlich kann er sich durch Fortpflanzung vennehren. Die Lebenseigenschaften der Zelle besprechen wir daher in vier Capiteln, und zwar in folgender Reihenfolge: 1. die Bewegungserscheinungen, 2. die Reizerscheinungen, 3. den Stoffwechsel und die formative Thtigkeit, 4. die Fortpflanzung. Daran schliesst sich noch ein besonderes Capitel ber den Be- fruchtungsprocess. Drittes Capitel. I. Die Bewegiingserscheinungen. 55 Viele verschiedene Arten von Bewegungen knnen sieh, wie ein ausgedehntes vergleichendes Studium lehrt, am Zellkrper ab- spielen. Wir unterscheiden hier: 1. die eigentliche Protoplasmabewegung, 2. die Flimmer- und Geisseibewegung, 3. die Bewegung der pulsirenden Vacuolen, 4. die Bewegungen und Formvernderungen, welche Zellkrper passiv erfahren. Ausser diesen vier Arten giebt es noch einige besondere Bewegungs- phnomene, die in spteren Abschnitten zweckmssiger besprochen werden, zum Beispiel die Empfngnisshgel, die an der Eizelle in Folge der Befruchtung entstehen, die Strahlenfiguren, die in der Umgebung des in das Ei eingedrungenen Samenfadens und beim Theilungsprocess der Zelle wahrgenommen werden, die Zerschnrung des Zellkrpers in zwei oder mehrere Stcke bei der Theilung. I. Die Protoplasmabewegung. Obwohl von jedem Protoplasma wahrscheinlich Bewegungen ausge- fhrt werden knnen, so sind dieselben doch meist wegen ihrer ausser- ordentlichen Langsamkeit fr unsere jetzigen Erkenntnissmittel nicht wahrnehmbar; es sind immer nur vereinzelte Objecte im Pflanzen- und Thierreich, welche sich zum Studium und zur Demonstration des Ph- nomens eignen. Dasselbe ussert sich theils in einer Vernderung der usseren Form des Zellkrpers, theils in Verlagerungen der im Proto- plasma eingeschlossenen Theile, des Zellenkerns, der Krner und Krnchen und Vacuolen. Die Erscheinungen fallen etwas verschieden aus, je nachdem es sich um Bewegungen nackter Protoplasmakrper oder solcher handelt, die in eine feste Membran eingeschlossen sind. a) Bewegungen nackter Protoplasmakrper. Kleine, einzellige Organismen, weisse Blut- und Lymphkrperchen, Bindegewebszellen u. s. w. fhren Bewegungen aus, welche man nach den Amben, die das Schauspiel am schnsten darbieten, als amboide bezeichnet. Wenn man ein Lymphkrperchen des Frosches (Fig. 37) unter geeigneten Bedingungen beobachtet, wird man dasselbe fortwhrend Formvernderungen erleiden sehen. An der Oberflche treten kleine Fortstze von Protoplasma, die Scheinfsschen oder Pseudopodien nach aussen hervor; meist bestehen sie zuerst aus hyalinem Protoplasma, in welches nach einiger Zeit Krnerplasma nachstrmt. Dadurch vergrssern sich die Fsschen, breiten sich aus und knnen dann an ihrer Ober- flche wieder neue kleinere Fsschen hervortreiben. Oder sie werden auch durch Zurckfliessen des Protoplasma schwcher und schliesslich ganz eingezogen, whrend sich an einer anderen Stelle des Krpers neue Fortstze bilden. Auf diese Weise fhren die kleinen Protoplasmakrper durch Ausstrecken und Einziehen ihrer Pseudopodien Orts Vernde- rungen aus und bewegen sich auf unterliegenden Gegenstnden, an deren Oberflche sie anhaften, mit einer mikroskopisch messbaren Ge- schwindigkeit kriechend fort. Amben knnen in einer Minute eine Wegstrecke von V2 mm zurcklegen. Auf diese Weise wandern weisse Blutkrperchen bei Entzndungs- processen durch die Wandung von Capillaren und kleineren Blut- 56 Drittes Capitel. gefssen hindurch; bahnen sich die Lymplikrperchen als Wanderzellen in kleinen Gewebssjjalten , wie in den Interlamellarlcken der Hornhaut, ihren Weg, wobei sie nicht unerhebliche Widerstnde berwltigen mssen, oder drngen dicht aneinanderschliessende Epithelzellen ausein- ander und gelangen so an die Obei-flche von Epithelmembranen. Mit am lel)haftesten erfolgt das Ausstrecken und Einziehen der Pseudopodien bei einer kleinen Ambe (Fig. 38), welche schon Roesel von Rosenhof 1755 beschrieben und wegen ihres lebhaften Formen- wechsels den kleinen Proteus genannt hat. .^.V.:.-- < \^. y Fig. 37. Fig. 38. rig. 37. Ein Leukocyt des Frosches, in dem ein Bakterium einge- schlossen ist und verdaut wird. Das Bakterium durch Vesuvin gefrbt. Die beiden Figuren reprsentiren 2 Stadien der Bewegung ein und derselben Zelle. Nach Metschnikoff Fig. 54. Fig. 38. Amba proteus. Nach Leidy. Aus R. Hertwig Fig. 16. n. Kern. cv. Contractile Vacuole. N. Nahrungsballen, en. Krnerplasnia. ek. Hautplasma. Einen etwas abweichenden Anblick bietet uns die Protoplasma- bewegung bei den Myxomyceten einerseits, bei Thalamophoren, Heliozoen, Radiolarien andererseits dar. Um von Myxomyceten, deren Plasmodien sich bei einigen Arten, wie bei Aethalium septicum oft als faustgrosse Kuchen auf einer feuchten Unterlage ausbreiten, ein zur Beobachtung geeignetes Prparat zu erhalten, verfhrt man am besten so, dass man an den Rand eines Plasmodiums einen schrg geneigten und befeuchteten Objecttrger stellt, ber dessen nasse Oberflche man durch eine besondere Vorrichtung Wasser langsam herabrinnen lsst. Die Plasmodien des Aethaliums haben die Eigenschaft, sich dem Wasserstrome entgegen zu bewegen, (Rheotropismus) ; sie kriechen durcli Ausstrecken zahlreicher Pseudopodien auf der benetzten Glasflche in die Hhe und breiten sich, indem sich benachbarte Pseudopodien durch Querste verbinden, zu einem feinen, durchsichtigen Netzwerk aus (Fig. 39), Bei starker Vergrsserang unter- sucht zeigt uns das Netzwerk zweierlei Arten von Bewegungen. Erstens sieht man in den Fden und Strngen, die aus einer ^^ I. Die Bewegungserscheinuiigeu. 57 peripheren, oft sehr diinneii Lage von hyalinem Protoplasma und aus davon unischlosseueni Krnerplasma bestehen, letzteres in einer raschen, fliessenden Bewegung-, welche namentlich durch die Ortsvernderung der kleinen Krnchen auffllig wird und sich der Blutcirculation in den Gefssen eines lebenden Thieres vergleichen lsst. Zwischen fliessendem Krnerplasma und ruhendem Hautplasma besteht brigens keine scharfe Grenze, indem am Ilande eines Stromes die Krnchen sich langsamer fortbewegen, zu- weilen auch ganz stille stehen, um nach einiger Zeit wieder mit fortgerissen zu werden. In feineren Fden geht inuner nur ein Strom der Lnge nach, whrend in dickeren Aesten oft zwei Strme in entgegengesetzten Richtungen aneinander vorbeifliessen. In platten, haut- artigen Ausbreitungen," welche sich hie und da im Netzwerk bilden, laufen meistens zahl- reiclie verzweigte Strme entweder nach der gleichen oder nach verschiedenen Richtungen, und nicht selten gehen entgegengesetzte Str- mungen dicht neben einander her." Dabei Fig. 39. difforme BRGER. / Theil modiums. Chondrioderma Nach Stes- eines lteren Pias- trockene Spore. a b Dieselbe imWasser quellend. c Spore mit austretendem In- halt, d Zoospore, e aus Um- wandlung der Zoospore her- vorgegangene Amben, die sich zum Plasmodium zu ver- einen anfangen. (Bei d und e Kern u. contractile Vacuolen zu sehen.) kann die Geschwindigkeit der Strmung an den einzelnen Stellen eine verschiedene sein und kann sich auch allmhlich ndern; sie kann so gross sein, dass man bei starker Vergrsserung den vorlieieilenden Krnchen kaum mit dem Auge folgen kann, kann aber auch so langsam werden, dass ein Krnchen kaum seinen Ort zu verndern scheint. Die zweite Art der Bewegung besteht in einer Formvernderung der einzelnen Fden und des ganzen Netzwerks. Wie bei einer Ambe werden hie und da neue Fortstze bald ausgestreckt, bald wieder eingezogen ; wie dort wlbt sich erst eine homogene Plasma- masse als Hcker hervor, dann folgt das Krnerplasma nach, und sieht es hier zuweilen, wenn die Strmung eine recht lebhafte ist, aus, als werde die Krnermasse mit Gewalt in das sich neubildende Zweigende hinein- gepresst. Auf diese Weise kann sich das Plasmodium, einer Ambe gleich, auf einer Unterlage nach einer bestimmten Richtung kriechend fortbewegen. An einem Rande, welchem die Krnerstrme vorwiegend zufliessen, werden neue Fortstze hervorgetrieben, whrend andere am entgegengesetzten Rande eingezogen werden. Unter den Rh i z o p o d e n bietet die schon auf Seite 26 beschriebene Gromia oviformis (Fig. 40) ein klassisches Object zum Studium der Protoplasmabewegung. Von dem aus der Kapsel herausgetretenen Proto- plasma entspringen, wenn der kleine Organismus nicht gestrt worden ist, sehr zahlreiche, lange und feine Fden, die sich in radirer Richtung wie Strahlen nach allen Seiten im Wasser ausbreiten, hie und da Seitenste abgeben und zuweilen auch durch solche netzfrmig unter einander verbunden werden. Auch die feinsten Protoplasmafdchen zeigen Bew^egung. Bei starker Vergrsserung sieht man, wie Max Schultze (I. 29) treffend beschreibt, ein Gleiten, ein Fliessen der in die Faden- substanz eingebetteten Krnchen". Mit grsserer oder geringerer Schnelligkeit ziehen sie in dem Faden entweder dem peripherischen 58 Drittes Capitel. Ende (lesselben zu odt-r in der umgekehrten Richtung, oft sogar selbst an den dnnsten Fden in beiden Richtungen zugleich. Krnchen, die sich begegnen, ziehen ent\Yeder einfach aneinander vorbei oder bewegen sich umeinander, bis nach einer kleinen Pause beide // 'i'\ ^\ /-v-.. // i : ,.^!, n ,\v^K\ S"'^-.- i hl Kl \ V /%. \%m% Ik/vi /hl \%\\ \mm\ ff 1 / i : i il y m i \ 1 I / \ Richtung ihre ursprfmgliche fortsetzen oder eins das an- dere mit sich nimmt. Nicht alle Krnchen eines Fadens bewegen sich mit gleicher Schnelligkeit, so dass oft eins das andere berholt oder an dem langsameren in seiner Bewegung stockt. Viele lau- fen offenbar an der ussersten Oberflche der Fden, ber welche man sie deutlich her- vorragen sieht. Oft bemerkt man auch grssere Substanz- klmpchen wie spindelfrmige Anschwellungen oder seitliche Auftreibungen eines Fadens in hnlicher Bewegung wie die Krnchen. Selbst fremde Krper, welche der Fadensub- stanz anhaften und in sie auf- genommen werden, schliessen sich dieser Bewegung an, deren Geschwindigkeit bis 0,02 mm in der Secunde erreichen kann. Wo mehrere Fden zusam- menstossen , sieht man die Krnchen von einem auf den andern bergehen. An solchen Stellen befinden sich oft brei- tere Platten, welche aus einer strkeren Anhufung der Fa- densubstanz hervorgegangen sind. Eine besondere Art der Protoplasmabewegung wird von Engelmann (III. 5 u. 7) i I I Fig. 40 SCHULTZE. Gromia oviformis. Nach M. noch als Glitschbewegung beschrieben. Sie findet sich besonders bei Diatomeen und Oscillarien. Bei ersteren ist der Protoplasmakrper in eine Kieselschale, bei letzteren in eine Cellulosemembran ein- gehllt. Nach aussen von diesen Hllen findet sich aber noch eine usserst dnne Schicht von ganz krnchenfreiem Protoplasma, welches beim lebenden Organismus nicht wahrzunehmen ist, zuweilen aber nach Anwendung von Reagentien nachgewiesen werden kann. Dadurch, I. Die Bewegungsei'scheinungen. 59 dass sich nun dieselbe auf der Kieselschale oder der Cellulose- membran nach einer bestimmten Richtung verschiebt, knnen sich die kleinen Organismen auf einer festen Unterlage gleitend oder kriechend fortbewegen. " (Engelmann.) b) Bewegung von Protoplasmakrpern im Innern von Zellmembranen. Diese Art der Bewegung findet sich hauptschlich im Pflanzenreich und ist hier im Allgemeinen in den Elementartheilen krautartiger Ge- wchse besser 7AI beobachten als bei Struchern und Bumen. Nach de Vries (III. 25) soll sie in keiner Pllanzenzelle ganz fehlen, aber hufig so langsam sein, dass sie sich der directen Wahrnehmung entzieht. Am besten beobachtet man sie in stoffaufspeichernden und leitenden Geweben und zu jenen Zeiten, wo ein intensiver Transport plastischer Stoffe, sei es zur Fortbildung oder zu localer Anhufung oder zu eigenem Gebrauch stattfindet (de Vries). Die Protoplasmabewegung soll daher auch direct fr den Stofftransport in der Pflanze von grosser Bedeutung sein. Seltener ist sie bei niederen Organismen und im Thierreich zu bemerken, so bei Noctiluken, an den blasigen Zellen in der Axe der Tentakeln von Coelenteraten etc. Man unterscheidet bei den Pflanzen zwei verschiedene Arten der Bewegung als Rotation und als Circulation. Die schnsten Objecte zum Studium der Rotation, die schon im Jahre 1774 durch Bonaventura Corti (I. 8) beobachtet, dann aber ver- gessen und von Treviranus wieder aufs Neue entdeckt wurden, liefern uns die Characeen, ferner die Wurzelhaare von Hydrocharis morsus ranae und Trianea bogotensis, die Bltter von Vallisneria spiralis etc. In den grossen Zellen der Characeen breitet sich das Protoplasma, wie schon auf Seite 29 beschrieben wurde, nur als eine zusammenhngende dicke Lage an der Innenflche der Cellulosemembran aus und umgiebt als ein geschlossener Sack den reichlichen Zellsaft. Am wandstndigen Proto- plasma sind stets zwei gesonderte Schichten zu erkennen, eine ussere, an die Cellulose grenzende und eine innere, dem Zellsaft zugekehrte. Die erstere befindet sich stets in Ruhe; sehr dnn ist sie bei Hydro- charis, relativ dick bei Characeen, bei denen sie auch in grosser Zahl die Chlorophyllkrner einschliesst, an denen man keine Ortsvernderung wahrnimmt. Die ruhende geht allmhlich in die innere bewegliche Schicht ber, die bei Ohara zwar keine Chlorophyllkrner, aber Zell- kerne und Krnchen einschliesst. Das im Verhltniss zur Aussenschicht wahrscheinlich wasserreichere Protoplasma der Innenschicht zeigt eine rotirende Strmung in der Weise, dass in den langgestreckten Zellen der Strom an der einen Lngswand in die Hhe steigt, dann an der oberen Querwand nach der anderen Lngswand umbiegt, an dieser nach abwrts fliesst und endlich an der unteren Querwand wieder zum Aus- gangspunkt zurckgelangt, von wo der Kreislauf wieder von Neuem ijeginnt. Zwischen auf- und absteigendem Strom befindet sich ein mehr oder minder breiter Indifferenzstreifen, in dessen Bereich sich das Protoplasma in Ruhe befindet und gewhnlich auf eine sehr dnne Schicht reducirt ist. Bei Nitella fehlen lngs des Indifferenzstreifens die Chlorophyllkrner in der Aussenschicht. Ein Uebergang von der rotirenden Bewegung des Protoplasma zur Circulation wird durch die sogenannte spri ngbrun neuartige Rotation vermittelt" (Klebs. III. 14). Diese im Allgemeinen seltene 60 Drittes Capitel. ":Pl 1^ M m U Form kommt in juniien Endospermzellen von Ceratophyllum, in jungen Holzgefssen des Blattstiels von Ricinus etc. vor. Hier bedeckt das Protoplasma einmal als dicke Schicht die Innenflche der Cellulosewand, durchsetzt aber ausserdem noch als ein dicker, centraler Strang den Saftraum dei- Zelle ihrer Lnge nach. Ein einziger Strom fliesst nun im centralen Strang entlang, breitet sich dann an der Querwand, auf die er stsst, nach allen Seiten wie bei einer Fontne aus und bewegt sicli von hier im Wandbeleg zur entgegengesetzten Querwand, an welcher die Strmung wieder in den Axenstrom einbiegt. Die als Circulation bezeichnete Bewegung beobachtet man bei solchen pflanzlichen und thierischen Zellen, bei denen das Protoplasma sich sowohl als dnne Schicht unter der Membran, als auch in feineren und strkeren, netzartig verbundenen Fden im Saftraum ausbreitet. Die am meisten studirten Unter- suchungsobjecte sind die Staubfaden- haare von den verschiedenen Tra- descantiaarten, die jungen Haare von Brennnesseln und Krbissprossen. Das Phnomen der Circulation ist ein hnliches, wie wir es an dem Protoplasmanetz der Myxomyceten und den feinen Pseudopodien der Rhizopoden kennen gelernt haben. Es setzt sich wie dort aus zwei Arten von Bewegungen zusammen. Ein- mal unterscheidet m.an die Krnehen- strmung. In den feinsten Fden be- wegen sich die Krnchen nach einer Richtung bald langsamer, bald rascher vorwrts; im Wandbeleg und in den breiteren Bndern circuliren oft mehrere getrennte Strme dicht ne- ben einander, bald in der gleichen, bald auch in entgegengesetzter Rich- tung. Chlorophyll- und Strkekrner, die in dem Protoplasma liegen, wer- den durch die Strnuing ebenso wie der Zellenkern langsam mit- gefhrt. Auch hier befindet sich eine usserste, der Cellulosemem- bran anliegende Schicht von hya- linem Protoplasma in relativer Ruhe. Zweitens bewegt sich auch langsam der Protoplasmakrper im Ganzen und verndert in Folge dessen seine Form. Breite Bnder werden ver- dnnt, und knnen nach einiger Zeit ganz eingezogen werden, feine Fden nehmen an Masse zu, neue Fortstze bilden sich, wie neue Pseudo- podien von Myxomyceten oder Rhizopoden nach aussen hervorgestreckt werden. Bald haben sich hier, bald dort im Wandbeleg grssere Proto- plasmamassen angehuft, whrend an andern Stellen Verdnnung ein- getreten ist. AI ii B \ Fig. 41. Au.B Zelle eines Staub- fadenhaares von Tradescantia yir- ginica. A Ungestrte Protoplasmastr- mung. Protoplasma nach Keizimg kugelig zusammengeballt, a Zelhvand, b Querwand zweier Zellen, c, d Proto- plasma zu Klumpen zusammengeballt. (Nach Khne.) Aus Vkrworn Fig. 13. I. Die Bewegungserscheinun^eu. 61 o) Erklrungsversuche der Protoplasmabewegung. Von verschiedeneii Forschem [Quincke (III. 17), Btschli (II. 7 b), Berthold (III. 2) u. A.] ist in letzter Zeit der Versuch eemaclit worden, die Protoplasmabewegung mit Bewegungserscheinungen, welche Gemische unorganisirter Substanzen darbieten, zu vergleichen und aus ihnen zu erklren. Quincke hat die Bewegungserscheinungen, die an den Berhrungs- flchen verschiedener Flssigkeiten entstehen, genauer untersucht. Er brachte einen Tropfen eines Oelgemisches, dessen specifisches Gewicht ein wenig grsser als das des Wassers war und welches aus Mandell und Chloroform hergestellt wurde, in ein Glas mit Wasser und liess daiauf durch ein feines Capillarrhrchen einen Tropfen zweiprocentiger Sodalsung an die Oelkugel herantreten. Dieselbe erfuhr hierauf Gestaltvernderungen hnlich denen, welche gewisse Amben bei mikro- skopischer Beobachtung zeigen. Dieselben erklren sich dadurch, dass die Sodalsung sich allmhlich ber die Oeloberflche ausbreitet und dabei eine Seife bildet. In analoger Weise beurtheilt Quincke das Wesen der Protoplasma- bewegung. Bei der Plasmolyse von Pflanzenzellen zerfllt ihr Proto- plasmakrper zuweilen in zwei oder mehr Kugeln, die sich beim Aus- dehnen entweder wieder vereinigen oder durch eine ebene Flche getrennt bleiben, wie zwei gleich grosse Seifenblasen, die man mitein- ander in Berhrung bringt. Aus diesen Erscheinungen wird mit Rck- sicht auf die physikalischen Eigenschaften fester und flssiger, dnner Lamellen geschlossen, dass der Protoplasmakrper von einer sehr dnnen, flssigen Membran umgeben sein msse, hnlich wie bei einer Seifenblase die Luft von einer dnnen Haut aus Seifenwasser einge- schlossen ist. Die Substanz der den Plasmakrper umgebenden Mem- bran," so folgert Quincke weiter, muss eine Plssigkeit sein, welche im Wasser Tropfen bildet. Da von allen bekannten Stoffen der orga- nischen Natur nur Oele diese Eigenthmlichkeit zeigen, so muss sie aus fettem Oel oder flssigem Fette bestehen. Die Dicke dieser Oelschicht kann sehr gering sein, kleiner als 0,0001, so dass man sie mikroskopisch nicht mehr wahrnehmen kann." Durch die Einwirkung des Eiweisses auf das Oel entsteht an ihren Berhrungsflchen eine Substanz, die sich in Wasser lst und ausbreitet, hnlich wie die aus Soda und Oel gebildete Seife. Sie wird daher als Eiweissseife bezeichnet. Die Ursache fr die Protoplasmabewegung erblickt nun Quincke in der periodischen Ausbreitung von Eiweissseife an der inneren Oberflche der Oelhaut, welche den Plasmakrper einhllt. Die Seife wird an der Berhrungsflche in demselben Maasse immer wieder neugebildet, als sie gelst wird und in die umgebende Flssigkeit diffundirt. Daraus, dass fr den chemischen Vorgang die Gegenwart von Sauerstoff nothwendig ist, erklrt es sich, dass bei Fehlen desselben die Protoplasmabewegung stockt, desgleichen erklrt sich aus den chemisch-physikalischen Bedin- gungen ihr Stillstand bei zu hohen und zu niedrigen Temperaturen. Angeregt durch Quincke's Untersuchungen und ausgehend von der Annahme einer schaumigen Structur des Protoplasma, nahm Btschli einige interessante Experimente vor, welche ihm Licht auf die Ursachen der Protoplasmabewegung zu werfen schienen. Er stellte sich in ver- schiedener Weise Oelschume her. Die feinsten und lehrreichsten Schume erhielt er, wenn er einige Tropfen Olivenls, das im Wrme- Q2 Drittes Capitel. schrank eingedickt worden war, mit sehr fein pulverisirteni K-CO^ zu einem zhen Brei vermischte und ein kleines Trpfchen desselben in Wasser brachte. Der entstehende Schaum, dessen sehr kleine Yacuolen mit einer sich bildenden Seifenlsung gefllt sind, sieht milchweiss aus; durch Zusatz von dnnem Glycerin lsst er sich aufhellen. Dabei treten lebhafte Strmungen auf, die volle 6 Tage an einem gelungeneu Pr- parate im Gang bleiben und den Protoplasmabewegungen einer Ambe ausserordentlich gleichen. Nach einer Stelle des Randes zog der Strom durch die Axe des Tropfens hin, floss dann vom Rande nach beiden Seiten und hinten ab , um allmhlich wieder in den centralen Strom einzutreten." Bald hier, bald dort wird ein flacher Fortsatz hervor- geschoben, wieder zurckgezogen und so fort, ja manchmal gerathen einzelne Tropfen auf einige Zeit in ziemlich lebhafte Ortsbewegung." Btschli erklrt nach den Versuchen von Quincke die Bewegungsphnomene in der Weise, dass an irgend einer Stelle der Oberflche einige feine Schaumwaben platzen , und dass an dieser Stelle Seifenlsung an die Obei^flche des Tropfens tritt, welche von einer ganz dnnen Oellamelle gebildet wird. Die Folge hiervon muss eine Herabsetzung der Ober- flchenspannung an dieser Stelle und daher ein schwaches Vorwlben derselben und Abstrmen von ihr sein. Beides veranlasst, dass Schaum- masse von innen zu dieser Stelle strmt. Bei diesem Zustrom zur Ausbreitungsstelle drften wieder einige Maschen platzen und so fort, so dass die einmal angeregte Strmung an dieser Stelle fortdauert, wenn nicht erhebliche Strungen auftreten." Btschli ist von der prin- cipiellen Uebei-einstimmung der Strmungen in den Oelschaumseife- tropfen mit der amboiden Protoplasmabewegung berzeugt. Die von Quincke und Btschli angestellten Experimente sind von hohem Interesse , insofern sie zeigen , dass sich mit relativ einfachen Mitteln schon complicirte Bewegungsphnomene hervorrufen lassen. Gegen ihre Schlussfolgerung aber, dass bei der Protoplasmabewegung hnliche Vorgnge stattfinden, lassen sich wohl verschiedenartige Bedenken erheben. Schon die Annahme, dass der Protoplasmakrper von einer feinen Oel- lamelle berzogen sei, ist eine sehr fragw^rdige. Aus der Thatsache allein, dass das Protoplasma sich aus sehr vielen chemischen Stoffen zusammensetzt, die fortwhrend im Stoff"wechselprocess, auf dem das Leben beruht, chemisch-physicalische Vernderungen erfahren, drfen wir schliessen, dass die Bedingungen fr die Bewegungen viel compli- cirterer Art sein werden, als in einem sich bewegenden Tropfen von Oel- schaumseife, und zwar in demselben Maasse, als chemische Zusammen- setzung und Organisation der beiden in Vergleich gezogenen Objecte eine himmelweit verschiedene ist. (Vergleiche auch hierber das auf Seite 20 Gesagte, und Verworn : Die Bewegung der lebendigen Substanz (III. 24). Ferner bilden Protoplasmastrmung, radire Anordnung um Attractions- centren, Flimmer- und Geisseibewegung, Muskelcontraction eine Gruppe zusammengehriger Vorgnge, die eine einheitliche Erklrung verlangen. Eine solche knnen nun weder die von Quinke noch die von Btschli angestellten Experimente geben. Die von ihnen an Stoffgemischen her- vorgerufeneu Bewegungen verhalten sich zu den Bewegungen der leben- digen Krper, wie die Structur der von Traube erzeugten knstlichen Zellen zu der Structur der lebendigen Zellen. Um zu zeigen, wie schon durch einfache Ausbreitung eines Oel- tropfens auf wsserigen Lsungen sehr verschiedenartige Bilder ent- stehen, welche den einzelnen Arten von Pseudopodienausbreitung sehr I. Die Bewegungserscheinungen. 63 hnlich sehen, diene Figur 42, welche einer Schrift von Verworn (III. 24) entnommen ist. ad ist ein Trpfchen Provencerl, das sich auf einer schwachen Sodalsung- von verschiedener Concentration ausbreitet und bei a die Form von Amba guttula, bei h und c die Form von Amba proteus, bei d die Form eines Myxomycetenplasmodiums zeigt. Fig. 42 e und /' ist Mandell, das heliozoen- und radiolarienhnliche Pseudopodien- bildung besitzt, und Fig. 42// ist ein aus Lehmanns Molecularphysik bernommenes Bild eines Kreosottropfens auf Wasser, der ein typisches Actinosphrium nachahmt. (Verworn III. 24. Seite 47.)" Fig. 42. Ausbreitungsformen von Oeltropfen. Nach Verworn Fig. 11. Andere Versuche, die Protoplasmabewegungen zu erklren [Engel- mann (III. .6), Hofmeister (II. 20) Sachs], fhren uns auf das Gebiet der Theoi-ieen ber die Molecularstructur der organisirten Krper, indem als Ursache der Bewegungen die active Formvernderung kleinster Theilchen angenommen wird. Wieder nach einer anderen Richtung bewegt sich der jngste Erklrungsversuch von Verworn (III. 24). Eine Errterung der- selben wrde uns zu weit fhren. Alles in Allem lsst sich wohl von allen bisher aufgestellten Hypo- thesen sagen, dass keine uns eine befriedigende Vorstellung von den Ursachen und mechanischen Verhltnissen der Plasmabewegungen zu 54 Drittes Capitel. gebeu vermag, und dass wir uns daher noch auf eine einfache Beschreibung der beobachteten Verhltnisse beschrnken mssen. Auch ist dies kaum zu verwundern, wenn wir erwgen, wie schon ber die feinere Structur des Pr()toi)lasma (Siehe Seite 17 23) so sehr abweichende Ansichten bestehen, was natrlicli auch auf die Erklrung der Protoplasmabewegung von Einiiuss sein muss. II. Die Greissei- und Flimmerbewegung. Bedeutendere Ortsvernderungen als durch Ausstrecken von Pseudo- podien erzielen einzellige Organismen durch die Geissei- und Fliunuer- bewegung. Geissein und Flimmern sind feine, haarartige Fortstze, die sich in geringerer oder grsserer Anzahl von der Oberflche der Zelle erheben. Sie bestehen aus einer homogenen, krnchenfreien Substanz und gleichen in dieser Beziehung kurzen, dnnen Pseudopodien, wenn diese nur aus Hyaloplasma gebildet sind; sie unterscheiden sich aber von ihnen einmal durch die verschiedene und energischere Art ihrer Bewegung und zweitens dadurch, dass sie nicht vergngliche Gebilde sind, da sie dauernd in Funktion bleiben, ohne aus- und eingezogen zu werden. An der Wurzel hngen indessen Flimmer- und Pseudopodienbewegung zusammen, wie die Beobachtungen von de Bary (I. 2) an Schwrmern von Myxomyceten, von Haeckel, Engelmann, R. Hertwig (III. 12b) etc. an Rhizopoden gelehrt haben. Viele niedere Organismen pflanzen sich nmlich durch kleine Keime fort, die wie Amben aussehen und sich auch nach Art derselben fort- bewegen. (Fig. 43.) Solche Keime strecken nun nach einiger Zeit gewhnlich zwei fadenartige Pseudopodien hervor (Fig. 43 a), die langsam pendelnde Bewegungen ausfhren und zu Geissein werden, whrend der brige Krper sich durch Einziehen aller brigen Fortstze abrundet. Indem die Bewegun- gen strker werden, eilt der Keim mit Hlfe der beiden Geissein im Wasser fort (Fig. 43 b.) Aus der kleinen Ambe ist ein Schwrmer" geworden. Auf solche Befunde gesttzt, knnen wir wohl sagen, dass sich die G e i s s e 1 n aus feinen Protoplasmafortstzen entwickelt haben, die in beson- derem Maasse contractil gewor- den sind und dementsprechend eine vom brigen Protoplasma Fig. 43. Microgromia so- gtwas abweichende Beschaffen- Cialis. Liine durcli Theiluno: eut- , , , , o- i standene, aus der Kolonie ausge- ^ e 1 1 gewonnen haben. Sie kouuen wanderte amboide Zelle (a) wan- daher auch als besondere, aus contractiler delt sich durch Einziehen der Pseu- Substauz bestehende P 1 a S m a p r d U C 1 6 dopodien mit Ausnahme zweier, ^^^^^ Zellorgaue betrachtet werden. welche zu Greissein werden, in den /-< i ' i t^i- i, Schwrmer {b) um. Aus Hektwig Geisseln uud Flimuiem nehmen immer Tat'. I. Fig. Gd u. e. diiTct voui Zellkrper selbst ihren Ursprung. Ist dieser von einer Membran umgeben, so treten sie durch Poren derselben hindurch. An ihrer Basis sind sie immer etwas dicker , beginnen oft an der Oberflche des Protoplasma mit einem kleinen, knopfartigen Ansatzstcke, nach dem freien Ende zu verjngen sie sich allmhlich zu einer feinen Spitze. Die Flimmerorgane finden sich entweder nur in geringer Anzahl (1 4) an einem Ende der Zelle, sie sind dann meist lnger und krftigerund werden mit einem besonderen Namen als Geissein oder I. Die Bewegungserscheinungen. 65 F lageilen bezeichnet, oder sie bedecken in sehr grosser Anzahl, oft zu Tausenden, die ganze Oberflche der Zelle, sind dann kleiner und zarter und heissen Flimmern (Wimpern, Cilien). a) Zellen mit Geissein. Die Geissein sind entweder am vorderen oder am hinteren Ende des Krpers angebracht, was eine verschiedene Art der Fortbewegung zur Folge hat. Im ersteren Fall gehen die Geissein bei der Bewegung voran, whrend der Krper nachgeschleppt wird. Im zweiten Fall stsst die Geissei durch ihre Bewegungen den Krper vor sich her. Das eine findet sich hauptschlich bei den Flagellaten und verwandten Organismen, Fig. 44 . B. C) manchen Bakterienformen (Fig. 33. B), den pflanz- lichen Samenfden (der Moose , Farne , Equisetaceen) , sowie bei den Schwrmsporen, unter welchem Namen die Fortpflanzungskrper vieler Algen und mancher Pilze zusammengefasst werden; das zweite zeigt sich bei den Samenfden der meisten Thiere. (Fig. 45.) Fig. 45. Fig. 44. Fig. 44. A Euglena viridis. Nacli Stein, n Kern, c Contractile Vacuole. Pigmentfleck. B Hexamitus inflatus. Nach Stein. C Chilomonas Paramaecium. Nach Btschli. oe Cytostom. v Contractile Vacuole. n Kern. Aus R. Hertwig Fig. 130 132. Fig. 45. Reife Samenfden des Menschen in zwei verschiedenen An- sichten. Dieselben bestehen aus Kopf (k\ Mittelstck {m) und Schwanz (). Die Arbeitsleistung, welche die Flimmerorgane einzelliger Organismen bei der Fortbewegung derselben zu erfllen halien, ist eine doppelte. Erstens muss durch ihre Thtigkeit der Zellkrper im Wasser schwebend erhalten werden, da sein specifisches Gewicht etwas grsser als das des umgebenden Mediums ist. Es geht dies ja schon einfach aus dem Umstnde hervor, dass sich todte Schwrmsporen und Samenfden bald am Boden des Gefsses niedersetzen. Zweitens muss durch die Flimmer- arbeit der Krper in bestimmter Richtung fortgetrieben werden. r Hertwig, Die Zolle und die Gewebe- ^ C^Q Drittes Capitel. Mit der Mechanik der Bewegung i)flan/licher Schwrmzellen hat sich Ngeli (III. 16) am eingehendsten beschftigt. Nach diesem Forscher wird durch die Schwingungen der Geissein dem Krper eine zweifache Bewegung mitgetheilt, ein Vorrcken und eine gleichzeitige Drehung um seine eigene Axe. Die Bewegung ist daher eine hnliche, wie von einer Kugel, die aus einem gezogenen Flintenlauf abgeschossen wird. Dabei lsst diesel1)e drei verschiedene Typen unterscheiden: An vielen Schwrnizellen , sie mgen in einer geraden oder etw^as gebogenen Linie vorwrts gehen, bleiben das vordere und das hintere Ende ihrer Axe genau in dieser Bahn; sie schwimmen steif und ohne Scliw^anken vorw^rts. An anderen sieht man deutlich , dass sie eine gerade oder etwas gebogene Schraul)enlinie beschreiljen, wobei eine Drehung um die Axe immer einem Umlauf der Schraube entspricht (sodass also die nmliche Zellseite stets nach aussen gekehrt ist), und wobei ihre Axe mit der Axe der Schraubenl)ahn i)arallel luft. Endlich giebt es noch andere Schwrmzellen, deren vorderes Ende in einer Schraubenlinie, deren hinteres aber in einer geraden Linie oder in einer Schraube von geringerem Durchmesser vorwrts geht. Die Natur der zweiten und dritten Bewegung erkennt man nur ganz deutlich, wenn sie langsam stattfinden. Sowie sie schneller werden, erkennt man nur ein Schwanken, das besonders bei der letzteren einen eigen- thmlichen Charakter hat." Die Richtung, in w-elcher sich die Schwrmzellen um ihre Lngs- achse drehen, ist gewhnlich fr jede Art, Gattung oder Familie coustant; manche drehen sich sdwestlich" (Ulothrix), andere sdstlich" (Samen- fden der Farne), einige endlich sind drehungsvage, da sie sich bald sdstlich, bald sdwestlich drehen (Goniumi, Wenn Schwrmzellen an irgend einen Gegenstand anstossen, so hren sie eine Zeit lang auf, sich vorwrts zu bewegen, fahren aber fort, sich um ihre Lngsaxe zu di'ehen. Dann erfolgt meist ein Zurckw^eichen , w^obei sie mit dem hintern Ende vorangehen und sich in absteigend - entgegengesetzter Richtung drehen. Diese Rckwrtsbewegung dauert meist nur kurze Zeit und ist immer langsamer; sie wird bald wieder durch die normale Bewegung vertauscht, die meist in einer etwas abgelenkten Richtung erfolgt." Durch seine Beobachtungen ward Ngeli zu der Annahme gefhrt, dass die Schwrmzellen und Samenfden liei vollkommen regelmssiger Form, bei symmetrischer Vertheilung der Masse und bei Homogeneitt des Mediums in einer geraden Linie dahinschwimmen wrden , und dass alle Abweichungen, sowohl rcksichtlich der Axendrehung, als der Fortbewegungsbahn davon herrhren, dass die beweglichen Krper nicht symmetrisch gebaut sind, ihren Schwerpunkt niclit im Centrum halben und nicht ringsum gleichmssige Reibungswiderstnde erfahren". Mit Hlfe der Geissein wird eine viel raschere Fortbewegung als durch das Kriechen mit Pseudopodien erzielt. Nach Ngeli gebrauchen die Schwrmzellen, um den Weg von 1 Fuss zu durchlaufen , gew^hnlich eine Stunde, die schnellsten bloss V4 Stunde. Whrend der Mensch whrend einer Secunde beim gew^hnlichen Gehen etwas mehr als die Hlfte seiner Lnge zurcklegt, betrgt der von einer Schwrmspore in derselben Zeit durchmessene Raum nicht ganz das Dreifache ihres Durch- messers. Wenn unter dem Mikroskop uns die Bewegung eine sehr lebhafte zu sein scheint, so muss man sich vergegenwrtigen, dass die- selbe, der angewandten Vergrsserung entsprechend, schneller erscheint, als sie in Wahrheit ist, da ja der durchlaufene Weg auch vergrssert I. Die Bewegungserscheinungen. 67 worden ist. Die Fortbewegung ist eine absolut geringe. Ohne Ver- grsserung wrde man, auch wenn die Oiganismen vollkommen deutlich wren, ihre Bewegung wiegen der Langsamkeit nicht sehen." Thierische Samenfden (Fig. 45) unterscheiden sich dadurch von den pflanzlichen Schwrmzellen, dass der einfache Geisselfaden am hinteren Ende des Krpers angebracht ist und so denselben vor sich hertreilit. Der Faden fhrt dabei schlngelnde Bewegungen aus in hnlicher Weise, wie der Krper mancher Fische. In einigen Fllen besitzt er noch eine com- plicirtere Structur, indem er mit einer feinen c n t r a c t i 1 e n oder u n d u 1 i e r e n d e n M e m - b r a n besetzt ist. Letztere ist dem Flossensaum eines Fisches vergleichbar; sie findet sich be sonders schn am Schwanztheile der grossen Samenfden von Salamandra und Triton ent- wickelt (Fig. 46). Bei Untersuchung derselben vermittelst str- kerer Vergrsserungen sieht man ber die Ober- flche der undulirenden Membran fortwhrend von vorn nach hinten fortschreitende Wellen verlaufen. Dieselben entstehen, wie Hensen auseinandersetzt," dadurch, dass successive jeder Querschnitt des Schwanzes in die l)eiden extre- men Stellungen (Fig. 47) bergeht. Hat das von oben gesehene Stck des Saumes I bis P (Fig. 47) zur Zeit die angegebene Lage, so wird es am Ende des ersten Viertels der Periode die Stellung II bis II ' oder, was dasselbe ist, die Stellung ^ bis IP einnehmen. Am Ende des zweiten Viertels ist IP bis IP in die Lage III bis IIP oder, was dasselbe ist, in IIP bis IIP bergegangen. Am Ende des dritten Vier- tels der Periode ist dann IIP bis IIP in die Lage IV bis IV ^ bergegangen und wird am Ende der ganzen Periode wieder die Stellung I bis I ^ einnehmen. Alle diese Bewegungen erfolgen mit einer gewissen Kraft und Ge- schwindigkeit; es fragt sich, wie daraus eine Vorwrtsbewegung entstehen kann? Ein Flchen- element des Saumes (Fig. 47) bewegt sich, wie der Pfeil angiebt, von a nach y mit der Kraft / = /. Diese Kraft kann zerlegt werden in die Componenten a und y. Die Kraft a drckt in der Richtung des Saums, comprimirt ihn und giebt wahrscheinlich keinen usseren Eff'ect. Die Kraft y lsst sich weiter zerlegen m yd und ye. ye treibt das Wasser gerade nach rckwrts, und insoweit dieses dem Druck widersteht, treibt das Krperchen nach vorwrts. Die Kraft / 6 wrde das Krperchen um die eigene Axe rotiren machen, doch ihr wirkt die gleiche, aber entgegen- gesetzte Kraftcomponente entgegen, welche an allen Orten sich entwickelt, wo die Pfeile in entgegengesetzter Richtung (also z. B. ber D) verlaufen. Im Uebrigen giebt Fig. D dieselbe Kraft ye wie Fig. C. Nur die sehraffir- ten Flchen der Fig. A entwickeln der Componente / entgegengesetzte 5* :q Fig. 46. Samenfaden von Salamandra m.a- eulata. k Kopf. m. Mittelstck. ef Endfaden. sp. Spitze. u undulirende Membi'an. 68 Drittes Capitel. Krfte. Man sieht aber, dass die Grsse der betreffenden Flchen und damit ihre Kraftcomponenten durchaus zurcktreten" (Mensen III. Hj. r-I Fig. 47. Zur Erklrung des Mechanismus der Samenbewegung. Nach Hensen Fig. 22. A Die vier Phasen der Stellung, welche der Wimpersaum einnimmt, wenn eine "Welle ber ihm hinluft. I bis I^ die erste, II bis 11^ bis 11^ die zweite, III bis III ^ bis III ^ die dritte, IV bis IV ^ die vierte Phase der Biegung des Saums in der Lnge einer Welle. B Durchschnitt des Schwanzfadens und Saums in den zwei Stellungen strkster Elongation. C und B Zerlegung der Krfte des Saums. E Bewegung eines gewhnlichen Samenkrperchens. a b c verschiedene Phasen der Bewegung. Fig. 48. Stylonychia mytilus, nach Stein (aus Claus, Zoologie) von der Bauchflche gesehen. Wz adorale Wimperzone. C Contractile Vacuole. N Nucleus. .yi Nucleolus. A After. b) Zellen mit vielen Flimmern. Durch reichliche Bewimperung zeich- nen sich unter den niederen, einzelligen Orga- nismen besonders die Infusorien aus, die des- wegen auch den Namen der Ciliaten fhren (Fig. 48). Im Vergleich zu den Geissein sind die Cilien, Flimmern oder Wimpern von viel geringerer Grsse, meist circa 0,1 0,3 (.i dick und etwa 15 ^ti lang. Ihre Zahl kann sich auf mehrere Tausende belaufen. So wurde sie bei Paramaecium aurelia auf annhernd 2500 be- rechnet. Fr das parasitische Balantidium elon- gatum der Frsche, welches eine Lnge von 0,3 erreicht und sehr dicht bewimpert ist, nimmt Btschli (in. 3) an, dass seine Cilien wohl nach Zehntausenden geschtzt werden mssen. Ge- whnlich sind dieselben in vielen Lngsreihen angeordnet, die entweder nur auf einen Theil der Krperoberflche beschrnkt sind oder die- selbe in Spiralen Touren rings umziehen. Neben den Cilien kommen bei vielen In- fusorien noch besondere grssere Bewegungs- organe vor, die Girren und die unduliren- d e n Membranen. Erstere unterscheiden sich von den Cilien durch grssere Dicke und Lnge und dadurch, dass sie an der Basis breit ent- springend in eine feine Spitze auslaufen (Fig. 48). Ferner zeigen sie wie andere besonders contrac- tile Gewebe (Muskelfasern) eine fibrillre Diffe- renzirung, sodass sie sich in viele feine Fibrillen I. Die Bewegfungserscheinungeu. 69 zerfasern lassen (Btschli). Girren treten besonders hufig bei hypotrichen Infusorien und in der Umgebung der Mundffnung auf. Auf letztere sind auch die undulirenden Membranen in ihrer Ausbreitung beschrnkt. Sie sind flchenartig entwickelte Bewegungsorgane, welche hufig von der Basis gegen den freien Rand zu deutlich fein gestreift sind und daher wohl ebenfalls wie die Girren eine fibrillre Struetur besitzen. Die Bewegungsweise der Infusorien ist eine sehr mannichfaltige. Meist dreht sich ihr Krper, wenn /^c er sich frei durch das Wasser bewegt, um seine Lngsaxe. Die Richtung der Bewegung kann wechseln, die Thtigkeit der Wimpern kann pltzlich verlangsamt, pltzlich beschleunigt werden, sie kann auch kurze Zeit still stehen ohne besondere ussere Veranlassung. So kommen verschiedenartige Bewegungsformen, die scheinbar den Eindruck des Willkrlichen machen, zu Stande. Hierbei ist auch beachtenswerth, dass die oft nach Tausenden zhlenden Wimpern ein und des- selben Individuums streng coordinirte Bewegungen ausfhren. Sie schlagen nicht nur stets in der- selben Frequenz der Schwingungen (Rhythmus) bei gleicher Amplitude, sondern sie schlagen auch smmt- lieh nach derselben Richtung und immer in derselben Reihenfolge." (Verworn.) Die Goordination der Be- wegung geht sogar so weit, dass zwei Individuen, die aus Theilung eines Mutterthiers entstehen, durchaus bereinstimmende und synchronische Bewegungen aus- fhren, so lange sie noch durch eine Plasmabrcke vereinigt sind. Es folgt hieraus, dass zwar die Wimperorgane das Vermgen besitzen, sich selbst- thtig zusammenzuziehen, dass ihr Zusammenwirken aber durch Reiz bertragungen vom Protoplasmakrper gei-egelt wird. Bei der Reizbertragung scheint besonders das Ektoplasma von Bedeutung zu sein, wie aus einem Versuch von Verworn (IV. 40) hervorgeht. Derselbe machte bei Spirostomum ambiguum (Fig. 49) und Stentor coeruleus einen kleinen Einschnitt mit einer Lanzette in das die Wimperreihen tragende Ektoplasma. In diesem Fall konnte deutlich beobachtet werden, dass die Wimperwellen nicht ber die Schnitt- stelle hinwegliefen, sondern sich auf die eine Seite beschrnkten und auf der andern Seite nicht wieder zum Vorschein kamen." Bisweilen beobachtete er auch , dass die Mittellage , um welche die Wimpern schlagen , in der einen Hlfte der Wimperreihen vorbergehend eine andere war, als auf der anderen Seite der Schnittstelle. Fig. 49. Spirostomum am- biguum. Durch einen Einschnitt ist die Continui- tt der die Peri- stomwimpern tragenden Haut- strecke unterbro- chen. Aus Verworn (IV. 40) Fig. 2-5. III. Die contractilen Vaciiolen oder Behlter einzelliger Organismen. Gontractile Vacuolen treten sehr hufig bei Amben, Rhizopoden, Flagellaten (Fig. 7, 43, 44) und Infusorien (Fig. 50 Vv) auf. Bei letzteren, bei denen sie am genauesten untersucht worden sind, ist meist im ganzen Krper nur eine einzige Vacuole, zuweilen sind zwei (Fig. 50), 70 Drittes Capitel. selten einige mehr vorhanden; sie liegen stets dicht unter der Krper- oberflche unter dem Ektojjlasma. Von anderen Flssigkeitsvacuolen, die im Krper in grosser Zahl verbreitet sein knnen, unterscheiden sie sich leicht dadurch, dass ihr Inhalt in regelmssigen Intervallen voll- stndig nach aussen entleert und wieder ergnzt wird. Sie verschwinden daher vorbergehend (Fig. 50 cv), um bald wieder zum Vorschein zu kommen (cv.'). Die Entleerung geschieht durch einen oder mehrere besondere Poren, die an der Oberflche des In- fusorienkrpers unmittelbar ber der Vacuole nachweisbar sind. Jeder Perus erscheint ge- whnlich als ein sehr kleines, von einem dunklen Randsaum umzogenes und im Inneren lichtes Kreischen. Die Helligkeit des Innern rhrt von der Durchbrechung der Pellicula und Alveolarschicht her." Zuweilen setzt sich jeder Perus bis zur contractilen Vacuole in ein feines Austlussrhrchen fort. Nicht selten sind sogar auch besondere Zu- fuhrkanle (1, 2 und niehr) in ihrer Umgebung in regelmssiger Anordnung zu erkennen. Bei Paramaecium Aurelia und P. caudatum (Fig. 50), deren zufhrendes Kanalsystem schon seit lngerer Zeit bekannt ist und am hufigsten studirt wurde, strahlen von jeder der beiden dorsalen Vacuolen ca. 8 10 ziemlich gerade Kanle aus, die fast ber den gesammten Krper zu verfolgen sind. Jedoch greifen die Kanle beider Vacuolens} steme nicht zwischen einander hinein." Sie sind in der Nhe der contractilen Vacuole am strksten und verfeinern sich distal mehr und mehr. Sehen wir uns nun die Wirkungsweise dieser eigenthmlichen Apparate nher an, wozu sich Paramaecium als sehr geeignetes Object darbietet (Fig. 50). Wenn die beiden contractilen Vacuolen ihre grsste Ausdehnung erreicht haben, wird pltzlich in kurzer Zeit und mit betrchtlicher Inhalt durch ihre Ausfuhrkanle und Poren nach aussen entleert, sodass die Vacuolenhhle vorbergehend ganz verschwindet. Wie bei der Zusammenziehung des Herzens, bezeichnet man diesen Zustand als Systole, dagegen die Periode, in welcher sich die Vacuole wieder mit Flssigkeit fllt, ausdehnt und sichtbar wird, als Diastole. Die Fllung geht in der Weise vor sich: Schon vor Beginn der Systole nehmen die oben beschriebenen, zufhrenden Kanle aus dem Entoplasma des Infusorienkrpers Flssigkeit auf, die wahrscheinlich mit Kohlensure und einigen Stoffwechselproducten beladen ist. Die Fllung geschieht wohl, wie Schwalbe (III. 21) vermuthet, in Folge des Druckes, unter dem die durch immer neue Wasseraufnahme durch den Mund sich mehrende Flssigkeit im Krper des Thieres steht." Zu dieser Zeit sind wegen der Fllung mit Wasser die zufhrenden Kanle gut sichtbar. Sie schwellen in der Umgebung des contractilen Behlters, welcher jetzt den hchsten Grad der Fllung erreicht hat, spindelfrmig an und bilden dadurch um denselben einen Kreis rosettenfrmig angeordneter Vacuolen, welche Btschli als Bildungsvacuolen bezeichnet. Wegen ihrer Fllung kann Fig. 50. Paramae- cium caudatum (halb- schematisch). R. Hert- wiG, Zoologie Fig. 139. k Kern, nk Nebenkern, Mundffnung (C3'to- stom), na' Nahrungs- vacuole in Bildung be- griffen , na Nahrungs- vacuole, cv contractile Vacuole im contrahirteu, cv' im aiisgedehnten Zu- stand, t Trichocysten, bei i' hervorgeschleudert. Energie ihr ganzer I. Bewegungserscheinungeu. 71 bei der Systole der coiitractile Behlter die in ihm enthaltene Flssigkeit nicht in die Zufiihrkanle , sondern nur nach aussen entleeren. Wenn er dann wieder in die Diastole eintritt, ergiessen die prall gefllten Bildungsvacuolen ihre Flssigkeit in ihn hinein, wodurch er wieder sichtbar wird und sich allmhlich zur ursprnglichen Grsse ausdehnt. In Folge dessen verschwinden am Anfang der Diastole die leer ge- wordenen Bildungsvacuolen vorbergehend, fllen sich aber von Neuem aus dem Krperparenchym bis zum Beginn der nchstfolgenden Systole. Bei gleichzeitiger Gegenwart mehrerer Vacuolen herrseht im Allgemeinen die Regel, dass sie sich alternierend entleeren, was eine mglichst gleichmssige Wasserausscheidung bewirkt. Die Frequenz ihrer Entleerung ist bei den einzelnen Infusorienarten im Allgemeinen eine sehr schwankende. Nach den Beobachtungen von Schwalbe (III. 21), lsst sich hierbei die Regel feststellen, dass die Frequenz der Con- tractionen um so grsser ist, je kleiner die contractilen Vacuolen sind. So ziehen sich dieselben bei Chilodon cucullulus in 2 Minuten ungefhr iS- bis 14mal zusammen , bei Paramaecium aurelia in derselben Zeit nur 10- bis llmal, bei Vorticella mikrostoma nur 1- bis 2mal. Noch seltener erfolgen die Contractionen bei Stentor und Spirostomum. Von den angefhrten Thieren haben in der That Stentor und Spirostomum die grssten contractilen Behlter, dann kommt die Vorticella , dann Paramaecium aurelia und endlich Chilodon cucullulus, dessen Vacuolen wohl nur den halben Durchmesser von den bei Paramaecium vor- kommenden haben; bei diesem betrgt der Durchmesser 0,0127 mm, bei der Vorticella 0,0236 mm." (Schwalbe.) Das Zeitintervall zwischen zwei Entleerungen ist bei derselben Temperatur ein sehr gleichmssiges, verndert sich aber sehr bei Erhhung oder Erniedrigung derselben. (Rossbach [III. 19], Maupas). Whrend bei Euplotes Charon das Zeitintervall zwischen zwei Contractionen 61 Secunden betrgt, ist es bei 30 Grad Cels. auf 23 See. gesunken. (Rossbach.) Die Frequenz der Contractionen hat sich demnach fast verdreifacht. Der durch die contractilen Vacuolen erzeugte Wasserwechsel ist ein erstaunlich grosser. Nach Berechnungen von Maupas entleert z. B. Paramaecium aurelia bei 27 ^ Celsius ein ihrem Krpervolum gleiches Volum Wasser in 46 Minuten. Aus den mitgetheilten Beobachtungen scheint hervorzugehen, dass die contracti len Behlter nicht einfache, unbestndige Flssigkeitstropfen im Plasma, sondern feststehende, morphologische Differenzierungen im Krper der P r o t o - zoensind, wirkliche Zellorgane, die wahrscheinlich im Dienste der A t h m u n g und E x c r e t i o n eine wichtige Function zu erfllen haben. Die Energie, mit welcher der Behlter seinen Inhalt bis zum vollstndigen Schwund entleert, spricht dafr, dass die aus hyaliner Substanz gebildete Wandschicht wie die Substanz der Geissein in besonderem Maasse contractil ist und sich durch diese Eigenschaft vom Entoplasma des Infusorienkrpers unter- scheidet. Allerdings ist an dem contractilen Behlter mikroskopisch keine eigene Wandschicht von der brigen Krpermasse scharf abzu- grenzen, wie ja auch an der glatten Muskelfaser contractile Substanz und Protoplasma sich nicht innner sehr deutlich gegen einander absetzen, 72 Drittes Capitel. und wie die Geissein auch an ihrer Basis in das Protoplasma der Zelle bergelien. Mit Schwalbe (III. 21.) und Engelmann bin ich also der Ansicht, dass die Behlter eine contractile Wandschicht besitzen, welche von der brigen Krpermasse nicht abgegrenzt ist. Im Uebrigen sind bekanntlich feine Hutchen oft mikroskopisch nicht nachweisbar, obwohl sie unzweifel- haft vorhanden sind. An vielen Pflanzenzellen ist es unmglich, den sogenannten Primordialschlauch zu sehen, solange er der Cellulosemembran fest anliegt, whrend man sich durch Plasmolyse von seinem Dasein berzeugen kann. Mit dieser Auffassung befinde ich mich mit Btschli (III. 3.) im Widerspruch. Btschli betrachtet die contractilen Behlter als einfache Flssigkeitstropfen im Plasma. Jede Vacuole hrt mit ihrer Austreibung als solche zu existiren auf. Ihre Nachfolgerin ist ein ganz neues Ge])ilde, ein neu entstandener Tropfen, welcher wiederum nur bis zur Austreibung existirt." Sie entsteht nach ihm durch Zusammenfiuss mehrerer Bildungs- vacuolen, die als kleine Trpfchen im Plasma ausgeschieden werden, sich vergrssern und dann durch Einreissen der Zwischenwnde verschmelzen. Die auch von Btschli beschriebene Existenz von zu- und abfhrenden Kanlen, die Constanz in der Zahl der Behlter, der Umstand, dass sich bei der Diastole der Behlter an der gleichen Stelle wieder findet, wo er bei der Systole verschwunden ist, die Verhltnisse der Frequenz bei gleich- bleibender Temperatur und bei Temperaturschwankungen scheinen mir gegen die Btschli'sche Auffassung zu sprechen. Dass am Schluss der Systole der Behlter nach Austreibung seines Inhaltes momentan nicht sichtbar ist, kann wohl nicht schwer gegen die Annahme seiner Constanz in die Wagschaale fallen , wenn man bercksichtigt, dass selbst grosse Lymphspalten und capillare Blutgefsse bei den Wirbelthieren sich im uninjicirten Zustand der Wahrnehmung entziehen. IV. Vernderung des Zellkrpers durch passiye Bewegung. Um das Bild der Protoplasmabewegungen nach allen Seiten zu ver- vollstndigen , ist endlich noch der Formvernderungen zu gedenken, welche der Zellkrper gewissermaassen durch passive Bewegunge n er- fahren kann. Die Zelle befindet sich hier in derselben Lage wie ein Mus- kel, der durch eine von aussen auf ihn einwirkende Kraft, die an den Gliedmaassen ansetzt, gedehnt und wieder verkrzt wird. So verndern die Zellen des thieri- schen Krpers zuweilen in ausser- ordentlich hohem Grade ihre Form, indem sie sich allen Gestaltvernde- rungen anpassen mssen, welche ein- zelne Organe in Folge von Muskel- wirkung oder durch Dehnung bei Ansammlung von Flssigkeit und Nahrung erfahren. Fadenfrmige Epi- thelzellen mssen sich in Cylinder, diese in Platten umwandeln, wenn A Fig. 51. Epithelmuskelzellen aus der entodermalen Auskleidung der Tentakeln einer Aetinie (Sa- gartia parasitiea). Nach O. und E. Hertwig Tat", vi. Fig. 11. Aus Hatschek Fig. 108. A Im ausgedehnten Zustand. B Im stark verkrzten Zustand der Tentakeln. I. Bewegun^serscheinuiigeu. 73 bei Dehnung eines Organs sich die Ol^erflche vergrssert, und die um- gekehrte Metamorphose mssen sie wieder durchmachen, wenn sich dass ganze Organ und mithin auch seine Obeiche verkleinert. Was fr gewaltige und urpltzliche Formvernderungen der Proto- plasmakrper einer Zelle ohne Vernichtung seiner feinen Structur in Folge passiver Bewegungen ertrgt, zeigen uns am schnsten die Coelen- teraten, bei welchen sich ausgestreckte Krpertheile wie Fangfden auf ein Zehntel oder mehr durch pltzliche, energische Muskelzusammenziehung verkrzen knnen. (III. 12 a.) Die Form, welche eine Epithelzelle dar- bietet, je nachdem sie einem massig oder einem stark contrahirten Krpertiieil entnommen ist, fllt wesentlich verschieden aus, wie die Figuren 51 A und B lehren. Die erstere entstammt dem Tentakel einer nur massig contrahirten Actinie, die durch chemische Stoffe unempfindlich gemacht und dann abgetdtet worden war, die letztere einem bei der Abtdtung strker contrahirten Tentakel eines anderen Individuums. Literatur. III. 1) De Bary. I>ic Mycetozoen. Zeitschrift f. wissenschaftl. Zoologie. Bd. 10. 18G0. 2) G. Berthold. Studien ber Protoplasmamechanik. Leipzig 1886. 3j Btsehli. Protozoen. Erster Band von Bronns Classen und Ordnungen des Tliier- reichs. 1889. 4) Alex. Ecker. Zur Lehre vom Bau u. Leben der contractilen Substanz der niedersten Thiere. Zeitschrift f. tvissenschaftl. Zoologie. Bd. I. 1849. 5) Engelniann. Physiologie der Protoplasma- u. Flimmerbeivegung . Hermanns Handbuch eler Physiologie. Bd. I. 6) Derselbe. Contractilitt und Doppelbrechung. Archiv f. die gesammte Physiologie. Bd. XI. 7) Derselbe. lieber die Bewegungen der Oscillarien und Diatomeen. Pgers Archiv. Bd. XIX. 8) Derselbe. Heber die Flimmerbeivegung. Jenaische Zeitschrift f. Medicin und Nafur- wissensch. Bd. IV. 1868. 9) Frommann. Beobachtungen ber Structur u. Beivegungserscheinungen des Protojjlasmas der Punzenzelle. Jena 1880. 10) Derselbe. Ueber neuere Erklrungsversuche d. Protoplasmastrmungen u. ber Schaum- structuren Btsehli s. Anatomischer Anzeiger. 1890. 11) Hensen. Physiologie der Zeugung. Handbuch der Physiologie. Bd. VI. 1881. 12a) O. u. R. Hertwig. Die Actinien. Jena 1879. 12b) Richard Hertwig. Ueber Mtkrogromia socialis., eine Colonie bildende Monothedamie des sssen Wassers. Archiv f. mikroskop. Anat. Bd. X. 1874. 13) Jrgensen. Ueber die in den Zellen der Vallisncria spiralis stattfindenden Bewegungs- erscheinungen. Studien des physiol. Instituts zu Breslau. 1861. Heft 1. 14) Klebs. Form und Wesen der pflanzlichen Protoplasmabetvegung. Biologisches Central- blatt. Bd. I. 15) Kollmann. Ueber thierisches Protoplasma. Biolog. Centralblatt. Bd. IL 16) C. Ngeli. Die Bewegung im Pflanzenreiche. Beitrge zur wissenschaftlichen Botanik. Heft ;>. 1860. Derselbe. Rechts und links. Ortsbewegungen der Pflanzenzellen und ihrer Theile. Ebendas. 17) G. Quincke. Ueber periodische Ausbreitung an Flssigkeitsoberflchen u. dadurch her- vorgerufene Beivegungserscheinungen. Sitzungsber. der Akademie der Wissenschaften zu Berlin. 1888. 18) Purkinje u. Valentin. De phaenomeno generali et fundamentali motus vibratorii continui. 18H5. 19) Rossbach. Die rhythmischen Bewegungserscheinungen der einfachsten Organismen und ihr Verhalten gegen physikalische Agentien u. Arzneimittel. Arbeiten a. dem zool.-zoot. Institut zu Wrzburg. 1874. 74 Drittes Capitel. I. Bewegungserscheinungen. 20) Sachs. Experimentalplii/siologie der Pflanzen. Leipzig 1865. 21) Schwralbe. Ueber die contractilen BeMlter der Infusorien. Archiv f. mikroskopische Anatomie. Bd. II. 22) Veiten. Einivirkung strmender Elektricitt auf die Beivcgung des Protoplasmas etc. Sitzungsber. d. Wiener Akademie. 1870. Bd. 73. 23) Verworn. Studien zur Physiologie der Flimmerbewegung. Pgers Archiv. Bd. 48. 1890. 24) Derselbe. Jtie Bewegung der lebendigen Substanz. Jena 1892. 25) de Vries. Ueber die Bedeutung der Circulation und der Rotation des Protoplasmas fr den Stofftransport in der Panze. Botanische Zeitung. 1885. VIERTES CAPITEL. Die Lebenseigenschaften der Zelle. II. Die Reizerscheinungen. Die wunderbarste Eigenschaft des Protoplasma ist seine Reizbarkeit oder Irritabilitt^). Darunter versteht man, wie Sachs (IV 32 a) sich ausdrckt, die nur den lebenden Organismen eigenthmliche Art, auf die verschiedensten Einwirkungen der Aussenwelt in dieser oder jener Weise zu reagiren." Durch die Irritabilitt scheidet sich am meisten die belebte von der unbelebten Natur, und wurden in Folge dessen ltere Naturforscher veranlasst, in ihr den Ausdruck einer besonderen, nur der organischen Natur zukommenden Lebenskraft zu erblicken. Die vitalistische Lehre (Vitalismus) hat die moderne Natur- wissenschaft fallen gelassen; anstatt durch Annahme einer besonderen Lebenskraft, erklrt sie die Reizbarkeit als ein sehr zusammengesetztes, chemisch-physikalisches Phaenomen. Dasselbe ist von anderen chemisch- physikalischen Phnomenen der unbelebten Natur nur graduell ver- schieden, nmlich nur dadurch, dass die usseren Einwirkungen eine mit complicirterer Structur versehene Substanz, einen Organismus, ein hoch- zusammengesetztes, materielles System, treffen und dementsprechend in ihm auch eine Reihe complicirterer Vorgnge verursachen. Bei dieser mechanischen Auffassung darf man aber nicht in einen hutig gemachten Fehler verfallen , aus Analogien , die manche Er- scheinungen der unbelebten Natur mit Lebensvorgngen haben , die letzteren dir e et mechanisch erklren zu wollen. Hier ist immer im Auge zu behalten, dass eine Substanz von so verwickelter Structur wie die lebende Zelle in der unbelebten Natur auch nicht im Entfern- ^) Durch eine Reihe von Betrachtungen kommt Claude ernard (IV. la) in seinen Vorlesungen ber die Phnomene des Lebens zu dem gleichen Endergebniss : Arrives au terrae de nos etudes, nous voyons qu'elles nous imposent une conclusion tres- generale, fruit de l'experience, c'est, savoir, qu'entre les deux ecoles qui fnt des phenomenes vitaux quelque chose d'absolument distinct des phenom^nes physico- chimiques ou quelque chose de tout fait identique k eux, il y a place pour une troisieme doctrine, celle du vitalisme physique, qui tient compte de ce qii'il y a de special dans les manifestations de la vie et de ce qu'il y a de conforme l'action des forces generales: l'element ultime du phenomene est physique; l'arrangement est vital." 76 Viertes Capitel. testen ihres Gleichen hat, dnss daher auch die Reactionen einer derartigen Substanz ein entsprechend coniplicirteres Geprge an sich tragen. Das Gebiet der Reizerscheinungen ist ein sehr umfangreiches, da es die gesanimten Wechselbeziehungen umfasst, welche zwischen den Orga- nismen und der Aussenwelt stattfinden. Unzhlig sind die von Aussen auf uns einwirkenden Reize und Reizursachen. Der Uebersichtlich- keit halber wollen wir dieselben in 5 Gruppen besprechen. Eine Gruppe umfasst die thermischen Reize, eine zweite die Einwirkungen des Lichtes, eine dritte die Einwirkungen der Elektricitt, eine vierte die mechani- schen Reize und eine fnfte endlich das unerschpfliche Gebiet der chemischen Reize. Die Art und Weise, in welcher ein Organismus auf einen dieser Reize reagirt, bezeichnet man als die Reizwirkung. Dieselbe kann bei den einzelnen Organismen, auch wenn dieselben von genau dem gleichen Reiz betroffen werden, sehr ungleich ausfallen. Es hngt dies ganz von der Structur des Organismus oder von der feineren, fr unsere Sinne allerdings nicht wahrnehmbaren Beschaffenheit der reizbaren Substanz ab. Die Organismen lassen sich in dieser Beziehung, um einen Ver- gleich von Sachs (IV 32 a) zu gebrauchen, verschiedenartig konstruirten Maschinen vergleichen, die durch dieselbe ussere Kraft der Wrme in Bewegung versetzt, doch je nach ihrer inneren Construction bald diesen, bald jenen Nutzeffect liefern. So antworten auch auf die gleiche Reizursache verschiedene Organismen oft in ganz ent- gegen g es e t z t e r W e i s e gemss ihrer s p e c i f i s c h e n S t r u c t u r. Wir werden im Folgenden sehen, wie manche Protoplasmakrper durch Licht gewissermaassen angezogen, andere abgestossen werden, und wie sich dasselbe Schauspiel bei dem Studium der Wirkung chemischer Substanzen etc. wiederholt. Man spricht dann von einem positiven und negativen H e 1 i o t r o p i s m u s , einem positiven und negativen Chemotropismus, Galvauotropismus, Geotropismus etc. Aus der liesonderen Structur der reizbaren Substanz erklrt sich auch noch eine Erscheinung, welche man in der Physiologie mit dem Namen der specifi sehen Energie belegt hat und welche in mancher Hin- sicht das Gegenstck zu den oben besprochenen Erscheinungen darstellt. Wie dort auf den gleichen Reiz verschieden gebaute Protoplasmakrper in ungleicher Weise reagiren, so sehen wir auf der andern Seite, wie sehr verschiedene Reize, Licht, Elektricitt, mechanische Berhrung bei demsellien Protoplasmakrper eine gleichartige Reiz Wirkung hervorrufen. Eine Muskelzelle antwortet auf jede Art von Reiz durch Zusammen- ziehung, eine Drsenzelle durch Secretion ; ein Sehnerv kann nur Licht empfinden, mag er durch Lichtwellen, durch Elektricitt oder Druck gereizt werden etc. Li hnlicher Weise sind auch die Pflanzenzellen, wie Sachs gezeigt hat, mit ihren specifischen Energien ausgerstet. Ranken und Wurzeln krmmen sich in der ihnen eigenen Weise , gleichgltig, ob sie durch Licht, durch Schwerkraft, durch Druck oder elektrischen Strom gereizt werden. Die Reizwirkung erhlt berall ihr specifisches Geprge durch die besondere Structur der reizbaren Substanz, oder in anderen Worten, die Reizbar- keit ist eine Grundeigenschaft des lebenden Protoplasma, aber sie ussert sich je nach der specifischen Structur desselben unter dem Einfluss der Aussenwelt in specifi- schen Reizwirkungen. Denselben Gedankengang hat Claude Bernard (IV la) in folgender II. Die Reizerscheinimgen. 77 Weise ausgedrckt: La sensibilite, considree comme propriete du Sys- teme nerveux, n'a rien d'essentiel ou de sp^cifiquement distinct; c'est rirritabilit speciale au nerf, comme la proprit de coiitraction est rinitabilit speciale au muscle, comme la propriete de secrtion est Tirritabilite speciale k rel6ment glandulaire. Ainsi, ces proprietes sur lesquelles on fondait la distinction des plantes et animaux ne toucheiit pas a leur vie meine, mais seulement aux mecanismes par lesquels cette vie s'exerce. Au fond tous ces mecanismes sont soumis une condition generale et commune, Tirritabilite, Bei der allgemeinen Besprechung der Reizbarkeit ist endlich noch einer besonderen Erscheinung gleich zu gedenken, der Reizfort- pflanzung oder R e i z 1 e i t u n g. Ein Reiz, der einen kleinen Punkt an der Oberflche eines Protoplasmakrpers trifft, ruft nicht nur an diesem, sondern auch an weit abgelegenen Punkten eine Reizwirkung hervor. Die Vernderung, die der Protoplasmakrper an der Reizstelle erfhrt, muss sich also bald rascher, bald langsamer dem ganzen Krper mittheilen. Die Reizleitung ist im Allgemeinen rascher im thierischen Krper; fr die Nerven des Menschen betrgt sie zum Beispiel 34 Meter in der Sekunde, langsamer verluft sie im pflanzlichen Protoplasma. Man stellt sich vor, dass die reizbare Substanz ein in labilem Gleichgewicht befindliches System materieller, mit hohen Spannkrften ausgersteter Theilchen ist/ In einem solchen System gengt ein ge- ring-er Anstoss eines Theilchens, um auch alle anderen Theilchen mit in Bewegung zu versetzen, indem das eine auf das andere seine Bewegung libertrgt. Daher erklrt sich auch, dass oft durch eine kleine Reiz- ursache eine ausserordentlich grosse Reizwirkung hervorgerufen werden kann, gleichwie ein durch einen Funken entzndetes Pulverkmehen eine gewaltige Pulvermasse zur Explosion bringen kann. Eigenthmlich fr die organische Substanz ist endlich die Fhigkeit, dass sie nach Aufhren der Reizursache nach einer krzeren oder lngeren Periode der Rulte oder der Erholung mehr oder minder wieder in den ursprnglichen Zustand zurckkehrt. Ich sage : mehr oder minder. Denn oft wird auch unter dem Einfluss langdauernder oder hufig wieder- kehrender, gleichartiger Reize die organische Substanz in ihrer Structur und ihrem Reactionsvermgen dauernd gendert. Es treten dann Er- scheinungen ein, die man unter die allgemeinen Begriffe der Reiz- n ach Wirkung und der Reizgewhnung" zusammenfasst. Ob ein Protoplasmakrper reizbar ist und auf Vernderungen seiner Umgebung reagirt, sind wir gewhnlich nicht im Stande wahrzunehmen. Die meisten Reizwirkungen bleiben uns verborgen. Am deutlichsten sichtbar werden sie uns in den Fllen, in denen das Proto- plasma durch auffllige Vernderungen seiner Form oder durch Be- wegungen den Reiz beantwortet. Aber wie eben hervorgehoben wurde, ist dies nur ein beschrnktes, kleines Gebiet der Reizwirkung, wenn auch fr den Forscher das wichtigste, weil hier die Untersuchung angreifen kann. In Folge dessen werden wir denn auch im Folgenden hauptschlich zu untersuchen haben, wie das Protoplasma auf die oben angefhrten 5 Gruppen von Reizursachen durch Bewegungen antwortet. Dieser Um- stand hat mich auch veranlasst, bei der Besprechung der Lebenseigen- schaften der Elementarorganismen mit der Contractilitt zu beginnen. 78 Viertes Ciipitcl. I. Thermische Reize. Eine der wesentlichsten Bedingungen fr die Lebensthtigkeit des Protoplasma ist die Temperatur der Umgebung. Es gibt eine obere und eine untere Grenze derselben, deren Ueberschreitung in allen Fllen den sofortigen Tod des Protoplasma zur Folge hat. Dieselbe ist aller- dings nicht immer ein und dieselbe fr alle Protoplasmakrper. Einige vermgen einen geringeren, andere einen grsseren Widerstand extremeren Temperaturgraden entgegenzusetzen. Das Maximum der Wrme bewegt sich gewhnlich fr thierische und pflanzliche Zellen um 40*^ C. herum. Schon eine Einwirkung von wenigen Minuten gengt, um im Protoplasma Verquellungen und Gerin- nungen und dadurch eine Zerstrung der reizbaren Structur und des Lebens berhaupt hervorzurufen. Amben, in Wasser von 40*^ C. ge- bracht, sterben sofort ab, indem sie ihre Pseudopodien einziehen und sich in eine kugelfrmige, scharf und doppelt conturirte Blase umwandeln, welche einen grossen, trben, in durchfallendem Licht bi'unlich aus- sehenden Klumpen einschliesst." (Khne IV. 15.) Die gleiche Temjje- ratur hat, wie man sich kurz ausdrckt, den Wrmetod'" liei Aethalium septicum unter eintretender Goagulation zur Folge. Fr Actinophrys da- gegen liegt die Grenze , wo augenblicklicher Tod eintritt , bei 45 " und fr Zellen von Tradescantia und Vallisneria erst bei 47 48'' C. (INIax Schnitze L 29). Auf viel hhere Temperaturen ist das Protoplasma bei einzelnen Organismen angepasst, die in heissen Quellen vegetiren. Im Carlsbader Sprudel fand Cohn Leptothrix und Oscillarien bei 53 ^ C. und Ehrenberg beobachtete ebenso Algenfilze in warmen Quellen von Ischia. Aber auch damit ist die oberste Temperaturgrenze, bei welcher sich lebende Substanz eine Zeit lang zu erhalten vermag, noch nicht erreicht. Denn endogene Sporen von Bacillen, welche ausserordentlich derbe Hllen besitzen, bleiben keimfhig, wenn sie vorbergehend in Flssigkeit auf 100 '^ erhitzt werden; manche ertragen 105^ bis 130" (de Bary IV 5b pag. 41). Trockene Hitze von 140 ^ vernichtet erst bei dreistndiger Ein- wirkung mit Sicherheit alles Leben. Viel schwieriger als die obere ist die untere Temperatur- grenze, durch welche unmittel bar der Kltete d " herlieigefhrt wird, zu bestimmen. Im Allgemeinen wirken Temperaturen unter 0^ weniger schdlich auf das Protoplasma ein, als hohe Temperaturen. Bei Echinodermeneiern , die sich in den Vorstadien zur Theilung befinden, wird zwar der Theilungsprozess momentan unterbrochen, wenn sie in eine Kltemischung von 2 3 " C. gebracht werden (IV. 12), spielt sieh dann aber in normaler Weise weiter ab, wenn man die Eier nach viertelstndiger Dauer der Abkhlung langsam wieder erwrmt. Ja selbst bei 2stndiger Abkhlung erfhrt ein grosser Theil der Eier keine andauernde Schdigung. Pflanzenzellen knnen gefrieren, so dass Eiskrystalle im Zellsaft anschiessen, und zeigen, wenn sie allmhlich auf- gethaut werden, wieder das Phnomen der Protoplasmastrmung (IV 15). Durch das pltzliche Gefrieren treten im Protoplasma von Pflanzen- zellen erhebliche Form Vernderungen ein, werden aber beim Aufthauen wieder rckgngig gemacht. Als Khne (IV 15) Tradescantiazellen in einer Kltemischung von 14 C. etwas lnger als 5 Minuten gefrieren liess, fand er bei der Untersuchung in Wasser an Stelle des normalen Protoplasmanetzes eine grosse Zahl gesonderter, runder Tropfen und II. Die Reizerscheinungen. 79 Klnipchen. Diese begannen aber schon nach wenigen Secunden eine lebhafte Bewegung zu zeigen, nach einigen Minuten sich zu verbinden und bald wieder in ein in lebhafter Strmung befindliches Netzwerk ber- zugehen. Einen zweiten Versuch beschreibt Khne in folgender Weise: Legt man ein Prparat mit Tradescantiazellen mindestens whrend einer Stunde in einen mit Eis auf " abgekhlten Raum , so zeigt ihr Proto- plasma bereits eine Neigung zum Zerfallen in einzelne Trpfchen. Wo noch ein Netzwerk existirt, ist es aus ausserordentlich feinen Fden ge- bildet, die nur stellenweise mit grsseren Kugeln und Tropfen besetzt sind. Viele freie Kugeln befinden sich unabhngig davon in der Zell- flssigkeit, wo sie unter lebhaften, zuckenden Bewegungen, ohne ergiebige Ortsbewegungen zu machen, sich um ihre Axe drehen. Wenige Minuten spter vereinigen sich jedoch diese freien Kugeln mit den feinen Fden oder verschmelzen mit anderen daran hngenden Kugeln, bis das Bild des fliessenden Protoplasmanetzes vllig wieder hergestellt ist." Bei den Pflanzen ist im Allgemeinen die Widerstandskraft gegen Klte um so grsser, je wasserrmer die Zellen sind : lufttrockene Samen und Winterknospen, deren Zellen fast rein protoplasmatisch sind, knnen sehr hohe Kltegrade ertragen, whrend junge Bltter mit ihren saftigen Zellen sclion bei Nachtfrsten absterben. Doch auch die verschiedene specifische Organisation der einzelnen Pflanzen , resp. ihrer Zellen , be- dinut eine sehr ungleiche Widerstandskraft gegen Klte, wie die tgliche Erfahrung lehrt (Sachs IV 32 b). Ausserordentlich hohe Kltegrade knnen Mikroorganismen aushalten. Wie Frisch fand, wird die Entwicklungsfhigkeit von Bacillus anthracis sowohl von Sporen als auch von vegetativen Zellen nicht beeintrchtigt, wenn sie bei 110*^ C. in Flssigkeit eingefroren und nachher wieder aufgethaut werden. Noch ehe die oben fr einzelne Flle nher angegebenen, extremen Temperaturgrenzen erreicht werden, welche den unmittelbaren Wrme- oder Kltetod des Protoplasmas zur Folge haben, tritt schon zuvor eine Erscheinung ein , welche man als W r m e s t a r r e oder W r m e - t et an US und als Klte starre bezeichnet. Man versteht darunter einen Zustand, in welchem die Eigenschaften des Protoplasmas, in denen sich sein Leben bethtigt, namentlich alle Bewegungserscheinungen, aufgehoben sind, so lange eine bestimmte Temperatur einwirkt, aber bei geeigneter Vernderung derselben nach einer Periode der Erholung wiederkehren. Die Kltestarre stellt sich gewhnlich bei Temperaturen ein, die sich um ^ herum bewegen ; die Wrmestarre erfolgt einige Grade tiefer, als das Wrmemaximum betrgt, bei welchem das Protoplasma sofort ab- stirbt. In beiden Fllen verlangsamt sich die Protoplasmabewegung mehr und mehr und hrt bald ganz auf. Amben, Rhizopoden, weisse Blut- krperchen ziehen ihre Auslufer ein und wandeln sich in kugelige Klnipchen um. Pflanzenzellen gewinnen hufig das schon oben mit den Worten von Khne beschriebene Aussehen. Langsame Erhhung der Temperatur bei Kltestarre, Erniedrigung derselben bei Wrmestarre lsst die Lebenserscheinungen zur Norm zurckkehren. Hlt freilich der Starrezustand lange Zeit an, so kann er zum Tod fhren, und zwar wird durchgngig Kltestarre viel lnger und besser als Wrmestarre vertragen. Beim Absterben gerinnt und trbt sich das Protoplasma und beginnt unter Quellungserscheinungen bald zu zerfallen. gQ Viertes Capitel. Zwischen Klte- und Wrniestarre liegt ein Gebiet, in welchem sich je nach der Hhe der Teni})eratur die Lebensprocesse mit ungleicher Intensitt abspielen. Namentlich sind es die Bewegungen, welche sich mit verschiedener Schnelligkeit vollziehen. Sie nehmen bei Steigerung der Wrme bis zu einem bestimmten Maxinmm zu, welches mit einem bestimmten Temperaturgrad zusammenfllt, den man als Temperatur- optimum bezeichnet. Dasselbe liegt immer mehrere Grad unter der Temperaturgrenze, bei welcher die Wrmestarre erfolgt. Wenn die Er- wrnuing noch ber das Temperaturoptimum hinaus wchst, so hat sie eine immer mehr zunehmende Verlangsamung der Protoplasmabewegung zur Folge, bis endlich der Punkt erreicht ist, an welchem der Starre- zustand einsetzt. Ein wichtiges Object, an welchem man den Einfluss der Erwrmung studirt hat, sind die weissen Blutkrperchen,. wol)ei man sich am besten des heizbaren Objecttisches von Max Schnitze oder des Sachs'schen Wrmekastens bedient. Im frisch entleerten Tropfen Blut zeigen sie kugelige Gestalt und sind bewegungslos; unter den entsprechenden Yor- sichtsmaassregeln erwrmt, beginnen sie langsam Pseudopodien auszu- strecken und sich fortzubewegen; ilire Formvernderung wird um so lebhafter, je mehr die Temperatur bis zu dem jeweiligen r)ptimum zunimmt. Bei Myxomyceten, Rhizopoden und Pfianzenzellen ussert sich die Zunahme der Erwrmung in einer Beschleunigung der Krnchen- strmung. So legten nach Messungen von Max Schnitze (I 29) die Krn- chen bei den Haarzellen von Urtica und Tradescantia bei gewhnlicher Temperatur einen Weg von 0,004 0,005 mm in der Secunde zurck, bei Erwrmung bis auf 35 " C. einen Weg von 0,009 mm in der Secunde. Bei Vallisneria liess sich die Circulation bis 0,015 mm und bei einer Charaart sogar bis 0,04 mm in der Secunde beschleunigen. Zwischen langsamer und beschleunigter Bewegung kann die Differenz so gross sein, dass im ersten Falle die Lnge eines Fusses etwa in 50 Stunden, im zweiten Fall in ^12 Stunde durchlaufen wird. Ngeli (III 16) hat fr die Geschwindigkeitszunahme der Krncheu- strnmng in den Zellen von Nitella bei Zunahme der Temperatur folgende Werthe erhalten: Um einen Weg von 0,1 mm zurckzulegen, brauchte die Plasmastrmung 60 Secunden bei 1 " C., 24 Secunden bei 5 '^ C, 8 Se- cunden bei 10^ C, 5 Secunden bei 15 C, 3,6 Secunden bei 20 C., 2,4 Secunden bei 26" C., 1,5 Secunden bei 31'' C, 0,65 Secunden bei 37*^ C. Aus diesen Zahlen geht hervor, dass die Zunahme der Ge- schwindigkeit fr jeden folgenden Grad einen kleineren Werth darstellt". (Ngeli, Veiten.) Bemerkenswerth ist endlich noch das Verhalten der Protoplasma- krper gegen pltzliche, grssere Temperaturschwankungen und zweitens gegen einseitige oder ungleiche Erwrnumg. Die Temperatur Schwankungen knnen entweder positive oder negative sein, d. h. sie knnen auf einer Erhhung oder Erniedrigung der Temperatur beruhen ; die Folge eines solchen grsseren, thermischen Reizes ist vorbergehender Stillstand der Bewegimg. Nach einiger Zeit der Ruhe kehrt die Bewegung wieder und nimmt dann die der Temperatur entsprechende Geschwindigkeit an. (Dutrochet, Hofmeister, De Vries.) Veiten (IV 38) bestreitet die Richtigkeit dieser Beobachtungen. Nach seinen Experimenten rufen Temperaturschwankungen innerhalb der Grenz- werthe weder eine Sistirung noch eine Verlangsamung der Protoplasma- II. Die Reizerscheinimgen. 81 bewegung hervor, sondern es wird sofort die der betreffenden Tempera- tur zukommende Geschwindigkeit herbeigefhrt. Ueber die Folgen ungleicher Erwrmung hat Stahl (IV. 35) sehr interessante Versuche an den Plasmodien von Myxomyceten ange- stellt. Wenn an solchen, whrend sie sich netzartig auf einer Unterlage ausgebreitet haben, nur ein Theil abgekhlt wird, so wandert das Proto- plasma aus dem abgekhlten Theil allmhlich in den wrmern hinber; der eine Theil des Netzes schrumpft ein, der andere schwillt an. Man kann den Versuch in der "Weise vornehmen, dass man 2 Becherglser dicht neben einander stellt und das eine mit Wasser von 7 ^, das andere mit Wasser von 30 ^ Wrme fllt, und ber ihre sich berhrenden Ptnder einen nassen Papierstreifen, auf welchem sich ein Plasmodium ausgebreitet hat, in der Weise legt, dass das eine Ende in das khlere, das andere in das wrmere, auf constanter Temperatur erhaltene Wasser taucht. Nach einiger Zeit ist das Plasmodium durch zweckentsprechendes Einziehen und Ausstrecken seiner Protoplasmafden nach dem ihm zusagenden Medium hinbergekrochen. In dieser Weise fhren freilebende Protoplasmakrper wohl ber- haupt Bewegungen aus, die den Stempel des Zweckmssigen an sich tragen, weil sie zugleich zur Erhaltung des Organismus dienen. Die Lohblthe wandert im Her])st in Folge der Abkhlung der Luft mehrere Fuss tief in die wrmeren Schichten des Lohhaufens hinein, um dort zu berwintern. Im Frhjahr erfolgt dann wieder bei eingetretener Erhhung der Lufttemperatur die Bewegung in entgegengesetzter Richtung nach den nun wieder mehr erwrmten, oberflchlichen Schichten. IL Liclitreize. Wie die Wrme wirkt auch das Licht in vielen Fllen als Reiz auf thierisches und pflanzliches Protoplasma ein. Es ruft charakteristische Gestaltvernderungen an einzelnen Zellen und bestimmte Bewegungs- richtungen an freilebenden, einzelligen Organismen hervor. Namentlich die Untersuchungen der Botaniker haben auf diesem Gebiete interessante Ergebnisse zu Tage gefrdert. Plasmodien von Aethalium septicum breiten sich nur im Dunkeln auf der Oberflche der Lohe aus, whrend sie sich im Lichte in die Tiefe derselben zurckziehen. Wenn man auf ein Plasmodium, das auf einer Glasscheibe zierliche Netze gebildet hat, einen Lichtstrahl in einem be- schrnkten Bezirk auffallen lsst, so strmt alsbald das Protoplasma von den belichteten Stellen hinweg und sammelt sich in den beschatteten an (Barenezki, Stahl IV. 35). Pelomyxa palustris, ein ambenartiger Organismus, fhrt im Schatten durch Einziehen und Ausstrecken breiter Pseudopodien lebhafte Bewegungen aus. Wenn sie von einem massig starken Lichtstrahl getroffen wird, zieht sie pltzlich alle Pseudopodien ein und wandelt sich zu einem kugeligen Krper um. Erst nach einer Zeit der Ruhe kehrt im Schatten allmhlich die amboide Bewegung wieder. Wenn dagegen das Dunkel ganz allmhlich (etwa innerhalb ^4 Stunde) durch Tageslicht wachsender Helligkeit vertrieben wird, bleibt die Reizwirkung aus, ebenso wenn nach lngerer Beleuchtung pltzlich verdunkelt wird" (Engelmann IV 6b). Sehr lebhaft reagiren auf Licht die sternfrmigen Pigmentzellen vieler Wirbellosen und Wirbelthiere, welche in der Literatur unter dem Namen der Chromatophoren (IV. 3, 29, 30, 33) bekannt und die Hertwig, Die Zelle und die Gewebe. t) 32 Viertes Capitel. Ursaclie fr den oft augenflligen Farbenwechsel vieler Fische, Amphi- bien, Ileptilien und Cephalopoden sind. Im Licht nimmt z. B. die Haut der Frsche eine hellere Frbung an. P^s rhrt dies daher, dass schwarze Pigmontzellen, die sich mit reicldich verzweigten Aesten in der Lederhaut ausgebreitet hatten, unter dem Keiz des Lichtes sich zu kleinen, schwarzen Kugeln zusammengezogen haben. Indem sie selbst weniger auffllig wer- den, kommen ausserdem nocli vorhandene, grn und gelb gefrbte und sich nicht contralnrende Pigmentzellen besser zur Geltung. Ferner erfahren unter dem Einfluss des Lichtes die Pigment- zellen der Retina auffllige Form Vernderungen und zwar auch so- wohl bei den Wirbelthieren (Boll) als bei den Wirbellosen, z. B. im Cephalopodenauge (Rawitz IV 81). ^'on ^ielen einzelligen, durch Flimmern oder Geissein sich fort- bewegenden Organismen* Flagellaten, Infusorien, Schw^rmsporen von Algen etc. ist es eine bekannte Erscheinung, dass sie sich mit Vorliebe an der nach dem Fenster gekehrten, diffus beleuchteten Seite des Zucht- glases anhufen oder umgekehrt. Sehr berzeugend ist ein einfaches, von Ngeli (III. 16) angestelltes Experiment. Eine drei Fuss lange Glasrhre wird mit Wasser , in welchem sich grne Algenschwrmer (Tetraspora) befinden, gefllt, und senkrecht aufgestellt. Wenn man nun die Rhre mit schwarzem Papier umwickelt, mit Ausnahme des unteren Endes, auf welches man Licht einfallen lsst, so haben sich in diesem nach einigen Stunden alle Algen- schwrmer versanmielt, so dass der brige Theil der Rhre farblos ge- worden ist. Umwickelt man jetzt das untere Ende, lsst dagegen das obere Ende frei, so steigen alsbald alle Schwrmsporen nach diesem empor und saftimeln sich an der Oberflche des Wassers an. In hohem Grade gegen Licht empfindlich ist Euglena viridis, (Fig. 44 IV. 8). Wird in einem auf den Objecttrger gebrachten Wasser- tropfen, der Euglenen enthlt, ein nur kleiner Theil beleuchtet, so hufen sich alle Individuen binnen Kurzem im Lichtbezirk an, der, um einen Ausdruck von Engelmann zu gebrauchen, wie eine Falle wirkt. Besonders interessant aber wird dieses Versuch sobject noch dadurch, dass die Licht- perception nur an einen ganz bestimmten, kleinen Theil des Krpers ge- bunden ist. Jede Euglena besteht aus einem grsseren, hinteren, chloro- phyllfhrenden Theil und dem geisseltragenden, farblosen Vorderende, an welchem sich ein rother Pigmentfleck findet. Nur w^enn dieses Vorder- ende vom Lichtstrahl getroffen oder verdunkelt wird, reagirt der Organis- mus durch vernderte Richtung seiner Bewegung. (Engelmann.) Ein Theil des Krpers wirkt hier also gewissermaassen als Auge. Am eingehendsten haben sich mit der Einwirkung des Lichtes auf Seh wrm Sporen Stahl (IV. 34) und Strasburger (IV. 37) beschftigt. Ersterer fasst seine Resultate in folgende Stze zusammen; Das Licht bt einen richtenden Einfluss auf den Schwrmsporenkrper in der Weise, dass dessen Lngsaxe annhernd mit der Richtung des Lichtstrahls zusammenfllt. Hierbei kann das farblose, cilientragende Ende entweder der Lichtquelle zu- oder von derselben abgewendet sein. Beiderlei Stellungen knnen, unter sonst unvernderten, usseren Bedingungen, mit einander abwechseln und dies zwar bei sehr verschie- denen Graden der Lichtintensitt. Den grssten Einfluss auf die relative Stellung hat die Intensitt des Lichtes. Bei intensiverem Lichte kehren die Schwrmer ihr Mundende von der Lichtquelle ab, sie entfernen sieh von derselben; bei schwcherem Lichte bewegen sie sich lichtwrts." II. Die Reizerscheinungen. 83 Die Reizbarkeit gegen Licht ist eine sehr verschiedene, sowohl nach den einzelnen Arten, als auch bei einzelnen Individuen derselben Art, sie ndert sich endlicli auch bei demselben Individuum in Folge wech- selnder, usserer Bedingungen. Strasburger bezeichnet dieses ungleiche Reactionsvermgen der Schwrmsporen als Lichtstimmung. Zwei zur Untersuchung der Lichtstimmung geeignete, sich etwas verschieden verhaltende Objecte sind die Schwrmsporen von Botrydium und Ulothrix. Wenn Schwrmsporen von Botrydium in einem Tropfen Wasser auf einen Objecttrger gebracht werden, so vertheilen sie sich im Dunkeln gleichfrmig im Wasser. W^erden sie dagegen jetzt beleuchtet, so richten sie sich gleich mit ihrem vordem Ende nach der Lichtquelle und eilen derselben in geraden, somit ziemlich parallellufigen Bahnen zu. Nach wenigen, meist 1^ 2 bis 2 Minuten, sind fast smmtliche Schwrmer an der Lichtseite des Tropfens, welche Strasburger der Krze wegen auch als positiven Rand im Unterschied zum entgegengesetzten oder negativen Rand bezeichnet, angesammelt und schwrmen hier, reichlich copulirend, durcheinander. Wird das Prparat um 1 80 " gedreht, so verlassen alle noch beweglichen Schwrmer momentan den jetzt von der Lichtquelle abgekehrten Rand des Tropfens und eilen wieder dem Licht- strom zu. Wird die Beobachtung unter einem Mikroskop mit drehbai'em Objecttisch angestellt, so kann man durch Drehung (les letzteren die Schwrmer zur fortwhrenden Aenderung der Bewegungsrichtung bringen. Sie lenken stets in die vom Fenster gegen das Zimmer geradlinig gerichteten Bahnen ein. Ein etwas abweichendes Verhalten zeigen Ulothrixsch wrm er. Auch diese eilen rasch und auch in fast geraden Bahnen nach dem positiven Tropfenrand; doch nur selten thun sie es alle, vielmehr wird man in den meisten Prparaten einen grsseren oder geringeren Theil derselben ebenso rasch in entgegengesetzter Richtung, also nach dem negativen Rand zu, sich bewegen sehen. Es gewhrt nun ein eigenes Schauspiel, wenn die Schwrmer so in entgegengesetzter Richtung und daher mit scheinbar verdoppelter Schnelligkeit an einander vorbereilen. Wird das Prparat um 180 "^ gedreht, so sieht man sofort die an der zuvor positiven Seite angesammelten wieder der negativen Seite, die zuvor an der negativen Seite angesammelten wieder der positiven Seite zueilen. Hier angelangt, bewegen sich die Schwrmer durcheinander, sich je nach den Prparaten schrfer oder weniger scharf am Rande haltend. Un- unterbrochen bemerkt man auch, sowohl an der positiven, als auch an der negativen Seite, einzelne Schwrmer, die pltzlich den Rand ver- lassen und gerade aus durch den Tropfen nach dem andern Rande eilen. Ein solcher Austausch findet ununterbrochen zwischen beiden Rndern statt. Ja nicht selten kann man einzelne Schwrmer, die eben vom entgegengesetzten Rande kamen, wieder dorthin zurckkehren sehen. Noch andere bleiben mitten in ihrem Laufe stehen und eilen nach dem Ausgangsort ihrer Wanderung zurck, um eventuell von dort aus das Spiel lngere Zeit pendelartig zu wiederholen." WMe fein und rasch die Reaction der Schwrmer auf Licht ist, zeigt folgendes von Strasburger mitgetheiltes Experiment. Schaltet man, whrend die Schwrmer auf dem Wege von dem einen Rande des Tropfens zum andern sind, ein Blatt Papier zwischen das Mikroskop und die Lichtquelle ein, so schwenken die Schwrmer sofort zur Seite ab, manche drehen sich selbst im Kreise, doch das dauert nur einen Augen- g^ Viertes Capitel. blick, iiiul sie lenken in die verlassenen Bahnen wieder ein (Schreck- bewegung). Strasburger (IV. 37) nennt die Schwrmer, welche der Lichtquelle zueilen, lichthold (photophil),. solche dagegen, welche sie fliehen, lichtscheu (photophob). Wie schon oben angedeutet wurde, ist die Ansammlung der Schwrmer am negativen oder positiven Rand des Tropfens, worin sich die besondere Art ihrer Li cht Stimmung kund giebt, von usse- ren B e d i n g u n g e n abhngig, von der Intensitt des Lichtes, von der Temperatur, von der Durchlftung des Wassers, von Entwicklungszustndeu. Wenn man mit Schwrmern experimentirt, die bei intensiver Beleuchtung sich am negativen Rand angesammelt haben, so kann man dieselben zum entgegengesetzten Rand hinber locken. Man muss dann das Licht auf einen ihrer Stimmung entsprechenden Grad allmhlich abdmpfen, indem man einen, zwei, drei oder mehr Schirme aus matt- geschhffenem Glas zwischen das Prparat und die Lichtquelle einschiebt. In noch einfacherer Weise kann man das Resultat auch dadurch erreichen, dass man sich mit dem Mikroskop langsam weiter vom Fenster entfernt, und dadurch das einfallende Licht abschwcht. Durch die Temperatur der Umgebung wird der Grad der Licbt- enipfindlichkeit bei vielen Schwrmern sehr beeinflusst. Dieselben werden gewhnlich durch Erhhung der Temperatur, welche ausserdem auch ihre Beweglichkeit steigert, auf hhere Lichtintensitten, durch Erniedrigung der Temperatur auf geringere Lichtintensitt abgestimmt. Im ersteren Fall werden sie also jichtholder, im zweiten Fall lichtscheuer gemacht. Ferner verndern die Schwrmer auch ihre Lichtstimmung im Laufe ihrer Entwicklung, so zwar, dass sie in der Jugend auf hhere Intensi- tten als im Alter gestinuut erscheinen." Wie durch Experimente von Cohn, Strasburger u. A. festgestellt ist, haben nicht alle Strahlen des Spectrums auf die Bewegungsrichtung der Sporen einen Einuss, sondern es sind vorzugsweise nur die starkbrechbaren Strahlen, die blauen, indigofarbigen und violetten, welche als Reiz empfunden werden. Schiebt man zwischen Lichtquelle und Prparat ein Gefss mit dunkler Kupferoxydammoniaklsung, welche nur blaues, violettes Licht hindurchlsst, so reagiren die Schwrmsporen, als ob sie von gemischtem Tageslicht getroffen wrden, dagegen reagiren sie gar nicht auf Licht- strahlen, welche durch eine Lsung von doppeltchromsaurem Kali, durch die gelben Dmpfe einer Natriumflamme odei- durch Rubinglas hindurch- gegangen sind. Ein anderes, mannigfaltiges und wichtiges Gebiet von Lichtwirkung bietet sich uns dar in der Chlorophyll Wanderung pflanzlicher Zellen. Licht wirkt als Reiz auf chlorophyllhaltiges Protoplasma und veranlasst es, durch langsame Bewegungen sich an zweckmssigen Stellen innerhalb der Cellulosemembran anzusammeln. Zum Studium dieser Erscheinungen ist wohl das geeignetste Object die Fadenalge Mesocarpus, an welcher Stahl (IV. 34) sehr ber- zeugende Beobachtungen angestellt hat. In den zu langen Fden vereinigten, cylindrischen Zellen spannt sich ihrer Lnge nach ein dnnes Chlorophyllband mitten durch den Saftraum aus, ihn in zwei gleich grosse Hlften zerlegend, und geht mit seinen Rndern in den protoplasmatischen Wandbeleg der Zelle ber. Je nach der Richtung des einfallenden Lichtes verndert das Chlorophyll- baud seine Stellung. Wird es direct von oben oder von unten durch n. Die Reizerscheinuugen. 85 schwaches Tageslicht getroffen, so kehrt es dem Beobachter seine Flche zu. Wenn man dagegen die Beleuchtung so regulirt, dass nur Strahlen, die dem Mikroskoptisch parallel verlaufen, von der Seite zum Prparat gelangen, so drehen sich die grnen Platten um etwa 90 , bis sie eine genau verticale Stellung einnehmen und jetzt als dunkelgrne Lngsstreifen die sonst durchsichtigen Zellen ihrer Lnge nach (kirchziehen. Zwischen beiden Extremen kann das Band alle mglichen Zwischen- stellungen einnehmen, indem es stets seine Flche senkrecht zur Richtung des einfallenden Lichtes zu orientiren sucht. In warmen Sommertagen erfolgt der Stellungswechsel schon in wenigen Minuten; er erklrt sich aus activen Bewegungen, welche das Protoplasma innerhalb der Zell- membran ausfhrt. Auch hier bt wie bei den Schwrmsporen die Intensitt des Lichtes einen verschiedenen Einfluss aus. Whrend diffuse Beleuchtung das oben beschriebene Resultat herbeifhrt, bewirkt directes Sonnenlicht eine ganz entgegengesetzte Stellung der Chlorophyllplatte. Diese kehrt jetzt ihre eine Kante der Sonne zu. Wir erhalten also folgendes Gesetz: Das Licht bt einen richtenden Einfluss auf den Chloroph} ilapparat von Mesocarpus. Bei schwchei-em Lichte orientirt sich derselbe senkrecht zum Strahlengang, bei intensiver Beleuchtung fllt dessen Ebene in die Richtung des Strahlengangs." Die erste An- ordnung bezeichnet Stahl als Flchenstellung, die zweite als Profilstellung. Bei langer Dauer der intensiven Beleuchtung zieht sich das ganze Band zu einem dunkelgrnen, wurmfrmigen Krper zusammen, um spter unter gnstigen Bedingungen wieder seine ursprngliche Gestalt anzunehmen. Alle diese verschiedenartigen, unter dem Reiz des Liclites erfolgen- den Bewegungen des Protoplasmas werden den Zweck haben, den Ghloro- phyllapparat einerseits in eine fr seine Function gnstige Stellung zum Licht zu bringen, anderseits ihn vor der schdigenden Wirkung zu inten- siver Beleuchtung zu schtzen. Dem Einfluss des Lichtes, der bei Mesocarpus sich in so klarer Weise ussert, sind brigens auch die mit Chlorophyllkrnern versehenen, gewebeartig verbundenen Zellen der Pflanzen unterworfen. Nur sind hier die Erscheinungen von etwas complicirterer Art (Fig. 52). Wie zuerst Sachs entdeckt hat, sind im intensiven Sonnenlicht die Bltter hellgrner als bei matter Beleuchtung oder im Schatten. Auf Grund dieser Wahrnehmung konnte Sachs auf intensiv beleuch- teten Blttern Lichtbilder knstlich hervorrufen, wenn er sie theilweise mit Papierstreifen bedeckte (IV. 32a). Nach einiger Zeit erscheinen nach Entfernung der Papierstreifen die von ihnen beschattet gewesenen Stellen dunkelgrn auf hellgrnem Grund. Die ganze Erscheinung erklrt sich auch hier aus dem fr Meso- carpus festgestellten Gesetz, wie die Untersuchungen von Stahl (IV. 34) nach den Vorarbeiten von Famintzin, Frank, Borodin ergeben ha1)en. Bei matter Beleuchtung und im Schatten fhrt das Protoplasma solche Beweg-ungen aus, dass die Chlorophyllkrner an die dem Licht zuge- kehrten Aussenflchen der Zellen zu liegen kommen (Fig. 52 A), whrend sie an den Seitenwnden geschwunden sind. In directem Sonnenlicht dagegen strmt das Protoplasma mit den Chlorophyllkrnern den Seiten- wnden (Fig. 52 B) zu, bis die Aussenwand ganz chlorophyllfrei geworden ist. Im ersten Fall nimmt also der ganze Chlorophyllapparat 8C Viertes Capitel. wie bei Mesocarpus zum einfallenden Licht eine Flchenstellung, im zweiten Fall eine Profilstellung- ein; dort erscheinen daher die Bltter dunkler, hier heller grn gefrl)t. Ausserdem vern- dern die Chloro- phyllkrner selbst noch ihre Gestalt in der Weise, dass s i e b 6 i intensivem L i c h t k 1 e i n e r und kugliger werden. Alle diese Vorgnge fhren zu ein und dem- selben Ziel ! Die Chlorophyll krn er schtzen sich bald durch Drehung (Mesocarpus), bald durch Wanderung oder Gestaltver- n d e r u n g vor zu intensiver Be- leuchtung." Bei schwacher Be- leuchtung wird der Lichtquelle die gr SS te Flche zu- gekehrt; das Licht wird so viel wie mglich aufgefan- gen. Ein entgegen- gesetztes Verhal- ten macht sich 1) ei sehr starker Be- 1 euchtun g b e m e r k - kleinere Flche darge- Fig. 52. Querschnitt durch das Blatt von Lemna trisulca (nach Stahl). A Flchenstelhing (Tagstelhmg). B Anordnimg der Chlorophyllkrner im intensiven Licht, C Dunkel Stellung der Chlorophyllkrner. bar; es boten." wird dem Lichte eine III. Elektrisclie Reize. Wie namentlich die Experimente von Max Schnitze (L 29) und Khne (IV. 15), von Engelmann und von Verworn (IV. 39) gezeigt haben, wirken galvanische Strme und zwar sowohl die inducirten, als die eonstanten, als Reiz auf das Protoplasma ein, soweit sie dasselbe direct durchstrmen. Wenn man Staubfadenhaare von Tradescantia (Fig. 53) quer zwischen die dicht genherten, unpolarisirbaren Elektroden legt und mit schwachen Inductionsschlgen reizt, so sieht man in der vom Strom durchflossenen Strecke des Protoplasmanetzes die Krnchenstrmung pltzlich still stehen. Es bilden sich unregelmssige Klumpen und Kugeln an den Protoplasmafden aus, die an den dnnsten Stellen ein- II. Die Reizerscheinungen. 87 reissen und in Nachbaifden aufgenommen werden. Nach einiger Zeit der Euhe kehrt die Bewegung wieder, indem die Klumpen und Kugeln von den benachbarten Protoplasmastrmen allmhlich ergriffen, mit fort- und zur Vertheilung gebracht werden. gerissen wiederholten Inductionsschlgen, welche ist eine Rckkehr zur Norm nicht mehr mglich, indem der Proto- plasmakrper unter partieller Gerin- nung in trbe Schollen und Klumpen verwandelt wird. die ganze Bei starken und oft Zelle getroffen haben, Bei Amben Blutkrperchen chenbewegung und und weissen stockt die Krn- das Vorwrts- durch schwache kriechen, wenn sie Inductionsschlge gereizt werden, eine kurze Zeit und wird dann wieder in normaler Weise fortgesetzt. Str- kere Inductionsschlge haben zur Folge, dass die Pseudopodien rasch eingezogen werden und der Krper sich zur Kugel zusammenzieht; sehr starke Strme endlich rufen ein Platzen und eine Zerstrung des zur Kugel contrahirten Krpers hervor. Durch lngere Zeit fort- gesetzte Inductionsstrme kann man niedere einzellige Organismen stckweise zer- stren und verkleinern. Bei Actinosphrium verluft der Vor- gang in folgender Weise. Die Pseudo- podien, welche nach den beiden Elektroden gerichtet sind, zeigen bald Varicositten und werden allmhlich, indem das Protoplasma zu Kgelchen und Spindeln zusammenfliesst^, ganz eingezogen (Fig. 54). Dann fllt an diesen Stellen die Oberflche des Kr- pers immer mehr einer Zerstrung, gewissermaassen einer Art von Einschmelzung, anheim, wobei die im Proto- plasma eingeschlossenen Flssigkeitsvacuolen platzen. Dagegen erhalten sich die senkrecht zur Stromesrichtung stehenden Pseudopodien ^^-j--*- Nach Beseitigung des Reizes erholt sich nach und nach das zur Hlfte oder auf ein Drittel reducirte Individuum und durch Einschmelzung verloren gegangenen Theile. Aehnliches bewirkt die Anwendung des constanten Stromes bei Actinosphrium (Fig. 55), Actinophrys, Pelomyxa, Myxomyceten. Beim Schliessen des Stromes entsteht an dem positiven Pol (der Anode) (Fig. 55 -\-) eine Erregung, die sich in Einziehung der Pseudopodien und bei lngerer Dauer in einer Zerstrung des Protoplasma an der Eintrittsstelle des Stroms kund giebt. Beim Oeffnen desselben hrt die Einschmelzung an der Anode sofort auf und es tritt dagegen eine bald Fig. 53. Av..^ Zelle eines Staub- fadenhaares von Tradescantia vir- ginica. A Ungestrte Protoplasmastr- mung. B Protoplasma nach Reizung kugelig zusammengeballt, a Zellwand, b Querwand zweier Zellen, c, d Proto- plasma zu Klumpen zusammengeballt. (Nach Khne.) Aus Vkrworn Fig. 13. unverndert. eventuell bis ergnzt die 88 Viertes Capitel. vorbergehende Zusammenziehung an der der Kathode zugewandten Krperoberflche ein. + Fiff. 54. Fig. 55. Fig. 54. Actinosphrium Eichhornii. Wirkung von Wechselstrmen. An beiden Polen gleichmssig fortschreitender Zerfall des Protoplasma. Nach Veeworn Taf. I, Fig. 5. Fig. 55. Actinosphrium Eichhornii zwischen den Polen eines con- stanten Stromes. Einige Zeit nach Schliessung des Stromes beginnt an der Anode (_j_) der krnige Zerfall des Protoplasma. An der Kathode ( ) sind die Pseudopodien wieder normal geworden. Nach Vekwokn Taf. I, Fig. 2. Interessanter und wichtiger als diese Reizvorgnge sind vielleicht die Erscheinungen des Galvanotropismus, welche Verworn an einer Anzahl einzelliger Organismen (IV. 39 u. 40) entdeckt hat. + - Fig. 56. Bei Schliessung des constanten Stromes schwimmen in einem Wasser- tropfen (A) alle Paraniccien innerhalb der Stromcurven nach dem negativen Pol und haben nach einiger Zeit sich jenseits des negativen Pols angehuft (B). Nach Verwokn (IV. 40j Fig. 20. Unter Galvanotropismus versteht Verworn die Erscheinung, dass durch den constanten Strom manche Organismen zu Bewegungen in einer bestimmten Richtung veranlasst werden, in hnlicher Weise wie durch den Lichtstrahl (Heliotropismus). Bringt man auf einen Object- trger zwischen zwei unpolarisirbare Elektroden einen Tropfen, der Para- mcium aurelia in mglichst grosser Individuenzahl enthlt und schliesst II. Die Reizerscheinungen. 89 dann den constanten galvanischen Strom, so sieht man im Augenblick der Schliessung snuntliche Paramcien die Anode verlassen und als dichten Schwann auf die Kathode zueilen, wo sie sich in grossen Mengen ansammeln. Nach wenigen Secunden ist der brige Theil des Tropfens vollkommen leer von den Protisten und nur die kathodische Seite desselben zeigt ein dichtes Gewimmel von ihnen. Hier bleiben sie whrend der ganzen Dauer des Stromes. Wird nun der Strom geffnet, so sieht man den ganzen Schwrm wieder die Kathode verlassen und in der Richtung nach der Anode hinberschwimmen. Diesmal findet keine vollkommene Ansammlung an der Anode statt, sondern ein Theil der Protisten bleibt gleichmssig im Tropfen zerstreut, Anfangs jedoch ohne der Kathode nher zu kommen, was erst ganz allmhlich einige Zeit nach der Stromffnung geschieht. Schliesslich sind wieder alle Protisten gleichmssig im Tropfen vertheilt." Hat man spitze Elektroden angewandt, so schwrmen die Para- mcien innerhalb der Stromcurven der Kathode zu (Fig. 56 ). Es ent- steht ein Bild, wie wenn Eisenfeilsphne von einem Magneten angezogen werden. Dabei macht man," wie Verworn bemerkt, die Beobachtung, dass, nachdem alle Paramcien nach dem negativen Pol hinbergewandert sind, die grsste Anhufung sich hinter, d. h. also jenseits des negati- ven Pols (vom positiven Pol aus gerechnet), gebildet hat und dass sich nur wenige an der anderen Seite des Pols aufhalten (Fig. 56 B). Bei Oeffnung des Stroms schwimmen die Protisten in der oben beschriebenen Weise wieder in der Richtung nach dem positiven Pol zurck und zwar ebenfalls zuerst mit strenger Innehaltung der Stromcurven, bis allmhlich die Bewegung und damit die Vertheilung im Tropfen wieder regellos wird." In derselben Weise sind noch manche andere Infusorien, wie Stentor, Colpoda, Halteria, Coleps, Urocentrum, und Flagellaten, wie Trachelo- monas, Peridinium galvanotropisch. Galvanotropismus zeigen auch Amben. Whrend sie im ersten Augenblick der Schliessung des constanten Stroms eine Sistirung der Krnchenstrmung erfahren, treten dann pltzlich an dem der Kathode zugewandten Ende hyaline Pseudopodien hervor und indem in derselben Richtung die andere Leibessubstanz nachfliesst und immer wieder neue Pseudopodien hervorgestreckt werden, kriechen die Amben nach der Kathode zu. Bei Umkehr des Stromes kann man auch eine pltzliche, ruckweise Umkehr der Krnchenstrmung und ein Kriechen nach der entgegengesetzten Richtung beobachten. Die Bewegung nach der Kathode kann man als negativen Galvanotropismus bezeichnen. Wie es nun einen negativen und positiven Heliotropismus und Thermotropismus giebt, so lsst sich auch in einzelnen Fllen die Erscheinung eines positiven Galvano- tropismus nachweisen. Verworn hat ihn bei Opalina ranarum, bei einigen Bakterien und Flagellaten, wie Cryptomonas und Chilomonas beobachtet. Beim Schliessen des Stromes wandern die genannten Arten anstatt nach der Kathode nach der Anode hin und sammeln sich daselbst an. Sind in einem Tropfen gleichzeitig ciliate Infusorien und Flagellaten vorhanden, dann eilen sie bei Schliessung des constanten Stromes nach entgegengesetzter Richtung auseinander, so dass schliesslich zwei scharf von einander gesonderte Gruppen zu sehen sind, die Flagellaten an der Anode, die Ciliaten an der Kathode. Wurde der Strom nun gewendet, so rckten sie wie zwei feindliche Heere gegeneinander los, bis sie sich 90 Viertes Capitel. wieder an den gegenberliegenden Polen angesammelt hatten. Jede Stromschliessung vollzog in wenigen Secunden eine scharfe Trennung der vorher in unentwirrbarem Gewinnnel vermischten Infusorienfornien. IV. Mechanische Reize. Druck, Erschtterung, Quetschung wirken als Reiz auf das Proto- plasma ein. Schwache mechanische Reize bleiben in ihrer Wirkung auf die nchst betroffene Stelle beschrnkt, starke Reize breiten sich auf grssere Entfernung aus und haben eine grssere und schnellere Wirkung als schwchere. Wenn eine Zelle von Tradescantia oder Chara oder ein Plasmodium von Aethalium erschttert oder an einer Stelle gedrckt wird, so steht die Krnchenbewegung eine Zeit lang still, an den Proto- plasmafden knnen sich sogar Anschwellungen und Klumpen bilden, in hnlicher Weise wie nach Reizung mit dem elektrischen Strom. So kommt es hufig, dass beim Herrichten der Prparate schon durch das Auflegen des Deckgischens die Protoplasmabewegung zum Stillstand gebracht wird. Nach einiger Zeit der Ruhe kehrt sie dann allmhlich wieder zurck. Amben und weisse Blutkrperehen ziehen bei heftiger Erschtterung ihre Pseudopodien ein und nehmen Kugelgestalt an. Rhizopoden mit schn ausgebreiteten, langen Fden thun dies oft mit einer solchen Energie, dass die Enden, welche an dem Objecttrger kleben, abreissen (Verworn). Mit einer feinen Nadel kann man eine einzelne Stelle local reizen. Die Wirkung bleibt auf dieselbe beschrnkt, wenn der Reiz schwach war, und ussert sich in einem Varicswerden und einer Verkrzung des Pseudopodiums. Starke und wiederholte Reize rufen auch in den nicht direct getroffenen, benachbarten Pseudopodien Contractionserschei- nungen hervor (Fig. 57 B). Fig. 57. Orbitolite. Ein Theil der Oberflche mit Pseudopodien. Links ungestrt, rechts total durch andauernde Erschtterung gereizt. Nach Verwohn (lU. 24) Fig. 7. Fr die Nahrungsaufnahme der Rhizopoden ist dies von Bedeutung. Wenn ein Infusor oder irgend ein anderes kleines Thier mit einem ausgestreckten Pseudopodium in Berhrung kommt, wird es von dem- selben festgehalten und vom Protoplasma rings umflossen. Dann wird es, indem sich das Pseudopodium allmhlich verkrzt, wobei sich auch noch II. Die Reizerscheiimngen. 91 die benachbarten Fden eventuell betheiligen, in die centrale Proto- plasmamasse geschatft, wo es verdaut wird. V. Chemische Reize. Ein lebender Zellkrper kann sich bis zu einem gewissen Grade chemischen Vernderungen seiner Umgebung anpassen. Eine Haupt- bedingung dabei ist freilich, dass die Vernderungen nicht pltzlich, sondern allmhlich eintreten. Plasmodien von Aetlialium gedeihen in einer zweiprocentigen Lsung von Traubenzucker, wenn man den letzteren in langsam steigen- der Dosis zum Wasser zusetzt (IV. 35). Wrde man sie gleich aus reinem Wasser in die chemisch vernderte Umgebung bringen, so wrde der pltzliche Wechsel den Tod zur Folge haben, und dasselbe wrde eintreten, wollte man sie aus der zweiprocentigen Zuckerlsung gleich in reines Wasser zurckversetzen. Wie man hieraus sieht, muss das Protoplasma Zeit haben , sich , wahrscheinlich durch Zu- und Abnahme seines Wassergehaltes, den vernderten Bedingungen anzupassen. Meerwasseramben und Rhizopoden bleiben am Leben, wenn durch allmhliche Verdunstung das in einem offenen Gefss stehende Meer- wasser selbst einen Salzgehalt von 10 Procent erreicht hat. Ssswasser- amben lassen sich allmhlich an 4procentige Kochsalzlsung gewhnen, whrend sie durch pltzlichen Zusatz schon einer einprocentigen Lsung sich zu Kugeln zusammenziehen und mit der Zeit in glnzende Tropfen zerfallen. Bei der Anpassung an eine neue chemische Umgebung werden die einzelnen Zellkrper mehr oder minder Vernderungen in ihrer Structur und in ihrer Lebensthtigkeit erfahren. Wenn sich das letztere in einer fr uns wahrnehmbaren Weise ussert, werden wir von chemischen Reizwirkungen sprechen. Die auf diesem ausserordentlich umfangreichen Gebiete zu beob achten den Erscheinungen fallen verschieden aus, je nachdem das chemische Reiz- mittel allseitig und gleich massig oder nur in einer bestimmten Richtung, also einseitig, auf den Zellkrper einwirkt. a) Erste Gruppe von Versuchen. Chemische Einwirkungen, die von allen Seiten den Zell- krper treffen. Um die erste Gruppe der Erscheinungen zu erlutern, soll auf das Verhalten des Protoplasma gegen einzelne Gase und gegen die unter dem gemeinsamen Namen der Ansthetica zusammengefassten Stoffe nher eingegangen werden. In den Pflanzenzellen hrt die Bewegung des Protoplasma in kurzer Zeit auf, wenn man sie anstatt in Wasser in einen Tropfen Olivenl einlegt und dadurch den Luftzutritt abschliesst (IV. 15). Nach Ent- fernung des Oeles kann man die Bewegung allmhlich wiederkehren sehen. Die Verlangsamung und schliesslich den Stillstand der Protoplasma- strmung kann man auch dadurch hervorrufen , dass man die atmo- sphrische Luft durch Kohlensure oder durch Wasserstoff verdrngt. Zur Anstellung derartiger Experimente hat man besondere Object- C)2 Viertes Capitel. tr.uer mit Gaskamnierii construirt, durchweiche man einen Strom von Kolilensure oder Wasserstoff hindurchleiten kann. Kacli einem Aufentlut der Pflanzenzellen von 45 Minuten bis einer Stunde im Kohlensurestronie ist die Bewegung durchschnittlich berall erloschen; lei Anwendung des Wasserstoffs ist eine etwas lngere Zeit dazu erforderlich (III. 5). Die Lhnumg des Protoplasma kann, wenn sie nicht zu lange Zeit angedauert hat, stets durch Sauerstoffzufuhr wieder aufgehoben werden. Offenbar bindet das lebendige Protoplasma den Sauerstoff der Umgebung chemisch, und wird die so entstandene feste Sauerstoffverbindung, von der unter normalen Verhltnissen in jedem Protoplasmakrper ein gewisser Vorrath angenonunen werden muss, whrend der Bewegungen bestndig zerstrt, vermuthlich unter Abspaltung von Kohlensure." (Engelmann. III. 5.) Entziehung von Sauerstoff wirkt daher lhmend auf die Reizbarkeit und berhaupt auf jede Lebensthtigkeit des Proto- plasma ein. Einen deutlich ausgesprochenen Einfluss auf die Lebensthtigkeit der Zelle haben die Ansthetica, Chloroform, Morphium, Chloral- hydrat etc. Es wirken diese Stoffe nicht nur, wie man hufig glaubt, auf das Nervensystem ein, sondern ebenso gut auch auf jedes Protoplasma. Die Wirkungsweise ist nur eine graduell verschiedene; es wird die Reiz- barkeit der Nervenzellen frher und rascher herabgesetzt und endlich aufgehoben als die Reizbarkeit des Protoplasma. Auch wird bei der medicinischen Verwendung der Narcotica beim Menschen nur eine Ein- wirkung auf das Nervensystem angestrebt, da eine tiefere Narcose der Elementartheile einen Stillstand des Lebensprocesses und also den Tod zur Folge haben wrde. Dass aber die Reizbarkeit des Protoplasma im Pflanzen- und Thierreich ohne bleibenden Schaden vorbergehend auf- gehoben werden kann, wird aus folgenden Beispielen klar hervorgehen: Die Sinnpflanze oder Mimosa pudica ist gegen Berhrung sehr empfindlich. Wenn ein Fiederblttchen etwas erschttert wird, so klappt es sofort zusammen und sinkt aus der aufgerichteten Stellung nach abwrts herab. Gleichzeitig ist sie ein Beispiel fr eine rasche Reizfortleitung bei Pflanzen, welche auch ohne Anwesenheit von Nerven, einfach in der Weise vor sich geht, dass der Reizanstoss von einem Protoplasmakrper auf den angrenzenden rasch bertragen wird. In Folge dessen schlagen bei Berhrung, je nach der Strke derselben, nicht nur die unmittelbar betroffenen Bltter, sondern auch die Bltter desselben Zweiges, eventuell sogar der ganzen Pflanze zusammen, wobei gewisse, hier nicht nher zu besprechende, mechanische Einrichtungen in Wirk- samkeit treten. Um nun den Einfluss der Ansthetica zu studiren, stelle man eine mit voller Reizbarkeit ausgestattete Sinnflanze unter eine Glasglocke und lege noch, wenn sie ihre Bltter vollstndig ausgebreitet hat, einen mit Chloroform oder Aether durchtrnkten Schwamm darunter (Claude Bernard IV. 1). Nach einer halben Stunde etwa hat durch die Chloroform- oder Aetherdmpfe das Protoplasma seine Reizbarkeit ein- gebsst. Nach Entfernung der Glocke kann man die normal aus- gebreiteten Blttchen berhren, sogar heftig quetschen oder abschneiden, ohne dass eine Reaction eintritt: der Erfolg ist derselbe wie bei einem mit Nerven versehenen hheren Geschpf. Und trotzdem ist das Proto- plasma, vorausgesetzt, dass der Versuch mit der nothwendigen Vorsicht angestellt worden ist, nicht abgestorben. Denn nachdem die Sinnpflanze II. Die Reizerscheinungeii. 93 einige Zeit in Irischer Luft zugebracht hat, schwindet allmhlich die Narcose; erst schlagen einzelne Blttchen bei krftiger Berhrung noch langsam zusammen, endlich ist die volle Reizbarkeit wieder zurckgekehrt. In derselben Weise lassen sich Eier und Samenfden in Nar- cose versetzen. Als Richard Hertwig und ich (IV. 12 a) lebhaft bewegliche Samenfden von Seeigeln in eine mit Meerwasser hergestellte 0,5-procentige Lsung von Chloralhydrat brachten, wurde ihre Bewegung schon nach 5 Minuten vollstndig aufgehoben, kehrte indessen, nachdem reines Meerwasser zugesetzt worden war, sehr rasch wieder. Auch befruchteten die durch den vorbergehenden Aufenthalt in 0,5 Procent Chloral gelhmten Samenfden, als sie zu Eiern hinzugefgt wurden, fast ebenso bald als frischer Samen. Nach halbstndiger Einwirkung der Chlorallsung wurde die dadurch hervorgerufene Lhmung der Samenfden eine strkere und hielt lngere Zeit auch nach Entfernung des schdigenden Mittels an. Erst nach einigen Minuten begannen einzelne Samenfden schlngelnde Bewegungen, die bald lebhafter wurden. Als sie zu Eiern hinzugefgt wurden, w^aren diese nach 10 Minuten noch nicht befruchtet, oi)wohl auf ihrer Oberflche schon viele Samenfden sich festgesetzt hatten und bohrende Bewegungen ausfhrten. Aber auch hier blieb schliesslich die Befruchtung und normale Theilung der Eier nicht aus. Wie bei den Samenfden, lsst sich auch bei den Eiern die Reiz- barkeit durch eine 0,2 0,5procentige Lsung von Chloralhydrat und von hnlichen Substanzen beeinflussen, was sich dann bei Zusatz von Samenflssigkeit in einer Vernderung des normalen Befruchtungs- processes zu erkennen giebt. Denn whrend normaler Weise nur ein einziger Samenfaden in das Ei eindringt und sofort die Bildung einer festen Dotterhaut veranlasst, durch welche das Nachdringen w^eiterer Samenfden unmglich gemacht wird, tritt bei chloralisirtenEiern Mehrbefruchtung ein. Dabei konnte festgestellt werden, dass je nach dem Grade der Chloralwirkung, je nach der Dauer der Einwirkung und der Concentration der Lsung, die Zahl der Samenfden stieg, welche in das Ei gelangt waren, ehe durch Abscheidung der Dotterhaut der Weg fr weitere Eindringlinge verlegt war. Offenbar ist durch die chemische Substanz die Reactionsfhigkeit des Eiplasmas herabgesetzt, so dass der vormals durch e i n e n Samenfaden ausgebte Reiz nicht mehr gengt, sondern durch das Eindringen von 2, 3 und mehr Samenfden in entsprechender Weise gesteigert werden muss, um das Ei zur Membran- bildung anzuregen. Ein letztes Beispiel wird uns endlich noch zeigen, dass auch chemische Processe in der Zelle durch Ansthesirung e i n e H e m m u n g e r f a h r e n k n n e n. Wie bekannt, rufen die Spalt- pilze, welche die Bierhefe bilden, Saccharomyces cerevisiae, in einer Zuckerlsung alkoholische Ghrung hervor, wobei Blschen von Kohlen- sure in der Flssigkeit aufsteigen. Als Claude Bernard (IV. 1) eine Zuckerlsung mit Chloroformwasser oder Aetherwasser versetzte und dann Bierhefe hinzufgte, trat keine Ghrung auch untei" sonst gnstigen Bedingungen ein. Als darauf die Hefepilze von der Chloroformlsung abfiltrirt, mit reinem Wasser ausgewaschen und in reine Zuckerlsung gebracht wurden , riefen sie in kurzer Zeit wieder Ghrung hervor ; sie hatten also das Vermgen, Zucker in Alkohol und Kohlensure umzu- wandeln, welches durch Chloroform- und Aetherwirkung vorbergehend aufgehoben war, wieder erhalten. g^ Viertes Capitel. In hnlicher Weise kann die Chlorophyllfunction der Pflanzen und die mit ilir zusannnenhnsende Al)schei(lung von Sauerstoff im Sonnen- licht durch Chloroform sistirt werden (Claude Bernard). b) Zweite Gruppe von Versuchen. Chemische Einwirkungen, die in einer bestimmten Richtung den Zellkrper treffen. Sehr interessante und mannichfaltige Reizerscheinungen werden Iiervorgerufen , wenn chemische Substanzen nicht allseitig, wie in den eben betrachteten Fllen, sondern nur e i n s e i t i g , i n e i n e r b e s t i m m t e n Richtung, den Zell kr per treffen. Dieser kann dadurch zu Formvernderungen und zu Bewegungen nach einer bestimmten Richtung veranlasst werden, Erscheinungen, die man unter dem Namen des Chemotropismus (Chemotaxis) zusammen gefasst hat. Die c h e m 1 r p i s c h e n Bewegungen knnen entweder nach der Reizquelle zu gerichtet oder imGegentheil von ihr ab gewandt sein. In ersterem Falle wirken die chemischen Substanzen anziehend, in letzterem abstos send auf den Proto- plasmakrper ein. Es hngt dies theils von der chemischen Natur des Stoffes, theils aucli von der Eigenart der dem Versuch dienenden Plasmaart, theils auch von dem Coneentrationsgrad der chemischen Substanz ab. Ein Stoff, der in geringerer Concentration anziehend wirkt, kann in strkerer Concentration abstossen. Es liegen hier hnliche eigenthmliche Verschiedenheiten vor, wie bei der Einwirkung gedmpften und starken Lichtes. Ebenso wie der Heliotropismus ein positiver und ein negativer sein kann, hat man auch einen positiven und einen negativen Chemotropismus zu unterscheiden. Wir wollen auch hier zuerst die Einwirkung von Gasen, alsdann von Lsungen in das Auge fassen und uns dabei mit einigen sinnreichen Methoden bekannt machen , welche wir besonders dem Botaniker Pfeffer (IV. 26) verdanken. 1) Gase. Ein gutes chemisches Lockmittel fr freibewegliche Zellen ist der Sauerstoff, wie namentlich die Experimente von Stahl, Engelmann und Verworn lehren. Stahl hat mit Plasmodien von Aethalium septicum experimentirt (IV. 35). Er fllte einen Glascylinder zur Hlfte mit ausgekochtem Wasser, das er zum Luftabschluss mit einer sehr dnnen Oelschicht bedeckte, und legte an die Wand des Cylinders einen Streifen Filtrir- papier, auf dem sich ein Plasmodium ausgebreitet hatte, in der Weise, dass die Hlfte in das Wasser tauchte. Schon nach kurzer Zeit verdnnten sich die im sauerstofffreien Wasser befindlichen Protoplasmastrnge, und bald war alles Protoplasma ber die Oelschicht, die auf das Plasmodium sonst nicht schdigend einwirkt, emporgewandert nach dem oberen Theile des Cylinders, wo der Sauerstoff der Luft zutreten konnte. Man kann den Versuch auch in der Weise anstellen, dass man ein Plasmodium in einen mit ausgekochtem Wasser ganz gefllten Cylinder bringt, die Oeffnung mit einem durchlcherten Kork schliesst und^ den Cylinder mit der Oeffnung nach unten in einen mit frischem Wasser gefllten Teller II. Die Reizerscheinunofeu. 95 stellt. Bald ist das Plasmodiuiii durch die feinen Lcher des Korks hindurch dem sauerstoffreicheren Medium entgegengewandert. Interessante Untersuchungen ber den richtenden Einfluss des Sauer- stoffs auf die Bewegungen der Bakterien hat Engel mann (IV. 7) an- gestellt und gezeigt, dass man manche Bakterienformen als ein sehr feines Reagens zum Nachweis sehr geringer Sauer- stoff mengen benutzen kann. Wird in eine Flssigkeit, die gewisse Bakterien enthlt, eine kleine Alge oder Diatomee gebracht, so ist die- selbe in kurzer Zeit von einer dichten Hlle von Bakterien umgeben, die durch den bei der Chlorophyllassimilation frei werdenden Sauerstoff angezogen werden. Verworn (IV. 40) sah eine Diatomee von einem Wall bewegungs- los liegender Spirochaeten eingeschlossen, die im brigen Theil des Pr- parates fast ganz fehlten (Fig. 58). Pltzlich bewegte sich die Diatomee eine Strecke weit aus dem Bakterien- haufen heraus. Die Spirochaeten, welche so von ihrer Sauerstoffquelle im Stich gelassen waren, lagen zunchst einige Augenblicke ruhig, fingen aber bald darauf an, sich lebhaft zu bewegen und in dichten Schaaren wieder zu der Diatomee hinberzuschwimmen. In 1 bis 2 Minuten waren fast alle wieder um dieselbe versammelt und blieben be- wegungslos an ihr liegen. Aus der Reizwirkuug des Sauerstoffs -t\'rfjrjp -i^-\ \- erklrt es sieh auch, dass man an '^^^^S 5A?<^^" ^ mikroskopischen Prparaten nach eini- ger Zeit fast alle Bakterien, Flagellaten und Infusorien an den Rndern oder um Luftblasen, die sich im Wasser be- finden, angesammelt findet. Einen recht lehrreichen Versuch theilt Verworn (IV. 40) mit. Man bringe eine grosse Menge Paramaecien in ein mit sauerstoffarmem Wasser ge- flltes Reagensglas, das man umgekehrt ber Quecksilber aufstellt. Bald be- ginnen die Flimmerbewegungen in Folge des Mangels von Sauerstoff langsam zu werden. Wenn man jetzt eine Blase reinen Sauerstoffs von unten her in das Reagensglas hineinlsst, so sieht man dieselbe schon nach wenigen Sekunden von einer dicken, weissen Hlle von Paramaecien umgeben, die von Sauerstoffdurst getrieben, wild auf die Sauerstoffblase losstrmen". -W Fig. 58. Eine grosse Dia- tomee (Pinnularia) von einem Haufen von Spiroebaete plica- tilis umgeben. Nach Verworn (IV. 40) Fig. 14. 2) Flssigkeiten, Ueber die Reiz Wirkungen von flssigen Substanzen liegen systema- tische Untersuchungen von Stahl und Pfeffer vor. Stahl (IV. 35) hat als Untersuchungsobject auch hier wieder die Lohblthe benutzt. Auf diese kann schon einfaches Wasser als Reiz wirken, eine Erscheinung, die Stahl als positiven und negativen qQ Viertes Capitel. H y (1 r 1 r 1) i s m u s beschrieben hat. Ein gleiclniissig auf einen Streifen feuchten Filtrirpapiers ausgebreitetes Plasmodium zieht sich stets, wenn (las Pai)ier auszutrocknen l)e,uinnt, nach den Stellen zurck, welche noch am feuchtesten geblieben sind. Wenn man whrend des Austrocknens ber das Papier senkrecht einen mit Gelatine bestrichenen Objecttrger in 2 mm Abstand anlningt, so erheben sich an dieser Stelle, durch den von der Gelatine ausgehenden Wasserdampf angezogen, einzelne Aeste vom Plasmodiumnetz senkrecht in die Hhe, bis sie die Gelatine erreichen und sich auf ihr ausbreiten ; nach wenigen Stunden kann so das ganze Plas- modium auf die feuchtere Unterlage bergewandert sein. Zur Zeit, wo sich die Myxomyceten zur Fruclitbildung anschicken, tritt an Stelle des positiven der negative Hydrotropismus. Die Plasmodien suchen jetzt im Gegentheil die trockensten Stellen ihrer Umgebung auf und weichen vor feuchten Gelatinestckchen und angefeuchtetem Filtrirpapier, das man in ihre Nhe bringt, zurck. Die Erscheinungen des Hydrotropismus finden leicht ihre Erklrung darin, dass das Protoplasma ein gewisses Quantum von Iml)ibitionswasser enthlt, welches in gewissen Graden schwanken und auch whrend der Entwicklung des Zellkrpers zu- und abnehmen kann. Je reiclilicher vom Imbibitionswasser das Protoplasma durchtrnkt ist, um so lebhaftere Bewegungen wird es im Allgemeinen zeigen. W^hrend der vegetativen Periode hat das Plasmodium von Aethalium die Neigung, seinen Wasser- gehalt zu erhhen und wird sich daher nach der Wasserquelle zu bewegen; beim Eintritt in die Fortpflanzungsperiode dagegen flieht es die Feuchtigkeit, weil bei der Sporenbildung der Wassergehalt des Proto- plasmas vermindert wird. Manche chemische Substanzen wirken anziehend, andere abstossend auf Plasmodien ein. Wenn man ein auf feuchtem Substrat ausgelireitetes Netz, von Aethalium mit einer Filtrirpapierkugel in Berhrung bringt, die von einem Lohaufguss durchtrnkt ist, so kriechen alsbald ein- zelne Plasmastrnge nach der Nahrungsquelle hin; schon nach wenigen Stunden sind alle Zwischenrume der Papierkugel vom Schleimpilz durchsetzt. Um den negativen Chemotropismus zu studiren, bringe man an den Rand eines auf feuchtem Filtrirpapier ausgebreiteten Schleimpilzes einen Kochsalzkrystall oder Salpeter oder einen Tropfen Glycerin. Man wird dann sehen, wie sich unter dem Reiz der im Filtrirpapier sich ausbrei- tenden, concentrirten Salz- oder Glycerinlsung das Protoplasma von der Reizquelle in immer grsserem Umkreise zurckzieht. So besitzen die leicht zerstrbaren, nackten Plasmodien die wunder- bare Fhigkeit , auf der einen Seite schdlichen Substanzen aus dem Wege zu gehen, auf der anderen Seite ihr Substrat nach allen Richtungen zu durchsuchen und die ihnen zusagenden Stoff'e aufzunehmen. Trifft nmlich irgend einer der zahlreichen Zweige eines Plasmodiums zufllig auf einen an Nhrstoff'en reichen Boden, so erfolgt sofort ein Zufluss des Plasmas nach der begnstigten Stelle." In bahnbrechenden Untersuchungen hat Pfeffer (IV. 26) den Chemo- tropismus kleiner, freibeweglicher Zellen, wie Samen- fden, Bakterien, Flagellaten, Infusorien genauer erforscht und dabei ein sehr einfaches und sinnreiches Verfahren eingeschlagen. Pfeff'er nimmt feine Glascapillaren, die 4 12 mm lang, an einem Ende zugeschmolzen sind und an dem andern Ende eine Mndung von 0,03 0,15 mm im Lichten je nach der Grsse der zu untersuchenden II. Die Reizerscheinungen. 97 Organismen besitzen. Dieselben werden etwa ein Drittel oder zur Hlfte mit dem Reizmittel gefllt, whrend der nach dem zugeschmolzenen Ende befindliche Raum noch Luft enthlt. Um die Gebrauchsweise zu erlutern, diene Aep fei sure, in welcher Pfeffer ein Reizmittel entdeckt hat, das die Samenfden der Farne in hohem Grade anlockt und das wahrscheinlich zu diesem Zwecke auch in der Katur von den Archegonien ausgeschieden wird. Eine Capillare, die mit 0,01 " o Aepfelsure gefllt ist, wird nach sorgfltiger Reinigung ihrer Oberflche in einen Tropfen Wasser, in dem sich viele Samenfden der Farne befinden, vorsichtig hineingeschoben. Bei 100- bis 200facher Vergrsserung wird man dann sehen, wie sofort einzelne Samenfden nach der Oeffnung der Capillare zusteuern, von welcher die Aepfelsure in das Wasser zu diffundiren beginnt. Sie dringen als- bald in die Capillare selbst ein; ihre Zahl nimmt rasch zu und ist in 5_10 Minuten auf viele Hunderte gestiegen. Nach einiger Zeit sind fast smmtliche Samenfden mit Ausnahme weniger Exemplare in das Glasrhrchen hineingeschlpft. Wenn man in der angegebenen Weise eine Prfung mit ver- schiedenen Concentrationsgraden der Aepfelsure vor- nimmt, so ergiebt sich ein hnliches Gesetz wie bei der Einwirkung verschiedener Wrmegrade auf die Proto- plasmastrmung. Von einem gewissen Minimalwerth an, der bei 0,001*^/0 liegt, und den man als Seh welle nwerth be- zeichnen kann, wchst die anziehende Wirkung mit zu- nehmender Concentration der Lsung bis zu einem be- stimmten Punkt, dem Optimum oder Maximum des Reiz- erfolges; bei weiterer Zunahme der Concentration nimmt erst die Anziehung ab, und hier endlich tritt ein Moment ein, wo der positive in den negativen Chemotropi smus umschlgt. Die stark concentrirte Lsung wirkt geradezu entgegengesetzt und stsst die Samenfden von sich ab. Wie gering die Menge Aepfel- sure ist, durch welche schon ein Reizerfolg erzielt werden kann, wird man am besten daraus ersehen, dass in einem Rhrchen mit einer 0,001 ^/o Lsung sich nur 0,0000000284 mg oder der 35millionste Theil eines Milligramm Apfelsure befindet. Wie schon oben hervorgehoben wurde, muss der chemische Reiz, um eine bestimmte Bewegungsrichtung bei einzelligen Organismen her- vorzurufen, nur einseitig oder wenigstens von einer Seite intensiver ein- wirken. Das ist nun auch in den mitgetheilten Experimenten der Fall; denn indem aus der Capillarmndung die Aepfelsure in die Umgebung diffundirt, gerathen die Samenfden, wenn sie zur Capillarffnung und wenn sie dann weiter durch dieselbe in der Rhre vordringen , in Lsungen von allmhlich steigender Concentration. Durch die Diffusion wird eine ungleiche Vertheilung des Reizmittels nm den Krper der Samenfden hergestellt; erst durch C on centrationsunter- schiede wirkt die Aepfelsure als ein die Bewegungs- richtung bestimmender Reiz." In einer homogenen Lsung bleiben die Samenfden, wie nicht anders zu erwarten ist, gleichmssig vertheilt, doch wird auf dieselben auch unter diesen Verhltnissen eine specifische Reizwirkung ausgebt, die aber nur auf indirectem Wege und zwar daran zu erkennen ist, dass gewissermaassen die Stimmung der Zellen gegen Aepfelsure Hertwig, Die Zelle und die Gewebe. ' f)Q Viertes Capitel. eine Aeiideruug erfahren hat. Pfeffer konnte hier hnliche Beziehungen nachweisen, wie sie fr die Sinneswahrnehnmngen des Menschen durch das Weber-Fechncr 's che Gesetz festgestellt sind. Whrend der Reiz in geometrischer Progression zunimmt, wchst die Empfindung oder die Reaction in arithmetischer Progression." Das in vieler Beziehung sehr wichtige Verhltniss soll wieder an dem Verhalten der Samenfden gegen Aepfelsure veranschaulicht werden. Wenn der Experimentator zu der Flssigkeit, in welcher sich die Samenfden der Farne befinden, etwas Aepfelsure hinzufgt und gleich- massig vertheilt, so dass eine 0,0 005 /o ige Lsung entsteht, so wirkt eine 0,00P o ige Aepfelsure in einer Capillarrhre, die zum Einfangen dienen soll , nicht mehr anlockend , wie es der Fall war zur Zeit, als die Samenfden in reinem Wasser waren. Vielmehr muss jetzt die Capillartlssigkeit zur Erreichung des Schwellenwerthes 0,015 ^io und bei einem Gehalt des Wassers von 0,05 " o Aepfelsure 1,5 /o von diesem Reizmittel enthalten; oder allgemeiner ausgedrckt: die Lsung in der Capillare muss 30mal so viel Aepfelsure enthal- ten als die Aussenflssigkeit, aus welcher die Samen- fden eingefangen werden sollen. Die Reiz empfnglich - k e i t oder R e i z s t i m m u n g der Samenfden verndert sich also, wenn sie in einem Medium verweilen, das schon eine bestimmteMenge der Substanz enthlt, die alsReiz- mittel dienen soll. Man kann sie so auf knstlichem Wege auf der einen Seite unempfnglich machen gegen schwache Lsungen von Aepfel- sure, die unter anderen Bedingungen als gutes Reizmittel wirken, auf der anderen Seite knnen sie reizempfnglich gemacht werden gegen strker coucentrirte Aepfelsurelsungen , welche in reinem Wasser be- findliche Samenfden abstossen. Wie gegen Licht, verhalten sich die einzelnen Zellkrper auch gegen chemische Stoffe sehr verschieden. Aepfelsure, welche die Samenfden von Farnen krftig anlockt, erweist sich fr Samen- fden der Laubmoose vllig wirkungslos. Fr diese ist wieder Rohrzucker von 0,1 '^ o ein Reizmittel. Samenfden endlich von Leber- moosen, Characeen reagiren auf keinen von diesen Stoffen. Eine 1 "^z o ige Lsung von Fleischextract oder von Asparagin hat eine krftig anziehende Wirkung auf Bacterium termo und Spirillum undula und manche andere einzellige Organismen. Schon nach 2 bis 5 Minuten hat sich ein frmlicher Pfropf von Bakterien an der Mndung eines Capillarrhrchens angesammelt, das in einen bakterienhaltigen Wassertropfen geschoben wird. Wegen des ungleichen Verhaltens der Zellkrper gegen chemische Reize lsst sich die von Pfeffer ausgebildete und verschiedenartig zu modificirende Methode nicht nur zum Einfangen entsprechend empfind- licher Organismen, sondern auch zur Trennung einzelner Arten in Gemischen verwenden, hnlich wie der Galvanotropismus und Helio- tropismus. Mit Lockmitteln versehene Glasrhrchen lassen sich in Flssigkeiten getaucht als Bakterienfalle und Infusorien falle benutzen. Ferner ergiebt sich aus den mitgetheilten Experimenten, dass chemisch besonders empfindliche Organismen gewissermaassen als Reageutien be- nutzt werden knnen, um die Gegenwart von Stoffen, die als Reiz wirken, II. Die Reizerscheinuugen. 99 nachzuweisen. So sind nach Engelmann (IV. 7) gewisse Spaltpilze ein ausgezeichnetes Reagens fr Sauerstoff, indem schon der trillionste Theil eines Milligramms gengt, um sie anzulocken. Nicht alle Stoffe, die anlockend wirken, haben einen Nhrwerth fr die Organismen oder sind ihnen unschdlich; manche fhren sogar als- bald zur Vernichtung der angelockten Organismen, wie salicylsaures Natron, salpetersaures Strychnin oder Morphium. Indessen haben die meisten Stoffe, die schdlich auf den Protoplasmakrper einwirken, auch eine abstossende Wirkung auf denselben, so die meisten saureu und alkalischen Lsungen. Citronensure und Natriumcarbonat wirken schon in 0,2*^/0 Concentration deutlich abstossend. Im Allgemeinen und unter der obigen Einschrnkung lsst sich daher immerhin sagen, dass durch den positiven Chemotropismus die Organis- men in den Stand gesetzt werden, ihnen zusagende Stoffe aufzusuchen, whrend sie in Folge des negativen Chemotropismus schdlichen Stoffen ausweichen. Die Erscheinungen des Chemotropismus sind von grosser Bedeutung auch fr das Verstndniss vieler Vor- gang e i m K r ]) e r d e r W i r b e 1 1 h i e r e und d e s M e n s c h e n. Auch hier giebt es Zellen, welche auf chemische Reize durch bestimmt ge- richtete Bewegungen und Ortsvernderung reagiren. Es sind dies die weissen Blutkrperchen und die Lymphzellen (die Leukocyten oder Wanderzellen). Die chemische Reizbarkeit der Leukocyten ist durch Versuche von Leber (IV. 17 a und b), Massart und Bordet (IV. 20, 21), Steinhaus (IV. 36), Gabritschevsky (IV. 10) und Buchner (IV. 2) festge- stellt worden. Wenn man nach dem Verfahren von Pfeffer feine Capillar- rhrchen mit einer kleinen Menge entzndungserregender Substanz" fllt und in die vordere Augenkammer oder in den Lymphsack des Frosches einfhrt, so fllen sich dieselben in kurzer Zeit mit einer be- trchtlichen Menge von Lymphkrperchen, whrend Rhrchen mit destil- lirtem Wasser nicht die gleiche Wirkung ussern. In das Unterhaut- bindegewebe gebracht, rufen die Rhrchen Auswanderung der Leuko- cyten (Diapedesis) aus den nchst angrenzenden Capillargefssen und unter Umstnden Eiterbildung hervor. Unter den entzndungserregenden Substanzen stehen in erster Reihe obenan viele Mikroorganismen und ihre Stoffwechselproducte. So erwies sich bei den Versuchen von Leber namentlich ein Extract von Staphylo- coccus pyogenes sehr wirksam. Dadurch greift die Lehre vom Chemotropismus in d i e L e li r e der durch p a t h o g e n e M i k r o- organismen erzeugten Krankheiten bedeutungsvoll ein. Erst durch genaue Kenntniss des ersteren werden viele wechselvolle Er- scheinungen, welche uns das Studium der Infectionskrankheiten darbietet, verstndlich gemacht. Es kann nun wohl von vornherein keinem Zweifel unterliegen, dass wenn die Leukocyten berhaupt durch chemische, von Mikroorganismen erzeugten Substanzen in einen Reizzustand versetzt werden knnen, dies nach hnlichen Gesetzen wird geschehen mssen, wie sie fr die Zelle im Allgemeinen haben festgestellt werden knnen. Positiver und nega- tiver Chemotropismus, Reizschwelle, Vernderung der Reizschwelle durch gleichmssige Vertheilung des Reizmittels, Reiznachwirkung werden auch auf diesem Geliiete in Betracht kommen. 7* JQQ Viertes Capitel. So gestaltet sich denn die Beziehung der Leukocyten zu den als Reiz wirkenden Substanzen zu einem compli- cirten Process, der je nach den vorliegenden Bedin- gungen sehr verschieden ausfallen kann. Denn die von den Mikroorganismen ausgeschiedenen Stoffwechselpro- ducte werden je nach ihrer Natur und je nach ihrer Con- centration bald eine anziehende, bald eine abstossende Reizwirkung ausben mssen. Ausserdem aber wird die Einwirkung sich noch verndern, wenn die Stoffwechsel- producte der Mikroorganismen sich nicht nur am Ort ihrer Entstehung in den erkrankten Gewebspartieen vorfinden und von da aus die Leukocyten reizen, sondern auch noch im Blutstrom selbst in gleichmssiger Vertheilung ent- halten sind. Dann werden, wie es bei dem Beispiel mit den Samenfden und der Aepfelsure der Fal] war (Seite 97, 98), die im Blut gleichmssig vertheilten bakteriellen Stoffwechselproducte die Reactions weise der Leukocyten gegen die am Orte der Erkrankung angehuften Stoff- wechselproducte modificiren. Hierbei muss das relative Verhlt- niss der hier und dort vorhandenen, wirksamen Sulistanz den Ausschlag geben. Die zahlreichen jMglichkeiten lassen sich unter zwei Hauptflle gmppiren. Erster Fall. Im Blut und in den erkrankten Gewebspartieen sind die Stoffwechselproducte in gleicher oder nahezu gleicher Menge vor- handen. Da es hier zu keiner Reizschwelle kommt, knnen die Leuko- cyten selbstverstndlicher Weise nicht mehr nach dem Orte der Er- krankung auswandern. Zweiter Fall. Die an beiden Orten angehufte Substanz ist von ungleicher Coucentration , und zwar stehen beide Concentrationeu in einem solchen Verhltniss zu einander, dass sich daraus eine fr die Leukocyten wirksame Reizschwelle ergibt. Hier knnen 2 Unterflle eintreten. Entweder befindet sich die hhere Coucentration am Er- krankungsherd oder in den Blutgefssen. Nur im ersteren Fall werden sich die Leukocyten am Erkrankungsherd ansammeln. Durch Bercksichtigung dieser Verhltnisse scheinen sich mir ^^ele interessante Erscheinungen erklren zu lassen, welche durch franzsische Forscher, Roger, Charrin, Bouchard (IV. 1 b) etc. bei ihren verschieden- artigen Experimenten mit den Stoffwechselproducten des Bacillus pyocya- neus, des Milzbraudbacillus etc. und durch Koch bei seiner Tuberculin- therapie beobachtet worden sind. Ich habe einen solchen Erklrungs- versuch unternommen in einer kleinen, gemeinverstndlichen Schrift: lieber die physiologische Grundlage der Tuberculiuwirkung, eine Theorie der Wirkungsweise bacillrer Stoffwechselproducte" (IV. 13) und verweise ich hiermit auf dieselbe betreffs der einzelnen zu erklrenden Krank- heitserscheinungen und physiologischen Experimente. II. Die Reizerscheinungen. 101 Literatur. IV. la) Claude Bernard. Leqo7is sur les phvnomcnes de la vie commune aux animauz et aux vegetaux. Ib) Bouehard. Theorie de l'infeetion. J'erhandl. des X. intern, med. Congresses zu Berlin. Bd. I. 1891. 2) Buchnei-. Die chemische Reizbarkeit der Leukocyten und deren Beziehung zur Ent- zndung und Eiterung. Berliner klinische Wochenschrift. 1890. 3) Brcke. Untersuchungen ber den Farbenwechsel des afrikan. Chamaeleons. Benksehr. d. math. naturtv. Classe der Akad. d. Wissensch. Bd. IV. 1854. 4) Bunge. Vitalismus und Mechanismus. 5a) De Bary. f'orlesungen ber Bacterien. 1885. 5b) Dehneeke. Einige Beobachtungen ber den Einfluss der Praeparationsmethode auf die Bewegungen des Protoplasmas der Panzenzellen. Flora 1881. 6a) Engelmann. Beitrge zur Physiologie des Protoplasmas. Pgers Archiv. Bd. IL 1869. 6b) Derselbe. Veber Reizung contractilen Protoplasmas durch pltzliche Beleuchtung. Pgers Archiv. Bd. XIX. 7) Derselbe. Neue Methode zur Untersuchung der Sauerstoffausscheidung pflanzlicher u. thierischer Organismen. Pgers Archiv. Bd. XXV. 8) Derselbe, lieber Licht- u. Farbenperception niederster Organismen. Pgers Archiv. Bd. XXIX. 1882. 9j Derselbe. Bacterium photometricum. Ein Beitrag zur vergleichenden Physiologie des Licht- wel Farbensinnes Pgers Archiv. Bd. XXX. 10) Gabritchevsky. ur les jn-ojjrietes chimiotactiques des leukocyles. Annales de r Institut de Pasteur. 1890. 11) Richard Hertwig. Erythropsis agilis, eitie neue Protozoe. Morph. Jahrb. Bd. X. 12a) Oscar . Richard Hertwig. lieber den Befruchtungs- und Thcilungsvorgang des thierischen E>es unter dem Einuss usserer Agentien. 1887. 12b) Dieselben. Experimentelle Studien am thierischen Ei vor, whrend und nach der Befruchtung. 1890. 13) Oscar Hertwig. Ueber die physiologische Grundlage der Tuberculinwirkung . Eine Theorie der Wirkung. ^iweise bacUlrer Stoffwechselproducte. .Jena 1891. 14) Klebs. Beitrge zur Physiologie der Panzenzelle. Untersuch, aus dem botanischen Institut zu Tbingen. Bd. II. ]mg. 489. 15) W. Khne. Untersuchungen ber das Protoplasma und die Contractilitt. 1864. 16) Knstler. Les yeux des infusoires agelliferes. Journ. Micr. Paris. 10. Jahrgang. 17a) Leber. Ueber die Entstehung der Entzndung und die Wirkung der entzndungs- erregenden Schdlichkeiten. Fortschritte der Medicin. 1888. p. 460. 17b) Derselbe. Die Entstehung der Entzndung u. die Wirkung der entzndungserregenden Schdlichkeiten. Leipzig 1891. 18) J. Loeb. Der Seliotropismus der Thiere und seine Uebereinstimmung mit dem Helio- tropismus der Pflanzen. Wrzburg 1890. 19) Derselbe. Weitere Untersuchungen ber den Heliotropismus der Thiere. Pgers Archiv. Bd. XLVIL 1890. 20) J. Massart u. Bordet. Recherches sur Virritabilite des leucocytts et sur Vintervention de eette irritabilite dans la nutrition des cellules et dans V inammation. Journal de la soc. R. des sciences medicales et naturelles de Bruxelles. 1890. 21) Dieselben. Annales de Vinstitut Pasteur. 1891. 22) MetschnikofF. Legons sur la pathologie comparee de V inammation. 1892. 23) "W. Pfeffer. Handbuch der Panzenphysiologie. Bd. I. 1881. 24) Derselbe. Locomotorische Richtungsbewegungen durch chemische Reize. Untersuch. aus d. botan. Institut zu Tbingen. Bd. I. 25) Derselbe. Zur Kenntniss der Contactreize. Untersuch, aus dem botan. Institut zu Tbingen. Bd. I. 1885. 26) Derselbe. Ueber chemotactisehe Bewegungen von Bakterien, Flagellaten und Volvocineen. Untersuch, aus d. botan. Institut zu Tbingen. Bd. II. 27) George Pouehet. D'un cell veritable chez les Protozoaires. C. R. soc. Biol. Ko. 36. 28) Derselbe. Du role des nerfs dans les changements de coloration des poissons. Journ. de Vanat. et de la phys. 1872. 29) Derselbe. Note sur (inuence de Vablation des yeux sur la coloration de certaines especes anitnales. Journ. de tanat. et de la phys. Bd. X. 1874. 30) F. A. Pouehet. Sur la mutabilite de la coloration des reinettes et sur la structure de leur peau. Compt. rend. T. 26. 1Q2 Viertes Capitel. II. Die Reizerscheinungen. 31) Rawitz. Zur Physiologie der Cephalopodenretina. Archiv /. Anat. u. Physiologie. .j2a) Sachs. Vorlesungen ber Fflanzenphysiologie. 188:2. 32b) Derselbe. Handbuch der E.cperimentalphysiologie der Panzen. J865. Lehrb. der llotanik. 33) Seidlitz. Beitrge zur Bescendenztheorie. Leipzig ]87(). 34) Stahl. Ueber den Einuss von Richtung u. Strke der Beleuchtung auf einige Be- wegungserscheinungen im Pflanzenreich. Botan. Zeitung. 1880. 35) I) er selbe. Zur Biologie der Myxomyecten. Botan. Zeitung. 1884. 36) Steinhaus. Die Aetiologie der acuten Eiterungen. Leipzig 1889. 37) Strasburger. Wirkung des Lichts und der Wrme auf die Schtvrmsporen. Jena 1878. 38) Veiten. Einwirkung der Temperatur auf die Protoplasmabewegungen. Flora 1876. 39) Verworn. Die polare Erregung der Protisten durch den galvanischen Strom. Pflgers Archiv. Bd. XLV u. XLVI. 40) Derselbe, Psycho-physiologische Protisten- Studien. Jina 1889. FNFTES CAPITEL. Die Lebenseigenschaften der Zelle. III. StoflTwechse! und formative Thtigkeit. Allgemeine Charakteristik. Die lebende Zelle besitzt ihren eigenen Stoffwechsel, sie nimmt Nahrungssubstanzen auf, verndert sie, fhrt einige Bestandtheile der- selben ihrem Krper zu, whrend sie andere wieder nach Aussen ab- giebt; sie gleicht einem kleinen, chemischen Laboratorium, indem fast fortwhrend die verschiedenartigsten chemischen Processe in ihr vor sich gehen, durch welche auf der einen Seite hochmoleculare Stoffe von com- plicirter Zusammensetzung gebildet, auf der anderen Seite wieder zer- strt werden. Die lebendige Substanz befindet sich, um so mehr, je inten- siver der Process des Lebens ist, in einer bestndigen Selbstzersetzung und einer mit ihr Schritt haltenden Neubildung. In dem Chemismus der Zelle sind daher zwei Hauptphnomene auseinander zu halten, die Phnomene der regressiven und der progressiven Stoff- metamorphose oder wie Claude Bernard (IV. la) sich ausdrckt, les phnomenes de destruction et de cration ofganique, de dcomposition et de composition. Bei ihrer Zerstrung wird die lebendige Substanz vermge Selbstzer- setzung durch eine Reihe meist unbekannter Zwischenstufen in einfachere chemische Verbindungen bergefhrt. Kohlensure und Wasser sind die einfachsten Endproducte dieser Zerstrung. Bei ihr wird Spann- kraft (potentielle Energie) in lebendige Kraft (kinetische Energie) umge- wandelt. Intramoleculare Wrme wird frei und bildet die lebendige Kraft, die zur Hervorbringung der Arbeitsleistungen des Zellkrpers die Vorbedingung ist. Wie ausserordentlich gross die Zersetzbarkeit der Lebenssubstanzen ist, geht schon daraus hervor, dass der geringste Anstoss oft gengend ist, grosse Umsetzungen und Arbeitsleistungen in den Zellkrpern hervor- zurufen. Sind es nicht, bemerkt Pflger (V. 25, 26), wahrhaft ver- schwindend kleine lebendige Krfte, die in einem Lichtstrahl wirkend, die gewaltigsten Wirkungen in der lietina und dem Gehirn hervorrufen? Wie ganz minimal sind die lebendigen Krfte der Nerven, wie ganz j^Q^ Fnftes Capitel. wunderltar klein die Mengen gewisser Gifte, die ein grosses lebendiges Thier total vernichten." Bei der Nenbildung lebender Substanz oder der i)rogressiven Meta- morphose werden zum Ersatz des Verbrauchten neue Stoffe von aussen aufgenommen, dem Krper einverleibt und in neue chemische Verbin- dungen bergefhrt, bei welchen Arbeitsleistungen wieder Wrme in mehr oder minder hohem Grade gebunden und in Spannkraft umgewandelt wird. Die wieder gebundene Wrme kann theils von der bei den Zersetzungsprocessen frei werdenden intramolecularen Wrme herrhren, theils rhrt sie her, wie der Hauptsache nach in den Pflanzen, von der belebenden Wrme der Sonnenstrahlen, durch welche der Organismen- welt ein grosses Quantum lebendiger Kraft zugefhrt und im Proto- plasmakrper in Spannkraft umgesetzt wird. Die von aussen aufge- nommenen Substanzen und die der Sonne entstrmende Wrme stellen das Betriebsmaterial und die Betriebskraft dar, durch welche der in Wechsel von Selbstzersetzung und Selbstneubildung sich abspielende Lebensprocess in letzter Instanz unterhalten wird. Nach der Definition von Pflger ist der Lebensprocess die intramole- culare Wrme hchst zersetzbarer und durch Dissociation wesentlich unter Bildung von Kohlensure und Wasser und amidartigen Krpern sich zer- setzender, in Zellsubstanz gebildeter Eiweissmolecle, welche sich fortwhrend reg-eneriren und auch durch Polymerisirung wachsen." Trotz grosser Verschiedenartigkeit des Stoffwechsels in den einzelnen Organismen giebt es doch eine Reihe von fundamentalen Processen, welche der gesammten organischen Natur gemeinsam sind und sich im niedrigsten, einzelligen Wesen ebenso abspielen, wie im Krper der Pflanzen und Thiere. Wie in den Bewegungen und Reizer- scheinungeu, offenbart sich auch in diesen fundamen- talen Processen des Stoffwechsels die Einheit der ganzen organischen Natur. Insofern fallen sie auch in das Bereich der allgemeinen Anatomie und Physiologie der Zelle. Eine Uebereinstimmung macht sich nament- lich in folgenden 3 Punkten geltend : 1) Jede Zelle, sei es von Pflanze oder Thier, athmet. das heisst, sie nimmt aus ihrer Umgebung Sauerstoff nach Bedrfniss auf und verbrennt mit Hlfe desselben Kohlenhydrate und Eiweisssubstauzen ihres eigenen Krpers, bei welchem Verbrennungsprocess als letzte Endproducte Kohlen- sure und Wasser gebildet werden. 2) In beiden organischen Reichen treten in grosser Zahl ent- sprechende Substanzen im Stoffwechsel auf, wie Pepsin, Diastase, Myosin, Xanthin, Sarcin, Zucker, Inosit, Dextrin, Glycogen, Milchsure, Ameisen- sure, Essig- und Buttersure. 3) In beiden Reichen sind manche Processe, durch welche com- plicirte chemische Verl)indungen dargestellt werden , identisch oder wenigstens sehr hnlich und unterscheiden sich wesentlich von den Ver- fahren, durch welche der Chemiker im Stande ist, eine Anzahl organischer Verbindungen auf synthetischem Wege darzustellen. Beim Chemismus der Zelle sowohl der Pflanzen wie der Thiere spielen Fermente eine grosse Rolle, Diastase, Pepsin, Trypsin etc. Darunter versteht man organische Stoffe, welche in der lebenden Zelle erzeugt, in ausserordent- lich geringer Menge eine grosse chemische Wirkung entfalten und ohne III. Stoffwechsel und formative Tbtigkeit. 105 selbst in nennenswerthem Maasse dabei verbraucht zu werden , hier Kohlenliydrate, dort Eiweisskrper in charakteristischer Weise chemisch verndern knnen. Le chimisme du laboratoire est ex6cute l'aide d'agents et d'appa- reils que le chimistre a crees, et le chimisme de l'etre vivant est ex6- cute l'aide d'agents et d'appareils que rorganisme a crees." (Claude Bernard IV. 1 a.) Im Folgenden werden wir die einzelnen Erscheinungen des Stoff- wechsels besonders von morphologischer Seite nher betrachten, ohne dabei in die meist sehr verwickelten und grossen Theils noch unbe- kannten chemischen Processe nher einzugehen. Wir knnen im Verlauf des Stoffwechsels 3 Stadien unterscheiden, die Stoffaufnahme , die im Innern des Protoplasma erfolgende Stoffumsetzung und die Stoffabgabe. Das erste und letzte dieser Stadien wollen wir gemeinsam, alsdann das zweite fr sich allein besprechen. I. Die Stoffaufnalmie und Stoffabgabe der Zelle. Alle Zellen nehmen sowol Gase, als auch Stoffe in flssigem oder gelstem und daher ditfusionsfhigem Zustand in sich auf, manche Zellen endlich l)enutzen als Nahrung auch Krper von festem Aggre- gatzustand. Die '6 Reihen von Erscheinungen verlangen eine gesonderte Besprechung. 1) Die Aufnahme und Abgabe gasfrmiger Stoffe. In gasfrmigem Zustand knnen rlie verschiedenartigsten Stoffe vom Protoplasma aufgenommen werden. (Sauerstoff, Stickstoff, Wasserstoff, Kohlensure, Kohlen- und Stickoxyd, Ammoniak-, Chloroform-, Aether- dmpfe und dergleichen mehr.) Von allgemeiner Bedeutung fr den Stoffwechsel ist indessen nui- die Aufnahme von Sauerstoff und Kohlensure , besonders von dem ersteren. Olme Aufnahme von Sauerstoff, welchen Vorgang man die Ath- m u n g nennt , kei n Leben I S a u e r s t o f f a t h m u n g ist mit wenigen Ausnahmen (anaerol)e Bakterien etc.) eine Fundamentaleigenschaft der gesammten organischen Natur; sie ist fr die Stofifwechselprocesse , auf denen das Leben beruht und bei denen oxydative Spaltung hochmole- cularer Verbindungen die lebendigen Krfte liefern muss, unbedingt noth- wendig. Sauerstoffmangel liringt in der Regel sehr rasch die Functionen der Zelle, die Reizbarkeit, die Bewegungsfhigkeit etc. zum Stillstand; schliesslicli fhrt er mit Nothwendigkeit den Tod herbei. Eine scheinbare Ausnahme von dem fundamentalen Process der Athmung scheinen die Ghrungsorganismen, die Spalt- und Sprosspilze, zu liefern. Denn sie knnen bei vollstndigem Abschlsse von Sauerstoff in einer geeigneten Nhrflssigkeit wachsen und sich vermelu'en. In diesem Fall wird der fr die Oxydationsvorgnge im Protoplasma erforderliche Sauerstoff und die Be- triebskraft fr den Lebensprocess durch Zerlegung von Ghrmaterial ge- wonnen. Ebenso leben Darmparasiten in einer ziemlich sauerstofffreien Um- gebung durch Spaltung von Verbindungen des ihnen im eberschuss ge- botenen Xabrungsbreies. (Bunge V. 2.) IQ^ Fnftes Capitel. Welche Rolle spielt der Sauerstoff bei seiner Aufnahme in die Zelle? Frher glaubte man, dass der Sauerstoff auf die lebende Materie direct oxydirend einwirke, dass er, wie man sich bildlich ausdrckte, einen Verbrennungsprocess im Krper hervorrufe, durch welchen Wrme geliefert werde. Der Vorgang ist jedenfalls ein complicirterer, wobei die krfte, welche zur Bindung des Sauerstoffs fhren, von der lebenden Substanz selbst ausgehen. In dem Protoplasma, diesem Gemisch eigen- thmlicher Eiweisskrper und ihrer Derivate, in welchem ausserdem noch Fette und Kohlenhydrate als Einlagerungen enthalten sind, finden, durch geringfgige Einwirkungen veranlasst, bestndig moleculare Umlagerungen und Umgruppirungen von Atomen, unter diesen auch Zersetzungen und Dissociationen, statt. Hierbei entwickeln sich in vielen Spaltproducten fortdauernd auch Affinitten zum freien Sauerstoff (oxydative Spaltung) und ziehen ihn auf diese Weise in den Stoffwechsel mit hinein." (Pflger V. 25, 26.) So entstehen bei der Athmung auf Kosten der organischen Substanz sauerstoffreichere Vei'bindungen und durch fortgesetzte Spaltung und Oxydation derselben schliesslich Kohlensure und Wasser, die wich- tigsten Endproducte des unter Sauerstoffathmung einhergehenden Zer- setzungsprozesses der lebenden Substanz. Es gilt dies fr jede thierische, fr jede pflanzliche Zelle. W^enn man Pflanzenzellen, in denen das Protoplasma lebhaft strmt (Staubfadenhaare der Tradescantia , Zellen von Characeen), in einen Tropfen reinen Olivenls legt, so verlangsamt sich bald in Folge des be- hinderten Zutritts von Sauerstoff die Bewegung und hrt bald ganz auf. Dasselbe tritt ein, wenn Pflanzenzellen in eine Atmosphre gebracht werden, die ausschliesslich aus Kohlensure, aus W^asserstoff oder aus einem Gemisch von beiden besteht. Zunchst sind nur die Functionen des Protoplasma aufgehoben; wird nach Entfernung des Olivenls oder der Kohlensure oder des Wasserstoffs wieder reine Luft zugeleitet, so kehrt nach einer Periode der Erholung allmhlich wieder Reizbarkeit und Bewegung zurck. Bei lngerer Entziehung des Sauerstoffs aber folgt der Lhmung der Functionen schliesslich der Tod des Protoplasmas unter Trbung, Gerinnung und Zerfall. Ebenso athmet jede thierische Zelle. Wenn ein bebrtetes Hlihnerei in den Anfangsstadien seiner Entwicklung, wo es aus lauter kleinen Zellen zusammengesetzt ist, in eine Kohlensure-Atmosphre gebracht wird, oder WTnn man die porse Kalkschale mit Oel durchtrnkt, so dass ein Gasaustausch zwischen Keim und Luft nicht mehr stattfinden kann, so stirbt es in wenigen Stunden ab. Der bei dem Menschen durch die Lungen aufgenommene Sauerstoff dient dazu, um das Sauerstoffbedrfniss aller in den ver- schiedenen Geweben unseres Krpers enthaltenen Zellen zu befriedigen. Letzteren Vorgang bezeichnet man in der Thier- physiologie im Gegensatz zur Aufnahme des Sauerstoffs oder der Lungen- athmung als innere Athmung. Im ganzen Organismenreich ist der Athmungsprocess mit Kohlensureabgabe und mit Wrmebildung verbunden. Es ist dies ein einfach chemisches Gesetz: WMe bei jeder andern Ver- brennung von Kohlenstoff und Wasserstoff zu Kohlensure und Wasser muss auch bei der Athmung ein bestimmtes Quantum von Wrmebe- w^egung erzeugt werden" (Sachs IV. 32 a). Eben so gut wie die thie- rischen, athmen daher auch die pflanzlichen Zellen Kohlensure aus und bilden Wrme. III. Stoffwechsel und formative Thtigkeit. 107 Bei Pflanzen ist die Wrniebildung am leichtesten an lebhaft wach- senden Theilen nachzuweisen, an keimenden Samen, besonders deutlich aber an den Blthenkolben der Aroideen. Letztere knnen sich zu- weilen bis 15" C. ber die Temperatur der Umgebung erwrmen. Bei der Athmung regulirt die lebende Zelle selber die Grsse ihres Sauerstoffverbrauches. Derselbe wird einfach bedingt durch das Maass ihrer functionellen Thtigkeit, die mit einer entsprechend grossen Zersetzung organischer Substanz einhergeht. Eine unbefruchtete Eizelle athmet sehr geringe Quantitten von Sauerstoff ein, desgleichen ein ruhender Pflanzensamen ; wenn aber die Eizelle befruchtet wird und der Zellentheilungsprocess in lebhaftem Gange ist, oder wenn der Pflanzensamen keimt, dann wchst die Sauerstoffaufnahme. Sie ist eine Function des in Lebensthtigkeit begi-iffenen Protoplasmas (Sachs). Hieraus erklrt sich auch leicht die Erscheinung, dass die Sauerstoffaufnahrae in die lebende Zelle innerhalb weiter Grenzen vollkomm en unabhngig von dem Parti aldruck des neutralen Sauerstoffs ist". (Pflger.) Um das Capitel der Athnumg abzuschliessen , ist noch auf eine wichtige Erscheinung einzugehen. Auch bei Abwesenheit von Sauerstoff knnen die Zellen liald krzere , bald lngere Zeit Kohlensure aus- athmen und Wrme erzeugen. Keimpflanzen in ein Torricelli'sches Va- cuum gebracht, fahren fort Kohlensure auszuhauchen, in den ersten Stunden wie normal, dann in allmhlich geringer werdender Quantitt. Frsche lassen sicli nach den Versuchen von Pflger in dem sauer- stofffreien und mit Stickstoff gefllten Raum einer Glasglocke viele Stunden am Leben erhalten, in welcher Zeit eine ziemlich betrchtliche Quantitt von Kohlensure ausgeathmet wird. Beide Versuche lehren, dass in der Zelle eine Zeit lang auch ohne unmittelbaren Zutritt von Sauerstoff bloss durch Zersetzung orga- nischer Substanz Kohlenstoff- und Sauerstoffatome zur Bildung von Kohlensure zusammentreten knnen. Man bezeichnet diesen Vorgang als i n t r a m o 1 e c u 1 a r e A t h m u n g. So lange dieselbe anhlt, lebt die Zelle und bleibt, wenn auch mit stetig abnehmender Energie, reizbar und functionsfliig, indem sie einen Theil des Sauerstoffs, der in ihren eigenen Substanzen gebunden ist, als Be- triebskraft gebraucht. Bei lnger fortgesetzter Entziehung des Sauer- stoffs tritt aber immer der Tod ein. Auch aus den Erscheinungen der intramolecularen Athmung lsst sich der schon oben aufgestellte Satz begrnden: dass nicht der von aussen eindringende Sauerstoff den ersten Anstoss zu den chemischen Vorgngen der Athmung giebt, dass vielmehr innerhalb des Protoplasmas zunchst und primr eine Zersetzung des Eiweissmolekles stattfindet, welche mit Kohlensurebildung endigt, dass aber durch den von Aussen her zutretenden Sauerstoff eine restitutio in in- tegrum stattfindet". Zu der Ghrung, durch welche Ghrungserreger auch ohne Sauerstoff- zutritt wachsen und sich vermehren und Kohlensure produciren, bietet die intramoleculare Athmung Vergleichspunkte dar, auf welche besonders Pfeffer (V. 22) aufmerksam gemacht hat. Whrend die Aufnahme von Sauerstoff und die Abgabe von Kohlen- sure Anfang und Ende einer Reihe complicirter Processe bezeichnen, jQg Fnftes Capitel. wclcho hauptsclilicli der regressiven Metamorphose oder der Zerstrung organischer Substanz angehren, bietet uns die Aufnahme und Ver- ari)eitung der Kohlensure in der Zelle einen Einblick in den entgegengesetzten Process, in den Process der progressiven Metamor- phoso oder der Erzeugung organischer Substanz. Im Unterschied zur Athmung nennt man diesen Vorgang Assimilation. Sauerstoffathmung und Assimilation von Kohlensure treten in jeder Beziehung in Gegensatz zu einander. Jene ist eine fast dem ganzen Organismenreich angehrige, fundamentale Erscheinung, diese dagegen zeigt sich nur auf das Pflanzenreich be- schrnkt, und auch hier ist sie keine Eigenschaft aller, sondern nur solcher Zellen, die in ihrem Protoplasma Blattgrn oder Blattgelb (Chlorophyll oder Xanthophyll) enthalten. Sauer- stoffathmung fhrt zu oxydativen Zersetzungsprocessen, Kohlensureassi- milation dagegen zur Reduction der Kohlensure und zur Synthese hoch- molecularer, organischer Substanzen. Es sind dies Kohlenhydrate, nament- lich Strke, welche sicli in Form kleiner Krnchen in den grnen Pflanzentheilen (Chlorophyllkrnern und Chloropliyllbndern) abgelagert findet. Bei der Assimilation der Kohlensure sind die einzelnen Phasen der in der Pflanzenzelle stattfindenden, synthetischen Processe noch in Dunkel gehllt. Nur so viel "lsst sich sagen: Kohlensure und Wasser bilden das Ausgangsmaterial fr die Synthese; dabei entsteht durch Reduction von Kohlensure und Wasser Sauerstoff und wird als Gas reichlich ab- geschieden. Der Process findet im Protoplasma nur bei Gegenwart von Chlorophyll statt, ausser welchem auch noch andere chemische Krper betheiligt sein knnen. Endlich kann die Kohlensureassimilation nur im Licht vor sich gehen. Denn um den Sauerstoff aus der Kohlen- sure und dem Wasserraolecl frei zu machen, ist Wrme noth wendig. Auch hierin stehen sich Kohlensureassimilation und Sauerstoffathmung gegenber; hier wird durch Oxydation, die ein Verbrennungsprocess ist, Wrme erzeugt und lebendige Kraft frei gemacht, dort wird zu der Reduction der Kohlensure Wrme verbraucht und als Spannkraft in den Assimilationsproducten gebunden. Die fr diesen Process erforderliche Wrme liefert das Sonnenliclit. Wenn man eine Wasserpflanze in kohlensurehaltiges Wasser bringt und in die Sonne stellt, so sieht man alsbald zahlreiche kleine Luftblasen aufsteigen, die, unter einer Glocke gesammelt, bei einer chemischen Ana- lyse zeigen, dass sie hauptschlich aus Sauerstoff bestehen. Der Ab- scheidung des Sauerstoffes entsprechend, wird gleichzeitig aus dem Wasser Kohlensure aufgenommen und zu Kohlenhydraten verarbeitet. Wie hier- bei das lebendige, auf Licht empfindliche Protoplasma den Chlorophyll- apparat in die zur Richtung und Strke des Lichtes gnstigste Lage zu bringen vermag, wurde schon in einem frheren Capitel (Seite 84) aus- einandergesetzt. Der Vorgang der Assimilation ist im Lichte ein so lebhafter, dass daneben die Sauerstoffathmung und Kohlensureabgabe, welche zur Unter- haltung des Lebensprocesses absolut nothwendig ist, vollstndig in den Hintergrund tritt und daher auch in frherer Zeit ganz bersehen wurde. Dagegen stellen Pflanzen, die in's Dunkle gebracht werden, sofort die Sauerstoffabscheidung und nicht minder auch die Kohlensureaufnahme ein, fahren aber im Dunkeln nach wie vor, ebenso wie belichtete Pflanzen, IIl. Stoffwechsel und formative Thtigkeit. 109 ZU athmen fort. Das Gas, das jetzt freilich iu viel geringerer Quantitt als in obigem Versuch ausgeschieden wird, ist Kohlensure. Auf einen interessanten Unterschied, der zwischen Sauerstoffathmung und Kohlensureassimilation bei den Pflanzen besteht, hat Claude Bernard (IV. 1 a) hingewiesen. Er hat Wasserpflanzen durcli Chloroform oder Aether in Narcose versetzt und gefunden, dass sie jetzt im Sonnenlicht keinen Sauerstoff" mehr ausscheiden. Wie in der Narcose die Reizbarkeit und Bewegimgsfhigkeit des Protoplasma, so wird in derselben auch die Chlorophyllfunction, die Fhigkeit, auf synthetischem Wege aus Kohlensure und Wasser Strke zu bilden, absolut aufgehoben. Die- selbe kehrt wieder, wenn die Pflanze in reines Wasser zurckgebracht wird. Noch bemerkenswerther aber ist bei diesem Versuch, dass whrend der Narcose die Athnumg unter Abscheidung von Kohlensure weiter vor sich geht. Dieser Unterschied ist wohl darauf zurckzufhren, dass die Sauerstoff"athmung und die mit ihr verbundene Zersetzung zum ganzen Lebensprocess in einem viel innigeren Zusammenhang stehen und daher erst mit dem Leben der Zelle ganz erlschen. Ehe aber durch Narcose der Tod der Zelle herbeigefhrt wird, werden schon lngere Zeit zuvor die Functionen der Zelle gelhmt, unter ihnen auch die Chlorophyll- function. 2) Die Aufnahme und Abgabe flssiger Stoffe. Die meisten Substanzen, welche dem Stoff"wechsel dienen, werden von den Organismen in gelstem Zustand aufgenommen. Einzellige und Wasserpflanzen beziehen dieselben aus der ihnen zum Aufenthalt dienenden Fliissigkeit , die Landpflanzen mit Hlfe ihrer Wurzeln aus dem von Wasser durchtrnkten! Boden. Die Zellen der hheren Thiere ernhren sich durch Aufnahme gelster Substanzen aus Flssig- keitsmedien, die bei ihnen freilich erst in Hohlrumen ihres eigenen Krpers durch complicirte Einrichtungen gewonnen werden mssen. Diese Flssigkeitsmedien sind der Chymusbrei des Darmkanals, das Blut, der Chylusund die Lymphe. Sie spielen fr die thierischen Zellen dieselbe' Rolle, wie Wasser und Bodenfeuchtigkeit mit den in ihnen gelsten Substanzen fr niedere Organismen und fr Pflanzen. Gegenber veralteten Anschauungen der Physiologie, nach denen die hauptschlichen Stoffwechselprocesse in die Sfte des Krpers verlegt wurden, kann nicht scharf genug der Satz hervorgehoben werden: Die Zellen sind die Herde der Stoff-Aufnahme, Abgabe und Umsetzung. Die Sfte haben nur die Aufgabe, den Zellen das Nahrungsmaterial in gelster Form darzubieten und die Zerfallsproducte des Stoffwechsels wieder abzu- fhren. Zwischen den Zellen und dem sie umsplenden Medium bestehen die complicirtesten Wechselbeziehungen physikalischer und chemischer Art. Ihre Erforschung gehrt zu den schwierigsten Aufgaben, auf die hier nur zum kleinsten Theil eingegangen werden kann. Jede Zelle ist in ihrer ganzen Organisation an das umgebende Medium auf das genaueste angepasst. Irgendwie erhebliche Vernde- rungen in der Concentration oder Zusammensetzung desselben fhren ihren Tod herbei, doch knnen in manchen Fllen grssere Vernderungen auch dauernd ertragen werden, vorausgesetzt, dass die verschiedenen Zustnde allmhlich ' und in lngerer Zeit in einander bergehen, wo- 110 Fnftes Capitel. durch es den Zellen mglich gemaclit wird, sich in ihrer Organisation fiir die anderen Bedingungen einzurichten. Wie schon im Capitel der chemischen Reize (Seite 91) erwhnt wurde, knnen Ssswasseramben an einen Aufenthalt in Salzwasser gewhnt werden. Meerthiere knnen sich einer niederen und hheren Concentration im Salzgehalt anpassen. Wahrscheinlich besteht die An- passung darin, dass ein Ausgleich zwischen der im Protoplasmakrper eingeschlossenen Flssigkeit und der Umgebung stattfindet. Daher fhren pltzliche Vernderungen zum sofortigen Tod unter Verquellung oder Schrumpfung und Gerinnung des Protoplasma. Da bei den Wirbelthieren sich die vom Gewebssaft umsplten Zellen unter so ausserordentlich knstlichen Bedingungen befinden, ist es schwierig, kleine Gewebstheile nach ihrer Abtrennung vom biigen Krper auch nur krzere Zeit am Leben zu erhalten. Denn auch die Gewebssfte verndern sich fast sofort, wenn sie vom lebenden Krper getrennt werden. Daher knnen zur Untersuchung der Gewebe im Zu- stand des Uelierlebens Blutserum, Augenwasser, Fruchtwasser, Jodserum oder knstlich zusammengesetzte hnliche Gemische nur als einiger- maassen indifferente Zusatzflssigkeiten dienen; einen Ersatz fr die natrlichen Bedingungen bieten sie selbstverstndlicher Weise keineswegs. Wenn man genauer das Verhltniss untersucht, in welchem die Zelle zu der sie umsplenden Flssigkeit steht, muss man sich in erster Linie vor der Vorstellung hten, als ob die erstere von der letzteren einfach durchtrnkt werde. Eine solche Vorstellung wrde eine durchaus ver- fehlte sein. Im Gegentheil stellt jede Zelle eine in sich abgeschlossene Einheit dar, welche aus dem Flssigkeitsgemiscli einige Stoffe bald mehr, andere liald minder reichlich in ihr Inneres aufnimmt, andere auch ganz abweist. Verschiedene Zellen knnen sich in allen diesen Beziehungen sehr ungleich verhalten ; mit einem Wort, die Zellen treffen unter den ihnen dargebotenen Stoffen gewissermaassen eine Auswahl. Ein solches oft sehr verschiedenartiges Wahlvermgen ist sehr leicht nachzuweisen: Unter den niedersten einzelligen Organismen bilden sich einige ein Skelet aus Kieselsure, andere aus kohlensaurem Kalk. Gegen beide Stoffe, die in geringen Mengen im Wasser gelst vorkommen, zeigen sie demnach ein ganz entgegengesetztes Wahlvermgen, das in der Bildung der Kreide und der aus Kieselschalen bestehenden Erdschichten zu einem grossartigen Gesammtresultat gefhrt hat. Ebenso nehmen die Zellen verschiedener Pflanzen, die in demselben Wasser unter gleichen Bedin- gungen nebeneinander gedeihen, sehr verschiedene Salze und in ungleichen Mengen in sich auf. Man kann die hier vorkommenden, relativen Ver- hltnisse leicht berechnen, wenn man die Pflanzen trocknet, verbrennt und die Gesammtasche in Procenten der Trockensubstanz und die einzelnen Aschenbestandtheile wieder in Procenten der Reinasche ausdrckt. So fhrte die Aschenuntersuchung von Fucusarten, die an der West- kste von Schottland gesammelt wurden, zu folgenden Ergebnissen, welche Pfeifer (V. 23) in seiner Pflanzenphysiologie tabellarisch zu- sammengestellt hat : III. Stoflfwecbsel und formative Thtigkeit. 111 Fucus Fucus Fucus Laminaria vesiculosus nodosus serratus digitata Reinasche ^ o 13,89 14,51 13,89 18,64 K2 15,23 10,07 4,51 22,40 Na2 24,54 26,59 31,37 24,09 CaO 9,78 12,80 16,36 11,86 MgO 7,16 10,93 11,66 7.44 Fe2 O3 0,33 0.29 0.34 0,62 P2O5 1,36 1,52 4,40 2,56 SO3 28,16 26,69 21,06 13,26 Si02 1,35 1.20 0,43 1,56 Cl 15,24 12,24 11,39 17,23 J 0,31 0,46 1,13 3,08 Ueberliaupt lein en ]\Ieerespflanzen am besten, in wie ungleichem Maasse sie aus dem Gemenge von Salzen, das ihnen das Meerwasser bietet, das ihnen zum Lel)en Kothwendige entnehmen. Denn vom Koch- salz, das etwa zu 3 "/o gelst ist, speichern die Zellen nur wenig in sich auf, dagegen relativ viel grssere Mengen von Kalium-, Magnesium- und Calciumsalzen, die im Meerwasser nur in Spuren vorhanden sind. Und ebenso gestalten sich sehr verschieden die Aschenanalysen der auf dem- selben Boden nebeneinander gedeihenden Landpflanzen. Zu demselben Ergebniss fhrt die Stoffwechseluntersuchung des thierischen Krpers. Nur bestimmte Zellen haben die Neigung, sich der Kalksalze zu bemchtigen, die in kaum nachweisbaren Mengen in der Sftemasse des Krpers enthalten sind, und sie im Knochengewebe auf- zuspeichern, bestimmte Zellgruppen des Nierengewebes bemchtigen sich der im Blutstrom circulirenden, zur Harnbildung dienenden Stoffe, andere Zellen des Krpers vdeder stapeln Fette in sich auf u. s. w. Die Factoren, die bei der Aufnahme und Nichtauf- nahme von Stoffen mitsprechen, entziehen sich zur Zeit fast ganz unserer Beurtheilung. Doch ist jedenfalls der Nutzen, den ein Stoff fr den Haushalt der Zelle bietet, durchaus nicht immer das Ent- scheidende. Zellen bemchtigen sich auch direct schdlicher oder voll- kommen nutzloser Stoffe. In dieser Beziehung ist die sehr verschieden- artige Aufnahme der Anilinfarben in leidende Pflanzenzellen sehr lehr- reich. (Pfeffer V. 22b.) Whrend Lsungen von Metliylenblau, ]\Iethylviolett, Cyanin, Bis- markbraun, Fuchsin, Safranin aufgenommen werden, ist dies nicht der Fall mit Lsungen von Nigrosin, Anilinblau, Methylblau, Eosin, Congo- roth etc. Ueber Aufnahme oder Nichtaufnahme kann, nach der Angabe von Pfeffer, welcher eingehende Studien hierber angestellt hat, nur die empirische Erfahrung entscheiden. Wie mit der Aufnahme, verhlt es sich auch mit der Abgabe von Stoffen. Diese wird gleichfalls von den besonderen Eigenschaften des lebenden Zellkrpers bestimmt. Die roth- oder blaugefrbten Zellen der Blumenliltter einer phanerogamen Blthe lassen die in ihnen ein- geschlossene, concentrirte Farbstofflsung, solange sie lebensfrisch sind, nicht in das umgebende Wasser diffundiren. Sowie indessen die Zelle abgetdtet wird, beginnt der Farbstoff durcli die Zellwand durchzutreten. Um alle diese complicirten Verhltnisse wirklich zu verstehen, wrde eine erschpfende Kenntniss der Chemie und Physik der Zellen erforderlich sein. Denn was ich oben als ihr Wahlvermgen bezeichnet 112 Fnftes Capitel. habe, wird sich in letzter Instanz zurckfhren lassen auf die chemischen Affinitten der zahlreichen Stoffe, die in den Zellkrpern vorkommen und whrend der Stoffwechselprocesse vorbergehend ueliildet werden. Es wird sich hier ebenso verhalten wie mit der Aufnahme von Sauerstoff und Koldensure, die auch nur erfolgen kann, wenn durch den Stoff- wechselprocess chemische Affinitten zu denselben frei werden. Daher denn im Dunkeln von der Pflanze keine Kohlensure aufgenonnnen wird, die Aufnahme aber sofort erfolgt, wenn durch die Einwirkung der Sonnenstrahlen der zu ihrer Bindung erforderliche, chemische Process angeregt wird. Auch die Aufnahme von Anilinfarben in die lebende Zelle lehrt Aehnliches. Aus sehr dnnen Lsungen von Methylenblau saugen Azolla, Spirogyra, Wurzelhaare von Lenma etc. allmhlich so viel Farbstoff in sich auf, dass sie ein tiefblaues Colorit gewinnen, wie es etwa einer einprocentigen Lsung entspricht. Das Methylenblau frbt dabei das Protoplasma selbst nicht, sondern dringt nur durch dasselbe hindurch, um sich im Zellsaft in immer concentrirter werdender Lsung anzu- sammeln. In Folge dessen stirbt die Zelle sellist auch nicht ab, w^as der Fall sein wrde, wenn das giftig wirkende Methylenblau sich in dem Protoplasma in solcher Concentration anhufen wrde. Die Auf- s p e i c h e r u n g i m Z e 1 1 s a f t a V) e r wird d a d u r c h h e r v o r gerufen, dass in ihm sich Stoffe vorfinden, welche eine schwer d i s m i r e n d e Verbindung mit der Anilinfarbe herstellen. Als einen solchen Stoff bezeichnet Pfeifer die in Pflanzenzellen hufig vorkommende Gerbsure. Dieselbe geht mit den Anilinfarben Verbin- dungen ein, die bald unlslich sind und daher im Zellsaft als Concremente ausgeschieden werden (Methylenblau, Methylvilett) , bald mehr oder weniger lslich sind (Fuchsin, Methylofange, Tropolin). Auch Thiere bieten uns schne Beispiele von Speicherung der Farb- stoffe in lebenden Zellen dar. Befruchtete Seeigeleier erhalten in ganz mattgefrbten Lsungen von Methylenblau in kurzer Zeit ein mehr oder minder intensiv blaues Colorit. (Hertwig, IV. 12b.) Bei geringeren Graden der Speicherung schreitet der Furchungsprocess, wenn auch ver- langsamt, doch in normaler Weise weiter und kann bis zur Bildung der Gastrula fhren. Hier ist denn der Farbstoif besonders in den Entoderm- zellen angehuft, was den Schluss erlaulit, dass durch Dottermaterialien die Speicheruug herbeigefhrt wird. Lebende Frosch- und Tritonlarven werden nach 5 8 Tagen in einer dnnen Lsung von Methylenblau sehr stark geblut. In diesem Falle ist der Farbstoif an die Granula der Zellen gebunden. (Oscar Schnitze, V. 44.) Nach tagelangem Auf- enthalt in reinem AY asser tritt allmhlich wieder Entfrbung ein. Wenn Indigcarmin einem Sugethier direct ins Blut eingespritzt wird, so wird es bald sowohl von den Leberzellen, als von den Epithelien der gewun- denen Harnkanlchen aufgenommen und dann weiter dort in die Gallen- capillaren, hier in die Harnkanlchen abgeschieden. (Heidenhain, V. 42). ^lethylenblau ins Blut gespritzt geht mit der Substanz der Nerven- fibrillen eine Bindung ein und verleiht ihnen ein dunkelblaues Colorit. (Ehrlich, V. 41.) Krappfarbstoff wird in der Grundsubstanz des Knochen- gewebes gespeichert. Abgesehen von den chemischen Affinitten, welche zwischen den im Zellkrper und den ausserhalb desselben befindlichen Stofftheilchen bestehen, sind die physikalischen Vorgnge der Osmose fr das Ver- stndniss der Stoffaufnahme und -Abgabe von der grssten Bedeutung. III. Stofifwechsel und formative Thtigkeit. 113 Hier ist die grssere oder geringere Durchlssigkeit der Zellhaut zu beachten, in den Fllen, wo eine solche vorhanden ist. Dieselbe ist in der Regel fr alle gelsten Substanzen viel durchlssiger als der Proto- plasniakrper selbst. Letzterer schliesst sich nach Aussen (vergleiche Seite 13) durch eine Haut schiebt ab, welche Pfeffer bei der Osmose die Hauptrolle spielen lsst. Soll nun ein gelster Krper in das Proto- plasma aufgenommen werden, so muss er zunchst in die Hautschicht imbibirt werden, das heisst, seine Molekle mssen sich zwischen die Plasmatheilchen derselben einlagern und von hier dann weiter in das Innere abgegeben werden. Ein gelster Krper kann aber auch dann, wenn er selbst nicht imbibirt wird, noch eine osmotische Wirkung in der Weise hervorrufen, dass er auf das in der Zelle enthaltene Wasser eine Anziehung ausbt und so einen nach aussen gerichteten Wasserstrom hervorruft. Das Wesen der Osmose beruht also darin, dass gleichzeitig zwei Krper nach entgegengesetzter Richtung eine Membran durch- wandern, und von einem endosmotischen Aequivalent (ein Ausdruck fr die Relation dieses Austausches, auf welchen vielfach zu viel Gewicht gelegt wurde) kann in jenem Fall nicht die Rede sein, in welchem nur Wasser durch eine Membran diosmirt" (Pfeffer V. 23). Bei der Zartheit und Kleinheit der thierischen Zellen stossen osmotische Untersuchungen auf grosse Schwierigkeiten. Der Gegenstand ist daher mehr von Seiten der Botaniker bei den weit geeigneteren, pflanz- lichen Zellen untersucht und besonders durch folgende Experimente gefrdert worden : Wenn man Pflanzenzellen, die einen grossen Saftraum enthalten, in eine, 5 20procentige Lsung von einem geeigneten Salz oder von Zucker oder Glycose bringt (Fig. 59), so verkleinern sich dieselben etwas, indem Fig. 59. Nr. 1. Junge, erst halbwegs erwachsene Zelle ans dem Rindenparenchym des Blthenstiels von Cephalaria leucantha. Nr. 2. Dieselbe Zelle in vierprocentiger Salpeterlsung. Nr. 3. Dieselbe Zelle in sechsprocentiger Lsung. Nr. 4. Dieselbe Zelle in zehnprocentiger Lsung. Nr. 1 u. 4 nach der Natur, Nr. 2 u. 3 schematisch. Alle im optischen Lngsschnitt, h Zellhaut, p Protoplasmatischer Wandbeleg, k Zell- kern, c Chlorophyllkrner. * Zellsaft, e Eingedrungene Salzlsung. Nach de Vries (V. 36). Wasser von Innen nach Aussen abgegeben wird ; darauf hebt sich, wenn die Wasserentziehung weiter fortgeht, der Protoplasmaschlauch von der Cellulosehaut ab, die selbst vermge ihrer grsseren Festigkeit nicht weiter zusammenschrumpfen kann (de Vries V. 36). Hertwig, Die Zelle und die Gewebe. 114 Fnftes Capitel. T)i(3 Salz- oder Zuckcrlsung ist also jetzt durch die Cellulosehaut hiiidurcligetreten und fhrt fort, dem rrotoplasniaschlauch weiter Wasser zu entziehen. Derselbe schrumpft daher je nacli der Concentration der Zusatzflssigkeit auf einen immer kleineren Raum zusammen. Der in ihm eingeschlossene Saft wird dem entsprechend concentrirter. Trotz dieser unter dem Namen der Plasmolyse zusammengefassten Ver- nderungen kann der Protoplasmakorper wochenlang am Leben bleiben und das Strmungsphnomen zeigen; er kann sich selbst mit einer neuen Zellhaut umgeben, verharrt aber in dem collabirten Zustand. Aus dem Verlauf der Plasmolyse kann man zwei Schlsse ziehen : einmal, dass die Cellulosehaut fr die angewandten Salzlsungen durch- lssig ist, zweitens, dass nennenswerthe Mengen des gelsten Salzes durch die Plasmamembran nicht diosmiren, denn ein solches Eindringen in den Protoplasmakrper oder in den Zellsaft wrde eine Vermehrung osmotisch wirkender Stoffe im Innern der Plasmamembran und damit eine Volumzunahme des Pi'otoplasmakrpers zur Folge haben" (Pfeffer). Wenn die durch Plasmolyse schlaff gevvordenen Zellen wieder vor- sichtig in reines Wasser bertragen werden, so tritt jetzt der umgekehrte Process ein. Die in der Cellulosemembran eingeschlossene Zuckerlsung diffundirt in das Wasser. In Folge dessen dehnt sich der Protoplasma- schlauch aus, weil jetzt der in ihm enthaltene Zellsaft an osmotisch wirk- samen Stoffen reicher als seine Umgebung ist und so eine entgegenge- setzte Wasserstrmung verursacht. Die Ausdehnung schreitet allmhlich durch Wasseraufnahme so weit fort, bis sich der Protoplasmaschlauch wieder an die Cellulosemembran fest angelegt hat, und bis sich schliesslich auch die ganze Zelle wieder zur ursprnglichen Grsse gestreckt hat. Andere Experimente haben gelehrt, dass der im Innern der Pflanzen- zelle eingeschlossene Saft unter einem nicht unerheblichen, oft mehrere Atmosphren beti-agenden Druck steht. Derselbe bewirkt den natrlichen Turgor oder die Turgescenz von Pflanzentheilen. Er wird dadurch her- vorgerufen, dass im Zellsaft osmotisch sehr wirksame Substanzen ent- halten sind, wie Salpeter, Pflanzensuren und ihre Kalisalze, welche auf Wasser eine krftige Anziehung ausben (Pfeffer V. 23, de Vries V. 36). Somit lsst sich der den Zellsaft umschliessende Protoplasmaschlauch einer dnnwandigen, sehr dehnbaren Blase vergleichen, die mit einer concentrirten Salzlsung gefllt ist. Wird eine solche Blase in reines Wasser gelegt, so muss die Salzlsung Wasser anziehen und so einen Strom hervorrufen, der zur Folge hat, dass die Blase unter dem steigen- den Druck ihres sich durch Anziehung vergrssernden Inhalts anschwillt und ihre Wand immer mehr verdnnt wird. Die Dehnung der Blase findet erst ihr Ende, wenn ussere und innere Flssigkeit sich in osmotischem Gleichgewicht befinden. So msste auch der Protoplasma- schlauch vieler Pflanzenzellen durch den von innen wirkenden Druck (Turgor) mchtig ausgedehnt werden, wenn dieser Dehnung durch die weniger nachgiebige' Cellulosemembran keine Schranke gesetzt wrde. Es knnte nun freilich ein Gleichgewichtszustand zwischen Zellsaft und umgebender Flssigkeit hergestellt werden, wenn aus der Zelle die osmotisch wirksamen Stoffe in das Wasser diffundiren wrden, wodurch die Ursache fr den inneren Druck entfernt worden wre. Dies wird aber ebenfalls durch die Eigenschaften der lebenden Plasmamembran verhindert. Wie dieselbe darber entscheidet, ob ein Krper in das Innere der Zelle gelangt, so besitzt sie auf der andern Seite auch, wie schon oben erwhnt und an einem Beispiel gezeigt wurde, die wichtige III. Stoffwechsel und formative Thti^keit. 115 Eigenschaft, im Zellsaft gelste Stoffe zurckzuhalten, welche ohne diese Eigenschaft vom umsplenden Wasser ausgewaschen werden mssteu (Pfeffer V. 23). Dass der Zellsaft in der That unter einem hheren Druck steht, bei Wasserpflanzen zum Beispiel unter einem hheren Druck als das um- gebende Wasser, davon kann man sich durch einfache Experimente leicht berzeugen, wie Ngeli (V. 16) angegeben hat. Wenn in einer Spirogyra eine Zelle durch einen Schnitt geffnet wird, so dass ihr Inhalt zum Theil ausfliesst, so werden die Querwnde der beiden angrenzenden Zellen nach dem Hohlraum des verletzten Gliedes vorgewlbt. Der Druck in den unverletzten Zellen muss daher jetzt grsser sein, als in der an- geschnittenen Zelle, in welcher der Druck in Folge der Verletzung auf die Spannung des umgebenden Wassers herabgesunken ist. 3) Die Aufnahme fester Krper. Zellen, die von keiner besonderen Membran umschlossen sind oder in ihrer Membran Oeffnungen besitzen, sind auch im Stande, feste Krper in ihr Protoplasma aufzunehmen und zu verdauen. Rhizopoden fangen andere kleine, einzellige Organismen ein, die mit ihren im Wasser weit ausgestreckten Pseudopodien in Berhrung kommen (Fig. 10, 60). Die Ka cv ev M Fig. 60. Actinosphrium Eichhorni. Nach K. Hertwig, Zoologie Fig. 117. M Marksubstanz mit Kernen {n). R Rindensubstanz mit contractilen Vacuolen {ev), Na Nahrungskrper. Pseudopodien, die den Fremdkrper erfasst haben, legen sich um den- selben zusammen, verkrzen sich und ziehen ihn so allmhlich in die Hauptmasse des Protoplasma hinein, wo die brauchbaren Substanzen verdaut werden, whrend unverdauliche Reste, wie Skeletbildungen etc. 8* i. IIQ Fnftes Capitel. nach einiger Zeit wieder nach Aussen hervorgestossen werden. Auch feste Substanzen, die keinen Nhrwerth besitzen, werden aufgenommen. Wenn man Karmin- oder Zinnoberkornchen in das Wasser bringt, so bemchtigen sich die Rhizopoden derselben so gierig, dass nach wenigen Stunden der ganze Krper von ilmen dicht erfllt ist. Infusorien (Fig. 50) fressen Flagellaten, einzellige Algen und Bak- terien und bringen dieselben durch eine als Zellmund bezeichnete Oeft'nung in ihrer Cuticula in das Krnerplasma hinein. Hier bildet sich um jeden Fremdkrper eine mit Flssigkeit gefllte Vacuole aus, in welcher die Verdauung vor sich geht. In hnlicher Weise wie einzellige Organismen, fressen auch manche Gewebszellen der Metazoen feste, ihnen dargebotene Substanzen auf und verdauen sie. Die intracellulare Verdauung, wie sie Metschnikoff (V. 12) genannt hat, ist bei wirbellosen Thieren weit verbreitet und lsst sich am besten durch Ftterungsversuche mit leicht kenntlichen Substanzen, Farbstoffknichen, Milchkgelchen, Pilzsporen etc. feststellen. Bei einigen Clenteraten nehmen sowohl Ectoderm- als Entodermzellen fremde Krper auf. Die Tentakelenden von Actinien knnen sich mit Carminkrnchen beladen. Solche findet man auch bei Actinienlarven nach vorgenommener Ftterung im ganzen Entoderm vertheilt. Die meiste Beachtung aber wegen ihrer Fhigkeit, feste Krper aufzunehmen und zu verdauen, verdienen die weissen Blutkrperchen, die Lymphzellen und die Wanderzellen des Mesoderms sowohl bei Wirbellosen als bei Wirbelthieren. Die wichtige Thatsache ist zuerst durch Haeckel (V. 4a) festgestellt worden. Als er eine Molluske (Tethys) mit Indigo injicirte, fand er nach kurzer Zeit Indigokrnchen im Innern von Blutkrperchen auf. Metschnikoff (V. 12) hat diese Erscheinungen sehr eingehend weiter untersucht. Bei einer andern Molluskenart, der durchsichtigen Phyllirhoe, fand er, nachdem pulverisirtes Carmin unter die Haut gespritzt worden war, die kleinen Krnchen von einzelnen W'anderzellen gefressen; um grssere Karminklumpen aber hatten sich immer viele W^anderzellen eingefunden, hllten dieselben ringsum ein und waren unter einander zu einem Plasmodium oder einer vielkernigen Piiesen- zelle verschmolzen. Von derselben Erscheinung kann man sich auch bei Wirbelthieren leicht berzeugen, wenn man einem Frosch in den dorsalen Lymphsack etwas Carmin einspritzt und nach einiger Zeit einen Lymphtropfen ent- nimmt und mikroskopisch untersucht. Unter dem Mikroskop lsst sich der Vorgang des Fressens direct verfolgen. \lan muss dann etwas Car- minpulver oder etwas Milch einem frisch entleerten Tropfen von Lymphe oder Blut unter Beobachtung einiger Vorsichtsmaassregeln zusetzen. Handelt es sich um ein Prparat von einem Sugethier oder vom ^Menschen, so muss man dasselbe auf dem heizbaren Objecttisch von ^lax Schnitze vorsichtig bis auf 30 35 Grad Celsius erwrmen (V. 43). Indem jetzt die weissen Blutzellen amboide Bewegungen auszufhren beginnen, ergreifen sie mit ihren Scheinfsschen die Farbstoffkrnchen oder i\Iilchkgelchen, mit denen sie in Berhrung kommen, und ziehen dieselben in ihren Krper hinein. Sie sind daher von Metschnikoff als Phagocyten, und der ganze Vorgang ist von ihm als Phagocytose bezeichnet worden. Die Fhigkeit der amboiden Elemente des thierischen III. Stoffwechsel und formative Thtigkeit. 117 Krpers, feste Substanzen aufzunehmen, ist von einer sehr hohen physiologischen Bedeutung; denn hierin be- sitzt der Organismus ein Mittel, um aus seinen Geweben ihm fremdartige und schdliche, geformte Theile zu ent- fernen. Es giebt besonders drei verschiedene, theils normale, theils pathologische Zustnde des Krpers, in welchen die Phagocyten ihre Thtigkeit entfalten. Erstens kommt es im Laufe der Entwicklung bei vielen Wirbellosen und auch bei Wirbelthieren vor, dass einzelne Larvenorgane ihre Bedeu- tung verlieren und unter Verfettung zu Grunde gehen. So schwinden einzelne Theile bei der Metamorphose der Echinodermen- larven und der Nemertioen; so wandelt sich die Kaulquappe in den jungen Frosch um, indem sie ihren ansehnlich entwickelten Ruderschwanz verliert. In allen diesen Fllen erleiden die Zellen in den zur Rck- bildung bestimmten Organen eine fettige Metamorphose, sterben ab und zerfallen. Whrenddem haben sich in der Nachbarschaft schon reichlich Wanderzellen oder Phagocyten eingefunden, welche die Gewel)strmmer zu verschlingen und zu verdauen anfangen, wie man bei durchsichtigen kann. Meerthiereu whrend des Lebens genau verfolgen Zweitens besorgen die Phagocyten, hnlich wie in den normalen Vorgngen der Entwick- lung, auch die Resorption abgestorbener und in Zerfall befindlicher Theile, berall wo solche aus normalen oder pathologischen Ursachen im Krper entstehen. Rothe Blutkrperchen zer- fallen, wenn sie eine Zeitlang im Blutstrom ge- kreist haben. Im Milzblut hat man ihre Trm- mer im Krper von weissen Blutkrperchen aufgefunden, die auch hier ihre Aufgabe, das Abgestorbene zu entfernen, erfllen. Wenn in Fofge einer Verletzung sich ein Bluterguss in das Gewebe bildet, und Tausende von Blut- krperchen und Elementartheilen zu Grunde gehen, dann machen sich auch wieder die Wan- derzellen an die Arbeit und vermitteln die Resorption und Heilung. Drittens endlich bilden die Pha- gocyten bei In fectionsk rankheiten eine Schutztruppe des Krpers, um der Verbreitung von Mikroorganis- men im Blut und in den Geweben entgegenzuwirken. Es ist ein grosses Verdienst von Metschni- koff, auf diesen Gegenstand die Aufmerksamkeit gelenkt zu haben (V. 1315, IV. 22). Es gelang ihm, zu zeigen, dass bei Erysipel die Coccen, bei Rckfalltyphus die Spirillen, Milzbrand die Bacillen von Wanderzellen fressen und dadurch unschdlich gemacht werden (Fig. 61). Die gefressenen Mikro- organismen, "deren Zahl in einer Zelle oft 1020 betragen kann, zeigen nach einiger Zeit deutlich erkennbare Spuren der Auflsung. Be- finden sich die Mikroorganismen im Blut, so findet ihre Vernichtung bei ge- Fig. 61. Ein Leuko- cyt des Frosches, in dem ein Bakterium einge- schlossen ist und vei'- daut wird. Das Bak- terium durch Vesuvin gefrbt. Die beiden Fi- gui'en reprsentireu zwei Stadien der Bewegung ein und derselben Zelle. Nach Metschnikoff Fie:. 54. 118 Fnftes Capitel. vorzugsweise in der Milz, der Leber und in dem rothen Knochenmark statt. Ist ihre Ansiedelung an einer Stelle im Gewebe erfolgt, so sucht sich der Krper der Eindringlinge dadurch zu entledigen, dass in Folge der reactiven Entzndung zahlreiche Wanderzellen auf dem Platz erscheinen. Zwischen Mikroorganismen und Phagocyten wird, wie sich Metschnikoff ausdrckt, ein lebhafter Kampf gefhrt, welcher zu Gunsten der einen oder anderen Partei ent- schieden wird, und je nachdem die Heilung oder den Tod des von der Infection betroffenen Thieres herbeifhrt. Die Fhigkeit der Wanderzellen, bestimmte Arten von Mikro- organismen zu vernichten, scheint bei einzelnen Thieren eine sehr ver- schiedene zu sein und auch sonst noch von den verschiedensten Bedin- gungen al)zuhngen; so spielen namentlich die chemischen Reizwirkungen eine Piolle, welche schon auf Seite 99 besprochen worden sind. (Negativer und positiver Chemotropismus. Hertwig IV. 13). Hiermit scheint ferner die grssere oder geringere Immunitt der Organismen gegen manche Infectionskrankheiten in Beziehung zu stehen. Hier ist ein Gebiet gegeben, auf welchem sich eine weite Perspective fr das Verstndniss und die Heilung der Infectionskrankheiten erffnet. II. Die Stoff Umsetzung und die foruiatlTe Tlitiglteit der Zelle. Die Gase, die flssigen und die festen Substanzen, die in das Protoplasma durch Athmung und Ernhrung aufgenommen werden, bilden das sehr verschiedenartige Rohmaterial, das in der chemischen Werkstatt der Zelle verarbeitet und in ausserordentlich zahlreiche Stoffe umgesetzt wird. Von diesen sind fr Pflanze und Thier die wichtigsten: die Kohlenhydrate, Fette, Albuminate und die verschiedenartigsten Umbildungs- producte derselben. Ihre Verwendung im Lebensprocess der Zelle ist gleichfalls eine sehr mannigfaltige. Theils dienen sie zum Ersatz der beim Lebensprocess sich zerstrenden Zellstoffe; sie sind das Material, welches beim Athmungs- process durch den Sauerstoff verbrennt und die lebendigen Krfte fr die Arbeitsleistungen der Zelle liefert. Theils dienen sie zuni Wachsthum und zur Vermehrung des Protoplasma, was fr die Function der Fort- pflanzung unentbehrlich ist. Theils werden die im chemischen Laboratorium neugebildeten Stoffe in irgend einer Form im Zellkrper fr sptere Verwendung abgelagert, sie stellen also Reservestoffe dar. Endlich knnen sie in- oder ausserhalb der Zelle zur Erfllung einer bestimmten Function im Zellenleben ausgeschieden werden. So entstehen die namentlich im Thierreich sehr zahlreichen Stoffe, auf denen die gew^bliche Differenzirung beruht : Drsensecrete, die nach aussen entleert werden, Membranen und Intercellularsubstanzen von chemisch sehr verschiedener Zusammensetzung, Muskel- und Nerven- tibrillen, die vermge ihrer eigenartigen Organisation in besonderer Weise mit Contractilitt und Reizleitung begabt sind. In letzterem Falle nimmt die chemische Arbeit der Zelle einen Charakter an, welchen Max Schnitze als ihre formative Thtigkeit bezeichnet hat. Das Protoplasma benutzt das ihm zugefhrte Rohmaterial, um aus i h m f t wunderbar z u s a m m e n g e s e t z t e S t r u et u r e n her- zustellen, die ihm zu besonderen Arbeitszwecken dienen ni. Stoffwechsel und formative Thtigkeit. 119 sollen. lu dieser Thtigkeit erscheint uns die Zelle gewisse rmaassen als ein thtig er Baumeister, oder wie sich Haeckel (V. 4b) ausdrckt, als eine Plastide, als eine Bildnerin. Die formative Thtigkeit der Zelle, oder besser gesagt, die Fhig- keit vom Protoplasmakrper diflferente Structuren zu erzeugen, ist von ausserordentlicher Bedeutung. Denn nur vermge derselben kommt die reiche Vielgestaltigkeit der Elementartheile zu Stande, durch welche namentlich der Thierkrper seine hoh Vollendung erreicht; nur auf dieser Grundlage ist die ausserordentlich weit gediehene Arbeitstheilung der Zellen und die dadurch bedingte grssere Leistungsfhigkeit der Zellengemeinschaften herbeigefhrt worden. Das Capitel von der Stoffumsetzung der Zelle bietet also der Untersuchung zwei verschiedene Seiten dar, erstens eine chemische Seite, insofern es sich um die Entstehung der zahllosen, durch Vermittlung des Protoplasmas gebildeten Sul)stanzen handelt, und zweitens eine mehr morphologische Seite, insofern im Protoplasma die von ihm differenten Substanzen dem Auge sichtbar zu machen sind, eine besondere Lage einnehmen, eine bestimmte Form und Structur besitzen und besonderen Entwicklungsgesetzen unterworfen sind. Es ist eine Hauptaufgabe der biologischen Chemie der Zukunft, die einzelnen im Zellkrper vertheilten Stoffe der morphologischen Untersuchung durch Herstellung charakteristischer Farbstoffverbindungen zugnglich zu mache n. 1) Zur Chemie des Stoffumsatzes. Die chemischen Vorgnge in den Zellen, die zum grssten Theil noch in ein tiefes Dunkel gehllt sind, knnen uns hier nur insoweit beschftigen, als es sich um einige fundamentale Fragen handelt. Eine solche ist die Frage nach der Synthese der Kohlenhydrate, der Fette und Eiweisssubstanzen aus einfacheren Elementarstoffen. Es besteht ein anscheinend tiefgreifender Gegensatz zwischen der chemischen Arbeit im Pflanzenreich und im Thierreich. Nur das mit Chlorophyll versehene Protoplasma der Pflanzenzellen besitzt die Fhig- keit, aus Kohlensure und Wasser hochmoleculare, ternre Verbindungen herzustellen-, das nicht chlorophyllhaltige Protoplasma der Thiere und einzelner farbloser Pflanzentheile kann nur mit diesem Ausgangsmaterial weitere Synthesen vornehmen und unter diesen auch quaternre Ver- bindungen liefern. Welche chemischen Vorgnge sich im grnen Protoplasma unter Benutzung der lebendigen Kraft der Sonne unter Aufnahme von Kohlen- sure und Wasser und unter Abspaltung von Sauerstoff abspielen, ist noch nicht zu beantworten. Das erste sichtbare Product der Assimilation ist die Strke, eine Vorstufe derselben vielleicht Zucker. Dass dieser oder iene durch eine directe Synthese von Kohlenstoff und Wasser ent- steht, "ist kaum anzunehmen ; wahrscheinlich bilden sich beim complicirten Process mannigfache Zwischenproducte. Es ist sogar nicht unmglich," wie Sachs (IV. 32a) bemerkt, dass gewisse nhere Bestandtheile des grnen Plasmas selbst sich an dem Vorgang betheiligen, dass z. B. dabei Spaltungen und Substitutionen in den Moleklen des grnen Protoplasmas stattfinden. Diese Mglichkeit erhlt einige Wahrscheinlichkeit durch die Wahrnehnmng, dass in vielen (nicht allen) Fllen die Chlorophyll- 120 Fnftes Capitel. Substanz, whrend die Strkekrner in derselben wachsen, nach und nacli immer mehr an Masse abnimmt, endlich ganz verschwindet." Die vermge der Chlorophyllfunction im Pflanzenkrper gewonnenen Kohlenhydrate (Strke) bilden das Material, durch dessen Umsetzung im Protoplasma die fetten Oele der Pflanzen entstehen. Die ternren stick- stofl'frcien , organischen Verbindungen geben ferner wieder die Grund- lage fr die Synthese von quaternren Eiweisssulistanzen ab und tragen so zur Ergnzung unrl Vermehrung des Protoplasma selbst bei. Doch mssen bei diesen Synthesei*. noch salpetersaure und schwefelsaure Salze hinzukommen, welche von den Pflanzen mit ihren Wurzeln aus dem Boden aufgenommen werden. Dass aus solchen Mitteln Proteinsubstanzen durch die lebende Zelle gebildet werden knnen, hat Pasteur experimentell sichergestellt , indem er niedere Spaltpilze wie Mycoderma aceti, Hefe etc. in knstlich zu- sammengestellten Nhrlsungen cultivirte. So kann Mycoderma aceti sich auch im Dunkeln lebhaft vermehren, wenn nur wenige Zellen in eine Nhrlsung gebracht werden, zusammengesetzt aus entsprechend verdnntem Alkohol oder Essigsure, einem Ammoniaksalz, Phosphor- sure, Pottasche, Magnesia, Wasser. Durch chemische Zersetzung dieser Stoffe mssen die Pilzzellen, wenn sie sich auf ein Vielfaches vermehrt haben, ausser Cellulose und Fetten, auch Proteinstoife gebildet haben. Indem vermge ihrer Chlorophyllfunktion die Pflanze Kohlenhydrate erzeugt und diese wieder in Fette und Eiweisssubstanzen umsetzt, liefert sie die ternren und quaternren Verbindungen, welche der thierische Organismus zu seiner Ernhrung bedarf und die er selbst sich nicht mit den einfachen Mitteln, wie die Pflanzen, zu bereiten vermag. Zwischen Pfanzen- und Thierrei ch besteht in Folge dessen ein Kreislauf des Lebens, in welchem beide eine gegenstzliche Stellung zu einander einnehmen und sich ergnzen. Der Gegensatz lsst sich in folgender Weise formuliren: In der grnen Pflanzenzelle wird aus Kohlensure und Wasser durch Synthese organische Substanz erzeugt und die lebendige Kraft, die ihr im Sonnenlicht zugefhrt wird, in Spannkraft umgewandelt; die thierische Zelle dagegen benutzt als Nahrungsmaterial die im Pflanzen- reich erzeugten ternren und quaternren Verbindung en und verbrennt sie zum grossen Theil durch Oxydation; sie wandelt die in den h ochmolecularen Verbindungen angesammelten Spannkrfte wieder in lebendige Kraft um, indem sie Arbeit verrichtet und Wrme erzeugt. Die Pflanze nimmt whrend ihrer Chlorophyllfunction Kohlensure auf und spaltet aus ihr Sauerstoff ab; das Thier athmet Sauerstoff" ein und Kohlen- sure wieder aus. Bei der Pflanze herrschen in den chemischen Pro- cessen die Reduction und Synthese, beim Thier die Oxydation, Ver- brennung und Analyse vor. Aus dem Gegensatz, welcher im Haushalt der Natur zwischen Pflanzenreich und Thierreich besteht, darf man nun aber nicht auf einen vollkommenen Gegensatz in den allgemeinen Lebenserscheinungen zwischen pflanzlicher und thierischer Zelle schliessen. Ein solcher existirt nicht. Tiefere Forschung deckt berall die Einheit in den fundamentalen Lebensprocessen der ganzen Organismenwelt auf. Der oben betonte Gegensatz rhrt ja einfach nur daher , dass die Pflanzenzelle eine besondere, der thierischen Zelle fehlende Function, die Kohlensure mit III. Stoffwechsel und formative Tlitigkeit. 121 Hlfe ihres Chlorophylls zu zersetzen, ausgebildet hat. Von dieser Chlorophyllfunetion abgesehen, spielen sich viele fr das Leben fundamentalen Stoff wechsel-Processe hier wie dort in bereinstimmender Weise im Protoplasma ab. Bei Pflanzen wie Thieren muss das Protoplasma, um den Lebens- process zu unterhalten, athmen, Sauerstoff aufnehmen, Wrme erzeugen, Kohlensure aligeben. Hier wie dort geht Zerstrung und Neubildung von Protoplasma neben einander her, greifen Processe chemischer Analyse und Synthese in complicirter Weise ineinander. Noch klarer wird das Verhltniss, wenn man bercksichtigt, dass in der Pflanze ein grosser Theil der Zellen, nmlich alle, welche d es Chlorophylls entbehren, sich in einer hnlichen Lage wie die thierischen Zellen befinden; auch diese mssen, da sie nicht assimiliren knnen, das Material zur Erhaltung des Lebens- processes und zum Wachsthum und zur Vermehrung ihrer Substanz von den grnen Zellen beziehen. Derselbe Gegensatz , der im Haushalt der Natur zwischen Thier und Pflanze besteht, herrscht also in der Pflanze selbst zwischen den farblosen und den chlorophyllhaltisen Zellen. In treffender Weise hat Claude Bernard (IV. la) das Verhltniss in folgenden Worten kurz zusammengefasst : Wenn in der Sprechweise der Mechaniker die Lebensphnomene, Neubildung und Zerstrung organischer Substanz, dem Heben und dem Fallen eines Gewichts verglichen werden knnen, dann werden wir sagen, dass Hebung und Fall sich in jeder lebenden Zelle vollziehen, sowohl in der thierischen als der pflanzlichen, aber mit dem Unterschied, dass das thierische Element sein Gewicht schon auf ein gewisses Niveau gehoben vorfindet und es daher weniger zu heben braucht, als es darauf wieder herabfllt. Das Umgekehrte findet bei der grnen Pflanzenzelle statt. Mit einem Wort, des deux versants, celui de la descente est preponderant chez Tanimal; celui de la montee chez le v^getal" (Claude Bernard IV. la, Bd. n Seite 514). Nachdem so die Bedeutung der Chlorophyllfunetion in das rechte Licht gesetzt ist, sei noch auf wichtige Uebereinstimmungen hingewiesen, welche in dem Chemismus des Stoffwechsels zwischen thierischer und pflanzlicher Zelle liestehen. Hier sei zunchst noch hervorgehoben, dass eine sehr grosse Anzahl von Stoffen der progressiven und regressiven Metamorphose dem Thier- und Pflanzenreich gemeinsam sind. Aehnlich scheinen ferner die Mittel zu sein, mit denen sich einige sehr wichtige Processe in der thierischen und pflanzlichen Zelle voll- ziehen. Kohlenhydrate, Fette und Eiweissstoffe sind nicht in jedem Zustand geeignet, um im Laboratorium der Zelle direct verbraucht und in andere chemische Verbindungen bergefhrt zu werden. Eine Vor- bedingung ist, dass sie in eine lsliche und leicht diftundirende Modi- flcation umgewandelt werden. Dies geschieht zum Beispiel, wenn Strke und Glycogen sich in Traubenzucker, Dextrose und Lvulose umsetzen, oder wenn Fette in Glycerin und Fettsuren zerspalten, oder wenn Eiweiss- stoffe peptonisirt werden. Sachs (IV. 32a) bezeichnet die oben genannten Modifica- tionen der Kohlenhydrate, Fette und Eiweissstoffe als i b r e n a c t i V e n Z u s t a n d i m G e g e n s a t z z u m p a SS i V e n Z u s t a n d , in welchem sie sich als feste Reservestoffe (Strke, Oele, 122 Fnftes Capitel. Fette, Eiweisskrystalle, in den Zellen angesammelt finden oder vom Thier als Nahm nu aufgenommen werden. Nur im activen Zustand knnen die plastischen Stoffe die verschiedenartigen Wanderungen, sowohl im pHanzlichen als auch im thierischen Krper vollziehen, durch welche sie nach den Orten ihrer vorbergehenden Aufbewahrung oder ihres jeweiligen Verl)rauches gelangen. Die Strke zum Beispiel, die sich in unterirdischen Theilen, wie den Knollen, oder in den Samen ansammelt, ist an diesen Stellen nicht assimilirt worden. Ihre Ursprungsorte sind die assimilirenden, grnen Zellen . Von diesen sind sie durch Vermittelung aller dazwischenliegenden Zellgebilde oft auf weite Strecken nach den Knollen oder Samen hin- transportirt worden. Da nun Strkekrnchen die Zellhute nicht passiren knnen, kann die Stoff Wanderung nur im gelsten Zustand (Zucker) stattfinden, worauf am Ort der Aufbewahrung wieder die Rck- bildung in die unlsliche Mo dification (Strke) erfolgt. Wenn dann in der Knolle oder im Samen sich der Keim entwickelt, werden die passiven Reservestoffe von Neuem reactivirt und mssen im activen Zustand von Neuem eine Wanderung nach den Verbrauchsorten, den Zellen des sich entwickelnden Keims, durchmachen. Ebenso mssen beim Thiere die Kohlenhydrate, Fette und Eiweissstoffe, die als Nahrung in den Krper gelangen, lslich gemacht werden, damit sie an die Orte ihres Verbrauchs gelangen knnen, oder es mssen die zur Reserve im Fettgewebe abgelagerten Fette, wenn sie irgendwo im Krper zum Verbrauch dienen sollen, reactivirt werden. In der thierischen und pflanzlichen Zelle scheint nun die so wichtige U e b e r f h r u n g der Kohlenhydrate, Fette und Eiwei sssubstanzen aus dem passiven in den activen Zustand in durchaus entsprechender Weise vor sich zu gehen durch Vermittelung sehr ei genthmlicher, che- mischer Krper, die man als Fermente bezeichnet. Dieselben sind den Eiweisskrpern verwandt und wohl durch Umwandlung aus denselben entstanden; sie finden sich in der Zelle in sehr geringen Quantitten, bringen aber trotzdem eine intensive chemische Wirkung hervor und leiten chemische Processe ein, liei denen sie selbst nicht wesentlich verndert werden. Die Fermentwirkung ist ein fr die Chemie der Zelle ausserordentlich charakteristischer Vorgang. Es giebt Fermente fr die Umwandlung der K ohlenhydrate, Fer- mente fr die Umwandlung der Eiweissstoffe, Fermente fr die Fett um Setzung. Ueberall, wo in den Pflanzen Strke lslich gemacht wird, geschieht es durch ein Ferment, die Diastase, welche sich aus keimenden Samen leicht gewinnen lsst. Ihre Wirksamkeit ist so gross, dass etwa 1 Gewichtstheil Diastase 2000 Gewichtstheile Strke in kurzer Zeit in Zucker umwandeln kann. Ein anderes auf Kohlenhydrate wirkendes Ferment, das Invertin, kommt in Spalt- und Schimmelpilzen vor und spaltet Rohrzucker in Dextrose und Lvulose. Der pflanzlichen Diastase entspricht beim Thier das Speichel- ferment (Ptyalin), welches Strke in Dextrin und Traubenzucker verwandelt. Ebenso wird das nicht diffundirende Glycogen, welches man seiner Eigenschaft nach als thieriscbes Amylum bezeichnet hat, berall wo es vorkommt (Leber, Muskeln), durch ein saccharificirendes Ferment in Zucker umgesetzt, wenn es weitere Verwendung finden soll. E i w e i s s k r p e r werden, um weiter v e r w e r t h b a r zu III. Stoffwechsel und formative Thtigkeit. 123 sein, peptonisirt Im thierischen Krper geschieht dies haupt- schlich durch ein Ferment, das Pepsin, welches von den Zellen der Magensaftdrsen geliefert wird. Eine geringe Menge von Pepsin lst bei Gegenwart von freier Salzsure im Magen so gut wie liei Versuchen im Reagensrhrchen betrchtliche Mengen von geronnenem Eiweiss auf und vei'setzt es in einen Zustand , in welchem es durch Membranen hindurch diffundiren kann. Auch in Pflanzenzellen sind peptonisirende Fermente nachgewiesen worden. Ein solches wird zum Beispiel von den fleischfressenden Pflanzen an den Organen, welche zum Einfangen von Insekten eingerichtet sind, als ein Verdauungssaft ausgeschieden, wie von den Drsenhaaren der zusammenklappenden Bltter von Drosera; es werden auf diese Weise die kleinen Thierleichen zum Theil in Lsung bergefhrt und von den Pflanzenzellen aufgenommen. Ein pepsinartiges Ferment hat sich auch in Keimpflanzen nachweisen lassen, wo es zur Peptonisirung der als Reservestoffe im Samen aufgespeicherten Proteinkrper dient. Bekannt wegen seiner energischen Wirkung ist das peptonisirende Ferment aus dem Milchsaft von Carica papaya und anderen Carica- arten. Ein solches ist endlich auch im Krper der Myxomyceten durch Kmkenberg entdeckt worden. Bei der chemischen Umsetzung der Fette findet im thie- rischen Krper eine Zerspaltung derselben in Glycerin und Fettsuren statt. Eine solche Wirkung bt namentlich der Bauch- speichel aus; Claude Bernard hat dieselbe auf ein vom Pankreas ausge- schiedenes, fettspaltendes Ferment zurckzufhren versucht Auch bei der Keimung fetthaltiger Pflanzensamen soll eine Zerspaltung des Oels in Glycerin und Fettsure durch Vermittelung von Fermenten er- folgen (Schtzenberger). Schon aus diesen wenigen Thatsachen lsst sich erkennen, dass auch der Stoffumsatz in der Zelle, so wenig bekannt uns derselbe zur Zeit noch ist, doch in wichtigen Zgen eine weitgehende Uebereinstimmung im gesammten Organismenreich zeigt. Einer der dunkelsten Punkte beim Stoffumsatz in derZelle ist die Rolle, welche das Protoplasma dabei spielt. Namentlich gilt dies fr alle Vorgnge, welche oben als der formativen Thtigkeit der Zelle angehrig bezeichnet wurden. In welchem Ver- hltniss stehen zum Protoplasma die organisirten Producte desselben, wie die Membran, die Intercellularsubstanzen und so weiter? Zwei ganz entgegengesetzte Ansichten finden hier in der Thier- und Pflanzenbiologie Vertretung. Nach der einen Ansicht entstehen die organisirten Substanzen durch Umwandlung des Protoplasma selbst, also durch chemische Umsetzungen oder Abspaltungen von Protoplasmamoleklen; nach der andern Ansicht dagegen bilden sie sich aus plastischen Stoffen, Kohlenhydraten, Fetten, peptonisirten Proteinstoffen etc., welche in das Proto- plasma beim Stoffwechsel aufgenommen, an die Verbrauchsstelle geschafft und in einem organisirten Zustande zur Abscheidung gebracht werden. Am besten lsst sich der Gegensatz an einem Beispiel klar machen, als welches ich die Bildung der C e 1 1 u 1 o s e ra e m b r a n der Pflanzen- zellen whlen will. Nach einer Hypothese , welche unter anderem besonders von Stras- burger (V. 3133) vertreten wird, verwandelt sich das mikrosomen- 124 Fnftes Capitel. lialtige Protoplasma direct in Celliiloselanielleir, die Cellulose geht als feste, organisirte Substanz iinniittelbar aus dem Protoplasma hervor. Nach einer anderen Hypothese sind stickstofffreie, plastische Stoffe, Glycose, Dextrin oder irgend ein anderes lsliches Kohlenhydrat das Material zur Bildung der Zellhaut. Dasselbe wird vom Protoplasma an die Verbrauchsstelle geschafft und hier in die unlsliche Modification, die Cellulose, umgewandelt. Da dieselbe bei ihrer Entstehung eine bestimmte Structur erhlt, wird auch bei dieser Bildungsweise das Protoplasma in einer uns unbekannten Weise mitwirken mssen, was man mit dem Schlagwort formative Thtigkeit" ausdrckt. Nach der ersten Hypothese kann man die Cellulosehaut kurzweg als ein Um wandlungsproduct des Protoplasma, nach der zweiten als ein Abscheidungsproduct desselben bezeichnen. Derselbe entgegengesetzte Standpunkt tritt uns bei der Frage der Bildung der Chitinhute, der Knorpel- und Knochengrundsubstanz, der leimgebenden und gallertigen Substanz entgegen; er spielt sogar mehr oder minder in alle Auffassungen vom Stoffwechsel der Zelle hinein. Claude Bernard (IV. la) hat dies Verhltniss mit den Worten charakterisirt: Vom physiologischen Standpunkt Hesse es sich vorstellen, dass im Organismus nur eine Synthese, die von Protoplasma, stattfindet, welches wachsen und sich entwickeln wrde vermittelst aufgenommener Stoffe. Von diesem complicirten Krper, dem complicirtesten aller orga- nisirten Krper, wrden sich dann durch weitere Spaltung alle zusammen- gesetzten ternren und quaternren Verbindungen herleiten, deren Auf- treten wir fr gewhnlich einer directen Synthese zuschreiben." So musste auch Sachs bei der Assimilation der Strke die Mglichkeit offen lassen , welche er aber fr weniger wahrscheinlich hlt, dass bei diesem chemischen Process Spaltungen und Substitutionen in den Moleklen des grnen Protoplasmas stattfinden". Aus diesen Aeusserungen wird die Schwierigkeit der ganzen Frage erhellen, soweit es die in Betracht kommenden chemischen Processe betrifft. Wenn es gestattet ist, aus analogen Verhltnissen Schlsse zu ziehen, so muss ich der zweiten Hypothese, nacli welcher das Protoplasma mehr indirect bei der Bildung der meisten Intercellularsubstanzen betheiligt ist, entschieden den Vorzug geben. Denn wenn manche Organismen sich eine Membran aus Kieselsure oder aus kohlensaurem Kalk bilden, so macht schon die Natur dieses Materiales den Schluss unabweisbar, dass dasselbe nicht als feste organisirte Substanz unmittelbar aus dem Proto- plasma hei'vorgegangen sein kann. Hier kann letzteres seiner ganzen chemischen Zusammensetzung nach nur eine vermittelnde Rolle gespielt haben, indem es die Stoffe aus der Umgebung ausgewhlt, aufgenommen, an den Verbrauchsorten angehuft und in bestimmter Form als feste Verbindung und wohl stets an ein organisches Substrat gebunden ab- gelagert hat. Eine solche Vorstellung scheint mir auch fr die Entstehung der Cellulosemembranen nher zu liegen , wenn man die leichte Um- wandlungsfhigkeit der verschiedenen Kohlenhydrate in einander berck- sichtigt, auf der andern Seite den complicirten chemischen Process in Betracht zieht, der jedenfalls bei Umwandlung von Protoplasma in Cellulose stattfinden msste. Und sell)St die Intercellularsubstanzen, die dem Protoplasma chemisch nahe stehen, wie Chondrin, Glutin etc., knnten unter dasselbe Bildungsgesetz fallen. Denn ausser den orga- in.' Stoffwechsel und formative Thtigkeit. 125 nisirten Proteinstoifen, Protoplasma und Kernsubstanz, kommen in jeder Zelle auch zahlreiche, unorganisirte Proteinstoffe als Bildungsmaterial meist in gelstem Zustande vor, wie im Zellsaft der Pflanzenzellen, im Saft der Kerne, in Blut und Lymphe der Thiere. Anstatt dass bei der Entstehung stickstoff'haltiger Intercellularsubstanzen das Protoplasma der Zelle selbst direct angegritfen und aufgebraucht wird, knnten auch hier die unorganisirten Proteinstoffe bei der formativen Thtigkeit der Zelle in Verwendung kommen in derselben Weise, wie es oben fiir die Bildung der Cellulosemembran angenommen wurde. In welcher Weise bei diesen Processen das Protoplasma die ver- mittelnde Rolle spielt, von der oben gesprochen wurde, entzieht sich zur Zeit, wie die Mehrzahl der biochemischen Vorgnge, unserer Kenntniss- nahme. Die vermittelnde Rolle des Protoplasma knnte aber vielleicht darin bestehen, dass mit gewissen Stoff- theilchen desselben (Plassonie. Wiesner. V. 39) sich andere in Nhrlsungen befindliche Sto fftheilch en durch Mole- cularaddition verbinden und dadurch zu einem organisirten IProduct umgewandelt werden. So wrden sich lsliche Kiesel- verbindungen mit organischen Substanzmoleklen zu einem Kieselskelet vereinigen ; so wrden sich Cellulosetheilchen aus lsliehen Kohlenhydraten unter dem Einfluss von Substanztheilchen des Protoplasma l)ilden, sich mit letzteren molecular verbinden (wahrscheinlich dauernd, vielleicht aber auch nur vorbergehend) und so zu einer Zellhaut organisirt werden. Mit dieser Vorstellung lsst sich sehr gut die Beobachtung vereinbaren, dass an manchen Objecten frisch gebildete Celluloseschichten und das angrenzende Protoplasma continuirlich in einander bergehen. 2) Zur Morphologie des Stoffumsatzes. Die formative Thtigkeit der Zelle. Die Substanzen, die beim Stoffwechsel der Zellen gebildet werden, fallen in das Bereich der morphologischen Untersuchung, soweit sie vom Protoplasma optisch unterscheidbar werden. Sie knnen in geformtem oder ungeformtem Zustand entweder im Innern des Protoplasmas selbst oder auf seiner Oberflche zur Abscheidung kommen; je nachdem werden sie als innere oder ussere Plasmaproducte unterschieden. Doch ist, wie so oft bei biologischen Eintheilungen, nicht immer eine scharfe Grenze zwischen beiden Gruppen zu ziehen. a) Die inneren Plasmaproducte. In Wasser gelste Sul)stanzen knnen sich in grsseren und kleineren Tropfen im Protoplasma abscheiden und dadurch Hhlungen oder Vacuolen hervorrufen. Sie spielen namentlich in der Morphologie der Pflanzen eine grosse Rolle. Wie schon frher im Einzelnen genauer beschrieben (Seite" 28), kann sich eine Pflanzenzelle (Fig. 62) durch Saftabscheidung in sehr kurzer Zeit um mehr als das lOOfache ver- grssern. Auf der suramirten Wirkung zahlreicher, derartiger Zellen beruht das betrchtliche Wachsthum, welches im Frhjahr die einzelnen Pflanzenorgane zeigen. Der Gehalt an fester Substanz kann in einem sehr wasserreichen Pflanzentheil schliesslich nur 5 "/o oder sogar nur 2 ^lo betragen. Der Zellsaft ist nun aber nicht bloss Wasser, sondern eine sehr 126 Fnftes Capitel. zusammengesetzte Nhrlsung, in welclier Pflanzensuren und ihre Salze, Salpeter- und phosphorsaure Salze, Zucker, in geringer Menge auch gelste Proteinstoffe etc. enthalten sind. Zwischen Frotoplasma und Saft wird dalier ein bestndiger Stoffwechsel stattfinden, indem jener bald Substanzen zum Verbrauch aus dieser Quelle bezieht, bald andere Substanzen wieder an dieselbe abgiebt. Indem der Saft eine concentrirte Lsung osmotisch wirksamer Substanzen darstellt, bt er auf Wasser eine krftig anziehende Wirkung und auf die ihn umgebenden Hllen einen oft bedeutenden inneren Druck aus, so dass sie in einem prallen Zustand, der schon frher (Seite 114) als Turgor besprochen wurde, erhalten werden. C B Fig. 62. Parenehymzellen aus der mittleren Schicht der Wurzelrinde von Pritillaria imperialis ; Lngsschnitte, nach 550maliger Vergrsserung. Nach Sachs (II 33) Fig. 75. A dicht ber der Wurzelspitze liegende, sehr junge Zellen, noch ohne Zellsaft; B die gleichnamigen Zellen etwa 2 Millimeter ber der Wurzelspitze, der Zellsaft s bildet im Protoplasma p einzelne Tropfen, zwischen denen Protoplasmawnde liegen; C die gleichnamigen Zellen etwa 7 8 Millimeter ber der Wurzelspitze; die beiden Zellen rechts unten sind von der Vorderflche gesehen, die grosse Zelle links unten im optischen Durchschnitt gesehen; die Zelle rechts oben durch den Schnitt gefl'net; der Zellkern lsst unter dem Einfluss des eindringenden Wassers eine eigeuthmliche Quellungserscheinung wahrnehmen {x y). k Kern. M Kern- krper, h Membran. Manche Botaniker, wie namentlich de Vries (V. 35) und Went, erblicken in den Vacuolen besondere Zellorgane, die sich nicht zufllig III. Stoffwechsel und formative Thtigkeit. 127 im Zellkrper neiibilden, sondern nur durch Theilung hervorgebracht werden knnen. Schon in den allerjngsten Pflanzenzellen sind nach ihrer Annahme ausserordentlich kleine Vacuolen vorhanden, die sich durch Theilung fortwhrend vermehren und bei der Theilung der Zelle auf die Tochterzellen vertheilt werden. In Folge dessen sollen sich von den Vacuolen des Meristems die smmtlichen Vacuolen der ganzen Pflanze herleiten, was von anderen Forschern indessen in Abrede gestellt wird. Wie das Protoplasma sich nach Aussen durch eine Hautschicht abgrenzt, besitzen nach de Vries auch die Vacuolen eine eigene Wand (den Tono- plasten), welche die Ausscheidung und Anhufung der im Zellsaft vor- handenen, gelsten Stoffe regelt. Ka cv R Na - n M Fig. 63. Actinosphrium Eichhorni. Nach R. Hertwig, Zoologie Fig. 117. M Marksubstanz mit Kernen (n). R Rindensubstanz mit contractilen Vacuolen [cv), Na Nahrungskrper. Vacuolenbildung kommt auch bei niederen Organismen sehr hufig vor. Bei Actinosphaerium z. B. gewinnt der Protoplasmakrper in Folge der in ihm vorhandenen, zahlreichen, kleinen und grossen Saft- blasen ein ganz schaumiges Aussehen. In geringer und constanter Anzahl vorkommende Vacuolen knnen, so namentlich hufig bei Infusorien, eine mit besonderer Contractilitt ausgestattete Wandschicht erhalten und werden dann als contractile Vacuolen oder Behlter (Seite 69) bezeichnet. Ansammlung von Saft in besonderen Vacuolen wird endlich, wenn auch selten, in manchen thieri sehen Zellen angetroffen und zwar in Organen, die im Krper eine gewisse Sttzfunction zu erfllen haben. Die Tentakeln mancher Clenteraten, gewisse Krperanhnge von Anneliden besitzen in ihrer Axe, ebenso wie die Chorda dorsalis der Wirbel- thiere, verhltnissmssig grosse, blasige Zellen, die nach Aussen durch 128 Fnftes Capitel. eine dicke Membran abp;efirenzt sind und im Innern fast nur Zellsaft und eine sehr geringe Quantitt l'rotoplasnia enthalten. Dieses breitet sich in dnner Schicht unter der Zellmembran aus und schickt hie und da auch Fden durch den Saftraum. Der Kern liegt meist in einer dichtem Ansamndung des Protoplasma entweder in der Wandschicht oder im Netzweik eingebettet. Auch hier werden wie bei den Pflanzen die festen Zellwnde in Folge osmotisch wirksamer Substanzen des Saftes prall gespannt sein. Obwohl ber die Turgescenz der hier in Frage kommen- den Organe noch keine experimentellen Untersuclningen vorgenommen worden sind, lsst es sich doch nur in dieser Weise vorstellen, dass die Chorda als ein sttzender Stab im Krper der Wlrbelthiere Ver- wendung findet. Indem die zahlreichen, turgescenten, kleinen Chorda- zellen nach Aussen durch eine feste, elastische Scheide zu einem Organe verbunden und gegen die Umgebung abgegrenzt sind, werden ihre ein- zelnen Turgorkrfte sich summiren und durch innern Druck die gemein- same Scheide in Spannung erhalten. Saftaufnahme und Saftabscheidung kommen, wie beim Protoplasma, auch bei der Keinsubstanz vor. In beiden Fllen dienen sie wohl dem Zweck, den activen Substanzen eine grssere Oberflche zu verleihen und sie mit Nhrflssigkeit in directere Beziehung zu setzen. Whrend die Bildung von Saftvacuolen in thierischen Zellen selten ist, kommt es bei ihnen dagegen hufig zur Absonderung von weichen oder festen Substanzen: von Fett, Glycogen, Schleim, Albuminaten und festen Gemischen von mehreren Substanzen. Fett kann sich, wie der Zellsaft in jungen Pflanzenzellen, zuerst in kleinen Trpfchen im Protoplasmakrper bilden. Wie dort die Vacuolen, vergrssern sich spter die Trpfchen, verschmelzen untereinander und stellen schliesslich einen einzigen grossen Tropfen dar, der den ganzen Binnenraum der Zelle ausfllt und nach Aussen von einer dnneren Protoplasmaschicht mit Kern und einer feinen Zellhaut umschlossen wird. Glycogen sammelt sich in den Leberzellen in einzelnen Tropfen an, die bei Zusatz von Jodjod- kalium eine mahagoniliraune Farbe annehmen und sich dadurch kenntlich machen lassen. S c h 1 e i m b i 1 d e n d e Substanz (Mucigen) fllt den Binnenraum der mit ihrer Bereitung betrauten Zellen (Fig. 64) oft in solcher Menge an, dass die Zellen zu Blasen angeschwollen sind oder die Form eines Bechers angenommen haben. Das Proto- plasma ist meist an der Basis der Zelle, wo sich dann auch der Kern befindet, noch etwas reichlicher vorhanden, umgiebt von hier die mucigene Substanz mit einer dnnen Hlle und breitet sich auch mit einzelnen Fden netzartig in ihr aus. Durch Fr- bung mit manchen Anilinfarben lsst sich die muci- gene Substanz vom Protoplasma schrfer unter- scheiden. Fig. 64. Beeher- zelle aus dem Bla- senepithel von Squa- tina vulgaris in Mller'scher Fls- sigkeit erhrtet. Nach List Taf. I, Fig. 9. Grssere Festigkeit gewinnen die inneren Plasmaproducte sehr hufig in den Eizellen, die sich in der verschiedensten Weise mit Re- Nach ihrer Form werden dieselben als Dotter- kgelchen (Fig. 65), Dotterkrner, Dotterplttchen unter- schieden und stellen meist in chemischer Hinsicht ein Gemisch von servestoff"en beladen. III. Stoffweclisel und formative Thtigkeit. 129 Albuminaten und Fetten dar. Je zaldreicher und kleiner und dichter zusannnenj?edrngt die Dotterelemente sind, um so mehr gewinnt der riasmakrper ein schaumiges oder netzartiges Wesen. Fig. 65. Dotterelemente aus dem Ei des Huhns. Nach Balfour. A Gelber Dotter. B Weisser Dotter. Manche Plasmaproducte zeigen eine krystallinische Beschaffenheit, wie die Guaninkry stalle, von denen der Silberglanz in der Haut und dem Bauchfell der Fische herrhrt, oder wie die Pigmentkrnchen in den Pigmentzellen. Aehnliche Plasmaproducte wie in thierischen kommen auch in pflanz- lichen Zellen vor, hier aber gewhnlich nur in einzelnen besonderen Organen, die entweder speciell zur Aufspeicherung von Reservestoffen oder wie die Samen zur Reproduction dienen. Dann finden sich die Zellen mit Oeltropfen erfllt (lige Samen) oder mit Krnern ver- schiedener Ei Weisssubstanzen ( V i t e 1 1 i n , Kleber, A 1 e u r o n) oder mit Eiweisskrystalloiden oder mit Strkekrnern, auf die spter noch genauer einzugehen ist. Whrend die bisher besprochenen inneren Plasmaproducte beim Stoffwechsel vorbergehend angesammelt, dann wieder aufgebraucht werden und daher sehr vernderliche Bildungen sind, gibt es andere, die einen hheren Grad von Organisation erreichen und eine Theilfunction in der Zelle dauernd zu erfllen haben. Hierher gehren die inneren S k e 1 e t b i 1 d u n g e n des Proto- plasmakrpers, die verschiede- nen Krner, welche in den Pflanzenzellen mit dem gemein- samen Namen Trophoplasten zusammengefasst werden , die Nessel kapseln der Coelen- teraten, endlich die Muskel- fibrillen, Nervenfibril- len u. s. w. Innere Skelete finden sich im Krper vieler Protozoen, namentlich aber in grosser Mannichfaltigkeit und Zierlich- keit der Formen bei den Piadio- larien. Sie setzen sich bald aus regelmssig angeordneten Stben, bald aus zierlichen, durchbrochenen Gitterkugeln, bald aus beiderlei Bildungen vereint (Fig. ^^) zusammen. Bei einigen Familien der Piadio- larien bestehen sie aus einer organischen, in Suren und Alkalien Hertwig, Die Zelli> und die Gewebe. 9 Fig. 66. Haliomma erinaeeus. Aus R. Hertwig, Zoologie Fig. 82. a ussere, i innere Gitterkugel , ck Cen- tralkapsel, wh extracapsulrer Weichkrper, n Binnenblschen (Kern). 130 Fnftes Capitel. lslichen Substanz, bei den meisten datiegen aus Kieselsure, die an ein organisches Substrat, wie im Knochen der Wirbelthiere die phosphor- sauren Salze an das Ossein, gebunden ist. Alle diese Skelete haben eine fr die Species constante und charakteristische Form und lassen ganz gesetzmssige Verhltnisse in ihrer Entwicklung (Richard Hertwig V. 40) erkennen. Unter Trop hoplasten versteht man hochorganisirte Differenzi- rungsproducte des pflanzlichen Protoplasma, welchen dieselbe Constanz wie dem Zellkern und eine grosse functionelle Selbstndigkeit zukommt. Fr die pflanzliche Ernhrung sind sie sehr wichtig, da sich der ganze Strkebildung in ihnen abspielt. (Meyer Assimilationsprocess und die V. 9-11.) Die Trophoplasten sind kleine, meist kuglige oder ovale Krner, aus einer dem Protoplasma verwandten, aber doch von ihm unterscheidbaren Substanz. Sie sind leicht durch Wasser und Reagentien bei der Prpa- ratiou zerstrbar und werden am besten durch Jodtinctur oder durch concentrirte Pikrinsure fixirt. In Nigrosin frlien sie sicli alsdann stahl- blau, so dass sie sich vom Protoplasmakrper scharf abheben. Sie finden sich oft in grosser Anzahl in der Zelle und knnen in activer Weise ihre Form verndern. Nach den Untersuchungen von Schmitz (V. 29), Schimper (V. 27, 28) und Meyer (V. 911) scheint eine d irecte Neuentsteh ungvonTrophoplastenim Protoplasma nicht vorzukommen, dagegen vermehren sie sich wie die Kerne durch zeitweise eintretende Theilung. Von den Trophoplasten, die schon in der pflanzlichen Eizelle enthalten sind, wrden somit die entsprechenden Gebilde aller aus ihr hervorgegangenen Zellgenerationen abzuleiten sein. Die Trophoplasten knnen in verschiedenen Modificationen auftreten und verschiedene Functionen verrichten und werden danach als Strke- bildner, Chlorophyllkrner und Farbstoff"- krner unterschieden (Amylo- oder Leuko- plasten, Cbloroplasten, Chromoplasten). Die meisten S t r k e b i 1 d n e r (Fig. 67) finden sich in den nicht assimilirenden Zellen junger Pflanzenorgane und aller unterirdischen Theile, sowie in den Sten- geln und Blattstielen. In den Scheinknollen von Phajus grandifolius, die fr die Unter- suchung besonders geeignet sind, stellen sie von der Flche gesehen, ellipsoide feinkr- nige Scheiben dar, in der Profil ansieht erschei- nen sie stbchenfrmig und heben sich bei Be- handlung mit Pikronigrosin durch stahlblaue Farbe vom umgebenden Protoplasma ab. An einer Breitseite der Scheibe sitzt ein klei- neres oder grsseres Strkekorn. Ersteres ist ringsum von einem dnnen Ueberzug der Substanz des Leukoplasten umschlossen, letzteres nur an der ilim zugekehrten Ober- flche. Im zweiten Fall zeigt es eine ex- centrische Schichtung, und zwar der Art, dass der Kern, um den sich die Schichten herumlegen, sich in der Nhe der vom Leukoplasten abgewandten Oberflche befindet. An dieser sind D Fig. 67. Phajus grandi- folius, Strkebildner aus der Knolle. Nach Strasburger, Bo- tanisches Prakticum Fig. 30. A, C, B n. E von der Seite, B von oben, E grn gefrbt. Vergr. 540. III. Stoffwechsel und formative Thtigkeit. 131 in Folge dessen die Schichten sehr dnn und verdicken sich dann all- mhlich nach dem Strkebildner zu, woraus hervorgeht, dass sie von ihni aus wachsen und ernlnt werden. Oft ist in der Substanz des Strke- bilduers noch ein stbchenfrmiger Eiweisskrystall an der vom Amylum- korn abgewandten Flche wahrzunehmen. Da nun Strke, wie wir frher gesehen haben, nur in grnen Pflanzentheilen durch Synthese erzeugt werden kann, sind die weissen Strkebildner nicht als die eigentlichen Ursprungs- sttten zu betrachten. Vielmehr mssen dieselben die Strke in gelster Modification, vielleicht als Zucker (Sachs) von den Orten, wo die Assimilation vor sich geht, bezogen haben, so dass dann ihre Aufgabe nur darin besteht, die gelste Substanz wieder in ein festes und organi- sirtes Product umzuwandeln. Mit dem Strkebildner sind die Chlorophyllkrner (Fig. 68) nahe verwandt; denn sie knnen direct aus ihnen durch Umbildung hervorgehen, indem sich in ihrer Sulistanz unter dem Einfluss des Lichtes Chlorophyll entwickelt. Die Leukoplasten ergrnen dann, nehmen an Grsse zu und verlieren ihre Strkekrner, die aufgelst werden. Auf der andern Seite nehmen die Chlorophyllkrner auch aus den farblosen Trophoplasten, die an den Vegetationspunkten als indifferente Anlagen vorkommen, ihren Ursprung; ^^^ endlich vermehren sie sich durch Thei- ^ ^T^^^ lung (Fig. 68): unter Zunahme ihrer Substanz ' ;. "c;^ strecken sie sich in die Lnge und werden bisquit- (. ;; j) frmig, worauf sie schliesslich in ihrer Mitte durch- geschnrt werden. w#j Die Chlorophyllkrner bestehen aus einer j,.g gg^ chioro- Grundlage, welche die Reactionen des Eiweisses phyiikrn'er aus dem darbietet, und aus einem das Stroma durchtrn- Blatte von Funaria kenden, grnen Farbstoff, dem Chlorophyll oder J'y^'"\*.'''^: . Blattgrn. Dasselbe lsst sich durch Alkohol [^.^^^^^^e^Jg. .HO S extrahiren und zeigt in der Lsung deutliche Fluore- strasburger , Botani- scenz, indem es in durchfallendem Licht grn, in schesPrakticum Fig.2.5. reflectirtem Licht blutroth aussieht. In den Chlorophyllkrnern sind gewhnlich mehrere kleine Strke- krnchen eingeschlossen, die in ihnen durch Assimilation gebildet worden sind. Am besten lassen sie sich, nachdem das Chlorophyll durch Alkohol ausgezogen ist, durch Zusatz von Jodtinktur nachweisen. Wie durch die Untersuchungen von Stahl gezeigt worden ist, knnen die Chlorophyllkrner, abgesehen von den zweckmssigen Verlagerungen, welche sie durch Strmung des Protoplasma erfahren (siehe Seite 84), auch activ ihre Gestalt in aufflliger Weise unter dem Reiz der Lichtstrahlen verndern. Whrend sie in diffusem Tageslicht polygonale Scheiben darstellen, welche ihre Breitseite der Lichtquelle zugekehrt haben, ziehen sie sich in directem Sonnenlicht zu kleinen Kugeln oder ellipsoiden Krpern zusammen. Sie fhren dadurch eine ftir die Chlorophyllfuuction zweckmssige Bewegung aus und erreichen durch sie, dass sie dem Sonnenlicht eine kleinere, dem diffusen Tageslicht alier eine grssere Flche zur Aufnahme der Strahlen bieten. Uns aber geben sie dadurch einen Einblick in den hohen Grad ihrer inneren Differenzirung , wie wir ihn durch das einfache Studium ihrer chemischen Thtigkeit bei weitem nicht htten gewinnen knnen." (de Vries V. 46.) Wie die Kerne, erscheinen sie im Hinblick auf ihre 9* 132 Fnftes Capitel. Vermehrung durch Theilunp', im Hinblick auf ihr actives Bewegungs- vermgen und ihre Function beim Assimilationsprocess als sehr selb- stndige, hoch individualisirte Plasmagebilde. Endlich sind als eine besondere Abart der Trophoplaste noch die Farbkrner zu erwhnen, auf welche namentlich die gelbe und orange- rothe Frbung vieler Blthen zurckzufhren ist. Sie bestehen aus einem protoplasmatischen Substrat, das meist sehr unregelrassig gestaltet ist und bald die Form einer Spindel, einer Sichel, eines Dreiecks oder eines Trapezes hat. In dem Substrat sind Farbstoff kry stalle abgelagert. Auch hier lsst sich an geeigneten Objecten die allmhliche Entstehung der Farbkrper aus farblosen Trophoplasten nachweisen. Auch hier hat Weiss spontane Bewegungen und Formvernderungen wahrge- nommen. Die Besprechung der verschiedenen Arten der Trophoplasten schliessen wir ab, indem wir noch genauer auf die S t r u c t u r de r Strkekrner eingehen, welche durch die Untersuchungen von Ngeli (V. 17, 20) und die daran geknpften Schlussfolgerungen eine grosse theoretische Bedeutung gewonnen haben. Die Strkekrner (Fig. 69) zeigen in der Pflanzenzelle hinsichtlich ihrer Grsse ausserordentliche Verschieden- heiten. Auf der einen Seite sind sie so klein, dass sie bei der strk- sten Vergrsserung nur als ein Punkt erscheinen, auf der andern Seite knnen sie bis zu einem Umfang von 0,2 mm heranwachsen. Charakte- ristisch ist ihre Reaction bei Zusatz von Jodlsungen. Je nach der Con- centration derselben nehmen sie eine hellblaue bis schwarzblaue Frbung an. In warmem Wasser quellen sie betrchtlich auf und gehen beim wei- teren Kochen in Kleister ber. Die Form der Strkekrner ist bald oval, bald rundlich, bald mehr unregelmssig. Bei strkeren Ver- grsserungen ist an ihnen eine deut- liche Schichtung zu erkennen, indem auf dem optischen Durchschnitt brei- tere, helle und schmlere, dunkle Strei- fen mit einander abwechseln. Ngeli erklrt diese Erscheinungen in der Weise, dass er das Strkekorn aus wasser- rmeren und wasserreicheren Lamellen von Strkesubstanz zusammen- gesetzt sein lsst. Strasburger (V. 31) dagegen deutet ,,die dunkleren Linien als die besonders markirten Adhsionsflchen der aufeinander folgenden Lamellen, die er sich mehr oder weniger vollstndig gleichen lsst". Die Lamellen (Fig. 69) sind um einen Kern angeordnet, der ent- weder das Centrum des ganzen Korns einnimmt (B CJ, oder, was hufiger der Fall ist, sehr excentrisch (A) gelegen ist. Auch finden sich nicht selten Strkekrner, bei denen um 2 (B C) bis 3 (D) Kerne mehrere Lamellensysteme angeordnet sind; sie werden daher als zusammen- Fig. 69. Strkekrner an der KartoflEelknolle. Nach Strasbdrgee, Botanisches Prakticura Fig. 7. A ein einfaclies, ein halb zusam- mengesetztes, C und D ganz zusammen- gesetzte Strkekrner, c der organische Kern. Vergr. 540. in. Stoffwechsel und formative Thtigkeit. 133 gesetzte den Krnern mit einem einfachen Kern gegenbergestellt. Bei centraler Lage des Kerns zeigen die ihn umgebenden Strkeschichten berall nahezu die gleiche Dicke. Bei excentrischer Lage dagegen gehen nur die innersten Schichten continuirlich um ihn herum, die peripheren besitzen die grsste Dicke an der vom Kern abgewandten Seite des Korns, verdnnen sich, je mehr sie sich dem Kern nhern und werden schliesslich an der Seite, nach welcher der excentrische Kern zu liegt, so fein, dass sie von den Nachbarlamellen nicht mehr zu unterscheiden sind, oder laufen berhaupt ganz frei aus. In jedem Strkekorn nimmt der Wassergehalt von der Obei*flche nach dem Centrum zu. Der Kern ist am wasserreichsten, die ober- flchlichste, an das Protoplasma angrenzende Schicht zeigt das dichteste Gefge. Hierauf ist die Erscheinung zurckzufhren, dass bei dem Aus- trocknen der Strkekrner Risse im Kern und von diesem ausstrahlend nach der Peripherie hin entstehen (Ngeli V. 17). Wie schon oben erwhnt, nehmen bei den Pflanzen die Strkekrner gewhnlich nicht direct im Protoplasma, sondern in besonderen Dififeren- zirungsproducten desselben, den Strkebildnern (Amyloplasten und Chloro- phyllkrpern) ihren Ursprung. Je nachdem nun das Korn im Innern eines solchen oder an seiner Oberflche angelegt wird, erklrt sich nach den Untersuchungen von Schi mp er (V. 27) die oben beschriebene, verschiedenartige Schichtung. Im ersten Fall bilden sich die Strke- lamellen gleichmssig um den Kern herum, da sie von allen Seiten her gleichmssig von der Substanz des Strkebildners ernhrt werden. Im zweiten Fall befindet sich der an die Oberflche des Strkebildners angrenzende Theil des Strkekorns unter ungnstigeren Wachsthums- bedingungen. Es wird daher viel mehr Substanz an der dem Strke- bildner zugekehrten Flche des Korns angebildet, die Schichten fallen hier dicker aus und verjngen sich nach der entgegengesetzten Flche. In Folge dessen wird der Kern, um welchen die Schichten herumgelegt sind, immer mehr ber die Oberflche des Strkebilduers hinausgeschoben und nimmt dementsprechend immer mehr im Schichtensystem eine excentrische Lage ein. Dass die Strkekrner durch Auflagerung neuer Schichten an der Oberflche , also durch Apposition wachsen , geht namentlich aus einer Beobachtung von Schimper (V. 27) hervor. Derselbe fand Strkekrner, an deren Oberflche ein Auflsungsprozess stattgefunden hatte, dann aber wieder unterbrochen worden war. Denn um das corrodirte Korn hatten sich wieder frische Schichten herum gebildet. Nach den Angaben von Strasburger werden Strkekrner in einzel- nen Fllen auch direct im Protoplasma ohne Mitwirkung besonderer Strkel)ildner erzeugt. In den Markstrahlzellen der Coniferen fand dieser Forscher ihre erste Anlage als winzige Krnchen in den Strngen des Plasmanetzes eingeschlossen. Wenn sie grsser geworden sind, liegen sie deutlich in Plasmataschen , deren Innenwand etwas lichtbrechender ist und Mikrosomen fhrt. Ein sehr kunstvoll gebautes, inneres Plasmapro du et stellen die Nesselkapseln (Fig. 70) dar, welche sich besonders bei Coelenteraten als Angriff'swaffen in den ber das Ektoderm vertheilten Nesselzellen entwickeln. Sie bestehen aus einer ovalen Kapsel (a u. &), die aus einer glnzenden Substanz gebildet ist und eine Oeftnung an dem nach der Oberflclie der Epidermis zugekehrten Ende besitzt. Der Innenflche der Kapsel liegt eine feine Lamelle dicht an, die an dem 134 Fnftes Capitel. Li Rande der OefFnung in den oft coniplicirt gebauten Nesselschlauch ber- geht (vergl. Fig. 70 a u. h). In der vorliegenden Figur ist der letztere aus einem weitern kegelfrmigen Anfangstheil, der in das Innere der Kapsel eingestlpt und mit einigen krzeren und lngeren Widerhaken bedeckt ist, und aus einem sehr langen und feinen Schlauch zusammengesetzt. Dieser geht von der Spitze des Kegels aus und ist um denselben in vielen Spiralen Windungen aufgerollt. Der freibleibende Binnenraum ist von einem nesselnden Secret erfllt. Das an die Nesselkapsel an- grenzende Protoplasma ist zu einer contractilen Hlle diiTerenzirt, die nach Aussen ebenfalls von einer Oeffnung durchbrochen ist (Schneider V. 45). Auf der freien Oberflche der Zelle erhebt sich nahe der Kapselftnung ein starrer, gln- zender, haarhnlicher Fortsatz, das Cnidocil. Wenn dasselbe durch irgend einen Fremdkrper be- rhrt wird, pflanzt es den Reiz auf das Proto- plasma fort. In Folge dessen zieht sich die contractile Hlle in der Umgebung der Nessel- kapsel pltzlich heftig zusammen, comprimirt dieselbe und treibt den in ihrem Innern ein- geschlossenen Schlauch nach Aussen hervor, wo- bei er wie der Finger eines Handschuhs umge- stlpt wird (Fig. 70 6). Zuerst wird der er- weiterte kegelfrmige Anfangstheil mit den Widerhaken nach Aussen hervorgestlpt, dann folgt der Spiral aufgerollte, feine Schlauch nach. Das nesselnde Secret wird wahrscheinlich durch eine Oeffnung im Schlauchende entleert. Auf die Entstehung dieses ausserordentlich complicirten Apparates wirft die Entwicklungs- geschichte Licht. Zuerst bildet sich in jungen Nesselzellen eine ovale Secrethhle , die sich gegen das Protoplasma durch eine feine Mem- bran abgrenzt; dann wchst von dem freien Zellende aus ein feiner Protoplasmafortsatz in die Secrethhle hinein, nimmt Lage und Form des inneren Nessel- apparats an und scheidet auf seiner Oberflche die zarte Schlauchmem- bran ab. Zuletzt diff'erenzirt sich noch die glnzende und derbere, ussere Wand der Kapsel mit der Oeff"nung und um diese wiederum die contractile Hlle. b) Die usseren Plasmaproducte. Die usseren Plasmaproducte knnen in 3 Gruppen eingetheilt werden, in die Zellhute, in die Cuticulargebilde und in die Intercellularsub- stanzen. Zellhute sind Absonderungen, mit denen seiner ganzen Obei"flche umgiebt. Sie bilden liehen Zellen einen sehr wichtigen und stark in ^^ standtheil, whrend sie im Thierreich hufig fehlen oder so wenig ausge- bildet sind, dass sie auch bei starken Vergrsserungen schwer zu er- kennen sind. Im Pflanzenreich besteht die Zell haut aus einem der Strke sehr nahe verwandten Kohlenhydrat, der Cellnlose. Fig. 70. Nesselzellen der Cnidarien (aus Lang). Hertwig, Zoologie Fig. 161. a Zelle mit Cnidocil und einem in der Kapsel aufge- rollten Nesselfaden, b Nes- selfadeu aus der Nessel- kapsel hervorgeschleudert, an der Basis mit Wider- haken bewaffnet, c Kleb- zellen einer Ktenophore. sich der Zellkrper auf namentlich bei pflanz- die Augen fallenden Be- III. Stoffwechsel und formative Thtigkeit. 135 Die Anwesenheit derselben lsst sich meist leicht durch eine sehr charakteristische Reaction feststellen. Wenn man einen Schnitt durch Pflanzengewebe oder eine einzelne Pflanzenzelle zuerst mit einer dnnen Lsung von Jodjodkalium durchtrnkt und darauf nach Entfernung der Jodlsung Schwefelsure (2 Theile mit 1 Theil Wasser verdnnt) zusetzt, so nehmen die Zellwnde eine bald hell-, bald dunkelblaue Farbe an. Eine Cellulosereaction erhlt man auch durch Zusatz einer Chlor- zinkjodlsung. Die Membranen der Pflanzenzellen erreichen oft eine betrchtliche Dicke und Festigkeit und lassen dann auf dem Durchschnitt eine deutlich ausgesprochene Schichtung erkennen, indem wie im Strke- korn schwcher und strker das Licht brechende Streifen mit ein- ander abwechseln (Fig. 71 und 72 , B). Aber auch bei Betrachtung Fig. 71. Fig. 72. Fig. 71. Querschnitt durch das Rhizom von Caulerpa prolifera an der Insertionsstelle eines Balkens. Nach Strasbdkger Taf. I, Fig. 1. Fig. 72. A Theil einer lteren Markzelle mit sechs Verdickungsschichten von Clematis vitalba. Nach Strasburger Taf. I, Fig. 13. B Eine solche Zelle, in Schwefelsure gequollen. Nach Strasburger Taf. I, Fig. 14. von der Flche ist noch eine feinere Structur hufig nachweisbar. Die Zellhaut zeigt eine feine Streifung, als ob sie aus zahl- reichen, parallel angeordneten Fasern zusammengesetzt sei. Dabei kreuzen sich die Fasern in entgegengesetzten Richtungen. Entweder verlaufen die einen in der Lngsrichtung, die anderen in der Querrichtung, also ringfrmig um die Zelle herum, oder sie sind schrg zur Lngsaxe der Zelle angeordnet. Ueber die Beziehung dieser feinen Streifung zu den einzelnen Celluloselamellen stehen sich die Ansichten von Ngeli und Strasburger gegenber. Ngeli (V. 19) lsst in jeder Lamelle beide Streifensysteme vor- handen sein; wie beim Strkekorn sollen sowohl die Lamellen als auch die sich kreuzenden Streifen abwechselnd aus wasserrmerer und aus wasserreicherer Substanz bestehen und daher abwechselnd hell und dunkel erscheinen. Eine Lamelle ist daher parketartig gefeldert mit quadratisch -rechteckigen oder mit rhombischen Feldern. Diese zeigen ein dreifach verschiedenes Aussehen; sie bestehen nmlich aus dichter, weicher und mittlerer Substanz, je nachdem sie der Kreuzungsstelle zweier dichter, zweier weicher oder eines dichten und eines weichen 136 Fnftes Capitel. Streifens entsprechen." Nach Ngeli lsst sich daher die ganze Zell- membran nach 3 Richtungen in Lamellen zerlegen, die alternirend aus wasserreicherer und wasserrmerer Substanz bestehen, und die sich in hnlicher Weise wie die ltterdurchgnge eines Krystalls kreuzen. Die Lamellen der einen Richtung sind die Schichten, die der beiden andern die zwei Streifensysteme. Die letzteren knnen sich fast unter jedem Winkel schneiden ; beide stehen auf den Schichtenlamellen, wie es scheint, in den meisten Fllen rechtwinklig". Im Gegensatz zu Ngeli lassen Strasburger (V. 31 33) und andere Botaniker, deren Angaben wohl nicht anzufechten sind, die sich kreuzenden Streifen nie einer und derselben Lamelle an- gehren; vielmehr gestaltet sich nach ihnen das Verhltniss so, dass wenn die eine Lamelle in longitudinaler Richtung, die nchstfolgende in querer Richtung gestreift ist und so fort in wechselnder Folge. Nach Strasburger unterscheiden sich weder die einzelnen Lamellen noch die einzelnen Streifen durch ungleichen Wassergehalt. Die Lamellen sowohl wie die Streifen in denselben sind von einander durch Contacttlchen ge- trennt, welche bei den verschiedenen Ansichten (Querschnittsbild, Flchen- bild) als dunklere Linien erscheinen. Die Anordnung ist daher im All- gemeinen eine hnliche, wie in einer Hornhaut, die sich aus Lamellen mit gekreuzten Fasern aufbaut. Nicht selten zeigen die Celluloseraembranen, und zwar meist an ihrer inneren Flche, feinere Skulpturen. So knnen Leisten nach Innen vorspringen, welche entweder in einer Schraubenlinie verlaufen oder in grsserer Anzahl quer zur Lngsaxe der Zelle gestellt oder in mehr unregelmssiger Weise zu einem Netz unter einander verbunden sind. Auf der andern Seite kann die Zellwand an einzelnen Stellen, wo sie an eine Nachbarzelle stsst, verdnnt bleiben und so Tpfel oder Tpfelkanle erzeugen (Fig. 72 ), durch deren Vermittelung be- nachbarte Zellen Nahrungssubstanzen besser austauschen knnen. Auch in stofflicher Hinsicht kann die Zellwand bald nach ihrer ersten Anlage ihren Charakter in verschiedener Weise verndern, ent- weder durch Incrustation oder durch Verholzung oder durch V e r k r k u n g. Nicht selten werden in die Cellulose Kalksalze oder Kiesel- sure abgelagert, w^odurch die Membranen eine grssere Festigkeit und Hrte erhalten. Wenn solche Ptlanzentheile geglht werden, wird die Cellulose verkohlt und es bleibt an Stelle des Zellhautgerstes ein mehr oder minder vollstndiges Kalk- oder Kieselskelet zurck. Kalkablage- rung findet sich bei den Kalkalgen, bei Characeen, bei Cucurbitaceen, Verkieselung bei Diatomeen, bei Equisetaceen, bei Grsern etc. Durch die Verholzung erhalten die Zellmembranen gleichfalls eine bedeutend grssere Festigkeit. Hier ist der Cellulose noch eine andere Substanz, der Holzstoff (das Lignin und Vanillin) beigemengt. Derselbe lsst sich durch Kalilauge oder durch ein Gemisch von Sal- petersure und chlorsaures Kali auflsen und entfernen, worauf dann noch ein die Cellulosereaction darbietendes Gerst brig bleibt. Bei dem Process der Verkorkung ist mit der Cellulose Korkstoff oder S be rin in geringerer oder reichlicherer Menge verbunden. Hier- durch werden wieder die physikalischen Eigenschaften der Zellwand in der Weise verndert, dass sie fr Wasser undurchlssig wird. Da- her entwickeln sich denn verkorkte Zellen an der Oberflche vieler Pflanzenorgane, um die Wasserverdunstung zu verhten. III. Stoffwechsel und fonnative Thtigkeit. 137 Whrend es bei der Verkalkung und Verkieselung auf der Hand liegt, dass die Kalktlieilchen und die Kieseltheilchen durch Vermittelung des Protoplasma an Ort und Stelle geschafft und zwischen den Cellulose- theilchen abgelagert worden sind, wobei wieder niolecularen Bindungen eine Rolle zufallen wird, l)ieten sich fr das Zustandekommen der Ver- holzung und der Verkorkung zwei Mglichkeiten dar. P^ntweder ist der Holz- und Korkstoff in einer lslichen Modification durch Vermittelung des Protoplasma entstanden und gleich den Kalk- und Kieseltheilchen in die Cellulosemembran in unlslicher Modification eingelageit worden, oder beide Substanzen haben sich an Ort und Stelle durcli chemische Um- wandlung der Cellulose gebildet. Es ist dies wieder eine Angelegenheit, welche weniger der Morphologe mit seinen Untersuchungsmethoden, als vielmehr der physiologische Chemiker wird zu entscheiden haben. (Siehe S. 124.) Eine viel discutierte, sehr wichtige, aber nicht leicht zu entscheidende Frage ist das Wachsthum der Zell haut. Bei demselben haben wir ein Dicken- und ein Flchenwachsthum zu unterscheiden. Das bei seiner Entstehung kaum messbar feine Cellulosehutchen kann allmldich eine sehr bedeutende Dicke erreichen und sich hierbei aus immer zahl- reicheren Lamellen zusammensetzen, deren Zahl der Dicke proportional zunimmt. Das Allerwahrscheinlichste ist, dass vom Protoplasma Schicht "auf Schicht auf das zuerst abgeschiedene Hutchen neu abgelagert wird. Man nennt dies ein Wachsthum durch Apposition, im Gegensatz zu einer von Ngeli aufgestellten Theorie (V. 19), nach welcher das Wachsthum der Hute durch Intussusception vor sich gehen soll, das heisst: durch Einlagerung neuer Theilchen in Zwischenrume zwischen die bereits vorhandenen Theilchen. Fr die Appositionstheorie sprechen namentlich folgende drei Erscliei- nungen. 1) W^enn an der Innenflche einer Zellhaut sich leistenfrmige Verdickungen bilden, so werden flieselben schon vor ihrem Auftreten dadurch angedeutet, dass in dem Protoplasmaschlauch sich an den ent- sprechenden Stellen das Protoplasma in dickeren Bndern ansammelt und die Erscheinungen der Circulation darbietet. 2) Wenn durch Plas- molyse sich der Protoplasmakrper von der Zellhaut zurckgezogen hat, scheidet er auf seiner nackten Oberflche eine neue Cellulosemembran ab (Klebs IV. 14). Man kann die Plasmolyse rckgngig machen. Der sich durch Wasseraufnahme vergrssernde Zellkrper legt sich dann mit seiner neuen Haut der alten wieder dicht an und verbindet sich mit ihr. 3) Bei der Theilung von Pflanzenzellen lsst sich oft sehr deutlich er- kennen, wie jede Tochterzelle sich mit einer eigenen, neuen Hlle um- giebt, so dass dann innerhalb der alten Membran der Mutterzelle zwei neugebildete Membranen der Tochterzellen eingeschlossen sind. Grssere Schwierigkeiten bietet die Erklrung vom Flchenwachsthum der Membran. Dasselbe knnte durch zwei verschiedene Processe bewirkt werden, die entweder allein oder mit ein- ander combinirt Platz greifen knnten. Einmal knnte die Membran sich durch Dehnung vergrssern, wie ein Gummiball, den man aufblst. Zweitens aber knnte sie sich auch durch Intussusception, durch Auf- nahme neuer Cellulosetheilchen zwischen die alten, ausdehnen. Dafr, dass eine Dehnung der Zellhaut stattfindet, sprechen manche Erscheinungen. Schon der frher erwhnte Turgor der Zelle ruft eine solche hervor. Denn sowie eine Zelle der Plasmolyse ausgesetzt wird, schrumpft sie erst im Ganzen unter Wasseraustritt etwas zusammen, ehe 138 Fnftes Capitel. sich der Plasmaschlauch ablst, ein Zeichen, dass sie durch inneren Druck gedehnt war. Bei manchen Algen lsst sich beobachten, dass die zuerst gebildeten Celluloselamellen durch Dehnung schliesslich gesprengt und abgeworfen werden (Rivularien, Gloeocapsa, Schizochlamys gelati- nosa etc.). Jede Dehnung und Verkrzung niuss mit Verlagerung der kleinsten Theilchen verbunden sein , die sich hier mehr in der Flche, dort mehr in der Dicke anordnen. Dadurch bietet die Vergrsserung einer Membran durch Dehnung manche Berhrungsi)unkte mit dem Wachsthum durch Intussusception. Der Unterschied zwischen beiden Arten luft dann darauf hinaus, dass im ersten Fall schon von frher her vorhandene Cellulosetheilchen , im zweiten Fall neue, in Bildung begriffene Theilchen in die Flche ein- gelagert werden. Das Wachsthum durch Intussusception mchte ich nun nicht, wie es Strasburger frher gethan hat (V. 31), vollkommen in Abrede stellen, vielmehr erblicke ich in ihm neben der Apposition einen zweiten wich- tigen Factor bei der Membranbildung, allerdings nicht den einzigen Factor, wie es in der Theorie von Ngeli in dogmatischer Weise ange- nommen wird. Viele Erscheinungen des Zellenwachsthums lassen sich, wie es von Ngeli (V. 17 u. 19) geschehen ist, durch Intussusception am unge- zwungensten erklren , whrend die Appositionstheorie auf Schwierig- keiten stsst. Zerreissungen von Membranschichten durch Dehnung werden im Ganzen doch in sehr seltenen Fllen beobachtet. Trotzdem vergrssern sich fast alle Zellen von ihrer Anlage bis zum ausgewachsenen Zustand so bedeutend, dass die Dehnungsfhigkeit der Haut, welche bei Cellulose wohl berhaupt nicht als eine sehr grosse angenommen werden darf, bald berschritten werden msste. Viele Pflanzenzellen verlngern sich um das lOOfache, und manche um mehr als das 2000fache (Ohara). Manche Zellen zeigen eine sehr unregelmssige Form, deren Er- klrung sehr grosse Schwierigkeiten bereiten wrde, wenn die Zellhaut allein durch innere Dehnung, einer Kautschukblase vergleichbar, sich in der Flche vergrssern sollte Caulerpa, Acetabularia etc. sind, trotzdem sie einen einzigen Hohlraum enthalten, wie eine vielzellige Pflanze in Wurzeln, Stengel und Bltter gegliedert, von denen ein jeder Theil durch eigene Wachsthumsgesetze beherrscht wird. Manche Pflanzenzellen wachsen nur an bestimmten Stellen, entweder an der Spitze oder nahe der Basis oder entwickeln seitliche Ausstlpungen und Aeste. Andere erfahren beim Wachsthum complicirte Drehungen, wie die Internodien der Characeen. Endlich macht Ngeli noch fr ein Wachsthum durch Intussusception geltend, dass manche Membranen in der Flche und Dicke bedeutend zu- nehmen, nachdem sie durch Tlieilung des Protoplasmakrpers von diesem in Folge der Bildung von Specialmembranen um die Tochterzellen ge- trennt worden sind. Gloeocapsa und Gloeocystis treten zuerst als ein- fache Zellen mit dicker, gallertiger Membran auf. Die Zelle theilt sich in zwei, wovon jede wieder eine gleiche blasenfrmige Membran bildet; und so geht die Einschachtelung weiter." Die usserste Gallertblase muss in Folge dessen immer grsser werden. Ihr Volumen betrug bei einer Art in diesen successiven Entwicklungsstadien nach Berechnungen von Ngeli im Mittel 830 2442 5615 10209 Kubikmik. Bei einer andern Art war eine Verdickung der zuerst gebildeten Gallertmem- bran von 10 auf 60 Mik., also um das 6fache eingetreten. Bei Apiocystis III. Stofifwechsel und formative Thtigkeit. 139 sind die birnfrmigen Kolonien, die aus sehr weicher Gallerte mit einge- lagerten Zellen bestehen, von einer dichteren Membran nmhllt. Dieselbe nimmt mit dem Alter nicht bloss an Umfang, sondern auch an Mchtig- keit zu; denn bei kleineren Kolonien ist sie bloss 3 Mik., bei den grossen bis 45 Mik. dick ; an jenen betrgt die Oberflche etwa 27 000, an diesen etwa 1500000 Quadrat-Mik.-Mill. Die Dicke der Hlle nimmt also von 1 auf 15, der Flcheninhalt von 1 auf 56, und der Kubikinhalt von 1 auf 833 zu. Von einer Apposition auf der inneren Seite dieser Hlle kann keine Rede sein; denn ihre innere glatte Flche wird von den kleinen, kugeligen Zellen entweder gar nicht oder nur an einzelnen wenigen Stellen berhrt." In allen diesen Fllen muss ich dem Ausspruch von Ngeli zu- stimmen, dass wir hier auf Un Wahrscheinlichkeiten stossen, wenn wir das Flch enwachsthum der Zellenmembran bloss aus der Auflagerung von neuen Schichten erklren wollen, whrend die oben namhaft gemachten Erscheinungen (Aenderung der Gestalt und Richtung, ungleiches Wachsthum der Theile, Drehung) sich durch In tussusception auf die einfachste und leich- teste Art nachweisen lassen. Alles hngt davon ab, dass die neuen T heilchen zwischen die schon vorhandenen an bestimmten Stellen, in bestimmter Menge und in be- stimmter Richtung eingelagert werden." Der Process der Intussusception selbst ist vollends nicht in Abrede zu stellen, wo Kalk- oder Kieselsalze in die Membran abgelagert sind, da dies meist erst nachtrglich und oft nur in den oberflchlichen Schichten geschieht. Dass in hnlicher Weise nicht auch Cellulosetheilchen sollten eingelagert werden knnen, wrde als unmglich nur dann erwiesen sein, wenn gezeigt wre, dass Cellulose in der That nur durch directe Umwandlung von Protoplasmaschichten gebildet wird. Dies ist aber doch nichts weniger als erwiesen, und wird der Pflanzenanatom es wahr- scheinlich durch mikroskopische Beobachtung allein berhaupt nicht fest- stellen knnen, sondern nur mit Hlfe einer weit fortgeschrittenen Mikrochemie, Verhltnisse, ber welche das auf Seite 123124 Gesagte zu vergleichen ist. Bei Bercksichtigung der dort gegebenen Darlegungen wird man berhaupt finden , dass bei gewissen Bedingungen der Cellulosebildung zwischen Apposition und Intussusception gar nicht der schroffe Gegensatz besteht, wie er von mancher Seite herausgekehrt wird. Cuticulargebilde sind hautartige Absonderungen, mit welchen sich eine Zelle anstatt allseitig nur einseitig an ihrer nach Aussen gekehrten Oberflche bedeckt. Im Thierreich sind hufig die Zellen, welche die Oberflche des Krpers einnehmen oder die Innenflche des Darmkanals auskleiden, mit einer Cuticula versehen, welche das darunter gelegene Protoplasma gegen die schdlichen Einflsse der um- gebenden Medien schtzt. Die Cuticula ist gewhnlich aus dnnen Lamellen gebildet und ausserdem von feinen, parallel verlaufenden Poren durchsetzt, in welche vom darunter gelegenen Protoplasma zarte Fdchen eindringen. Als Cuticulargebilde eigenthmlicher Art, welche zugleich eine sehr ausgesprochene Schichtung aufweisen, sind auch die Aussenglieder der Stbchen und Zapfen in der Netzhaut anzufhren. C ut i c u 1 a r e A b s ch e i d u n g e n m e m b r a n a r t i g a n g e r d n et e r Zellen verschmelzen sehr hufig unter einander und stellen 140 Fnftes Capitel. dann ausgedehnte Hute dar (Fig. 73), welche namentlich bei Wrmern und Arthropoden der ganzen Oberflche des Krpers zum Schutz dienen. Dieselben bestehen meist aus Chitin, einem Stoff, welcher nur in kochender Schwefelsure lslich ist. In ihrer feinen Structur zeigen sie grosse Uebereinstimmung mit den Cellulosemembranen, nm- lich eine Schichtung, welche auf ein Wachsthum durch Apposition neuer Lamellen an der Innenseite der zuerst gebildeten hinweist. Zeitweise werden die alten Chitinhute gesprengt und abgeworfen, nachdem sich unter ihnen eine jngere, weichere Haut zum Ersatz gebildet hat, ein Vorgang, der als Hutung bezeichnet wird. Zur Ver- strkung der Chitinhaut knnen Kalksalze auf dem Wege der Intussus- ception in sie abgelagert werden. Fig. 73. Fiff. 74. Aus Fig. 73. Epithel mit Cuticula einer Blattwespe. (Cimbex coronatus.) R. Hertwig Fig. 24 f. c Cuticula. e Epithel. Fig. 74. Knorpel (nach Gegenbar). G Knorpeloberhaut, b ebergang zum typi.scheu Knorpel a. Inte rcellular Substanzen endlich entstehen, wenn eine grssere Anzahl von Zellen an ihrer ganzen Obei-flche feste Stoffe ausscheidet, ihre Abscheidungsproducte aber sich nicht, wie die Zellmembranen, getrennt erhalten, sondern unter einander zu einer zusammenhngenden Masse verschmelzen, in welcher man nicht erkennen kann, was von der einen, was von der anderen Zelle abstammt (Fig. 74). Die Gewebe mit Intercellularsubstanzen sind daher nicht in einzelne Zellen, wie ein Stck Pflanzengewebe, zerlegbar. In der continuirlichen Grundsubstanz, welche aus sehr verschiedenen chemischen Stoffen (Mucin , Chondrin, Glutin, Ossein, Elastin, Tunicin, Chitin etc.) bestehen kann, welche ferner bald homogen , bald faserig aussieht , sind kleine Hhlen vorhanden, in welchen die Protoplasmakrper eingeschlossen sind. Da der die Hhle umgebende Bezirk der Intercellularsubstanz am meisten unter dem Ein- fluss des in ihr gelegenen Protoplasmakrpers stehen wird, nannte ihn Virchow (I. 33) ein Zellenterritorium. Dasselbe ist aber in der Natur, wie gesagt, von den Nachbarterritorien nicht abgegrenzt. Unter den Zellproducten, die ihrer Lage nach bald mehr als ussere, bald mehr als innere aufgefasst werden knnen, sind endlich noch die Muskel- und Nervenfibrillen zu nennen. Selbst aus Protein- substanzen autgebaut, stehen sie in stofflicher Hinsicht dem Protoplasma am nchsten, lassen sich aber den bisher besprochenen Bildungen inso- III. Stoffweclisel und formative Thti^keit. 141 fern anreihen, als sie von ihm deutlich gesondert sind, als eigenartige Theile sich darstellen lassen und nur eine ganz sjiecifische Function im Zellenleben auszuben vermgen. Wegen ihrer feineren Structur ist auf das zweite Buch, die Gewebe, zu verweisen. Literatur. V. 1) Baumann.. TIeher den von 0. Ltv und Th. Bokorny erbrachten Nachweis von der chemischen Ursache des Lebens. Fgers Archiv. Bd. XXIX. 1882. Bunge. Zehrbuch der physiologischen und pathologischen Chemie. Leipzig 1889. Engelmann. JVeue Methode zur Untersuchung der Sauer stoffausschddung pflanzlicher und thierischer Organismen. Botan. Zeitung. 1881. Haeckel. Die Eadiolarien. 1862, Derselbe. Generelle Morphologie. Hess. Untersuchungen zur I'hagoeyf entehre. Vtrchow's Archiv. Bd. 109. Langhans. Beobachtungen ber Resorption der Extravasate und Pigmentbildung in denselben. Virchotvs Archiv. 1870. Bd^49. Low u. Bokorny. Die chemische Ursache des Lebens. Mnchen 1881. Marchand. Uebsr die Bildungsweise der Eiesenzellen um Fremdkrper. Vtrchow's Archiv. 1883. Bd. 9o. Arthur Meyer. Ueber die Structur der Strkekrner. Botan. Zeitung. 1881. Derselbe. Ueber Krystcdloide der Trophoplasten und ber die Chromoplasten der Angiospermen. Botan. Zeitimg. 1883. Derselbe. Das Chlnrophyllkorn in chemischer, morphologischer und biologischer Be- ziehung. Leipzig 1883. MetsehnikoflF. Untersuchungen Hier die intracelltilare Verdauung bei wirbellosen Thieren. Arbeiten des zoologischen Instituts in Wien. Bd. V. Heft 2. Derselbe. Ueber die Beziehung der Phagocyten zu Milzbrandbacillen. Archiv fr patholcg. Anatomie u. Physiologie. Bd. 96 u. 97. 1884. Derselbe. Ueber den Kampf der Zellen gegen Prysipelkokken. Ein Beitrag zur Phago- cytenleJire. Archiv f. patholog. Anatomie u. Physiologie. Bd. 107. Derselbe. Ueber den Phagocytenkampf bei RckfalUypltus. Virchow's Archiv. Bd. 109. Ngeli. 1) Primordialschlauch. 2) Diosmose der Pflanzenzelle. Pflanzenphysiologische Untersuchungen. 1855. Derselbe. Die Strkekrner. Pflanzenphysiologische Untersuchungen. 2. Heft. 1858. Derselbe. Theorie der Ghrung. 1879. Derselbe. Ueber den inneren Bau der vegetabilischen Zellenmernbran. Sitzungsber. der bairischen Akademie. Bd. I u. II. 1864. Derselbe. Das TVachsfhum der Strkekrner durch Intussusception. Botan. Zeitung. 1881. Derselbe. Ern-'ihrung der niederen Pilze durch Kohlenstoff- u. Stiekstoffverbindungen. Untersuch, ber niedere Pilze aus dem pjlanzenphysiolog. Institut in Mnchen. 1882. 22a) W. Pfeffer. Ueber intramolecularc Athmung. Untersuchungen aus dem botan. Institut zu Tbingen. Bd. I. 22b) Derselbe. Ueber Aufnahme von Anilinfarben in lebende Zellen. Untersuchungen aus dem botan. Institut zti Tbingen. Bd. II. 23) Derselbe. Pflanzenphysiologie. 1881. 24) Derselbe. 1) Ueber Aufnahme und Ausgabe ungelster Krper. 2) Zur Kenntniss der Plasmahaut und der Vacuolen nebst Bemerkungen ber den Aggregatzustand des Protoplasmas u. ber osmotische Vorgnge. Abhandl. der Mathemat. physik. Classe d. kgl. Sachs. Gesellsch. d. Wissenschaft. Bd. XVI. 1890. 25) Pflger. Ueber die physiolog. Verbrennung in den lebendigen Organismen. Archiv f. Physiologie. Bd. X. 1875. 26) Derselbe. Ueber Wrme und Oxydation der lebendigen Materie. Pflger' a Archiv. Bd. XVIIL 1878. 27) W. Schimper. Untersuchungen ber das Wachsthum der Strkekrner. Botan. Zeitung. 1881. 28) Derselbe. Ueber die Entwickelung der Chlorophyllkrner und Farbkrper. Botan. Zeitung. 1883. 5 6 7 8, 9 10 11 12 13 14; 15 16 17 18 19; 20 21 142 Fnftes Capitel. Stoffwechsel und formative Thtigkeit. 29) Fr. Schmitz. Die ChromatopJwren der Algen. Vergleichende Untersuch, ber Bau und J-Aitwickeluvg der Chlorophyllkrper und der analogen Farbstoffkrper der Algen. Bonn 78S:>. oO) Sehtzenberger. Die Ghrungserscheinungen. 187G. 31) Strasburger. Ueber den Bau und das Wachsthuni der Zellhute. Jena 1882. 32) Derselbe. Uebcr das Wachsthum vegetabilischer Zellhute. Histologische Beitrge. Heft 2. 1889. 33) Derselbe. Das botanische Practiciim. 34) A. Weiss. Ueber spontane Bewegungen und Formnderungen von Farbstoffkrpern. Sitzungsber. d. kgl. ylkadetnie d. Wissensch. zu Wien. Bd. XC. 1884. 35) Hugo de Vries. Flasmolgtische Studien ber die Wand der Vacuolen. Pringsh. Jahrb. f. toissensch. Botanik. Bd. 1(1. 1885. 36) Der selb e. Untersuch, ber die tnechanischen Ursachen der Zellstreckung. 1877. 37) Went. Die J'ermehrung der normalen Vaeuolen durch Theilung. Jahrb. f. wissensch. Botanik. Bd. 19. 1888. 38) Jul. Wortmann. Ueber die Beziehungen der intramolecularen u. normalen Athmung d(r Panzen. Arbeiten des botanischen Distituts zu Wrzburg. Bd. FI. 1879. 39) Wiesner. Die Element arstmctur u. das Wachsthtcm der lebenden Substanz. 1892. 40) Richard Hertw^ig. Die Radiolarien. 41) Ehrlich. Ueber die Metliyknblaureaction der lebenden Nervensubstanz. Biologisches Centralblatt. Yid. VL 1887. 42) E. Heidenhain. Physiologie der Absonderungsvorgnge. Handbuch der Physiologie. Bd. r. 43) Max Sehultze. Fin reizbarer Objecttisch u. seine Verivendung bei Untersuchungen des Blutes. Archiv f. mikrosk. Anatomie. Bd. I. 44) Oscar Sehultze. Die vitale Methylenblaureaetion der Zellgranula. Anat. Anzeiger 1887. pag. 684. 45) Camillo Schneider. Histologie von Hydra fusca mit besonderer Bercksichtigung des Nervensystems der Hydropolypen. Archiv f. mikrosk. Anatomie. Bd. XXXV. 46) Hugo de Vries. Intracellulare Pangenesis. Jena 1889. SECHSTES CAPITEL. Die Lebenseigenscliaften der Zelle. lY. Die Fortpflanzung der Zelle auf dem Wege der Theilung. Eine der wiclitigsten Eigenschaften der Zelle, insofern auf ihr die Erhaltung des Lebens berhaupt beruht, ist ihre Fhigkeit, neue Gebilde ihres Gleichen' zu erzeugen und so zur Vervielfltigung des Lebens den Grund zu legen. Wie durch zahllose Beobachtungen immer sicherer gezeigt worden ist, entstehen neue Elementarorganismen nur in der Weise, dass Mutterzellen auf dem Wege der Selbsttheilung in zwei oder mehr Tochterzellen zerlegt werden. (Omnis cellula e cellula.) Dieser fr die Erkeuntniss des Lebens gnindlegende Satz ist nach mhsamer Arbeit auf mannigfachen Umwegen und nach vielfachen Irrungen erreicht worden. I. Grescliichte der Zelleiieiitstehung. Schon Schieiden und Schwann (L 28, 31) legten sich bei Ausarbeitung ihrer Theorieen die sich naturgerass aufdrngende Frage vor: In welcher Weise entstehen die Zellen? Ihre Antwort, die sie auf Grund sehr lckenhafter und ungenauer Beobachtunen oai^en, war eine verfehlte; sie Hessen die Zellen, die sie mit Vorliebe Krystallen verglichen, sich wie Krystalle in einer Mutterlauge bilden. Die Flssigkeit im Innern einer Pflanzenzelle bezeichnete Schieiden als Cytoblastem, als Keim- stoff, als eine Art Mutterlauge. In dieser sollten junge Zellen dadurch entstehen, dass sich zuerst ein festes Krnchen bildet, der Nucleolus des Kerns, dass darauf um dasselbe sich eine Substanzschicht niederschlgt und indem Flssigkeit zwischen beide dringt, zur Kernmembran wird. Der Kern ist wieder der Organisationsmittelpunkt fr die Zelle, daher er auch Cy tob last genannt wird. Es wiederholt sich derselbe Process, wie bei der Bildung des Kerns um den Nucleolus. Der Cytoblast um- giebt sich mit einer durch Niederschlag aus dem Zellsaft entstandenen Membran, welche ihm anfangs dicht aufliegt, dann aber sich von ihm entfernt, indem wieder Flssigkeit zwischen beide eindringt. Schwann (I. 31) adoptirte die Schleiden'sche Theorie, verfiel aber dabei in einen zweiten, noch grsseren Irrthum. Er Hess nmlich die jungen Zellen sich nicht allein im Innern von Mutterzellen entwickeln, 144 Sechstes Capitel. wie es Schleiden that, sondern auch ausserhalb derselben in einem organischen Stoff, welcher bei den Thieren als Intercellularsubstanz zwischen vielen Zellen vorgefunden wird und welchen er ebenfalls als Cytoblasteni bezeichnete. Schwann lehrte also freie Zellbildung sowohl innerhalb als ausserhalb von Mutterzellen, eine wahre Urzeugung von Zellen aus formlosem Keimstoff. Das waren schwere, fundamentale Irrthmer, von denen sich am raschesten die Botaniker losgesagt haben. Durch Mohl (VI. 47), Unger und besonders durch die vorzglichen Untersuchungen Ngeli's (VI. 48) konnte schon im Jahre 184G ein allgemeines Gesetz formulirt werden. Nach diesem Gesetz bilden sich neue Pflanzenzellen stets nur aus bereits vorhandenen, und zwar in der Weise, dass Mutterzellen durch einen Theilungsakt, wie ihn Mohl zuerst beobachtet hat, in zwei oder mehrere T och terzeilen zerfallen. Viel hartnckiger hat sich die Lehre von der Urzeugung von Zellen aus einem Cytoblasteni in der thierischen Gewebelehre, namentlich auf dem Gebiete der pathologischen Anatomie, erhalten, wo die Ge- schwulst- und Eiterbildung auf sie zurckgefhrt wurde. Erst nach manchen Irrwegen und durch die Bemhungen von vielen Forschern, ins- besondere von Klliker (VI. 44. 45), Reichert (VI. 58. 59) und Remak (VI. 60. 61), wurde auch hier mehr Klarheit in die Frage der Zellen- genese gebracht und zuletzt noch der Cytoblastemlehre das Schlagwort Omnis cellula e cellula" durch Virchow (I. 33) entgegengestellt. Wie bei den Pflanzen existirt auch bei den Thieren kerne Urzeugung von Zellen. Die vielen Milliarden von Zellen, aus denen z. B. der erwachsene Krper eines Wirbelthieres l)esteht, sind insgesammt hervor- gegangen aus der unendlich oft wiederholten Theilung einer Zelle, des Eies, mit welchem das Leben eines jeden Thieres l)eginnt. Ueber die Bolle , welche der Kern bei der Zelltheilung spielt, gelang es den lteren Histologen nicht, zur Klarheit zu gelangen. Mehrere Jahrzehnte lang standen sich zwei Ansichten gegenber, von denen bald die eine, bald die andere zeitweilig zu einer grsseren All- gemeingeltung gelangt ist. Nach der einen Ansicht (die meisten Bota- niker, Reichert (VI. 58), Auerbach (VI. 2a etc.) soll der Kern vor j e d e r T h e i 1 u ng verschwinden und s i c h a u f 1 s e n , um in jeder Tochterzelle wieder von Neuem gebildet zu werden; nach der andern Ansicht dagegen (C. E. v. Baer, Joh. Mller, Remak VI. 60, Leydig, Gegenbaur, Haeckel V. 4b, van Beneden etc.) soll der Kern in den Theilungsprocess activ eingreifen, noch vor Beginn desselben soll er sich strecken und der sptem Theilungseben e ent- sprechend einschnren und in zwei Hlften zerfallen, welche nach entgegengesetzter Richtung etwas auseinanderweichen. Dann soll sich auch der Zellkrjjer selbst einschnren und in zwei Stcke trennen, fr welche die beiden Tochterkerne Attractionscentren darstellen. Jede dieser diametral entgegengesetzten Ansichten enthielt ein kleines Stck Wahrheit, keine entsprach dem wirklichen Vorgang, der den lteren Histologen zum Theil wegen " der von ihnen angewandten Untersuchungsmethoden verborgen blieb. Erst 'in den letzten zwei Jahrzehnten ist die Erkenntniss des Zellenlebens durch die Erforschung der hochinteressanten Kernstructuren und Kernmetamorphosen bei der Zelltheilung durch Schneider VI. 66, Fol VI. 18. 19, Auerbach VI. 2 a, Biitschli VI. 81, Strasburger VI. 7173, 0. u. R. Hertwig VI. 3038, IV. Die Fortpflanzung der Zelle auf dem Wege der Theilung. 145 Flemming VI. 1317, van Beneden VI. 4 a, 4 b, Rabl VI. 53, Boveri VI. 6, 7 in eingreifender Weise gefrdert worden. Ihre Untersuchungen, auf die ich in diesem Absclinitt noch fters zurckkommen werde, haben zu dem allgemeinen Resultat gefhrt, dass der Kern ein permanentes Organ der Zelle ist, welchem eine sehr wichtige und namentlich bei der Theilung sich ussernde Aufgabe im Zellenleben zugefallen ist. Wie eine Zelle ni cht durch Urzeugung entsteht, sondern direct auf dem Wege der Theilung von einer andern Zelle her- vorgeht, sobildetsichauch der Kern niemals neu, sondern stammt immer von Substanz theilen eines andern Kernes ab. Das Schlagwort Omnis cellula e cellula" findet eine Ergnzung durch den Zusatz Omnis nucleus e nucleo". (Flemming VI. 12.) Nach dieser historischen Einleitung wollen wir zuerst die Ver- nderungen, von denen der Kern bei der Theilung betroffen wird, als- dann die verschiedenen Arten der Zellvermehrung nher in das Auge fassen. II. Der Process der Keriitlieilung und die yerschiedenen Arten desselben. Bei jeder Vermehrung der Zellen spielen ihre Kerne eine Haupt- rolle und fesseln in erster Linie das Interesse des Beobachters. Je nach den Vernderungen, die sie hierbei erleiden, unterscheidet man drei Arten der Kernvermehrung, die indirecte oder Kernsegmentirung , die directe (Flemming) oder Kernzerschnrung und die endogene Kern- bildung. 1) Die Kernsegmentirung. ]\Iitose (Flemming). Karyokinese (Schleicher). Dieselbe verluft unter sehr complicirten und gesetzmssigen Er- scheinungen, welche bei Thieren und Pflanzen und sogar bei vielen Protozoen in ganz auffallender Weise unter einander bereinstimmen. Das Wesentliche des Processes besteht darin, dass die im ruhenden Kern vorhandenen, verschiedenen chemischen Substanzen (siehe Seite 34) sich schrfer voneinander trennen, typische Umlagerungen eingehen und unter Auflsung der Kernmembran mit dem Protoplasmakrper in eine nhere Wechselbeziehung treten. Besonders fllt hierbei die gesetz- mssige Anordnung des Jsucleins in die Augen; auch ist dieselbe in ihren Einzelheiten bisher am genauesten und sichersten verfolgt worden, whrend betrejffs des Schicksals der brigen Kernsubstanzen noch Manches in Dunkel gehllt ist. Die ganze Nucleinmenge des Kerns wandelt sich bei der Theilung in eine fr jede Thierart constante Anzahl von feinen Fadenabschnitten um, welche untereinander nahezu gleich lang, meist gekrmmt und nach den einzelnen Thier- und Pflanzenarten von abweichender Form und Grsse sind ; bald sehen sie wie Schleifen, wie Haken, wie Stbchen oder, wenn sie sehr klein sind, wie Krner aus. Waldeyer (VI. 76) hat fr die Fadenabschnitte aus Nuclein die allgemein zutreff"ende Bezeichnung Chromosomen vorgeschlagen. Ich werde gewhnlich fr dieselben das bequemere und ebenso fr alle einzelnen Flle passende Wort Kernsegmente" gebrauchen. Das Wort drckt zugleich das Wesentliche der indirecten Theilung aus, welches doch hauptschlich darin besteht, dass das Nuclein in Segmente H e r t w i g , Die Zelle und die Gewebe. 10 146 Sechstes Capitel. zerlegt wird. Desswegen scheint mir auch das Wort Keru- segmentirung" dem lngeren und weniger bezeichnenden Ausdruck indirecte Kerntheilung" oder den fr Nichtfachmnner unverstndlichen Fremdwrtern Mitose und Karyokinese" vorzuziehen zu sein. Im Verlaufe der Theilung zerfallen die Kernsegmente durch eine Lngsspaltung in je zwei, eine Zeit lang [jarallel verlaufende und noch eng verbundene T o c h t e r s e g m e n t e. Dieselben weichen dann in zwei Gruppen auseinander und werden in gleicher Zahl auf die Tochterzellen vertheilt, wo sie die Grundlage fr die blschenfrmigen Kerne derselben bilden. Fr den Process der Kernsegmentirung ist ferner charakteristisch 1) das Auftreten zweier Pole, welche allen Zellbestandtheilen als Mittelpunkte fr ihre Anordnung dienen; 2) die Ausbildung der sogenannten Kernspindel; 3) die strahlige Anordnung des Pr to p 1 a s m a s um die beiden Pole. Was die beiden Theilung spole anbetrifft, so erscheinen dieselben schon frh am blschenfrmigen Kern zu einer Zeit, wo seine Membran noch nicht aufgelst ist und zwar in dem an die letztere unmittelbar angrenzenden Protoplasma. Sie liegen zu dieser Zeit dicht bei einander und bestehen aus zwei ausserordentlich kleinen Kgelchen einer schwer frbbaren Substanz, die vielleicht von Substanztheilen des Nucleolus ab- stammt. Die Kgelchen sind die schon frher beschriebenen Pol- oder Centralkrperchen (corpuscules polaires, Ceutrosomen). Spter rcken sie allmhlich, indem sie um die Kernobei-flche einen Halbkreis beschreiben, weiter auseinander, bis sie die entgegengesetzten Enden des Kerndurchmessers einnehmen. Zwischen den Polkrperchen bildet sich die Kernspindel aus. Sie besteht aus zahlreichen, sehr feinen, parallel angeordneten Spindel- fserchen, die wahrscheinlich vom Liningerst des ruhenden Kerns ab- stammen. In ihrer Mitte liegen sie etwas weiter auseinander, whrend sie mit ihren Enden nach den Polen zu convergiren, wodurch das Bndel der Fserchen mehr oder minder die Form einer Spindel erhlt. Die Spindel wird erst klein angelegt, wenn die Polkrperchen ausein- ander zu weichen beginnen, und ist dann schwer als ein dieselbe ver- bindender Substanzstreifen sichtbar zu machen. Mit zunehmender Ent- fernung der Pole wchst sie gleichfalls an Grsse heran und hebt sich dabei schrfer von ihrer Umgebung ab. Um die Pole der Kernfigiir beginnt sich auch der Protoplasmakrper der Zelle in einer Weise anzuordnen, als ob von ersteren gleichsam eine polare Wirkung ausgebt wrde. Es entsteht eine Figur wie um die Enden eines Magneten, die in Eisenfeilsphne eingetaucht sind. Das Protoplasma bildet zahlreiche, feine Fden, welche sich in radirer Richtung um die Polkrperchen als Mittelpunkte oder Attractionscentren herum gTuppiren. Erst sind sie kurz und auf die allernchste Umgebung -der Attractionscentren beschrnkt. Whrend des Verlaufs des Theilungs- processes aber werden sie immer lnger, bis sie sich endlich durch den ganzen Zellkrper erstrecken. Die Protoplasmafigur um die Pole wird in der Literatur als Plasmastrahlung, Strahlenfigur, Stern, Sonne, wobei die Fden den von einem Himmelskrper ausgehenden Lichtstrahlen verglichen werden, Attractionssphre etc. beschrieben. Das sind kurz die verschiedenartigen Elemente, aus denen sich die Kern- theilungsfiguren zusammensetzen. Polkrperchen, Spindel und die beiden Plasmastrahlungen werden von Flemming als der ac h r o m a t i s cli e T h e i 1 lY. Die Fortpflanzung der Zelle auf dem Wege der Theilung. 147 der Keriitheilungsfigur zusainmengefasst und den verschiedenen Bildern, die durch Umordnung des Nucleins entstehen und den chroma- tischen Theil der Figur bilden, gegenber gestellt. Alle einzelnen Bestandtheile der gesammten Theilungsfigur ndern sich durch Uiugruppirung ihrer Elemente im Verlauf des ganzen Processes in gesetzmssiger Weise. Um sich besser zu orientiren, empfiehlt es sich, vier verschiedene Phasen zu unterscheiden, die sich berall in regelmssiger Folge ablsen. Die erste Phase besteht in der Vorbereitung des ruhenden Kerns zur Theilung und fhrt zur Bildung der Kernsegmente, der Kerapole und der ersten Anlage der Spindel. In der zweiten Phase gruppiren sich die Kernsegmente nach Auflsung der Kernmembran zu einer regel- mssigen Figur in der Mitte zwischen beiden Polen im Aequator der Spindel. In der dritten Phase vertheilen sich die Tochtersegmente, welche aus Lngsspaltung der Muttersegmente schon in einer der vor- ausgegangenen Phasen entstanden sind, auf zwei Gruppen, die sich vom Aequator in entgegengesetzten Richtungen entfernen und bis in die Nhe der Kernpole auseinander weichen. Die vierte Phase fhrt zur Reconstruction blschenfrmiger, ruhender Tochterkerne aus den zwei Gruppen der Tochtersegmente und zur Theilung des Zellkrpers in zwei Tochterzellen. Nach dieser allgemeinen Orientirung soll der Verlauf der Zelltheilung an einzelnen Beispielen in seinen Einzelheiten genauer beschrieben wer- den, dann soll zum Schluss in einem besonderen Abschnitt noch auf einzelne strittige Punkte nher eingegangen werden. Im Thierreich sind die zum Studium geeignetesten und am hufigsten untersuchten Objecte die Gewebszellen junger Larven von Salamandra maculata und von Triton, die Samenzellen geschlechtsreifer Thiere, ferner die Furchungskugeln kleiner, durchsichtiger Eier, namentlich von Nema- toden (Ascaris megalocephala) und von Echinodermen (Toxopneustes lividus). Im Pflanzenreich empfiehlt sich zur Untersuchung der protoplasmatische Wandbeleg aus dem Embryosack, namentlich von Fritillaria imperialis, die Entwicklung der Pollenzellen von Liliaceen etc. a) Zelltheilung bei Salamandra maculata unter Zu- grundelegung der Theilung der Samenmutterzellen. (Flemming VI. 13.) Erste Phase. Vorbereitung des Kerns zur Theilung. , Bei Salamandra maculata gehen Vernderungen am ruhenden Kern schon geraume Zeit vor Beginn der Theilung vor sich. Die berall auf dem Liningerst vertheilten Nuclemkrnchen (Fig. 75 A) rcken an einzelnen Stellen dichter aneinander und ordnen sich zu gewundenen feinen Fden an, die mit kleinen Zckchen und Hckern liedeckt sind. Von diesen entspringen unter rechtem Winkel zahlreiche feinste Fserchen, die nun sichtbar werdenden Strecken des Liningerstes, von deren Ober- flche sich das Nuclein zurckgezogen hat. Spter werden die Nucleinfden noch deutlicher ausgeprgt und nehmen, indem die Zckchen und Hcker schwinden, eine vollkommen glatte Obei-flche (Fig. 75 B) an. Da sie nach allen Richtungen den Kernraum in Windungen durchsetzen, erzeugen sie eine Figur, welche Flemming die Knuelform (Spirem) bezeichnet hat. Viel dichter als in den Samenzellen ist der Knuel in den Epithelzellen 10* 148 Sechstes Capitel. von Salaniaiidra, in denen der Faden zugleich auch viel feiner und lnger ist (Fig. 76). Darber, ob Anfangs der Knuel aus einem einziuen, langen Faden oder gleich aus einer grsseren Anzahl von solchen besteht, lauten die Angaben verschieden. Letzteres scheint mir mit Rabl (VI. 53) das Wahrscheinlichere zu sein. A Fig. 75. S;^;&fti#^ Fig. 76. Fig. 75. A Ruhender Kern einer Samenmutterzelle von Salamandra maculata. Nach Flemming Taf. 23, Fig. 1. Aus Hatschek. Kern einer Samenmutterzelle von Salamandra maculata. Knuelstadium. Der Kernfaden zeigt schon eine Lngsspaltung. Schema nach Flemming Taf. 26, Fig. 1. Aus Hatschek. Fig. 76. Epithelkern im Anfang der Theilung von der Mundboden- platte des Kiemengerstes einer Salamanderlarve. Enge Knuelform. Zwei Nucleolenreste noch erhalten. Nach Flemming. In der Frbbarkeit tritt gegen frher ein auffallender Unterschied ein. Je deutlicher und schrfer die Fden ausgeprgt werden, um so strker frben sie sich und um so energischer halten sie auch den Farb- stoff fest, wie dies beim Gerst des ruhenden Kernes nicht der Fall ist. Besonders bei Anwendung der Graham'schen Frbungsmethode lsst es sich erreichen, dass die ruhenden Kerne allen Farbstoff abgeben, whrend die in Vorbereitung zur Theilung begriffenen und die sich theilenden Kerne allein durch ihre starke Frbung die Aufmerksamkeit des Be- obachters auf sich ziehen. In den Anfangsstadien der Knuelbildung sind die Nucleolen noch vorhanden, verkleinern sich aber allmhlich und sind bald spurlos ver- schwunden, ohne dass es bis jetzt gelungen ist, ganz sicher zu erforschen, was aus ihrer Substanz geworden ist. Whrend der Ausbildung des Knuels kann man bei sorgsamer Beobachtung an der Oberflche des Kerns eine kleine Stelle erkennen, welche whrend des weiteren Processes sich immer deutlicher markirt und von Rabl als Polfeld bezeichnet wird (Fig. 77). Die ihr vis--vis gelegene Oberflche des Kerns ist die Gegenpolseite. Nach ihnen beginnen sich die Nucleinfden immer deutlicher zu orientiren. Von der Gegenpolseite kommend, ziehen sie bis in die Nhe des Polfeldes, biegen hier schleifenfrmig um und kehren dann wieder in vielen IV. Die Fortpflanzung der Zelle auf dem Wege der Theilung. 149 kleinen, unregelmssigen, zackigen Windungen in die Nhe ihres Aus- gangspunktes zurck". Im weiteren Verlauf werden die Fden krzer und entsprechend dicker, sie sind weniger gewunden, und rcken etwas weiter auseinander, so dass jetzt der ganze Fadenknuel viel lockerer geworden ist. Ihre Schleifenform tritt immer deutlicher hervor. Die Gesammtzahl der Schleifen oder Kernsegmente lsst sich in gnstigen Fllen auf 24 bestimmen, eine Zahl, welche fr die Gewebszellen und die Ursamenzeilen von Salamandra und Triton gesetzmssig ist. Gleichzeitig haben sich im Polfeld wichtige Gebilde der Kernfigur, die beiden Polkrperchen und die Spindel , angelegt. Dieselben sind auf diesem Stadium wegen ihrer geringen Frbbarkeit, ihrer Kleinheit und Zartheit schwer sichtbar zu machen, da sie schon durch Krnchen, die sich im Protoplasma in ihrer Umgebung ansammeln, mehr oder minder verdeckt werden knnen. Nach Flemming und Hermann lassen sich an gelungenen Prparaten zwei dicht bei einander gelegene Pol- krperchen beobachten, welche wahrscheinlich durch Theilung eines ursprnglich einfachen Kgelchens ihren Ursprung genommen haben. Zwischen ihnen tritt in Form verbindender Fden die erste Anlage der spteren Spindel auf. Zweite Phase-^er Theilung. Der Beginn der zweiten Phase lsst sich am besten wohl von der Zeit an rechnen, wo die Kernmembran undeutlich wird und sich auflst. In- dem der Kernsaft sich gleichmssig im Zellkrper vertheilt, kommen die Kernsegmente jetzt mitten in das Protoplasma zu liegen (Fig. 78). In Fig. 77. Fig. 78. Fig. 77. Sehematisehe Darstellung eines Kerns mit dem Polfeld, in welchem zwei Polkrperehen und die Spindel entstehen. Nach Flemming Taf. 39, Fig. 37. Fig. 78. Kern einer Samenmutterzelle von Salamandra maculata in Vorbereitung zur Theilung. Anlage der Spindel zwischen den beiden Polkrperchen. Nach Hermann (VI. 29) Taf. 31, Fig. 7. ihrer Nhe befinden sich die beiden Polkrperchen, die jetzt weiter aus- einander rcken. In demselben Maasse nimmt zwischen ihnen die Spindel an lge an Ausdehnung und Deutlichkeit zu und zeigt sich aus zahlreichen, feinsten Fserchen zusammengesetzt, die sich continuirlich von einem Polkrperchen zum andern erstrecken, wie die von Hermann dargestellten Prparate so schn zeigen. Jetzt beginnt auch von den 150 Sechstes Capitel. Polen der Kernfigur sich ein Einfluss auf das umgel)ende Protoplasma geltend zu machen. Zahlreiche Protoplasmafdchen gruppiren sich in radirer Richtung um je ein Polkrperchen als Mittelpunkt herum und zwar so, dass sie vorzugsweise nach der Gegend, wo die Kernsegmente liegen, ausstrahlen und sich an ihrer Oberflche anzusetzen scheinen. Rasch vergrssert sich von hier an die Spindel, bis sie die ansehnlichen Dimensionen der Figur 79 erreicht hat. Whrenddem verndert sich auch die chromatische Figur von Grund aus (Fig. 79). Die Kernsegmente sind noch um ein Erhebliches krzer und dicker geworden, sie legen sich um die Mitte der Spindel als ein vollstndig ge- schlossener Ring herum und gehen jetzt die von Flemming als Mutterstern beschriebene, regelmssige Anordnung ein. An den Seg- menten ist die Schleifenform auf das Deut- lichste ausgeprgt. Ohne Ausnahme haben sie sich so orientirt, dass die Winkel der Schleifen gegen die Spindelaxe, ihre beiden Schenkel dagegen nach der Oberflche der Zelle gekehrt sind. Alle 24 Schleifen liegen ziemlich genau in einer Ebene, welche senk- recht durch die Mitte der Si)indel hindurch- geht, als Aequatorialebene bezeichnet werden kann und mit der spter auftretenden Thei- lungsebene identisch ist. Von einem der bei- den Pole aus betrachtet, hat die chromatische Figur die Form eines Sterns, dessen Strahlen von den Schenkeln der Schleifen gebildet werden und dessen Mitte das Bndel achromatischer Fden, das die Kernspindel aufbaut, durchsetzt". Bei dieser Ansicht lassen sich die Kernsegmente am besten berblicken und ihre Zahl sich auf 24 bestimmen. In die zweite Phase fllt noch ein sehr wichtiger Vorgang. Wenn man an gut conservirten Prparaten und bei starker Vergrsserung die Kernsegmente (Fig. 79) genauer untersucht, so wird man wahrnehmen, dass ihrer Lnge nach ein feiner Spalt durch sie hindurchgeht und dass in Folge dessen jetzt jeder Mutterfaden in zwei genau parallel ver- laufende und dicht zusammenliegende Tochterfden zerlegt ist. Da frher bei der Anlage der Fden aus dem Kerngerst von dieser Structur nichts zu sehen war, muss sie sich erst nachtrglich ausgebildet haben. Meist tritt die Lngsspaltung schon in der Phase des lockern Knuels ein (Fig. 75 B.), stets ist sie in der zweiten Phase (des Muttersterns) voll- endet und am schrfsten ausgeprgt. Der ganze Vorgang, welcher zuerst von Flemming (VL 12, 13) bei Salaraandra entdeckt, an diesem und andern Objecten von v. Beneden (VI. 4a), Heuser (VI. 39), Guignard (VI. 23), Rabl (VI. 53) und vielen anderen besttigt worden ist, scheint bei der indirecten Kerntheilung berall vorzukommen und ist fr das Verstndniss des Theilungsprocesses von der grssten Wichtigkeit, wie bei der theoretischen Beurtheilung desselben spter gezeigt werden wird. Fig. 79. Schematische Darstellung der Kern- segmentirung nach Flem- ming. Stadium, auf welchem die Kernsegmente im Aequator der Spindel angeordnet sind. Aus Hatschek. Dritte Phase der Theilung. Die dritte Phase der Theilung ist dadurch ausgezeichnet, dass sich die quatorial gelegene, einfache Gruppe der Muttersegmente in zwei IV. Die Fortpflanzung der Zelle auf dem Wege der Theilun{^. 151 Gruppen von Tochtersegmenten sondert, welche nach entgegengesetzten Richtungen auseinander weichen und in die Nhe der beiden Pole der Kernfigur zu liegen kommen (Fig. 80, A B C). Aus dem Mutterstern Fig. 80. Schematisehe Darstellung der Kernsegmentirung nach Flemmisg. Die Tochtersegmente weichen nach den Polen in zwei Gruppen auseinander. Aus Hatschek. entstehen, wie Flemming sich ausdrckt, die beiden Tochtersterne. Der schwer zu beobachtende Vorgang vollzieht sich im Einzelnen in folgen- der Weise: Die durch Lcngsspaltung entstandenen Tochtersegmente je eines ursprnglichen Muttersegments trennen sich an dem Winkel der Schleife, welcher der Spindel zugekehrt ist, voneinander und weichen nach den Polkrperchen zu auseinander, whrend sie an den Schenkelenden noch eine Zeit lang in Zusammenhang l)leiben. Schliesslich erfolgt auch hier eine Trennung. Aus den 24 Mutterschleifen sind 2 Gruppen von je 24 Tochterschleifen entstanden, die bis auf einen geringen Abstand an die Polkrperchen heranrcken und dann in ihrer Bewegung Halt machen. Nie kommen sie an die Pole selbst zu liegen. Zwischen den beiden Gruppen spannen sich feine Verbindungsfden" aus, deren Ursprung wohl auf die Spindelfasern zurckzufhren ist. Die einzelnen Schleifen haben ihre Winkel nach den Polen, ihre Schenkel theils schrg, theils senkrecht gegen die Aequatorialebene gekehrt". Sie sind ihrer Entstehung gemss Anfangs viel dnner als die Mutterfden, verkrzen sich aber von jetzt ab und werden dementsprechend dicker. Bei der Entstehung der Tochtersterne liegen sie ziemlich lose nebeneinander, dann rcken sie dichter zusammen, so dass sich ihre Anzahl und ihr Verlauf wieder schwieriger und nur ausnahmsweise fest- stellen lsst. Vierte Phase der T h e i 1 u n g. Whrend der vierten Theilungsphase wandelt sich allmhlich jede Gruppe von Tochtersegmenten wieder in einen blschenfrmigen, ruhen- den Kern um (Fig. 81). Die Fden rcken noch enger zusammen, krmmen sich strker und werden dicker, sie erhalten eine rauhe und zackige Oberflche, indem sie kleine Fortstze nach Aussen hervor- strecken. Um die ganze Gruppe herum bildet sich eine zarte Kern- membran aus. Die Strahlung um das Polkrperchen wird allmhlich schwcher und ist bald ganz geschwunden. Auch das Polkrperchen und die Spindelfasern sind schliesslich nicht mehr nachzuweisen. Was aus ihnen wird, ist noch nicht mit gengender Sicherheit aufgeklrt. 152 Sechstes Capitel. Wie ihre P^ntstelmng ist auch ihr Schwund in Dunkel gehllt. In der Gegend des frheren Polkrperchens zeigt der in Reconstruction begriffene Tochterkern eine Delle; Rabl erblickt in ihr das Eingangs beschriebene Polfeld des sich zur Theilung anschickenden Kerns und vermuthet, dass sich in ihr das Polkrpeichen in das Protoplasma des Zellenleibes eingeschlossen erhlt. Allmh- lich schwillt der Kern durch Aufnahme von Kernsaft mehr an, wird kuglig und erhlt wie- der das Gerstwerk des ruhenden Kerns mit unregelmssig vertheilten, kleineren und grsseren Nucleinkrnchen. Auch ein oder mehrere Nu- cleolen sind whrend der Reconstruction im Ge- rstwerk wieder zum Vorschein gekommen, doch ist es noch nicht gelungen, ber ihre Herkunft Sicheres zu ermitteln. Wenn am Anfang der vierten Phase die beiden Tochtersterne am weitesten auseinander gerckt sind und zur Umwandlung in die Toch- Fig.81. Schematische terkenie die einleitenden Schritte thun, kommt Darstellung der Kern- es auch zur T h e i 1 u n g des Z e 1 1 k r p e r s segmentirun^nachFLEM- gelbst. Die Strahlungen an den Polkrperchen ^egmenttrbe -^^t^sict d:; ^f^en dann ihre grsste Ausdehnung errdcht. ruhende Kern zu bilden. Jetzt macht sich eine kleine h urche an der Ober- Aus Hatschek. flche des Zellkrpers bemerkbar, entsprechend einer Ebene, welche senkrecht durch die Mitte der Kernaxe, welche die beiden Polkrperchen verbindet, hindurchgeht und als Theilungsebene schon oben bezeichnet wurde. Die Furche beginnt einseitig, greift nach und nach um den Aequator herum, bleibt aber auf der Seite, wo sie begann, tiefer als auf der entgegengesetzten" (Flemming). Die ringfrmige Einschnrung schneidet bald immer tiefer in den Zell- krper ein und zerlegt ihn schliesslich vollstndig in zwei nahezu gleich grosse Hlften, von denen eine jede einen in Reconstruction begriffenen Tochterkern einschliesst. Mit Beendigung der Durchschnrung beginnt die Strahlung an den Polen zu erlschen. An vielen Objecten sind die oben erwhnten Verbindungsfasern zwischen den Tochterkernen bis zur Vollendung der Theilung nachzu- weisen. Sie werden dann auch bei der Zerschnrung des Zellkrpers in ihrer Mitte durchgetrennt. Zu dieser Zeit kann zuweilen in ihrer Mitte eine geringe Anzahl sich scharf frbender Kgelchen bemerkt werden, die Flemming (VI, 13") Zwischenkrperchen nennt und als ein m u t h m a a s s 1 i c h e s A e q u i V a 1 e n t d e r b e i P f 1 a n z e n b e s s e r a u s - gebildeten Zellplatte deutet. b) Theilung der Eizellen von Ascaris megalocephala und T X p n e u s t e s 1 i v i d u s. In den Eiern von Ascaris zeichnen sich die Kerne durch die Grsse und Deutlichkeit der Polkrperchen und durch die geringe Anzahl der Kernsegmente aus, die bei einer Art vier, bei einer andern Art sogar nur zwei betrgt. Besonders deutlich ist an diesem Object ein sehr wichtiges Phnomen, die Vermehrung der Polkrperchen durch Selbst- theilung, zu beobachten. Am besten nehmen wir die Untersuchung zu und sich zu der Zeit auf, wo sich das Ei zum ersten Male gefurcht hat IV. Die Fortpflanzung der Zelle auf dem Wege der Theilung. 153 beiden Seiten der Theilunfrsebene aus den vier Kernschleifen wieder ein blschenfrmiger, unregelnissig conturirter Kern hervorbildet (Fig. 82). Derselbe besitzt mehrere lappenfrmige Fortstze an der Gegenpolseite und zeigt das Nuclein in einem lockeren Gerstwerk ausgebreitet. In der Gegend des frheren Poles der Theilungsfigur ist noch das Pol- krperchen zu erkennen, eingehllt in krniges Protoplasma, welches gegen die ottermasse des Eies absticht und von v. Beneden als Attractionssphre, von Boveri als Archoplasma beschrieben wird. Ehe nun berhaupt der Kern zur vollen Ruhe zurckgekehrt ist, ja zuweilen sogar vor Abschluss der ersten Theilung, setzen schon wieder die Vorbereitungen zur zweiten Theilung ein; sie beginnen mit Ver- nderungen des Polkrperchens (Fig. 84). Dasselbe streckt sich parallel zur ersten Theilungsebene in die Lnge, wird bisquitfrmig und theilt sich, wie v. Beneden (VI. 4b) und Boveri (VI. 6. 1888) entdeckt haben, durch Einschnrung in zwei Tochterpolkrperchen, die eine Zeit lang noch von einer gemeinsamen, krnigen Sphre eingeschlossen sind. Hierauf rcken die beiden Polkrperchen etwas weiter auseinander (Fig. 83), was die Trennung ihrer gemeinsamen Strahlensphre in zwei besondere Sphren zur Folge hat. |:::p| Fig. 82. ' \ i '' 1 ' mK'^ Fig. 84. Fig. 83. Fig. 82. Zweigetheiltes Ei von Asearis megaloeephala ; die Kerne im Ruhezustand; Polkrperehen jederseits noch einfach. Nach Boveri Taf. IV, Fig. 74. rig. 83. Zweigetheiltes Ei von Asearis megaloeephala. Die Kerne in Vorbereitung zur Theilung begriffen. Die Polkrperchen getheilt. Nach Boveri Taf. IV, Fig. 75 u. 76. Fig. 84. Zwei Toehterkerne am Anfange der Reconstruction mit lappigen Fortstzen. Die Polkrperchen vermehren sich durch Selbst- theilung. Nach v. Benedsn und Neyt Taf. VI, Fig. 13. Die Theilung des Polkrperchens giebt das Signal, dass auch der Kern, noch ehe er ganz zur Ruhe zurckgekehrt ist, gleich wieder in die folgende Theilungssphase eintritt (Fig. 83). Das Nuclein zieht sich aus dem Gerst in vier lange Schleifen zusammen, die erst mit Zacken bedeckt sind, dann eine glatte Contur erhalten. Die vier Schleifen sind hnlich orientirt, wie die Tochtersegmente nach der ersten Theilung, so dass Boveri (VI. 6) der schon von Rabl (VI. 53) auf- gestellten Ansicht zuneigt, dass sie aus der Substanz der letzteren sich direct ableiten und auch im Zustand der Ruhe eine selbstndige Individualitt bewahren. Die Schleifen winkel sind nach dem ursprnglichen Pol (dem Polfeld bei Salamandra), die kolbig schwollenen Schenkelenden nach der Gegenpolseite hin gewandt. ange- 154 Sechstes Capitel. Jetzt beginnt die zweite Phase der Theilunji". Die Polkrperchen rcken mit ihren Sphren weit auseinander und nehmen eine solche Stellung ein, dass die sie verbindende Axe entweder etwas schrg oder parallel zur ersten Theilungsebene zu liegen kommt. Die Kernmembran lst sich auf. Die vier Segmente ordnen sich in der frher beschriebenen Weise im Aequator zwischen beiden Polkrperchen an, in deren Um- gebung jetzt eine deutliche Strahlung im Protoplasma entstanden ist; sie bieten, vom Pol aus gesehen, das in Figur 85 A dargestellte Bild dar. Es folgt die Lngsspaltung der vier Segmente und der Eintritt in die dritte Phase der Theilung (Fig. 85 B). Die durch Spaltung ent- standenen Tochtersegmente trennen sich und weichen nach den beiden Polen zu auseinander. E. van Beneden (VI. 4 b) und Boveri (VI. 6) lassen hierbei die Spindelfasern eine active Rolle spielen (Fig. 86). Nach Fig. 85. Fig. 86. Fig. 85. A Vier Muttersegmente vom Pol der Kernfigur aus gesehen. Nach V. Beneden und Nevt Taf. VI, Fig. 16. B Lngsspaltung der vier Muttersegmente in acht Tochtersegmente. Nach V. Beneden und Neyt Taf. VI, Fig. 17. Fig. 86. Zusammensetzung der Spindel aus zwei Halbspindeln, deren Fasern sich an die Tochtersegmente ansetzen. Nach v. Beneden und Neyt Taf. VI, Fig. 8. ihrer Meinung ist die Spindel bei Ascaris aus zwei voneinander unab- hngigen Halbspindeln zusammengesetzt. Jede besteht aus zahlreichen Protoplasmafasern, die nach dem Polkrperchen zu convergiren und sich an ihm mit ihren Enden anheften, whrend die entgegengesetzten En- den divergiren, an die Kernschleifen herantreten und sich an verschie- denen Punkten der ihnen zugekehrten Tochtersegmente festsetzen. Durch zunehmende Verkrzung dieser Fasern in Folge von Contraction sollen nach van Beneden und Boveri die vier Tochtersegmente voneinander getrennt und nach den Polkrperchen geradezu hingezogen werden. In der vierten Phase erfolgt die Durchschnrung des Zellkrpers und die Reconstruction des Tochterkerns. Nach van eneden geschieht dieselbe in der Weise (Fig. 87), dass die vier chromatischen Schleifen (A) aus dem Protoplasma Flssigkeit, die Kernsaft wird, aufnehmen; sie durchtrnken sich mit derselben wie ein Schwamm und schwellen daher zu dicken Schluchen (B) auf. Das Nuclein vertheilt sich in Krnern, die durch feine Fden verbunden und namentlich an der Oberflche der Schluche gelegen sind. Diese rcken mit ihren mittleren Abschnitten dicht zusammen und verschmelzen hier untereinander. So entsteht ein blschenfrmiger, gelappter, von Kerusaft durchtrnkter Kern (Fig. 87 0), der sich gegen das Protoplasma mit einer Membran abgrenzt und die chromatische Substanz wieder auf einem feinen Gerst vertheilt zeigt. Whlend die Eier von Ascaris fr das Studium der Polkrperchen und der Kernsegmente besonders geeignet sind, bieten die kleinen Eier IV. Die Fortpflanzung der Zelle auf dem Wege der Theilung. 155 der Echinodermen (Hertwig VI. 30a, Fol. VI. 19 a) und einzelner wirbelloser Thiere wieder andere Vortheile fr das Studium dar; so zeigen sie uns namentlich schn auch bei Untersuchung der lebenden Zelle die Strah- lungserscheinungen im Protoplasma ausgebildet. Es sei daher auch hierauf noch etwas nher eingegangen. ABC Fig. 87. A Eine Gruppe von vier Tochtersegmenten vom Pol aus ge- sehen. Die Endan Schwellungen der Schleifen sind sehr ausgeprgt. Nach V. Beneden und Neyt Tat'. VI, Fig. 19. Reconstruction des Kerns auf Kosten der vier Tochtersegmente. Schematiscli nach v. Beneden luid Neyt Tat". VI, Fig. 20. C Ruhestadium des Kerns vom Pol aus gesehen. Nach v. Beneden und Neyt Tat'. VI, Fig. 21. Wenige Minuten nach der Befruchtung (Fig. 88) sieht man am lebenden Echinodermen-Ei den kleinen, kugligen Furchungskern als ein helles Blschen in der Mitte des Dotters gelegen und von Proto- plasmastrahlen, wie eine Sonne von ihren Lichtstrahlen, umgeben. Die Strahlung tritt whrend des Lebens an unserem Object deswegen so klar hervor, weil die zahlreichen, im Dotter eingelagerten kleinen Krnchen der strahligen Anordnung des Protoplasma- krpers passiv folgend ebenfalls in ra- diren Reihen angeordnet sind. Nach kurzer Zeit beginnt dieses in den Befruch- tungsvorgngen seine Erklrung findende Strahlensystem zu erblassen und sich allmhlich in zwei an entgegengesetzten Punkten des Kerns auftauchende Strah- lensysteme umzubilden, die erst klein beginnen, dann von Minute zu Minute deutlicher ausgeprgt und grsser wer- den und sich schliesslich wieder ber die ganze Dotterkugel ausdehnen und die- selbe in zwei um je ein Attractions- centrum herum strahlig angeordnete _'.'-'-'.*; " - -' .--'".."' ^ ^. V '. ' ''".':'-V.t;;::<;'."-'.-,v.''-J''>; " . , / Fig. 88. Ei eines Seeigels gleich nach beendeter Befruch- tung. Aus O. Hertwig, Entwick- lungsgesch. Fig. 20. Ei und Samenkern sind zum Furchungskern (fk) verschmolzen, der im Centrum einer Protoplasmastrah- lung liegt. Massen zerlegen (Fig. 89). In der Mitte der beiden Strahlungen unterscheidet man bei ihrem Auftauchen einen kleinen, homogenen Fleck, der sich an die Kernober- flche anschmiegt und frei von Krnchen ist. In ihm ist das Pol- krperchen eingeschlossen, welches sich am lebenden Object der Wahr- nehmung vollstndig entzieht. Je mehr die Strahlungen deutlicher werden und sich in die Nach- barschaft weiter ausdehnen, um so mehr nehmen in der Umgebung der Polkrperchen die Ansammlungen von homogenem, ganz krnerfreiem Protoplasma zu und rcken allmhlich mit den Polen weiter auseinander. 156 Sechstes Capitel. Da ZU dieser Zeit auch der Kern seine blschenfrmifre Beschaffenheit verliert und die fr andere Objecte schon beschriebene Spindelstructur annimmt, die sich whrend des Lebens wegen ihrer Feinheit der Beob- achtung ganz entzieht, entsteht im krnigen Dotter das in Figur 89 dargestellte, ausserordentlich charakteristische Bild, welches man passender Weise einer Hantel, wie sie beim Turnen gebraucht wird, vergleichen kann. Die beiden An- sammlungen homogenen Protoplasmas, in deren Mitte die Pole der Theilungsfigur ein- geschlossen sind, entsprechen den Kpfen der Hantel. Der die letzteren verbindende, krnchenfreie Streifen zeigt die Stelle an, wo auf den vorausgehenden Stadien der jetzt unsichtbar gewordene Kern gelegen war, der sich zur Spindel umgewandelt hat, welche mit ihren Enden bis zu den Polkrperchen heranreicht. Um die homogene Hantelfigur herum ist die krnige Dottermasse in zwei Strahlensystemen angeordnet, welchen Fol den Namen Amphiaster oder Doppel- stern gegeben hat. Jetzt beginnt sich das Anfangs rein kuglige Ei in der Richtung der Axe der Hantelfigur Fig. 89. Ei eines See- igels in Vorbereitung zur Theilung. Nach dem le- benden Objeet gezeichnet. Ans O. Hertwig , Entwick- lungsgesch. Fig. 27. Der Kern ist im frischen Zustand nicht mehr zu sehen, an seiner Stelle ist eine Hantel- figur entstanden. etwas in die Lnge zu strecken und in die Endphase der Theilung rasch einzutreten (Fig. 90 ). Entsprechend einer Ebene, welche man mitten durch die Hantelfigur senkrecht zu ihrer Lngsaxe hindurch legen kann, bildet sich an der Oberflche des Eies eine Ringfurche aus. Dieselbe schneidet rasch tiefer in die Eisubstanz B :-:0^lJ^^i^^)f0:i^^^^ Fig. 90. Ei eines Seeigels im Moment der Theilung. Aus O. Hertwig, Entwicklungsgesch. Fig. 29. A Eine Ringfurche schneidet in den Dotter ein und halhirt ihn in einer Ebene, welche rechtwinklig die Mitte der Kernachse und die Lngsachse der Hantelfigur schneidet. B Ei eines Seeigels nach der Zweitheilung. In jedem Theilproduct ist ein blschenfrmiger Tochterkern entstanden. Die strahlige Anordnung des Protoplasma beginnt undeutlich zu werden. Beide Figuren sind nach dem lebenden Objeet ge- zeichnet. ein und zerlegt sie in kurzer Zeit in zwei gleiche Hlften, von denen eine jede die Hlfte der Spindel mit einer Gruppe der Tochtersegmente, die Hlfte der Hantelfigur und ein protoplasmatisches Strahlensystem erhlt. IV. Die Fortpflanzung der Zelle auf dem Wege der Theilung. 157 Gegen Ende der Durehschniung j>renzen die sich trennenden Eihlften nur noch an einer kleinen Stelle ihrer Oberflche, in der Gegend des Hantelstieles, aneinander. Nach Beendigung der Theilung aber legen sie sich bald wieder mit ihren Theilungsflchen in ganzer Ausdehnung dicht aneinander und platten sich hier gegenseitig so ab, dass eine jede nahezu einer Halbkugel gleicht (Fig. 90 B). Whrenddem wird am lebenden Object auch der Kern wieder sichtbar. Etwa in der Gegend, wo Hantelstiel und Hantelkopf in ein- ander bergehen, also in einiger Entfernung von dem Polkrperchen, tauchen einige kleine Vacuolen auf, die sich dadurch bilden, dass sich die Tochterkernsegmente mit Kernsaft durchtrnken. Sie verschmelzen dann in sehr kurzer Zeit untereinander zu einem kugligen Blschen, dem Tochterkern (Fig. 90 B). Die strahlige Anordnung des Protoplasma wird immer undeutlicher und macht, wenn die Zelle sich rasch wieder zur nchsten Theilung anschickt, einer neu sich ausbildenden Doppel- strahlung Platz. Zur Untersuchung mit Reagentien und namentlich zum Studium der chromatischen Figuren sind die Ecliinodermeneier viel weniger als die Ascariseier geeignet. Es sind nmlich bei ihnen die schleifenfrmigen Kernsegmente sehr klein und zahlreich, so dass sie selbst noch bei starken Vergrsserungen den Anblick kleiner Krnchen darbieten. So giebt ims Figur 91 die Darstellung einer Spindel nach Behandlung mit Reagentien und Farbstoffen; sie entspricht etwa dem in Figur 89 abge- bildeten Zustand des lebenden Eies, zu dessen Ergnzung sie dienen kann. Der Durchschnrungsprocess nimmt an sehr grossen Eiern, bei denen viel Dottermasse zu bewltigen ist, wie zum Beispiel bei den Froscheiern, geraume Zeit fr sich in Anspruch, so dass die zweite Theilung schon beginnen kann, noch ehe die erste ganz vollendet ist. Bei den Frosch- eiern lsst sich hierbei eine interessante Erscheinung beobachten, welche in der Literatur unter dem Namen des Faltenkranzes (VI. 68) be- schrieben worden ist (Fig. 92). Die erste Furche beginnt zunchst auf mm- mi:,. Fig. 91. Fio-. 9-. Fig. 91. Kernfigur eines Eies von Strongylocentrotus. 1 Stunde 20 Minuten nach der Befruchtung. Ei mit Reagentien behandelt. Fig. 92. Stck von der oberen Hemisphre eines Eies von Rana temporaria eine Viertelstunde nach dem Sichtbarvrerden der ersten Furche, zur Zeit, wo der Strahlenkranz am schrfsten und schnsten ausgebildet ist. Nach Max Schultze Taf. I, Fig. 2. 158 Sechstes Capitel. der nach oben gekehrten, schwarz pigmeutirten Hemisphre des Eies in einem kleinen Bezirk aufzutreten, sie nimmt, indem sie in die Substanz tiefer einschneidet, an Lnge zu und dehnt sich im Laufe einer halben Stunde um die ganze Peripherie der Kugel aus, so dass sie auf der nach abwrts gekeiirten, hellen Flche am sptesten sichtbar wird und von hier aus auch am wenigsten tief in den Dotter eindringt. Bei ihrem Auftreten erscheint nun die erste Furche nicht glatt, sondern sie ist am deutlichsten zur Zeit, wo sie ein Drittheil der Lnge des Eiumfanges erreicht hat mit zahlreichen kleinen Furchen besetzt, welche meist unter rechtem Winkel zu beiden Seiten in sie einmnden (60 100 auf jeder Seite, Fig. 92). So entsteht ein hchst anziehendes Bild, vergleich- l)ar einem langen, tiefen Gebirgsthal, von welchem nach beiden Seiten kleine, kurze Seitenthler in grosser Zahl abgehen. Je weiter die Theiluug fortschreitet und die Hauptfurche tiefer wird, um so mehr nehmen die Seitenfurchen an Zahl ab und verschwinden endlich ganz. Der so eigenthmlich und scharf ausgebildete Faltenkranz ist ein Phnomen, weiches mit der Zusammenziehung des Protoplasma bei der Einschnrung zusammenhngt. c) Th eilung pflanzlicher Zellen. Um die gi'osse Uebereinstimnmng im Verlauf des Kerntheilungs- processes im Thier- und Pflanzenreich zu veranschaulichen, diene der protoplasmatische Wand beleg des Embryosackes von Fritil- laria imperialis. Es ist dies ein zum Studium der Kernfiguren ausserordentlich geeignetes Object nicht minder empfiehlt sich auch der Embryosack anderer Liliaceen weil das Protoplasmahutchen ungemein dnn ist und, zu geeigneten Zeiten untersucht, sehr viele Kerne auf verschiedenen Phasen der Theilung beherbergt (Strasburuer YL 7173, Guignard VL 23). Der grosse, ruhende Kern besitzt ein feinmaschiges Liningerst (Fig. 93 ), auf dessen ObeiHche zahlreiche, kleine Nucleinkrnchen ziem- lich gleichmssig vertheilt sind. Die Nucleolen sind in Mehrzahl vor- handen, sie sind von verschiedener Grsse und liegen zwischen den Maschen des Gerstwerks, densellien anhngend. Bei der Vorbereitung zur Theilung lsst Strasburger sich das ganze Gerstwerk in einige viel- fach gewundene, ziemlich dicke Fden umbilden; er beschreibt an ihnen eine hnliche Querstreifung (C), wie sie Balbiani (IL 3) an Kernen von Chironomuslarven (Fig. 27) beobachtet hat, und erklrt dieselbe in der Weise, dass der Faden aus vielen, hintereinander aufgereihten Nuclein- scheiben aufgebaut sei, zwischen welche sich dnne Scheidewnde von Linin trennend hineinschieben. Im w^eiteren Verlauf lst sich die Kernmembran auf, die Nucleolen zerfallen in kleinere Krnchen und verschwinden, die Nucleinfden ver- krzen und verdicken sich und liefern 24 Kernsegmente; es bildet sich eine typische, aus zahlreichen, feinsten Fasern zusammengesetzte Spindel aus, in deren Mitte sich die Kernsegmente zum Kranz anordnen (Fig. 93 D). An den beiden Enden der Spindel hat Guignard neuerdings auch zwei Polkrperchen mit ihren Strahlensphren nachgewiesen. Auf dem Hhepunkte des Theilungsprocesses spalten sich die Kern- segmente ihrer Lnge nach. Dann weichen die Tochtersegmente nach den beiden Polen zu, je 24 nach jeder Seite, auseinander (E) und liefern so die Grundlage fr die Tochterkerne, die sich wieder in hnlicher Weise, IV. Die Fortpflanzung der Zelle auf dem Wege der Theilung. 159 wie es fr Salamandra maculata beschrieben wurde, anlegen. Sowie die Tochterkerne blschenfrmig werden, treten mehrere Nucleolen in ihnen auf. - -J^fe/^v, Fig. 93. Fritillaria imperialis. Ein ruhender Zellkern und Theilungs- phasen der Zellkerne, dem freigelegten protoplasmatischen Wandbeleg der Fig. 123 entnommen. Nach Strasburger, Botan. Prakticum Fig. 191. J Ein nihender Zellkern, ein dickfadiger, noch unseg-mentirter Knuel, ein tck dieses Kernfadens, strker vergrssert, B eine Kernspindel mit lngs gespaltenen Segmenten, H die Trennung und mlagerung der Tochtersegmente. J, B, D und E SOOmal, C llOOmal vergrssert. Wenn sich bisher eine vollstndige Uebereinstimmung mit der thierischen Kernth eilung ergeben hat, so zeigt sich uns jetzt am Sehluss des ganzen Processes noch eine bemerkenswerthe und interessante Ab- weichung in der Entstehung der sogenannten Zellplatte. Zum Studium derselben sind Theilstadien von Pollen m u tte r - Zellen und andere Objecto geeigneter als der bisher der Beschreibung zu Grunde gelegte Embryosack von Fritillaria, da es bei diesem nach der Kerntheilung nicht gleich zu einer Zelltheilung kommt. Die folgende Darstellung bezieht sich daher auf Pollenmutter- zellen von Fritillaria persica (Fig. 94). Wenn bei diesen die Tochtersegmente in zwei Gruppen auseinandergewichen sind, so spannen sich zwischen ihnen feine V e r b i n d u n g s f d e n aus, die Strasburger (VI. 73) von den mittleren Abschnitten der Spindelfasern ableitet (Fig. 94 f). In der Mitte der Verbindungsfden entstehen nach kurzer Zeit kleine Anschwellungen, die als glnzende Krner erscheinen (Fig. 94 g). Sie sind hchst regelmssig so angeordnet, dass sie auf dem optischen Durchschnitt in einer Reihe nebeneinander zu liegen kommen. In ihrer Gesammtheit stellen sie also eine aus Krnchen zusammengesetzte, in 160 Sechstes Capitel. (1er Mitte zwischen den beiden Tochterkernen in der Theilungsebene gelegene Scheibe dar, welcher Strasburger den Namen Zellplatte" gegeben hat. Ein Rudiment derselben bei thierischen Zellen glaubt Flemming (VI. 1311) in den oben (S. 152) beschriel)enen, an einzelnen Objecten aufgefundenen Z w i s c h e n k ii g e 1 c h e n wieder zu erkennen. Die Zellplatte steht nun bei den Pflanzen zur Bildung der Cellulose- scheidewand, mit welcher der ganze Theilungsprocess seinen letzten Abscliluss findet, in inniger Beziehung (Fig. 94 h). Sie dehnt sich Fig. 94. Drei Theilstadien der Pollenmutterzellen von Fritillaria persica. Nach Strasburger Fig. 188. / Allseinanderweichen der Tochtersegraente. g Bildung der Tochterknnel mid der Zellplatte, h Verlauf des Kernfadens in den Tochterkernen und ausgebildete Cellulosescheidewand. SOOmal vergrssert. schliesslich," wie Strasburger beschreibt, ber den ganzen Durchmesser der Zelle aus, ihre Elemente verschmelzen und bilden eine Scheidewand, welche die Mutterzelle in zwei Tochterzellen halbirt." Ein dnnes Cellulosehutchen lsst sich bald in ihr nachweisen. Whrenddem ver- schwinden die Verbindungsfden, zunchst in der Nhe der Tochterkerne, dann auch im Bereich der Scheidewand aus Cellulose. Die kleinen, specifischen StofftheilcheU; die sich als Krner zur Zell- platte in der Mitte der Verbindungsfden ansammeln, knnen vielleicht nach der frher entwickelten und spter noch weiter auszufhrenden Auf- fassung als Zellhautbildner bezeichnet werden. d) Historische Bemerkungen und strittige Fragen der Kernsegmentirung. Am Anfang der 70er Jahre wurden durch die Arbeiten von Btschli (VII. 6), Strasburger (VI. 71), Hertwig (VI. 30 a) und Fol (VI. 19 a) die Ver- nderungen, welche der Kern bei der Theilung erfhrt, in ihren grberen Zgen im Ganzen richtig dargestellt. Es wurde die faserige Kernspindel, die Ansammlung glnzender, in Carmin sich frbender Krner in der Mitte der Spindel (Kernplatte von Strasburger) die hierauf folgende Vertheilung der Krner in zwei Gruppen oder in zwei Tochterkernplatten und die Entstehung der blschenfrmigen Tochterkerne aus den letzteren entdeckt. Ebenso waren die Strahlenfiguren (Sterne, Amphiaster, Fol) an den Enden der Spindel bekannt, und von mir und Fol waren in den- selben auch strker glnzende Krnchen, die Polkrperchen, beschrieben, deutlich abgebildet und als Attractionscentren gedeutet w^orden. Es war somit endgltig festgestellt, dass bei der Zelltheilung keine Kernauf- lsung (Karyolyse, Auerbach VI. 2a), sondern eine Kernmetamorphose statt- findet. Indem ich ferner durch meine Untersuchung der Eireife, nament- IV. Die Fortpflanzung der Zelle auf dem Wege der Theilung. 161 lieh bei Asteracanthion und Xephelis, und durch die Entdeckung der inneren Befruchtungserscheinungen gleichzeitig bewies, dass der Eikern keine Neubildung ist, sondern von geformten Substanztheilchen des Keim- blschens abstammt und sich mit dem vom Kopf des Samenfadens (dem um- gewandelten Kern der Samenzelle) abzuleitenden Samenkern zum Theilkern vereinigt, ergab sich der wichtige Lehrsatz, dass, wie alle Zellen des thierischen Organismus von der befruchteten Eizelle, so auch alle Kerne desselben vom Kern der Eizelle in ununterbrochener Folge abzuleiten sind. (Omnis nucleus e nucleo. Fleinming VI.) Das in den genannten Arbeiten aufgestellte Kern- und Zelltheilungs- sehema hat sich seitdem im Wesentlichen als richtig herausgestellt, zugleich aber hat es die Grundlage fr zahlreiche weitere Entdeckungen und fr zahlreiche Aufgaben gebildet, die ihrer Lsung zum Theil noch immer harren. Die Aufgaben lassen sich kurz in den einen Satz zu- sammenfassen: Es galt und es gilt zum Theil auch nocli jetzt, die bei der Kerntheilung stattfindenden und in charakteristischen Figuren in die Erscheinung tretenden Bewegungen der einzelnen mikrochemisch unter- scheidbaren Stoiftheilchen des Kerns und der Theilungsfiguren noch genauer in allen Einzelheiten zu verfolgen: also die Umlagerungen der Xucleinkrnchen, des Liningerstes, der Spindelfasern, der Polkrperchen, der Nucleolen etc. Fortschritte in dieser Richtung sind, abgesehen von der Entdeckung gnstiger Beobachtungsobjecte, wie der Gewebskerne der Salamanderlarven (Flemmingj und der Eier von Ascaris raegalo- cephala (van Beneden) , durch den Gebrauch der neu construirten Oelimmersionen und Apochromate und durch die bessere Handhabung der Reagentien und Farbstoffe ermglicht worden. Am weitesten ist die Forschung zur Zeit in dem Studium der durch die Umlagerungen des Nucleins erzeugten Figuren fortgeschritten^ was in erster Linie den vortrefflichen Untersuchungen von Flemming (VI. 1217) und den sich anschliessenden, classischen Arbeiten von van Beneden (VI. 4), Rabl (VL 53), Boveri (VI. 6), Strasburger (VI. 71-73), Guignard (VL 23) zu verdanken ist. Flemming, der besonders die Kerntheilung in Gewebszellen von Salamanderlarven verfolgt hat, unterschied mit grsserer Schrfe an der Kernfigur den achromatischen und den chromatischen Theil, die sich nicht frbenden Spindelfasern und Plasmastrahlungen und die ihnen oberflchlich aufliegenden, gefrbten Kernschleifen oder Kernsegmente, An letzteren machte er auch zuerst die wichtige Entdeckung, dass sie sich der Lnge nach spalten. Auf diese interessante Erscheinung fiel darauf das klrende Licht, als Heuser, Guignard, van Beneden und Rabl unabhngig voneinander an verschiedenen Objecten fanden, dass die Hlften der gespaltenen Fden nach den Kernpolen auseinander rcken und die Grundlage fr die Tochterkerne abgeben. Viel weniger genau erforscht sind die Substanzumlagerungen, die mit der Entstehung der Spindel und der Polkrperchen und mit der Auf- lsung der Nucleolen zusammenhngen. Was die Spindel betrifft, so gehen die Ansichten der Forscher nicht nur ber die Herkunft, sondern sogar ber den Bau derselben wesentlich auseinander. Whrend die ersten Beobachter der Ansicht waren, dass die Spindel aus feinsten Fserchen zusammengesetzt sei, die sich continuirlich von Pol zu Pol erstrecken, lassen van Beneden (VL 4 b) und Boveri (VI. 6) die letzteren im Aequator unterbrochen sein und stellen der alten die neue Lehre entgegen, dass die Spindel Hertwig, Die Zolle und die Gewebe. 11 162 Sechstes Capitel. aus zwei gesonderten Halbspindeln aufgebaut sei (Fig. 95), Die Halbspindeln lassen sie mit den Enden ihrer Fasern sich direct an die Kernsegmente ansetzen; sie begrnden darauf eine Mechanik der Kerntheilung, indem sie annehmen, dass nach der Spaltung der Segmente in die Tochtersegmente diese durch eine Verkrzung oder Contraction der an ihnen anhaftenden Spindelfasern wie durcli Muskelfden nach den entgegengesetzten Polen hingezogen werden. Demgegenl)er halten Flemming (VI. 14) fr die Gewebszellen von Salamandra und Strasburger (VI. 72) fr pflanzliche Objecto auch neuer- dings noch ihre lteren Angaben aufrecht, dass es Spindelfasern giebt, welche von Pol zu Pol ununterljrochen durchlaufen. Besonders beweisend aber fr die einheitliche Anlage der Spindel sind die frher erwhnten Beob- achtungen von Hermann, die an meine Beschreibung und Abbildung von der Spindelbildung aus dem Keimblschen von Asteracanthion erinnern. (VI. 30 a, Taf. VIII. Fig. 3 u. 4.) In beiden Fllen bildet sich zwischen den noch nahe zusammengelegenen Polen (Fig. 96) ein sehr kleines, ein- heitliches Spindelchen aus, zu einer Zeit, wo die Kernsegmente noch weit entfernt von ihm liegen und es in keiner Weise verdecken ; all- mhlich erst wchst es durch betrchtliche Verlngerung der Fasern zu der definitiven Grsse heran. Fig. 95. Fig. 96. Fig. 95. Zusammensetzung der Spindel aus zwei Halbspindeln, deren Fasern sich an die Tochtersegmente ansetzen. Nach v. Bkneden und Neyt Taf. VI, Fig. 8. Fig. 96. Kern einer Samenmutterzelle von Salamandra maculata in Vorbereitung zur Theilung. Anlage der Spindel zwischen den beiden Polkrperchen. Nach Hermann Taf. 31, Fig. 7. Die entgegengesetzten Auffassungen finden nun aber, wie auch schon Hermann hervorgehoben hat, darin ihre Erklrung, dass das, was van Beneden und Boveri Halbspindeln nennen, etwas ganz Anderes ist als die Spindel der lteren Autoren. Van Beneden und Boveri ver- stehen darunter einen Theil der von den Polen ausgehenden protoplas- matischen Strahlenfigur, nmlich alle diejenigen Fden, die im Aequator in die Nhe der Kernsegmente treten. Die eigentliche Spindel liegt aber erst im Innern dieser Protoplasmafden und der Kernsegmente. Hermann giebt ihr daher zur Unterscheidung von der van Beneden'schen Spindel den Namen Centralspindel. Der Zusatz Central" erscheint mir aber ganz entbehrlich, einmal weil der Name Spindel von jeher fr diesen IV. Die Fortpflanzung der Zelle auf dem Wege der Theilung. 163 Bestaudtheil der Kernfigur vergeben ist, wesshalb die sich zu den Kernsegnienten begebenden, protoplasniatischen Polstrahlen, welche von van Beneden und Boveri als Halbspindeln besehrieben worden sind, mit einem andern Namen benannt werden mssten, sofern man einen solchen fr erforderlich hlt. Zweitens wrde fr diese Bildung berhaupt der Name Spindel nicht einmal mehr zutreffend sein. Strittig ist ferner die stoffliche Herkunft der Spindel- fasern. Manche Forscher sind geneigt, sie vom Protoplasma herzuleiten, das nach Auflsung der Kernmembran zwischen die Nucleinfden eindringe (Strasburger VI. 72, Hermann VI. 29 etc.). Ich habe frher den Stand- punkt vertreten und nehme ihn auch jetzt noch ein, dass, abgesehen von den Polstrahlungen, die dem Protoplasmakrper der Zelle angehren, die verschiedenen Structurtheile der Kernfigur von den einzelnen Substanzen des ruhenden Kerns abstammen. Die stoffliche Grundlage fr die Spindel und die spter aus ihr hervorgelienden Verbindungsfden suche ich in dem Liningerst. Auch Flemming vertritt nach seinen Beobach- tungen diese Ansicht, welcher auch die mikrochemischen Untersuchungen von Zacharias nicht im Wege stehen. Hauptschlich aber scheinen mir folgende Thatsachen zu Gunsten dieser Ansicht in die Wagschale zu fallen: v'^M^ Bei vielen einzelligen Organismen bleiben ^'-M^'^^i die Kerne auf den einzelnen Phasen der Thei- lung durch eine feine Membran von dem Proto- plasmakrper getrennt, bei Euglypha (Schewiakoff VI. 65 b), bei den Kerntheilungen der Infusorien und Actinosphrien (Rieh. Hertwig VI. 82, 83). Hier kann es demnach keinem Zweifel unter- liegen, dass die Spindelfasern aus der achroma- tischen Substanz des Kerns selbst ihren Ursprung genommen haben. Solche Flle kommen hie und da auch im Thierreich vor. Bei einzelnen Mollusken (Pterotrachea, Phyllirhoe) haben Fol (VI. 19a) und ich (VI. 30a) beobachtet, dass die Polspindel im Innern des Keimblschens (Fig. 97 u. -B), welches hier brigens von geringer Grsse ist, angelegt wird, solange noch die Kern- membran vorhanden ist. Die Annahme, dass in diesem Fall Protoplasma von aussen in den Keniraum hineingedrungen sei, will mir wenig- stens als eine gezwungene erscheinen. Ferner halte ich es nicht fr zweifelhaft, dass die Ver- bindungsfden, welche sich in den sich theilen- den Samenmutterzellen von Ascaris zwischen den auseinander weichenden Kernsegmenten aus- spannen, vom Liningerst herrhren. Eine ty- pische Spindelbildung konnte ich an diesem Object allerdings nicht beobachten. Als ein strittiger Punkt muss auch die Herkunft der Polkr- perchen bezeichnet werden. Schon am Anfang der siebenziger Jahre beschrieben und abgebildet, sind dieselben als gesonderte Bestandtheile der Kerntheilungsfig-ur ^erst durch van Beneden (VI. 4 a) zur Geltung gebracht worden, indem es diesem Forscher gelang, sie durch Frbung (mit Hlfe von Anilinfarben in Vs Glycerin gelst) gegen die Umgebung schrfer 11* B rig. 97. dng zur A In Umbil- Spindel be- griffenes Keimblschen aus einem frisch abge- legten Ei von Phyl- lirhoe. E.ssigsureprparat. Hertwig Taf. XI, Fig. 2. Keimblschen aus dem frisch abgelegten Ei von Phyllirhoe, in welchem die Spindel auf dem optischen Querschnitt gesehen wird. Essigsureprparat. Hertwig Taf. XI, Fig. 6. \Q^ Sechstes Capitel. ZU diflferenziren. Bald darauf machten gleichzeitig und unabhngig von- einander van Beneden und Boveri (VI. 4 b, 6) die wichtige Entdeckung, dass sich die Polkrperchen durch Selbsttheilung ver- mehren, was ich spter auch fr die Samenzellen von Ascaris (VI. 34) besttigen konnte. Van Beneden hatte aus seinen Beobachtungen den Schluss gezogen, dass die Polkrperchen ebenso wie die Kerne permanente Organe der Zelle seien und sich jederzeit im Protoplasma als selbstndige Gebilde vorfinden mssten. Dieser Aus- spruch fand eine gewisse Sttze in den Entdeckungen von Flemming (VI. 17), Solger (VI. 70) und Heidenhain (IL 16), dass in manchen Zell- arten, wie Lymphkrperchen, Pigmentzellen, ein Polkrperchen mit einer Strahlensphre im Protoplasma auch zu einer Zeit nachzuweisen ist, wo der oft weiter abseits gelegene Kern sich in voller Ruhe befindet. (Siehe Seite 47, Fig. 3436.) In einer anderen Richtung wurde die Kenntniss der Polkrperchen durch das Studium des Befruchtungsprocesses wesentlich gefrdert. Schon 1884 sprach ich die Ansicht aus (VI. 85), dass bei der Befruch- tung ein Polkrperchen durch den Samenfaden in das Ei eingefhrt werde und dass es allem Anschein nach das sogenannte Mittelstck oder der Hals sei, welcher in der dem Samenkern vorausgehenden Strahlung das Attractionscentrum abgebe. Ich verglich dasselbe der an den Enden der Kernspindel vorhandenen, geringen Quantitt wenig tingir- barer, aber vom Protoplasma unterscheidbarer Substanz (der Polsubstanz und dem Polkrperchen)", und ich kam so zu dem Schluss, dass, wenn der Vergleich richtig ist, die bei der Befruchtung und Zell- theilung auftretenden Strahlungen des Protoplasma eine gemeinsame Ursache in der Anwesenheit ein und der- selben Substanz haben". Richard Hertwig (VI. 84) sprach sich wiederholt ber die Gleich- artigkeit der Polsubstanz, des Mittelstcks des Samenfadens und der Substanz der echten Nucleolen aus. Boveri (VI. 7) Hess gleichfalls den Samenfaden ein Polkrperchen oder Centrosoma in das Ei hinein- tragen. Die definitive Entscheidung haben die spter zu beschreibenden wichtigen Entdeckungen von Fol (VII. 14) und von Guignard (VI. 23 b) gebracht. Hiernach besitzt sowohl der Eikern als der Samenkern ein eigenes Polkrperchen. Whrend die Kerne verschmelzen, theilen sich die Polkrperchen, und ihre Theilhlften verschmelzen darauf zu zwei Polkrperchen, welche die Enden der Theilspindel einnehmen. Trotz dieser Entdeckungen ist eine Frage noch nicht aufgeklrt. Sind die Polkrperchen als permanente Zellorgane zum P r 1 p 1 a s m a h i n z u z u r e c h n e n , sind sie whrend der Ruhe dauernd in dasselbe eingeschlossen und treten sie nur whrend der Theilung zum Kern in eine Wechselbeziehung oder lassen sich die Polkrperchen als besondere Elementartheile des Kerns betrachten, wie die Kernsegmente, Spindelfasern, Nucleolen u. s. w. In letzterem Falle mssten sie whrend der Ruhe in dem Kern selbst eingeschlossen sein und nur whrend der Theilung sich zum Protoplasma in Beziehung setzen. Das zur Zeit vorliegende Beobachtungsmaterial reicht zur Beant- wortung dieser Frage noch nicht aus. Die Bewegungen der Pol Substanz vor, whrend und nach der Kerntheilung so genau zu verfolgen, wie es fr das Nuclein gelungen ist, ist mit sehr grossen Schwierigkeiten verbunden, da die Polkrperchen ausserordentlich klein sind und da man sie noch IV. Die Fortpflanzung der Zelle auf dem Wege der Theilung. 165 nicht durch bestimmte Farbstoffe mit Sicherheit unter allen Verhltnissen erkennbar machen kann. Whrend der Theilstadien selbst werden die Polkrperchen vornehmlich durch den Strahlenkranz, mit welchem sie sich umj?eben, fr uns unterscheidbar, whrend der Ruhe aber ist von einem Strahlenkranz nichts wahrzunehmen. Fr eine Abstammung der Polkrperchen aus dem Kern lsst sich geltend machen, erstens, dass man in der ruhenden Zelle, wenige Flle ausgenommen, im Protoplasma etwas ihnen Entsprechendes nicht auffinden kann; zweitens dass bei Beginn der Theilung die Pol- krperchen unmittelbar an der Oberflche der Kernmembran auftreten (Fig. 98) und dann erst weiter vom Kern weg in das Protoplasma hineinrcken; drittens, dass bei dem Auftreten der Polkrperchen die Kernmembran hufig eingefallen ist, als ob aus einer kleinen Oeffnung Kernsaft ausgetreten sei ; viertens dass an manchen Objecten das Auftreten der Polkrperclien mit dem Zerfall der Nucleolen zeitlich zusammenfllt. Mich hat die Frage nach der Herkunft der Polkrperchen oft beschftigt und ich habe viel vergebliche Mhe auf sie verwandt, zuletzt noch in meiner Untersuchung ber Ei- und Samenbildung bei Nematoden. Eine Gewissheit habe ich mir nicht verschaffen knnen. Wenn zur Zeit wohl die Mehrzahl der Forscher die Polkrperchen als zum Protoplasma sehrig betrachtet, so mchte doch die andere, oben erwhnte Mglich- keit eines nucleren Ursprangs nicht ganz ausser Acht zu lassen sein. Ein letzter noch wenig aufgeklrter Punkt ist das Schicksal der Nucleolen, ihr Verschwinden bei Beginn der Kerntheilung und ihr Wiederauftreten in den Tochterkernen. Was fr Substanzumlagerungen haben hierbei stattgefunden? Die Frage ist ebenfalls keine leicht zu entscheidende, um so mehr, als in manchen Fllen die Nucleolen aus zwei verschiedenen chemischen Substanzen zusammengesetzt sind. (Siehe Seite 43.) Mir scheint nun, abgesehen von den oben errterten Beziehungen zu den Polkrperchen, dass die Nucleolen in der Vorbereitung zur Theilung in kleine Substanztheilchen zerlegt und auf die Kernsegmente verth eilt werden. a '^^^i-. Fi?. 98. S^Aa Fig. 99. Fig. 98. Kern einer Samenmutterzelle von Asearis megalocephala bivalens. Die Nuclein-Substanz ist in Fden augeordnet, die in zwei Gruppen aus- einander weichen. Erstes Auftreten der Polkrperchen. Rckbildung des Nucleolus. Taf. III, Fig. 7. Fig. 99. A Nucleolen mit sich ablsenden Krnchen. Taf. III, Fig. 4. H Kern einer Samenmutterzelle von Asearis megalocephala bivalens aus dem Ende der Wachsthumszone. Aus schwachem Flemming' sehen Chrom- osmiumgemisch. Frbung mit Surefuchsin. Taf. III, Fig. 5. C Kern einer Samenmutterzelle von Asearis megalocephala bivalens aus der Mitte der Theilzone. Schwaches Flemming'sches Gemisch von Chrom- osmiunisure. Frbung mit Surefuchsin. Taf. III, Fig. 9. _^ IQQ Sechstes Capitel. Bei den Samenmutterzellen von Ascaris, die mit schwachem Flemming'sclien Gemisch gehrtet sind, verliert das Nuclein seine Frb- barkeit, wn-^'^"-'' Zellen wieder kleine Zellchen nach Beobach- tungen von Arnold ablsen. Die Al)lsung voll- zieht sich in doppelter Weise. Bald zeigt die Riesenzelle kolbige, kernhaltige Auslufer, welche, Fig. 101. Eine grosse nachdem sie zuvor wiederholt eingezogen und vielkernige Zelle zeigt wieder ausgesendet worden waren, spter oder ruig'tmSiUger'SS: ^^er abgeschnrt werden, bald erfolgt die len. Nach Arnold Tat". XIV, Abtrennung bei Schwacher oder vollstndig man- Fig-. 13. gelnder Bewegimg des Krpers." Ausser an Lymphkrperchen sind Zell- theilungen, die unter den Erscheinungen der Kernzerschnrung ver- laufen, auch an Epithelzellen, namentlich hufig bei Arthropoden, wahr- genommen worden, so durch Johnson (VI. 41) und Blochmann (VI. 86) in den Embryonalzellen des Scorpions, durch Platner (VI. 52) in den Zellen Malpighi'scher Gefsse und an anderen Objecten durch andere Forscher. Eine eigenthndiche Art der Kernzerschnrung ist von Gppert (VI. 22), Flemming (VI. 16), von Kostanecki (VI, 46) u. A. beschrieben worden. Das geeignetste Untersuchungsobject hierfr scheint das lymph- oide Gewebe zu sein, welches die Amphibienleber berzieht. Nach der Darstellung von Gppert erhlt der Kern einer Lymphzelle eine trichter- frmige Einsttdpung, die sich so lauge vertieft, bis sie die entgegen- gesetzte Oberflche der Kernmembran erreicht und hier mit einer feinen Oefi"nung zur Ausmndung gelangt. (Fig. 102 A. u. B.) Auf diese Weise entstehen von einem engen Kanal durchbohrte, ringfrmige Kerne. Indem der Ring an einer Stelle erst eingeschnrt und dann durchgeschnrt wird, bildet er sich in einen Halbring um, der hufig durch oberflchliche Einschnrungen in mehrere Abtheilungen gesondert wird. (Fig. 102 C.) Durch weitere Zerlegung kann er in eine grssere Anzahl kleinerer Kernchen zerfallen, die zuweilen noch durch feine Ver- bindungsl)rcken lngere Zeit in Zusammenhang bleiben. Auch an anderen Orten sind derartige Lochkerne", wie z.B. im Epithel der Harnblase vom Frosch, durch Flemming (VI. 16) beobachtet worden. IV. Die Fortpflanzung der Zelle auf dem Wege der Theilung. 169 Zu einer Theilung nicht zu kommen. des Zellenleibes scheint es aber in diesen Fllen C Fig. 102. A Seitliche Ansicht eines Lochkerns aus der lymphatischen Randschicht der Leber von Triton alpestris. Der Kern ist in der Richtung - :.'/;".'. ::\^. Fig. 106. A Reifes Ei eines Echinoderms. Dasselbe schliesst im Dotter den sehr kleinen Eikeni (ekj ein. O. Hertwig, Entvvicklungsgesch. Fig. 14. B Ei eines Seeigels gleich nach beendeter Befruchtung, fk Ei- und Samenkern sind zum Theilkern verschmolzen, der im Centrum einer Protoplasma- strahlimg liegt. O. Hertwig, Entwicklungsgesch. Fig. 20. Die polare Differenzirung besteht darin (Fig. 107 u. 108), dass sich nach dem einen Pol zu das leichtere Protoplasma, nach dem anderen Pol dagegen das schwerere Dottermaterial ansammelt. Die Sonderung kann bald weniger, bald schrfer durchgefhrt sein. Bei den Eiern der Amphibien z. B. ist sie an Durchschnitten durch ein Ei sehr wenig auf- k.b k.sch Fig. 108. Fig. 107. Schema eines Eies mit polstndigem Nahrungsdotter. O. Hertwig, Entwicklungsgesch. Fig. 3. Der Bildungsdotter bildet am animalen Pole A.P eine Keimscheibe k.sch, in welcher das Keimblschen k.b eingeschlossen ist. Der Nahrungsdotter n.d fllt den brigen Eiraum nach dem vegetativen Pol (V.Fj zu aus. Fig. 108. Eizelle (Eidotter) des Huhns aus dem Eierstock. O. Hertwig, Entwicklungsgesch. Fig. 6 a. k.seh Keimscheibe, k.b Keimblschen, w.d weisser Dotter, g.d gelber Dotter, d.h Dotterhaut. fllig, indem nur in der einen Hlfte die Dotterplttchen etwas kleiner und durch mehr Protoplasma voneinander getrennt sind, in der anderen Hlfte aber grsser werden und dichter zusammenliegen. 174 Sechste C.Tpitel. In anderen Fllen hat sich vom dotterhaltigen Theil des Eies eine kleine Menge von mehr oder minder dotterfreiem Protoplasma abgesondert und wie bei den Reptilien und Vgeln (Fig. 108 k.sch) die Form einer Scheibe angenonmien. Die beiden Pole des Eies ander als den a n i m a 1 e n u n d mehr Protoplasma, an diesem melir hat daher ein geringeres, dieser ein Folge dessen mssen polar unterscheidet man vonein - den vegetativen; an jenem ist Dottermaterial angesammelt , jener grsseres specifisches Gewicht. In differenzirte Eier stets ein und dieselbe Gleichgewichtslage einzunehmen suchen. Whrend bei kleinen Eiern mit gleichmssig vertheiltem Material der Schwerpunkt mit dem Mittelpunkt der Kugel zusammenfllt und ihre Lage daher eine wechselnde sein kann, ist bei polar differenzirten Eiern der Schwerpunkt excentrisch geworden und zwar hat er sich mehr oder minder weit nach dem vegetativen Pole zu verschoben. Es wird daher stets eine solche Orientirung im Rume eintreten, dass der vegetative Pol nach abwrts, der animale nach oben gekehrt ist. Eine Linie, welche die beiden Pole verbindet und als Eiaxe bezeichnet wird, muss sich, wenn keine Hindernisse der freien Bewegung der Ei- kugel entgegentreten, stets loth recht einzustellen suchen. Lehrreiche Beispiele hierfr bieten das Froschei und das Hhnerei. Am Froschei (Fig. 115) sind die ungleichen Hlften schon usserlich leicht dadurch kenntlich gemacht, dass die animale Hlfte dunkelschwarz pigmentirt ist, die vegetative weissgelb aussieht. Wird ein solches Ei nach der Befruchtung in das Wasser gebracht, so nimmt es in wenigen Secunden eine feste Ruhelage ein, indem sich stets die schwarze Seite nach oben, die helle Seite, weil sie specifisch schwerer ist, nach ab- wrts kehrt. Ebenso mag man das Hhnerei (Fig. 108) drehen, wie man will, stets wird man die Keimscheibe (h.sch) den hchsten Punkt der Dotter- kugel einnehmen sehen, weil letztere bei jeder Bewegung in ihrer Ei- weisshUe mit rotirt und sich mit dem vegetativen Pol nach abwrts einstellt. Polare Differenzirung kommt ebenso wie bei kugligen, auch bei ovalen Eiern vor. Als Beispiel diene uns das Ei eines Wurmes Fabricia (Fig. 109). Hier ist am einen Ende des ovalen Krpers mehr Protoplasma, am entgegengesetzten mehr Dottermaterial angehuft. Bei polar differenzirten Eiern wird man nun den befruchteten Kern vergebens an den Stellen, wo er bei dotterarmen Eiern liegen wrde, suchen. Nur einer oberflchlichen Betrachtung wird dies als eine Ausnahme von dem oben aufgestellten Ge- setz erscheinen ; bei tieferem Nachdenken dagegen bilden solche Flle eher eine Besttigung des Satzes, dass der Kern stets die Mitte seiner Wirkungs- sphre einzunehmen sucht. Wechselw^irkun- gen finden zwischen dem Kern und dem Protoplasma, nicht aber zwischen ihm und dem Dottermaterial statt, welches bei allen Theilungsprocessen sich wie eine passive Masse verhlt. Ungleichmssigkeiten in der Proto- plasmavertheilung mssen sich daher auch aufGrund des Nach Fig. 109. Ei von Fabricia Haeckel. A animaler Theil. V vegetativer Theil lA^ Die Fortpflanzung der Zelle auf dem Wege der Theilung. 175 obigen Satzes in der Lage des Kerns geltend machen, und zwar niuss derselbe nach den Orten der grsseren Pro- t opl asm aan Sammlung hinrcken, sich also gerade in entgegen- gesetzter Richtung wie der Schwerpunkt bewegen. Je mehr der letztere nach dem vegetativen Pole, um so melir wird der Theilkern nach dem animalen Pole zu liegen kommen. Und so lehrt es uns auch die Untersuchung in der That. Im Froschei (Fig. 115) findet sich der Theilkern etwas oberhalb der Aequatorial- ebene der Kugel in ihrer animalen Hlfte; in den Eiern, an denen sich das Protoplasma als Keimscheibe noch schrfer vom Dotter gesondert hat (Fig. 108), ist der Theilkern in nchste Nhe des animalen Poles emporgestiegen und in die Keimscheibe selbst aufgenommen worden (Reptilien, Vgel, Fische etc.). Ebenso ist im Ei von Fabricia (Fig. 109) der Theilkern nach der protoplasmareicheren Hlfte des ovalen Krpers verschoben. Noch mehr tritt die Wechselwirkung zwischen Protoplasma und Kern, durch welche die Lage des letzteren bedingt wird, whrend der Theilung selbst hervor, von dem Moment an, wo sich die beiden Pole bilden. Es lsst sich hier das zweite allgemeine Gesetz aufstellen, dass die beiden Pole der Theilungsfigur in die Richtung der grssten Protoplasmamassen zu liegen kommen, etwa in derselben Weise, wie die Lage der Pole eines Magneten durch Eisen- theile in seiner Umgebung beeinflusst wird. Nach dem zweiten Gesetz kann z. B. in einem kugligen Ei, in welchem Protoplasma und Dotter gleichmssig vertheilt sind, die Axe der central gelegenen Kernspindel mit der Richtung eines beliebigen Radius, dagegen in einem ovalen Protoplasmakrper nur mit dem lngsten Durchmesser desselben zusammenfallen. In einer kreisrunden Proto- plasmascheibe stellt sich die Spindelaxe parallel zur Oberflche in einen beliebigen Durchmesser, in einer ovalen Scheibe dagegen wieder nur in den lngsten Durchmesser ein. Mit